Wer sind Europas sogenannte „Rechtspopulisten“?

14. November 2011 2

Eine britische Studie gibt Aufschluss über Facebook-Anhänger (Teil I)

Europas bekanntester sogenannter "Rechtspopulist": Geert Wilders 2011 in Berlin – Foto: Fabian Hossfeld

Vor einigen Tagen veröffentlichte das britische Think-Tank DEMOS eine Studie unter dem Titel The New Face of Digital Populism. Darin wurden die Ergebnisse der Befragung von Facebook-Anhängern sogenannter populistischer Parteien präsentiert. Die Umfrage weist gravierende methodische Mängel auf und kann keinesfalls als repräsentativ gelten. Die Ergebnisse verdeutlichen aber doch einige Tendenzen, die es wert sind, dargestellt zu werden, weil sie mit häufigen Vorurteilen gegenüber den Bürgerrechtsparteien aufräumen.

Fragwürdige Auswahl und dubiose Umfrage

Als erstes überrascht beim Lesen der Studie die europaweite Auswahl der Parteien und Organisationen, deren Facebook-Anhänger befragt wurden. Die Zusammenstellung sei aufgrund aktueller wissenschaftlicher Literatur vorgenommen worden, kann man dem Anhang zur Methodik entnehmen. Eine Definition für populist parties and movements (PPAMs) wird jedoch nur ansatzweise geliefert:

„These parties are defined by their opposition to immigration and concern for protecting national and European culture, sometimes using the language of human rights and freedom. On economic policy, they are often critical of globalisation and the effects of international capitalism on workers’ rights. This is combined with ‘antiestablishment’ rhetoric and language. Often called ‘populist extremist parties’ or ‘the new right’, these parties do not fit easily into the traditional political divides.” 1

„While often described as ‘far right’, the ideology of many of these groups represents a mixture of leftwing and rightwing political and economic beliefs with populist rhetoric and policy.” 2

Der letzte Satz dieses Einordnungsversuches macht schon klar, was die Ergebnisse der Umfrage bestätigen werden: Weder können die ausgewählten Parteien und Organisationen über einen Kamm geschoren werden, noch sind sie in den Ideologien der etablierten Parteien verhaftet. Von der norwegischen Fortschrittspartei über Geert Wilders PVV und die deutsche DIE FREIHEIT bis hin zur österreichischen FPÖ und belgischen Vlaams Belang ist ein ganzes Spektrum vertreten, verschieden in Alter, Etablierung und politischen Positionen. 3 Die Schweizerische Volkspartei sucht man hingegen vergebens, obwohl sie mit Parteien wie der PVV mehr gemeinsam hat, als letztere z.B. mit der FPÖ.

Auch an den noch zu diskutierenden Ergebnissen wird schnell klar, dass sich die Parteien bzw. deren Anhänger in vielen Punkten überhaupt nicht einig sind. Nur manche dieser großen Unterschiede sind durch nationale Unterschiede erklärbar – so verwundert etwa die im Verhältnis zu den anderen Ländern hohe Unzufriedenheit der Deutschen mit der EU keineswegs, ist Deutschland doch deren größter Finanzier. Die meisten Unterschiede ergeben sich jedoch vor allem aus der Unterschiedlichkeit der Parteien selbst. Über diesen Mangel kann hinwegtrösten, dass länderspezifische Berichte in den nächsten Wochen nachgereicht werden sollen.

Mit diesem Button wurde für die Umfrage bei deutschen Parteianhängern auf Facebook geworben (Screenshot)

Neben dieser fragwürdigen Zusammenstellung war insbesondere die Rekrutierung von Umfrageteilnehmern äußerst dubios. So warb DEMOS auf den Facebook-Fanseiten der betreffenden Parteien mit einem Button, wie man ihn rechts auf dem Bild sehen kann. Die Verwendung des jeweiligen Parteilogos vermittelte den Eindruck, die Parteien würden die Umfrage offiziell unterstützen. Dieser Eindruck wurde auf der eigentlichen Umfragewebseite untermauert, stand doch dort gleich im zweiten Satz:

„Wir haben uns mit den Verantwortlichen von [Name der Partei] abgesprochen und alle Teilnehmer werden als erste von den Ergebnissen unterrichtet.“

Dies entspricht allerdings nicht der Wahrheit. Die Parteien wurden zwar über die bevorstehende Umfrage per E-Mail informiert, es wurde aber keine Zustimmung abgefragt geschweige denn abgewartet. Die Suggestion einer offiziellen Parteiumfrage kann die Ergebnisse jedoch maßgeblich verfälschen. Da Medien wie Spiegel-Online die Studienergebnisse jedoch massiv verfälscht darstellen, soll im Folgenden ein Blick auf die wichtigsten Ergebnisse erfolgen, damit der Leser selbst zu einer adäquaten Einschätzung gelangen kann.

Wer sind die bösen Rechtspopulisten?

Bevor es um die interessante Frage geht, wie sich die Fans der untersuchten Parteien sozioökonomisch zusammensetzen, sollen zwei wichtige Ergebnisse der Studie vorweggestellt werden:

  1. Die Umfrage fand in allen Länder vor den fürchterlichen Anschlägen von Oslo statt – bis auf in Norwegen. Dort wurden erst nach dem Massenmord durch Anders Breivik die Anhänger der Fortschrittspartei befragt, mit einem für die Forscher erstaunlichen, für Kenner der (im weitesten Sinne islam- und EU-kritischen) Szene jedoch wenig überraschenden Ergebnis: Anhänger der Fremskrittspartiet waren die moderatesten aller Befragten.
  2. Überrascht wurden die Forscher ebenfalls davon, dass die Anhänger der Parteien, die auch offline politisch aktiv waren, sich als hervorragende Staatsbürger erwiesen:

„Importantly, those online activists who are also involved in offline activism — voting, demonstrating, or being part of a political party — appear to be more democratic, have more faith in politics, and are more likely to disavow violence. This is powerful evidence that encouraging more people to become actively involved in political and civic life, whatever their political persuasion, is an important way forward.“ 4

Die sozioökonomischen Verhältnisse von Anhängern der sogenannten populistischen Parteien können den beiden folgenden Abbildungen entnommen werden. Wenig überraschend ist dabei der größere Anteil an Männern von durchschnittlich 75 Prozent – hier unterscheiden sich die untersuchten Parteien auch nicht nennenswert. Den höchsten Frauenanteil haben zwei skandinavische Parteien, die norwegische Fortschrittspartei und die Danske Folkeparti mit je 36 Prozent.

Vom Alter her überwiegen bei fast allen Parteien die 16-20-Jährigen unter den Facebook-Anhängern, betrachtet man insgesamt die unter 30-Jährigen, machen sie sogar 63 Prozent aus. Die Schwedendemokraten haben die jüngsten Anhänger, die norwegische Fortschrittspartei und die deutsche DIE FREIHEIT haben auch in den höheren Altersgruppen vergleichsweise viele (64% bzw. 60% sind über 30 Jahre alt).

Zahl, Alter und Geschlecht von Anhängern sogenannter populistischer Parteien – bitte Klicken um zu Vergrößern (CC DEMOS)

Von allen Partei-Anhängern gaben 45 Prozent an, als höchsten Abschluss einen Schulabschluss zu haben, was sich durch den hohen Anteil von jungen Menschen erklärt, vor allem sichtbar bei den Schwedendemokraten mit 82 Prozent, die dem entsprachen. Insgesamt hatten 53 Prozent der Befragten einen Hochschulabschluss oder eine Berufsausbildung, knapp ein Drittel waren Studenten.

Bei der Erwerbs- bzw. Arbeitslosenrate ergaben sich große Unterschiede zwischen den Parteien. Die British National Party markiert dabei mit 32 Prozent den unteren, die FPÖ mit 70 Prozent (gefolgt von DIE FREIHEIT mit 69%) den oberen Rand der Erwerbstätigen-Rate.

Erwerbstätigkeit, Arbeitslosigkeit und Studium von Partei-Anhängern (CC DEMOS)

Im zweiten Teil können Sie lesen, warum Menschen sogenannte populistische Parteien unterstützen…

Notes:

  1. S. 15
  2. S. 17
  3. Die gesamte Liste: Bloc Identitaire (‘Identity Block’; France), the British National Party (UK), CasaPound Italia (Italy), the Dansk Folkeparti (‘Danish People’s Party’; Denmark), the English Defence League (UK), the Front National (‘National Front’; France), the Partij voor de Vrijheid (PVV or ‘Dutch Party for Freedom’; the Netherlands), Die Freiheit (‘Freedom’; Germany), Freiheitliche Partei Österreichs (FPO or ‘Austrian Freedom Party’; Austria), the Fremskrittspartiet (‘Norwegian Progress Party’; Norway), Lega Nord (‘Northern League’; Italy), Perussuomalaiset (‘True Finns’; Finland), Sverigedemokraterna (‘Sweden Democrats’; Sweden) and Vlaams Belang (‘Flemish Interest’; Belgium).
  4. S. 23

2 Comments »

  1. Prof.Kantholz 15. November 2011 at 07:17 - Reply

    „Opposition to immigration“ finde ich etwas plakativ von den Studienbetreibern, mit „concern for protecting national and European culture“ kann ich leben, aber „sometimes using the language of human rights and freedom“ macht mich wütend.

    Es wird nicht „manchmal die Sprache der Menschenrechte und der Freiheit“ genutzt. Es SIND (gibts hier eigentlich html?^^) die Freiheit und die Menschenrechte, die mit Kritik an Islam und Mediokratie, an Meinungsmache, Steuerverschwendung und Realitätsverweigerung in Politik und Medien gewahrt bleiben sollen.

    Wer nutzt denn denn die „Sprache von Menschenrechten und Freiheit“ als Deckmantel dafür, dass man im Wesentlichen nur und ausschließlich an den EIGENEN Rechten und Freiheiten interessiert ist?

    Das sind doch wohl eher nicht die oben aufgelisteten Parteien und Gruppierungen, oder?

    Bei der medialen und teilweise privaten Hetzjagd auf einen gewissen Th. Sar. jedenfalls waren allen Beteiligten auf Seiten der Medien und der „wenig hilfreichen“ Politik die Meinungsfreiheit von Herrn Sar. jedenfalls offenkundig nicht so wichtig wie das eigene „Recht auf Profilierung“.

    Ach, ich reg mich schon wieder auf. Wahrscheinlich über Kleinigkeiten.

    Auf den zweiten Teil des Artikels bin ich aber schon jetzt gespannt.

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