Bushido und das Gutmenschentum

11. November 2011 1

Stefan Behrendt: Was die Posse um Bushido über Deutschland sagt

Der Rapper "Bushido" bei einem Auftritt 2006 (Bild: Ghetto Gentleman; Quelle: Wikipedia)

Ich finde Bushido cool. Und solidarisch bin ich grundsätzlich mit jedem, der Claudia Roth gegen sich hat. Super finde ich weiter jeden Migranten, der hart arbeitet, sein Leben im Griff hat, gut integriert ist, wirtschaftlichen Mehrwert schafft und Spießer werden will oder schon ist. So wie Bushido. Mit Frühstück von der Mama und Villa mit Kamin (auf den er seinen Bambi stellen wird) in Berlin-Dahlem.

Ein kurzer Abriss der Ereignisse: Am vergangenen Donnerstag erhielt der Deutsch-Tunesier Anis Mohamed Youssef Ferchichi den sogenannten Bambi-Preis für Integration. Die Bambi-Preise wurden ursprünglich als Filmpreise vergeben, haben sich aber in den vergangenen Jahren zum Medienpreis erweitert. Es gibt Bambis für Wesentliches („Unsere Erde“, „Millennium“: Altkanzler Schmidt und „Lebenswerk“) sowie Gedöns („Comeback des Jahres“, „Entertainment“, und eben: „Integration“). Nun also den Bambi-Preis für den Rapper, dem man nicht absprechen kann, es hier weit gebracht zu haben, vom Maler- und Lackierer mit Bewährungsstrafe zum Musiker und Unternehmer wohnhaft im „Bonzen-Ghetto“ Berlin-Dahlem. Zum Thema Integration hat er sich mehrmals – insgesamt nachdenklich und auf seine ganz eigene Weise geäußert, z.B. in einem sehr lesenswerten Stern-Interview.

Natürlich: In seinen älteren Texten äußert sich Bushido nicht gerade freundlich zu Frauen („Nutten“) und Homosexuellen. Jedoch haben viele Kritiker eines nicht verstanden: Hip-Hop lebt von Überzeichnung, Beleidigung, Diss, Provokation. Selbstverständlich „prollt“ sich Bushido durch seine frühen Alben, doch sollte man die Lust an der Provoaktion nicht gleich mit Volksverhetzung gleichsetzen. Bushido hat in seiner Karriere – und über Geschmack lässt sich streiten – auf jede erdenkliche Weise verbal provoziert, gelästert, gestänkert, geschimpft. Und im Regelfall die politisch korrekte Klasse vorgeführt, die jetzt eruptiv den Berliner als brandgefährlichen, menschenverachtenden Gewaltrapper verdammt.

Da wären, um nur einige zu nennen:
Claudia Roth: Gefühlte Mutter der Nation der Nullerjahre, verehrte (kunterbunte) moralische Instanz in diesem grauen Land, die Margot Käßmann der Multikulti-Takatuka-Bewegung, aufrechte Kämpferin für die Interessen aller Nichtdeutschen und/oder Nichtheterosexuellen, schreibt also, dass Bushido nicht preiswürdig sei. Die Begründungen sind – Käßmann lässt grüssen, denn nichts ist gut an Bushido – mit Verlaub gesagt ziemlich takatuku, also (siehe Käßmann) gegenstandslos. Beim Lesen der Begründungen auf der Grünen-Homepage – es wurde offensichtlich viel Zeit darauf verwendet, sich dem Thema Bushido zuzuwenden – kommt man natürlich auf die Idee, mal zu prüfen, was dort zu finden ist, beispielsweise zur Verfolgung Homosexueller im Iran oder in Saudi-Arabien. Das Ergebnis: Nichts. Zum Thema Iran finden sich folgene Suchergebnisse (um nur einige zu nennen): „Ökologische Katastrophe in Iran abwenden – Inhaftierte freilassen“; „Sofortige Freilassung von Pegah Ahangarani und weiteren Frauenaktivistinnen“; “Aufrüstung ist keine Stabilisierung“; „(Frauen)Quote heißt auch Verantwortung“… aber sonst: Nüscht.

Peter Plate, Mitglied der Band „Rosenstolz“, deren bedingt erträglicher Kuschelpop in GEZ-finanzierten Radiosendern in Heavy-Rotation läuft und bei selbiger Veranstaltung als „Comeback des Jahres ausgezeichnet“ wurde, gab dann zu Protokoll, morgen noch in den Spiegel schauen zu wollen und bezeichnete die Preisvergabe als „nicht korrekt“. Das ist ja ganz schön tapfer vom Herrn Plate, dachte man sich da und stellte sich die Frage: Wo ist eigentlich Peter Plates Kommentar zu den Steinigungen Homosexueller im Iran, Jemen und Saudi-Arabien? Kann er sich da jeden Tag im Spiegel anschauen, vernimmt man doch keinen einzigen Kommentar von ihm zu dem Themenkomplex. Der Sänger sollte sich nicht als Rächer der Entrechteten generieren, ist ihm doch offensichtlich die homosexuelle Community im Islamischen Nahen Osten schlichtweg egal. Da fühlt man sich dann typisch deutsch „nicht zuständig“.

Doch zum Glück gibt es noch Aufrechte wie den hessischen SPD-Chef Thorsten-Schäfer Gümbel, der heldenhaft dem Hessischen Rundfunk vor der Veranstaltung erklärte, er werde anwesend sein, sich jedoch des Klatschens (für Bushido) enthalten: „Bei mir wird sich keine Hand rühren“. Ja mei.

Wo sind diese selbstgerechten Gutmenschen eigentlich, wenn es um Taten geht, nicht um Worte?

Der allgemeine Tenor war in seiner (Un)begründetheit vergleichbar mit den Äußerungen der Bundeskanzlerin zum Sarrazin-Buch, es sei „nicht hilfreich“, obwohl sie es nicht mal gelesen hat. Aber dies ist die Art der inhaltlichen Auseinandersetzung im Deutschland dieser Tage.

Eben jene, die sonst immer darauf pochen, dass – insbesondere jugendliche Intensivtäter mit Migrationshintergrund – eine zweite Chance verdienten, sowieso Opfer der Umstände/der Gesellschaft seien, zeigen jetzt – wohlfeil! – mit dem moralischen Zeigefinger auf Bushido. Dabei hat gerade er die sogenannte Credibility – Glaubwürdigkeit – um im Kiez Gehör zu finden. Wenn er den Jugendlichen erzählt, wie „megageil“ es ist, eine „Bonzenvilla“ zu haben und sich durch harte Arbeit alles zu ermöglichen wird dies weitaus mehr Überzeugungskraft entwickeln wie das jämmerliche Gedudel der üblichen Verdächtigen, sprich: den Politikern,  die sicherlich nicht die Berliner U7 zum Rathaus Neukölln fahren.

Auffällig in dieser Posse ist im Übrigen auch, wie die Medien dem Volk mal wieder für Neologismen einimpfen: Der Spiegel schreibt vom „Gewaltporno-Rapper“, der Stern vom „Gewalt-Porno-Rapper“, als habe man sich hier abgesprochen. Das gleiche geschah schon bei den „Killer-Spielen“ und fand ihren unheimlichen wie unrühmlichen Höhepunkt in den Kampfbegriffen  „Rechtspopulist“ und „Islamhasser“ sowie dem dazugehörigen Adjektiv „islamophob“.

Die Reaktionen auf den Preis für Bushido sagen weniger etwas über den millionenschweren Unternehmer Ferchichi aus, als vielmehr sehr viel über das Land in dem wir leben – im Jahre 2011.

(Text: Stefan Berehndt)

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  1. Sönke Peters 11. November 2011 at 18:48 - Reply

    Herrlicher Beitrag!

    Politisch inkorrekt gleich in doppelter Hinsicht sozusagen.

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