Wer hat die Deutungshoheit in der Islamdebatte?

17. November 2011 2

Kritik in Kürze: Islamophobie-Bücher

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Dominierten jahrelang kritische Bücher über den Islam und die mangelnde Integration der Muslime den deutschsprachigen Buchmarkt, versucht mittlerweile die sogenannte Vorurteilsforschung mit dem Kampfbegriff der Islamophobie die Deutungshoheit in der Debatte zu erlangen. Allem Anschein nach versuchen aussterbende, da für den europäischen Bereich weitestgehend überflüssig gewordene Wissenschaftszweige wie die Feminismus- oder Antisemitismusforschung ein neues Arbeitsfeld zu finden. Feministische Ideen werden auf Biegen und Brechen zurechtgebogen, um irgendwie die Verschleierung der muslimischen Frauen mittels Burka & Co. als Schutz vor dem Blick des Mannes, auch des westlichen, deuten zu können. Ganz zu schweigen von dem immer wieder bemühten Vergleich zwischen Antisemitismus und Islamgegnerschaft.

In letzter Zeit erregte diesbezüglich vor allem das Buch vom FAZ-Feuilleton-Chef Patrick Bahners Aufmerksamkeit. Islamkritiker bezeichnet er als Die Panikmacher und dichtet ihnen im selbstgefälligen, intellektuellen Duktus komplizierter Sprache eine deutsche Angst vor dem Islam an. Inhaltlich beschränkt er sich zunächst auf die Wiedergabe von Reaktionen verschiedener Politiker auf Thilo Sarrazin und sein Buch Deutschland schafft sich ab. Diese Reaktionen seien deutlich und souverän gewesen, so Bahners, und dokumentiert gleichzeitig, dass sich eigentlich alle nur über den Stil Sarrazins und den „Missbrauch seines Amtes als Bundesbankvorstand“ empörten, nicht aber seine Argumente widerlegten.

Auch wenn Bahners die Kernargumente der Islamkritiker im weiteren Verlauf des Buches immer wieder wiederholt, bleibt er bei Gemeinplätzen, wie z.B.: „Was die Islamkritik ausmacht, ist die Überzeugung von der Einheit der Bedrohung, der Identität von demographischer, politischer und religiöser Gefahr.“ Letztlich macht er damit genau den gleichen Fehler, wie er ihn den Islamkritikern vorwirft – er spricht von DER Islamkritik. Unterschiede gibt es für ihn nicht.

Das endlose Wiederkäuen von belanglosen Politikeraussagen und die unkritisch-unreflektierte Wiedergabe von Zitaten der Bundeskanzlerin machen das Lesen Bahners sehr ermüdend. Wann, so fragt sich der Leser, greift er denn selbst endlich eine der Aussagen Sarrazins oder eines anderen Islamkritikers an? Oder muss sich der Autor hinter all diesen wichtigen Personen verstecken, weil er selbst keine Ahnung hat? An keiner Stelle widerlegt er die Islamkritik mit eigenen Argumenten. So trägt das Buch weder etwas Neues zur Islamdebatte bei, noch provoziert es so, dass neue Dynamiken entstehen könnten. Die Lektüre wird so ungefähr so spannend, wie einer Kuh beim Wiederkäuen zuzuschauen.

Farid Hafez hat seine Doktorarbeit dem Thema Islamophober Populismus gewidmet. Der Untertitel verkündet, es ginge um Moschee- und Minarettbauverbote österreichischer Parlamentsparteien. Gemeint sind die Bestrebungen der Parteien, solche Verbote in Gesetze zu schreiben. Für eine wissenschaftliche Arbeit völlig unseriös, benutzt Hafez von der ersten Seite an gänzlich unreflektiert Begriffe wie Islamophobie, Rechtspopuslismus, radikale Reche oder Ethnopluralismus. Erst im zweiten Kapitel greift er die vielseitige Diskussion zu den – wissenschaftlich sehr umstrittenen – Bezeichnungen auf und versucht Islamophobie und Populismus als Begriffspaar zusammen zu führen, um es sozialwissenschaftlich operationalisierbar zu machen. So will Hafez Islamophobie mehrdimensional verstanden wissen und Aspekte wie religiöse, historische oder rassische/rassistische Islamophobie unterscheiden. Mit Populismus, verstanden als konfrontative Politikform – kombiniert ergibt das dann einen „monolithisch, undifferenziert und homogen wahrgenommenen Islam, der zur Abgrenzung und antagonistischen Konfrontation verwendet wird.“

Hafez benutzt für seine Analyse der Pressemitteilungen sowie Grundsatz- und Wahlprogramme der Parteien zwar einen sinnvollen diskursanalytischen Ansatz, den der Rezensent als Diskursfeld Islam ebenfalls gewinnbringend angewendet hat. Es ist aber insgesamt traurig zu sehen, dass eine Dissertation angenommen wird, die derart von unbelegten Behauptungen, Pauschalisierungen und tendenziöser Argumentation strotzt. Erklären kann man sich das nur damit, dass der Doktorvater, John Bunzl selbst durch entsprechende Arbeiten zur angeblichen Islamophobie aufgefallen ist.

Marketingtechnisch gesehen, macht Hafez nach seiner Promotion geschickt weiter. Seit 2010 gibt er das Jahrbuch für Islamophobieforschung heraus. Schon der Buchtitel muss dabei als strategisches Moment im Kampf um die Deutungshoheit im Islam-Diskurs verstanden werden. Von einem Jahrbuch zu sprechen suggeriert, dass es sich dabei um einen etablierten Forschungsbereich handelt und nicht nur eine neue Spielwiese der Vorurteilsforscher. Ein Jahrbuch müsste zudem thematisch erheblich breiter aufgestellt sein, also beispielsweise das Islambild der Medien oder Umfragen und Studien beinhalten. Auch der Umfang von gerade mal 144 Seiten der 2010er Ausgabe erinnert eher an eine Zeitschrift (inzwischen liegt auch die Ausgabe für 2011 vor). Tatsächlich scheint das Buch vor allem der (politischen) Diffamierung Andersdenkender zu dienen: „‚Islamkritik‘ lässt sich […] als Produkt eines Prozesses dechiffrieren, der Züge zeigt, die dem neuzeitlichen Rassismus seit dem Kolonialismus eigen sind, und der Konstruktion eines okzidentalen Selbstbildes dient, das die Welt hierarchisch organisiert“, schreibt Rüdiger Lohlker, seines Zeichens Orientalistik-Professor in Wien in dem Sammelbändchen. „Terminologisch scheint es deshalb angemessen zu sein, statt von Islamophobie oder Islamfeindschaft von antimuslimischen Rassismus zu sprechen.“

Vor allem aber lassen sich zwei typische Denk- und Verhaltensweisen der selbsternannten Islamophobieforscher an dem Jahrbüchlein zeigen: Zum einen werden Normen oft mit Fakten verwechselt. Weil etwas so laut unserer Norm bzw. aus unserer Sicht nicht sein darf (z.B. Islam nicht politische Ideologie, da wir Religion und Politik als getrennte gesellschaftliche Systeme verstehen – siehe Manfred Kleine-Hartlage), müssen gegensätzliche Behauptungen falsch bzw. rassistisch, islamophob etc. sein. Die gesamte Vorurteilsforschung betrachtet also jegliche Ablehnung von z.B. Muslimen bzw. dem Islam als unbegründet und damit als Vorurteile. Ob die soziale Realität Grund für die Befürchtungen oder Meinungen der angeblich Islamophoben sein könnte, spielt gar keine Rolle. Und während die Islamophobieforscher der Gegenseite vorwerfen, Islam, Islamismus, Terror und Gewalt unzulässig zu verbinden, machen sie genau das Gleiche mit umkehrten Vorzeichen: Sie sprechen von Islamisierungsphantasmen und postulieren eine ebenso unwissenschaftliche Trennung von Islam und Politik.

Zum anderen ist die Hegemonie linken Denkens in Deutschland (und anscheinend auch in Österreich) so stark, dass die Islamophobieforscher gar nicht begründen müssen, warum etwas rassistisch, islamophob etc. sei. Es reicht meist, einen entsprechenden Begriff in die Diskussion zu werfen und die Assoziationen bei den Lesern wirken zu lassen. Tatsächlich folgt die Argumentationskette der Beiträge meist dem Muster: Behauptung der Islamgegner – Behauptung der Islamophobieforscher, dass dies nicht stimme. Argumentative Widerlegungen fehlen durchweg, nirgendwo wird erklärt, warum z.B. der Islam nicht die Quelle für terroristisches Handeln sein kann. Dem ratlosen Leser kann da nur noch mit Antonio Gramsci geholfen werden: „Eine solche kulturell hegemoniale Ideologie erkennt man als solche daran, dass ihren Kritikern eine Beweislast aufgebürdet ist, von der ihre Verfechter sich ohne weiteres freizeichnen können.“

Viel schwieriger ist da, André F. Lichtschlag argumentativ festzunageln. Der Herausgeber des bekannten libertären ef magazins hat ein kleines Büchlein – vom Umfang eher ein Zeitschriften-Essay – unter dem Titel Feindbild Muslim verfasst. So richtig festlegen will sich Lichtschlag jedoch nirgends: Die Proteste und sogar Feindseligkeiten gegen Muslime kann er verstehen und findet sie teils sogar berechtigt. Doch dann sind wieder nur wir (Deutschen) selbst schuld an der Lage und keinesfalls der Islam. Die Webseite Politically Incorrect (PI) findet er wichtig, um den glattgebürsteten Medien-Mainstream zu ergänzen. Doch dann haben plötzlich wieder alle dort argumentierenden Islamkritiker unrecht. Letzten Endes bleiben für Lichtschlag alle Erscheinungen nur Spiegelbilder unserer Gesellschaft. Doch vergisst er dabei, dass Spiegel durchaus Zerrbilder widergeben, in jedem Fall aber links und rechts vertauschen. Und offensichtlich weiß der Autor in seinem Spiegelkabinett selbst nicht mehr, was Wahrheit und was Abbild ist.

Natürlich hat man an einen libertären Denker von Lichtschlags Format ganz andere Erwartungen, als an plumpe Linke wie Kay Sokolowsky oder alte Herren wie Wolfgang Benz, die mit ihrem unsäglichen Islamophobie-Antisemistismus-Vergleich versuchen, ihre aussterbende Forschung zu reanimieren. Man erwartet eine differenzierte Betrachtung von liberaler Kritik an einer Ideologie – vielleicht in Abgrenzung zu anderen Argumenten, die ebenfalls ideologischer Natur sind. Doch Ideologiekritik sucht man bei Lichtschlag vergebens. Stattdessen schreibt er, der Islam sei nur eine „willkommene ideologische Ablenkung“ und führt dafür den Soziologen Rainer Paris ins Feld, der den Hass und die Ressentiments der Islamkritiker als „kollektiv-stiftende Gefühle“ herbeiphilosophiert, ohne zu beachten, dass der Islam als Religion dies in viel stärkerem und umfassenderen Maße ist. Die Lösung des Islam-Problems hierzulande sieht Lichtschlag denn auch nicht in Verboten, sondern der Streichung sozialstaatlicher Alimentierung. Die Ideologie hat er damit aber immer noch im Boot.

Patrick Bahners (2011): Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam – eine Streitschrift. München: Beck, 320 Seiten, 19,95 Euro. Kaufen bei Amazon.

Farid Hafez (2010): Islamophober Populismus. Moschee- und Minarettbauverbote österreichischer Parlamentsparteien. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 212 Seiten, 34,95 Euro. Kaufen bei Amazon.

Farid Hafez (Hg.) (2010): Jahrbuch für Islamophobieforschung 2010. Deutschland Österreich Schweiz, Innsbruck/Wien/Bozen: Studien Verlag, 144 Seiten, 22,90 Euro. Kaufen bei Amazon.

André F. Lichtschlag (2010): Feindbild Muslim. Schauplätze verfehlter Einwanderungs- und Sozialpolitik. Waltrop/Leipzig: Manuscriptum, 64 Seiten, 7,80 Euro. Kaufen bei Amazon.

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