Hotel Lux

13. November 2011 0

Die Meinung der Anderen | Tanja Krienen über einen der besten deutschen Filme

Das legendäre Hotel Lux als Film – Screenshot der Webseite

Dass ein deutscher Film einmal die Geschehnisse im realen Hotel Lux Ende der 1930er mit Humor und Realismus beschreibt, darf als eine echte Kinosensation gelten. Mit einem Humor, der einem politisch interessierten Menschen im Hals stecken bleibt und auch gottlob nichts mit dem brüllend Komischen zu tun hat, als der er in der Filmwerbung beschrieben wird. Wenn Die Zeit schreibt: „Müde Kalauer im roten Bunker“, dann weiß man, dass der Film voll ins Heuchler-Herz getroffen hat und die ewige Lüge über das Wesen der Betreffenden entlarvt! Wenn auf dem Höhepunkt selbst Wilhelm Pieck Todesfurcht erkennen lässt und Walter Ulbricht Angst vor den Genossen Schergen bekommt, hoffend, niemand würde an seine Tür klopfen um ihn zum letzten Gang abzuholen und dabei aus Zuckerstückchen eine Mauer baut, vermischt sich bitteres Lachen mit dem Grauen zu jener Erkenntnis, die ein für allemal kuriert.

Der Film Hotel Lux setzt eine Menge an politischem Wissen voraus, ohne ein solches ist er mit seiner Fülle an witzigen Anspielungen nicht wirklich zu verstehen. Vor allem ein unbedarfter Zuschauer, jung-links und idealistisch in gut und böse denkend, könnte meinen, ein abgrundtief bösartiger Mensch (Regisseur Leander Haussmann) hätte das Hotel Lux und seine Begebenheiten erfunden, um die sozialistische Idee zu diskreditieren. Jedoch: alles ist wahr. Fast.

Herbert Wehner (der dort viele Menschen ans Messer der stalinistischen Herrschaft lieferte und später neben Helmut Schmidt einer der führenden SPD-Männer wurde), DDR-Mauerbauer Walter Ulbricht, Wilhelm Pieck, der erste Präsident der DDR – sie alle lebten wirklich einige Jahre in diesem Hotel, welches ein temporärer Sammlungspunkt und Herberge vieler Kommunisten auf der Flucht vor den Nazis war. Doch der Höllentrip begann für viele Menschen dort erst richtig – durch die eigenen Genossen. Spitzeltum und Denunziation waren an der Tagesordnung. So starben durch die Hand von Kommunisten wohl mehr führende Linke als durch die Nazis. Abweichler oder Personen, die man dafür hielt, beseitigte die stalinistische Führungsschicht entweder selbst oder lieferte die internationalistischen Sozialisten den nationalen Sozialisten aus. Vor dem Hintergrund des Hitler-Stalin-Paktes, der vielen Gutgläubigen die Augen öffnete, spielend, ist Hotel Lux bis in die Nebenrollen gut besetzt ist.

Es begann alles in Berlin 1933

Der Komödiant Hans Zeisig, gespielt von Michael Bully Herbig, der zum ersten Mal in einer Charakterrolle glänzt, ja, für den grandios noch untertrieben ist und dem man bisher kaum zutraute, in einer so bitterbösen Realsatire tragend mitzuwirken, und sein linker Freund Siggi Meyer (Jürgen Vogel) spielen in einem Kabarett eine Revue-Nummer, in der sie – die Realität vorwegnehmend – Hitler und Stalin als Freunde darstellen. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten ändert sich die Leitung des Kabaretts und Meyer flieht, Zeisig verbleibt Zeisig jedoch bis 1938. Als auch er, der Unpolitische (sinngemäß: „Ich bin auch in einer Partei: In meiner eigenen. Da bin ich das einzige Mitglied.“) in Ungnade fällt, flieht auch er. Aber er kann nicht nach Hollywood, wo er eigentlich hin möchte, sondern erhält einen Pass für die Sowjetunion und landet im Hotel Lux. Dort wird er mit dem Hellseher Hansen verwechselt, der bei den Nazis ausgemustert wurde, findet dann aber paradoxerweise beim Materialist Stalin Gehör, der sich zudem freut, einen persönlichen Freund des Führers kennenzulernen. Zeisig, alias Hansen, weissagt Stalin, er möge einen Pakt mit Hitler eingehen und so nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Ein Höhepunkt: Das erste Gespräch zwischen Zeisig-Hansen und Stalin wird von einem, hinter einem Tuch unsichtbaren, Übersetzer moderiert. Nach dem Gespräch, das von vornherein als Vier-Augen-Gespräch konzipiert war, wird er sofort von Stalin erschossen. Absolut klar und grausam sind die Szenen einer zum Teil beängstigend realen Verhörmethodik, die geradezu körperlich spürbar wird. Die leicht satirische Verfremdung beraubt die Situation nicht ihres realen Inhaltes.

Die KPD-Führung im Hotel Lux macht den Eindruck einer Kaspertheatertruppe, die scheinrevolutionäre Versammlungen abhält und deren Mitglieder sich gegenseitig belauern. Herbert Wehner verfällt einmal in Todesangst als er eine kleine nebensächliche Bemerkung über den Geburtstag des Führers Stalin macht und muss sich rechtfertigen, ob dieser nun in elf oder zwölf Tagen stattfindet. Die Gruppe Ulbricht verhört auch eigene Genossen (z.B. den später sich ebenfalls im Lux einfindenden Meyer) wegen des Verdachtes auf Trotzkismus. Man ereifert sich in wahren dadaistisch anmutenden Verbaleskapaden in Nomenklatura-Sprache über das Wesen der Abtrünnigen, dann werden Abweichler-Listen angefertigt, die anschließend vom stalinistischen Geheimdienst konsequent umgesetzt werden. Des Nachts werden die betreffenden Genossen abgeholt, liquidiert oder den Nazis ausgeliefert (was auf dasselbe herausläuft).

Es gibt keine wirklichen Genossen im Hotel. Der Umgang miteinander ist frostig. Ratten – echte und menschliche – lauern überall. Ein rotes Spruchband „Wir lieben unseren Führer“ – offenbart erst beim zweiten Hinsehen den Zusatz „Josef Stalin“ – die Rollen sind hier völlig austauschbar. Endlich einmal hält ein Film das auch durch und zwingt den Zuschauer zu einer neuen, bisher noch nie im Mainstream-Kino gezeigten Sichtweise. Das Misstrauen ist groß und es lauert überall. So wie heute auch. Immerhin: heute wird Abweichlern nur gesagt, dass man ihre Fressen nicht mehr sehen kann. Der Fortschritt ist unverkennbar.

Man sehe sich diesen Film an! Unbedingt! Ich weiß nicht, ob es schon mal so einen deutschen Film gab?! Er rettet die Ehre eines immer stumpferen Gewerbes. Dieses eine Mal ist der Humor kein belangloser, keiner für die dummgehaltene Masse, sondern einer, der zur Erkenntnis führt.

www.tanjakrienen.de

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