So schwach – die Theorie fehlt!

9. November 2011 2

Die Meinung der Anderen | Peter Schulze macht sich Gedanken zum Theoriemangel konservativer Kräfte

Die Frankfurter Schule: Horkheimer (v.l.), Adorno (v.r.) und Habermas (h.r. mit Hand im Haar) auf dem Max Weber-Soziologentag im April 1964. Fotografie von Jeremy J. Shapiro (CC-Lizenz)

Auch die Konservativen haben ihre Systemtheoretiker: Edmund Burke, Justus Möser, Arthur Moeller van den Bruck, Friedrich Georg, Hans Freyer… Nie gehört? Das ist keine Bildungslücke! Bedeutung und vor allem Wirkmächtigkeit dieser Denker ist marginal. Und die andere Seite?

Auf den Schultern von geistigen Titanen wie G. W. F. Hegel, Karl Marx und Siegmund Freud standen Herbert Marcuse, Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, George Lucács und ihre Adepten. Sie entwickelten die Kritische Theorie als Symbiose von undogmatischem Marxismus und Psychoanalyse, institutionalisiert in der Frankfurter Schule – Institut für Sozialforschung. Vor den Nazis mussten diese Systemtheoretiker in die USA fliehen. An den dortigen Universitäten fanden sie einen fruchtbaren Boden für ihr Weiterarbeiten vor. Mit der nach Europa überschwappenden Studentenbewegung von Berkeley kamen auch die Protagonisten, zumindest temporär, wieder nach Deutschland und beeinflussten die 68er Bewegung maßgeblich.

Die Kritische Theorie erkannte, dass besonders die familiäre Sozialisation, die Massenmedien und die Massenkultur die herrschende, von ihnen abgelehnte Ordnung stabilisierten. Folgerichtig lagen hier die Ziele ihres Angriffs. Fleiß, Zuverlässigkeit, Pflichtbewusstsein, Ordnungsliebe, Höflichkeit, Sauberkeit etc. wurden als Sekundärtugenden diffamiert: „Damit kann man auch ein KZ betreiben“, wurde zum bekannten Ausspruch Oskar Lafontaines.

Die Kritische Theorie beeinflusste die Gesellschaftswissenschaften im weitesten Sinne, so wird beispielsweise der Bereich der Friedens- und Konfliktforschung noch heute durch Johan Galtung dominiert. Noch viel entscheidender war aber die Eroberung der Sprache. Hier ist vor allem der Linguistik-Papst Noam Chomsky zu erwähnen. Über die Sprache galt es, das Denken zu beeinflussen.

Die political correctness, die sich lähmend wie Mehltau über die westlichen Gesellschaften ausgebreitet hat und jedes unabhängige Schreiben oder Denken zu ersticken droht, wäre ohne diesen Einfluss nicht möglich geworden.

Eine Splittergruppe der 68er ist in den Terrorismus abgeglitten, der aber die Gesellschaft nicht maßgeblich veränderte. Die größte Gruppe hat den überwältigend erfolgreichen Marsch durch die Institutionen angetreten – bis zum Vizekanzler und Außenminister oder Ministerpräsidenten. Wesentlich wirkungsvoller waren aber diejenigen, die als Professoren in den Universitäten blieben und somit Nachfolger ausbildeten, diejenigen, die in die Parteien gingen, die Justiz, Presse- und Verlagshäuser oder Nachrichtenagenturen eroberten, die im Fernsehen und in der Kulturszene den Ton angeben.

Die Schüler der Kritischen Theorie arbeiten nicht in den naturwissenschaftlichen Laboren oder den ingenieurwissenschaftlichen Konstruktionsbüros, wo die materiellen Grundlagen unserer Gesellschaft gelegt werden, nein, sie sitzen in gesellschaftsrelevanten Schaltstellen.

2 Comments »

  1. prediger1 9. November 2011 at 17:41 - Reply

    Es ist nötig, eine Theorie in den Vordergrund zu rücken, die nahe am Common Sense ist. Hier bietet sich der Christliche Realismus an – eine auf Augustin beruhende Theorie, die nicht von diesem sprachphilosophischen Gesinnungsterror durchsetzt ist

  2. TanjaKrienen 12. November 2011 at 07:30 - Reply

    Es ist nicht die Schuld Adornos, der keineswegs den „Bürgerlichen Tugenden“ abhold war, wenn manche Leute aus der Theorie, falsche Schlüsse für die Praxis suchten – und fanden. Er selbst geriet in ihre Schusslinie. Auch müssen wir Wahrheiten konstatieren, z.B. das seine Analyse der Massenmedien den einen oder anderen überspitzt formulierten Irrtum enthielten, aber durchaus auf einem richtigen Gerüst standen.

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