Warum werden Menschen zu sogenannten „Rechtspopulisten“?

16. November 2011 1

Eine britische Studie gibt Aufschluss über Facebook-Anhänger (Teil II)

Welche Gründe motivieren politisches Handeln? – Foto: Gerd Altmann / pixelio.de

Warum werden Menschen Anhänger von sogenannten populistischen Parteien, in Deutschland gerne auch als Rechtspopulisten verunglimpft? Die methodisch zwar fragwürdige, aber inhaltlich doch recht interessante Studie The New Face of Digital Populism des britischen Think-Tanks DEMOS hat in ihrem zweiten Teil neun hauptsächliche Gründe dafür herausgearbeitet, die die Befragten angaben (Erster Teil: Methodenkritik und sozioökonomische Daten der Anhänger). Sie werden hier in einer tabellarischen Übersicht dargestellt, beispielhafte Antworten der Befragten können in der Studie nachgelesen werden.

Grund für Anhängerschaft

Ø

Beispiele
Werte: Befragte, die angaben, dass Werte, Prinzipien, Normen und Ideen der Partei sie überzeugten

38%

Norwegische Fortschrittspartei: 81%, British National Party + EDL je 15%
Identität: Befragte, die angaben, ihr Land zu lieben, traditionelle Werte erhalten zu wollen, Konservatismus

17%

EDL: 31%, Fortschrittspartei: 3%
Anti-Zuwanderung: Befragte, die Angst oder Ärger über eine ansteigende Zuwanderung äußerten.

17%

Schwedendemokraten: 36%, Casa Pound Italia: 1%; Frauen 15%, Männer 19%; 16-20-Jährige: 20%, Über-50-Jährige: 10%
Desillusionierung/Politikverdrossenheit : Befragte, die Enttäuschung/Verdrossenheit  über die wichtigsten politischen Institutionen oder die politische Elite äußerten.

13%

DIE FREIHEIT: 27%, Bloc Identaire (Frankreich): 1%
Anti-Islam: Befragte, die Kritik am Islam, Muslimen oder Arabern äußerten.

10%

EDL: 41%, CasaPound Italia: 0%, Männer: 11%, Frauen: 8%
Integrität: Befragte, die die ehrliche, direkte und mutige Vorgehensweise der Partei hervorhoben.

9%

CasaPound Italia 17%, EDL: 2%; große personelle Übereinstimmung mit Politikverdrossenheits-Kategorie
Wirtschaft: Befragte, die Steuerpolitik, Arbeitslosigkeit, Armut oder Globalisierung nannten.

4%

Geringe Abweichungen, CasaPund Italia + Bloc Identaire: je 1%, 21-25-Jährige: 7%
Anti-EU: Befragte, die die EU und/oder ihre Entscheidungen kritisierten.

3%

Wahre Finnen: 13%, CasaPound Italia + Lega Nord (Italien) + Vlaams Belang (Belgien) + Fortschrittspartei: je 1%
Sezession/Föderalismus: Befragte, die eine Sezession (pol. Abspaltung) bzw. föderalistische Ansinnen befürworteten.

3%

Vlaams Belang: 18%, Lega Nord: 17%

Tabelle 1: Kategorisierte Gründe für Partei-Anhängerschaft, Quelle: S. 45-57, eigene Darstellung.

Bei der Betrachtung der angegebenen Gründe fällt sofort auf, dass die Befragten vor allem aus einer positiven Motivation heraus Partei-Anhänger werden: Werte die überzeugen und die Bewahrung einer eigenen Kultur bzw. Identität sind die beiden wichtigsten Gründe. Interessant ist dabei vor allem, dass die Gruppe derjenigen, die unter Identität erfasst wurden, im Gegensatz zur häufig in der Forschung vertretenen These der Ablehnung von Fremden, viel nuancierter argumentierte und vor allem die Verteidigung liberaler westlicher Werte gegen den Islam nannte. In der separat erfassten Anti-Islam-Kategorie gab es wiederum ein breites Spektrum vom dumpfen Schimpfen über Muslime im Allgemeinen bis hin zu differenzierten Argumenten gegen die politische Ideologie des Islams.

Auch in der Gruppe Anti-Zuwanderung wurde oft die Untergrabung westlicher Werte durch Zuwanderer genannt (neben der Sorge über den Missbrauch des Wohlfahrtstaates). Ebenso befürchteten Anhänger, die in der Anti-EU-Kategorie erfasst wurden, am häufigsten den Verlust der nationalen Souveränität, wenn die europäische Integration weiter vorangetrieben werde.

Die in der gängigen Literatur genannten Hauptgründe für die Anhängerschaft bei populistischen Parteien, also vor allem ökonomische Sorgen, Enttäuschung von den etablierten Parteien und die Ablehnung von Zuwanderung, konnten durch die vorliegende Umfrage nicht bestätigt werden:

Die Partei-Anhänger konnten keineswegs als reine Protestwähler eingestuft werden, so das Fazit der Forscher. Auch wenn viele eine große Politikverdrossenheit aufwiesen, schien die hauptsächliche Motivation die Identifikation mit dem politischen Angebot der Parteien zu sein.

Zwar gaben durchschnittlich 17 Prozent der Befragten Gründe an, die als Anti-Zuwanderungs-Kategorie gewertet wurden. Es sei aber deutlich geworden, so die Forscher, dass sogenannte populistische Parteien viel mehr als eine zuwanderungsfeindliche Stimmung erzeugen müssten, um Anhänger zu gewinnen.

Auch der ökonomische Aspekt würde in der bisherigen Forschung allgemein, wie auch als Motivation für die Ablehnung von Zuwanderung überschätzt. Die ebenfalls bei 17 Prozent liegende Zustimmung zur Kategorie Identität fiel bei den Befragten vor allem mit einer Ablehnung des Islams zusammen, weniger mit einer generellen Sorge bezüglich Einwanderer.

Schließlich mussten auch die DEMOS-Forscher als Fazit festhalten:

„Importantly, a concern with identity need not be understood solely in terms of traditional conservative values. While there are vague invocations of ‘French values’ or ‘the British way of life’, in a number of groups many of the more specific responses referred to values such as freedom, democracy and human rights. This suggests that, for some, defending liberal values is an integral part of protecting one’s identity.“ 1

Lesen Sie im ersten der Teil der Analyse über die Methodenkritik und die sozioökonomische Daten der Anhänger).

Im dritten Teil erfahren Sie demnächst, welche sozialen und politischen Sorgen sich Partei-Anhänger im Vergleich zur durchschnittlichen europäischen Bevölkerung machen.

Notes:

  1. S. 56.

One Comment »

Leave A Response »