Die Summe aller Ängste

8. November 2011 1

Oder: Warum ein israelischer Militärschlag gegen Iran die am wenigsten schlechte Option ist

Flugabwehrstellung in der Nähe der Nuklearanlage in Natanz (Bild: Hamed Saber, Quelle: Wikipedia)

(Kommentar zur Lage Israels von Stefan Behrendt)

Insbesondere die unmittelbar bevorstehende Veröffentlichung des aktuellen Berichtsder Internationalen Atomaufsichtsbehörde (IAEA) hinsichtlich der iranischen Atomwaffentests sowie die klaren Ansagen von Israels Präsident Peres lassen erkennen, dass der krisengeschüttelte Nahe Osten auf Krieg zusteuert.Es muss zunächst eines klar sein, und eine entsprechende Deutung findet man in der deutschen Presse nicht: Gefährlich ist nicht, dass sich das demokratische Israel offensichtlich auf Krieg vorbereitet und mit den Säbeln rasselt. Eine Gefahr stellt es nicht dar, wenn bei der israelischen Luftwaffe Pläne bestehen, notfalls einen Präventivschlag gegen die Atomreaktoren- und Forschungseinrichtungen in u.a. Busher, Isfahan und Natans zu führen. Gefährlich ist vielmehr folgendes: Dass ein seit 2009 demokratisch nicht legitimiertes Regime, das auf sein eigenes Volk schießen lies und hunderte Oppositionelle ohne Gerichtsprozess einkerkerte, an der Spitze ein Präsident der seit 2005 eindeutig die Vernichtung des jüdischen Staats propagiert, ein Schurkenstaat der agressiv in das Vakuum, das seit Saddam Husseins Sturz im Irak besteht, einzudringen versucht, eine Administration die gefährliche Terrorgruppen in der Region (Hamas, Hisbollah) unterstützt und bewaffnete Kampfgruppen im Irak befehligt, dass die unrechtmäßigen Herrscher des Iran in den Besitz von Atomwaffen gelangen.
Die Staatengemeinschaft versuchte in den letzten sieben Jahren erfolglos, Präsident Ahmadinedschad dazu zu bringen, einzulenken und das Anreicherungsprogramm einzustellen sowie Kontrollen der fragwürdigen Atomreaktoren zuzulassen. Der Iran erwies sich hierbei erstauntlich robust gegen eine Serie von Sicherheitsratsresolutionen. Und selbst die israelische Stuxnet-Attacke warf das Anreicherungsprogramm nur um wenige Monate zurück. Der Westen zeigt(e) sich hierbei erstaunlich unfähig, harte Sanktionen gegen den Iran zu verabschieden, was teilweise auch an der Blockade Chinas und Russlands im Sicherheitsrat lag. 2009 konnte Premierminister Netanyahu noch zurückgehalten werden, Angriffspläne voranzutreiben; insbesondere die USA schworen ihn damals auf Stillhalten ein. Doch das Atomwaffenprogramm wurde weiterentwickelt, Atomwaffeninspektoren aus dem Land geworfen, der Chuzpe der Teheran-Clique hatte die westliche Staatengemeinschaft wenig entgegenzusetzen.
Heute zeigt sich eines: Es ist 1938 und die reale Gefahr für Israel ist vermutlich größer als vor dem Sechstagekrieg 1967. Israel darf nicht den Fehler machen und sich auf warme Worte aus Europa oder Amerika verlassen. Das Land steht mit dem Rücken zur Wand, die Gefahr eines „Zweiten Holocaust“ wird – zurecht – beschworen. Unabhängig davon ob man in dieser Angelegenheit auf Seiten Israels steht oder nicht – jedem sollte klar sein dass das Land im Zweifel zuschlagen wird und bereit ist, erhebliche Konsequenzen und einen hohen Blutzoll hinzunehmen.

Reichweite der iranischen Mittelstreckenraketen Shahab-3 (2.100Km)

Doch sollte man nicht den Fehler machen, die Gefahr der iranischen Bombe nur für Israel zu sehen. Versucht doch Iran (sehr erfolgreich) seit dem Sturz Saddam Husseins im Irak 2003, die Rolle des Hegemons in der Region zu erreichen. Der „Vorteil“ des Baath/Hussein Irak war das Containment gegenüber den Expansionsgelüsten der Perser. Man hatte eine verlässliche Armee unter Waffen, republikanische Garden bei Fuss und bereits im Iran/Irak Krieg 1982 bewiesen, dass man notfalls die eigene Jugend als Kanonenfutter an die Front schickt, so sehr war man auf Konfrontation um die Vorherrschaft in der Region gepolt. Spätestens mit Ausbruch des Bürgerkriegs im Irak (Sunniten gegen Schiiten, Schiiten gegen Kurden und alle gegen die Christen) schickte der Iran Truppen ins irakische Grenzgebiet, die jetzt – inschallah und Barack Obama sei Dank – nur warten müssen, bis sich die letzten US-Truppen bis Dezember 2011 trollen um dann ihrem militärischen Einfluss politische Geltung folgen zu lassen. Zusätzlich bleibt zu bedenken, dass sobald die Ajatollahs die Bombe haben, ihre Gefolgsleute in Gaza (Hamas), Libanon (Hisbollah) sowie Syrien aufgewertet und gestärkt sein werden, Iran in der Folge nicht nur Europa und Israel sondern auch alle Staaten in der Region – sowie die verbliebenen US-Truppen – unmittelbar oder durch seine Proxies bedrohen kann. Dann allerdings mit atomarer Rückendeckung.

Fast alle Staaten der Region (Saudi Arabien, Bahrain, Jordanien, die vereinigten Arabischen Emirate und Katar) hoffen nun darauf, dass die Israelis die Drecksarbeit erledigen und losschlagen, so dass nicht die ganze Region unter Kontrolle der Islamisten in Teheran kommt. Es muss klar sein, dass mit Ahmadinedschad und seiner Meschpoke nicht zu spaßen ist. Wer Waffen auf das eigene Volk richtet wird auch nicht zimperlich sein, andere Staaten anzugreifen. Und der Westen sollte nicht glauben, dass der ehemalige Bürgermeister von Teheran (der laut Mitarbeitern seines damaligen Stabs nicht gerne duscht) ein harmloser Irrer ist, der blumig daherredet und hauptsächlich falsch zitiert wird. Dem ist nicht so, der aktuelle Staatspräsident ist ein Hardliner der es ernst meint und keinen Zweifel an seiner Entschlossenheit aufkommen lässt.
Und die Konsequenzen eines Präventivschlags? Die weit verbreiterte Furcht vor der Reaktions Israels reizender Nachbarn, in diesem Falle der Hamas sowie Hisbollah, lässt sich nicht begründen. Beide Fraktionen würden – so sie denn könnten – schon jetzt zum nächsten Waffengang marschieren und ihre Kämpfer mobilmachen. Aber die Hamas schafft es nunmal nicht (mehr), größere Terroranschläge auf die israelische Zivilbevölkerung zu realisieren sowie ihre Rakten weiter als bis Sderot, Ashkelon und Ashdod zu schicken (schlimm genug). Die Hisbollah ist sich im klaren darüber, dass der nächste Angriff auf das Grenzgebiet bzw. Raketenbeschuss des israelischen Nordens mit einer Vergeltungsaktion biblischen Ausmaßes seitens der israelischen Luftwaffe geführt werden wird. Syrien ist zu beschäftigt mit den inneren Angelgenheiten und Ägypten gehört ebenfalls zu den stillen Nutznießern eines Präventivschlags. Die Reaktionen aus dem Iran lassen sich weitaus schwieriger kalkulieren. Jedenfalls sind die Israelis durch den Iron Dome, die sogenannte „Schleuder Davids“ (gebaut um iranische MIttel- und Langstreckenraketen abzufangen ) sowie das „Arrow“-Antiballistiksystem (insgesamt sinnvoller als das Patriot-Flugabwehrsystem) gegen einen Raketenregen aus Nah und Fern (Iran) geschützt. Diplomatisch werden die üblichen Verdächtigen, möglicherweise angeführt vom Möchtegern-Sultan von Istanbul, Recep Tayyip Erdogan, sämtliche Polemik-Register ziehen. Jedoch würde Israels Stellung als Partner des Westens unangetastet bleiben. Der Hass auf die einzig wahre Demokratie im Nahen Osten ist noch immer so groß, dass eine wesentliche Verschlechterung durch den Militärschlag nicht zu erwarten ist.Dieser Schlag ist – unter weit schwierigeren Voraussetzungen als z.B. der Angriff auf den irakischen Reaktor Osiriak 1981 oder 2007 der ebenfalls erfolgreiche Angriff auf den syrischen al-Kibar Reaktor – logistisch anspruchsvoll, da ein Überflug über Saudi-Arabien notwendig ist. Allerdings ist davon auszugehen dass Saudi-Arabien zumindest stillschweigend den Überflug dulden wird und sich evtl. sogar an der Betankung der Jets und Bomber beteiligen könnte. Entsprechende Szenarien wurden in der Vergangenheit geprobt.
Angela Merkel wird – möglicherweise schneller als ihr lieb ist – beweisen müssen, dass ihre in der Knesset benutzte Formulierung, die Sicherheit Israels sei „niemals verhandelbar“ nicht bloß Sonntagsreden-Sprech war: wenn es darum gehen wird, die härtesten Sanktionen gegen Iran (best case) voranzutreiben oder – wie auch immer geartete – logistische oder militärische Unterstützung (worst case) zu leisten.
Egal wie sich Netanyahu entscheiden wird, die Entscheidung wird falsch sein. Deshalb ist der Angriff jetzt, in einem Moment der Stärke, bevor der „Point of no return“ erreicht ist, die beste aller schlechten Alternativen.

One Comment »

  1. Ralf Uhlemann 9. November 2011 at 18:17 - Reply

    Die Welt und ganz konkret der Staat Israel lebt nicht von Forderungen und Ankündigungen sondern durch den aktiven, mutigen und aufopfernden Einsatz seiner Bürger und seiner Unterstützer.

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