„Die D-Mark zu fordern, habe ich mich nicht getraut“

8. November 2011 8

Hans-Olaf Henkel im Interview zum Nordeuro, der D-Mark und dem Rauswurf Griechenlands (Teil I)

Der ehemalige BDI-Chef Hans-Olaf Henkel

Die Ereignisse der Euro-Rettung überschlagen sich Tag für Tag: Rettungsschirm, ESFS, ESM, Volksentscheid der Griechen, dann doch wieder nicht, Rücktritt des griechischen Regierungschefs Papandreou, EU-Sondergipfel… Muss das bankrotte Griechenland aus der Währungsunion geworfen werden? Ja, ist der Euro überhaupt noch zu retten? Fragen, die alle Steuerzahler in Europa, insbesondere aber die deutschen betreffen. Fragen, von großer politischer Tragweite.

Hans-Olaf Henkel war einst einer der großen Befürworter des Euros. Heute sieht er das Projekt ganz anders. Für Citizen Times sprachen Felix Strüning und Ehssan Khazaeli mit dem Ex-BDI-Chef über die Möglichkeiten aus der Krise zu kommen, den Unterschied zwischen Nordeuro und D-Mark sowie den Einheitseuro als Hebel zur politischen Union Europas (Teil 2: Die FDP, Euro-Rebell Frank Schäffler und die Möglichkeit einer Henkel-Partei).

Citizen Times: Herr Henkel, erst plante der (ehemalige) griechische Ministerpräsident Papandreou ein Referendum, dann lies er es wieder platzen. Grund war, dass sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Ministerpräsident Nicolas Sarkozy in Cannes absprachen und die bereits beschlossenen 6 Milliarden Euro Rettungszahlungen einfroren. Ist Griechenland damit erpressbar geworden?

Hans-Olaf Henkel: Eher habe ich den Eindruck gehabt, dass Griechenland die anderen 16 Eurostaaten erpresst hat.

Citizen Times: Inwiefern?

Hans-Olaf Henkel: Es ging schon mal damit los, dass die Euro-Mitgliedschaft unter Vorgabe falscher Zahlen durch eine Regierung erschlichen wurde – ein bisher einmaliger Vorgang in der Geschichte der Europäischen Union. Als es herauskam, hätten die Griechen von sich aus sagen müssen, „wir steigen aus.“ Wenn Sie in irgendeinen Verein eintreten und bekommen die Mitgliedschaft aufgrund getürkter Zahlen, dann wird der Verein Sie auch wieder herauskomplementieren oder Sie haben die nötige Anständigkeit, selbst die Konsequenzen zu ziehen und auszutreten. Ich habe übrigens nie gewusst, dass die Griechen türken können.

Citizen Times: Aber inwiefern ist dann die Androhung eines Volksentscheides, verbunden mit der hohen Wahrscheinlichkeit, dass er nicht angenommen wird, eine Erpressung der anderen Euro-Länder?

Hans-Olaf Henkel: Ich habe nicht gesagt, dass das die Erpressung war – sondern das, was bisher passierte. Ich finde das auch irgendwie gerechtfertigt, dass die vorübergehende Entscheidung, das Volk zu befragen, in Deutschland einen entsprechenden Widerhall fand. Das ist doch eigentlich schon ein Witz, dass die Griechen darüber entschieden hätten, ob sie das Geld annehmen, aber die Deutschen nicht, ob sie das Geld geben wollen.

Citizen Times: Nun, das Geld würde wahrscheinlich nur minimal in Griechenland ankommen und stattdessen größtenteils deutschen und französischen Gläubigerbanken zu Gute kommen. Insofern potenziert sich dieser Witz noch mehr.

Hans-Olaf Henkel: Das Geld würde eher bei französischen Banken landen als bei deutschen. Damit wären wir auch schon bei dem wirklichen Grund, warum die Brandmauer zwischen den deutschen Steuerzahlern und den Politikern in anderen Ländern, also die No-Bailout-Klausel im Maastricht-Vertrag, von Frau Merkel und Herrn Sarkozy im Mai 2010 eingerissen wurde. Die französischen Banken halten viel mehr griechische Staatsanleihen als die deutschen, die Deutschen dürfen dafür für viel mehr bürgen, als die Franzosen. Das Interesse Sarkozys, die Deutschen an der Rettung Griechenlands zu beteiligen, war in der beabsichtigten Rettung französischer Banken begründet.

Citizen Times: Angenommen die Griechen entscheiden sich dafür aus dem Euro auszusteigen und zur Drachme zurückzukehren. Würde die Währungsunion den Ausstieg eines Staates, der lediglich drei Prozent der Wirtschaftsleistung der EU stemmt, verkraften oder käme es zu einem Dominoeffekt, in dessen Verlauf die anderen schwächelnden Eurostaaten wie Irland, Portugal, Spanien und letztlich auch Italien fallen?


Hans-Olaf Henkel (2010): Rettet unser Geld. Deutschland wird ausverkauft – Wie der Euro-Betrug unseren Wohlstand gefährdet. München: Heyne Verlag, 208 Seiten, 19,99 Euro. Kaufen bei: Amazon.

Hans-Olaf Henkel: Ich selbst war einmal ein enthusiastischer Befürworter des Euro, zu Zeiten meiner BDI-Präsidentschaft. Das war damals meine Überzeugung. Aber das erste Mal bin ich ins Grübeln gekommen, als Jaques Chirac und Gerhard Schröder sich dafür eingesetzt haben, Griechenland aufzunehmen. Denn selbst aufgrund dieser getürkten Zahlen hätte Griechenland nicht aufgenommen werden dürfen. Und ich habe damals öffentlich, die Süddeutsche Zeitung hat das vor kurzem wieder ausgegraben, dagegen protestiert. Darauf bekam ich zwei Antworten. Die eine Antwort war: „Aber Herr Henkel, die Wiege der europäischen Demokratie muss doch von Anfang an dabei sein.“ Und das andere Argument war ein sogenanntes ökonomisches: „Das sind doch nur drei Prozent der Wirtschaftsleistung. Mit drei Prozent kann man doch nicht den gesamten Euroraum kaputtmachen. Also regen Sie sich nicht so auf.“

Nun bin ich auch Skifahrer und weiß, dass man mit einem kleinen Schneeball eine Lawine auslösen kann. Und genau das erleben wir heute. Damit haben Sie einen fundamentalen Nachteil des Euro ins Gespräch gebracht. Daran habe ich damals nicht gedacht. Das habe ich auch so nicht gesehen. Der Euro ist eine gewaltige Ansteckungsmaschine. Früher wäre es doch unmöglich gewesen, dass irgendein Misstrauensvotum, das im griechischen Parlament stattgefunden hätte, die deutschen Aktienkurse in den Keller rauschen lässt. Heute sind alle mit allem verbunden. Mit der, wie wir jetzt feststellen, schrecklichen Folge, dass eben ein kleines Land wie Griechenland die ganze Eurozone in ein Chaos stürzen kann.

Citizen Times: Also würde der hellenische Austritt ein Chaos verursachen?

Hans-Olaf Henkel: Das ist schwer zu beantworten. Ich bin immer schon der Meinung gewesen, dass ein Ausschluss oder ein Rauswurf Griechenlands extrem gefährlich ist für den Rest der Eurozone, aus genau den Gründen, die in Ihrer Frage liegen. Wenn die Griechen die Banken in Athen stürmen, dann ist das Risiko hoch, dass die Portugiesen das in Lissabon auch machen. Und die Italiener in Rom. Dann wüsste ich nicht mehr, wie wir das in den Griff bekommen. Deshalb habe ich immer gesagt, neben der langfrstig schädlichen Alternative A – das ist das was Frau Merkel jetzt macht – gibt es die gefährliche Alternative B, das ist die Frage, soll Griechenland raus. Aber ich mache mich für eine Alternative C stark: Wir lassen den Euro dort wo er ist. Aber vier Länder gehen raus, um ihre neue Währung so zu organisieren, wie sie es ursprünglich für den Euro vorgesehen haben: Eine stabile Währung mit den alten, dann hoffentlich wieder gültigen Maastricht-Kriterien und vor allem einer unabhängigen Zentralbank für Deutschland, die Niederlande, Österreich und Finnland.

Citizen Times: Wo sehen Sie jetzt die Abhängigkeit der EZB?

Hans-Olaf Henkel: Das ist doch völlig klar. Die Unabhängigkeit der EZB ist perdue. Das kann man an einigen Dingen klar machen. Neuerdings auch an der Entscheidung des jetzigen EZB-Präsidenten Mario Draghi, der mal so eben die Zinsen gesenkt hat – wo wir schon aus deutscher Sicht vor einer ziemlich hohen Inflation stehen, wir kratzen die drei Prozent. Damit hat er offensichtlich das Signal gegeben, dass für ihn in Zukunft nicht mehr das an erster Stelle steht, was die frühere Bundesbank und die EZB wollten, nämlich die Inflationssicherung. Stattdessen möchte er es den Politikern einfacher machen und die Wirtschaft stimulieren. Das ist eine völlig andere Europäische Zentralbank, das ist das Modell der Banque de France.

Andere Beispiele: Nehmen Sie doch den regelwidrigen Kauf der griechischen, portugiesischen, spanischen oder italienischen Papiere. Das sind inzwischen schon mehr als 170 Milliarden Euro, die übrigens zu dem Rücktritt des damaligen Bundesbankpräsidenten Axel Weber „aus persönlichen Gründen“ und des Chefvolkswirts der EZB, Jürgen Stark, „aus persönlichen Gründen“ führte. Übrigens, der Architekt der Brandmauer zwischen dem deutschen Steuerzahler und den Politikern in anderen Ländern, die No-Bailout-Klausel hieß, war Horst Köhler. Er hat das damals unter Finanzminister Theo Waigel gegen entschiedenen Widerstand der Franzosen durchgesetzt und war stolz auf diese Brandmauer. Er hat auch öffentlich erklärt, dass das die Garantie gegenüber den euroskeptischen Deutschen ist: „Sie brauchen sich keine Sorgen machen. Wir werden niemals für die Schulden anderer in Haftung genommen.“ Auch Herr Köhler ist, nachdem die Brandmauer eingestürzt war, „aus persönlichen Gründen“ als Bundespräsident zurückgetreten.

Citizen Times: Nun war der Euro bisher ein einmaliges Experiment. Alle bisherigen Währungsunionen waren Wechselkursunionen, wie beispielsweise der bis 1971 geltende Goldstandard. Die Währungsunion droht gerade grandios zu scheitern. Wenn Sie nun sagen, wir wollen den Nord-Euro als neue Währungsunion, dann sehen Sie das jetzige Scheitern lediglich in der unterschiedlichen Wirtschaftskraft der Eurostaaten begründet?

Hans-Olaf Henkel: Das ist einer der Hauptgründe. Zu der Überzeugung bin ich jetzt gekommen. Das habe ich damals nicht gesehen. Einige, wie diese berühmten fünf Professoren, die vor dem Bundesverfassungsgericht geklagt haben, haben das ja vorausgesehen. Übrigens auch ca. 60 Ökonomen, die damals in großen Zeitungsanzeigen vor dem Euro warnten. In der Tat habe ich gelernt, dass eine Währung die Kultur von Ländern reflektieren muss – und nicht umgekehrt, sich unterschiedliche Kulturen nach einer Währung zu richten haben. Das ist in den kletzten Jahren die Hose gegangen und das wird auch in den nächsten Jahren nicht klappen.

Ich habe selbst 11 Jahre meines beruflichen Lebens in Frankreich zugebracht, habe dort sogar noch einen zweiten Wohnsitz. Ich bin dort sehr gern und mag Frankreich auch sehr. Aber ich bin zu dem Schluss gekommen, dass die Linie zwischen den Ländern, die einen Nord-Euro brauchen und denen, die den derzeitigen Euro weiter haben sollten, genau zwischen Deutschland und Frankreich verläuft. Dafür gibt es immer mehr Anzeichen, ich würde sogar sagen Beweise.

Natürlich habe ich auch keine Patentlösung. Diese griechische Tragödie wird so enden wie eine griechische Tragödie eben endet. Wir müssen nur sicherstellen, dass wir uns den am wenigsten brutalen Ausweg suchen. Ich meine ihn gefunden zu haben. Er führt dazu, dass die Südstaaten, einschließlich Spanien, Portugal aber auch Frankreich wieder wettbewerbsfähiger werden, durch die Abwertung des ihnen verbleibenden Euro, die ja mit dem Austritt der Nordländer verbunden wäre. Diese Länder wachsen kaum noch, die meisten schrumpfen sogar. Die Wirtschaftsleistung sinkt, die Zahl der Firmengründungen geht zurück, die Arbeitslosigkeit steigt, die Steuerbasis sinkt.

Und selbst nach einem Schuldenschnitt wäre die Verschuldung Griechenlands noch höher als sie zu Beginn der Krise war. Ohne eine Abwertung kommt man da nicht raus. Es hat über hundert Umschuldungen in der Geschichte gegeben, die bekanntesten waren in letzter Zeit die in Russland und Argentinien – aber immer nur verbunden mit einer Abwertung. Eine erfolgreiche Umschuldung ohne Abwertung hat es noch nicht gegeben. Durch den Austritt der Nordländer könnte in der Tat die Wirtschaft im Süden wieder in Gang kommen.

Der Nachteil für die vier Nord-Staaten liegt auch auf der Hand: Der „Nordeuro“, das ist natürlich nur ein Arbeitstitel, würde aufgewertet werden. Wir hätten wieder mit größeren Problemen im Export zu kämpfen. Das darf man aber nicht überbewerten, was immer gern gemacht wird, um diesen Vorschlag zu diskreditieren. Man redet dann immer von der Schweiz. Das ist völliger Quatsch, denn wir sind nun wirklich kein Währungsfluchtland, im Gegenteil, gerade die Deutschen legen vermehrt Geld in der Schweiz an. Und übrigens: Ein Teil der schweizerischen Probleme ist auch verursacht durch einen zu niedrigen Eurokurs in Österreich und Deutschland.

Hans-Olaf Henkel in seinem Berliner Büro der "Bank of America"

Ich will eher Schweden als Beispiel für die Entwicklung des „Nordeuro“ nennen. Das Land ist nicht in den Euroverbund eingetreten und wird dies nach dem jetzt zu besichtigenden Chaos auch nicht tun. Die Schweden verzeichnen ein weiterhin gutes Wirtschaftswachstum, die Inflation ist geringer als unsere, die Arbeitslosigkeit auch. Also Schweden ist ein Land, an dem man sich orientieren könnte.

Ich darf auch noch mal in Erinnerung rufen, dass wir zu DM-Zeiten 17 Währungs-Aufwertungen hatten, die wir alle verkraftet haben und dass gerade der Aufwertungsdruck für die deutsche Industrie ein wichtiges Druckmittel war, um immer effizienter und produktiver sein zu müssen, als die anderen. Die deutsche Exportwirtschaft macht sich das zurzeit recht einfach. Meiner Meinung nach führt das langfristig zu einer Verschlechterung der Wettbewerbsfähigkeit der Deutschen. Denn wir vermissen diesen Anreiz heute. Und schließlich sollte man noch mal daran erinnern, dass Deutschland nicht nur Export-Vize-Weltmeister ist, das waren wir übrigens auch schon zu DM-Zeiten, sondern wir sind mittlerweile auch ein Import-Vize-Weltmeister. 45 Prozent aller unserer Exporte haben wir vorher importiert. Diese Importe, zusammen mit der importierten Energie, würden erst einmal billiger. Das moderiet die Nachteile eines aufgewerteten „Nordeuero“ erheblich.

Citizen Times: Angenommen wir würden nun dieser Aufteilung folgen, in einen Süd- und einen Nord-Euro. Dann würde das aber auch voraussetzen, dass die Homogenität der Wirtschaften, also auch der Völker in der Nord-Zone und der Süd-Zone so hoch ist, dass dann eine gemeinsame Wirtschaftspolitik, die eine gemeinsame Währung letztlich erzwingt, möglich wird. Beispielsweise zwischen Frankreich und Griechenland…

Hans-Olaf Henkel: Sie haben völlig Recht. Das ist eine der Schwächen des Vorschlages. Den Vorschlag hätte ich ja auch vor zwölf Jahren nicht gemacht, wenn ich das gewusst hätte, was dann passiert ist. Vor zwölf Jahren hätte ich dann eher wohl gesagt, lasst uns alle bei der eigenen Währung bleiben. Aber wir sind nun mal in dieser Situation, und ich habe einen Vorschlag gemacht, der die Realität reflektiert und einen Ausweg ohne Chaos aufzeigt. Das Argument, was Sie anführen, gilt natürlich auch für den Norden. Da kann man aber sagen, wir haben das vor der Einführung des Euro schon längst durchexerziert, durch die jahrelang praktizierte feste Wechselkurs-Anbindung der Nordwährungen. Wenn man so will, war der Gulden immer die Mark und umgekehrt. Das hat hervorragend funktioniert.

Im Süden hat sich zunächst fast alles auf Griechenland fokussiert. Griechenland ist nicht in demselben Zustand wie Frankreich, aber aber es sind alles graduelle Unterschiede. Der Unterschied zwischen Griechenland und Portugal ist nicht so groß. Der Unterschied zwischen Portugal und Italien besteht fast gar nicht und der von Italien zu Frankreich auch nicht. Das stabilste Land im Süden ist nach meiner Überzeugung Spanien, das vor allem unter seiner Immobilienblase gelitten hat, die nur aufgrund der niedrigen Zinsen entstehen konnte, für die der Einheitseuro verantwortlich war. Ich halte Frankreich aber heute für heute nicht mehr wettbewerbsfähig. Das Triple-A-Rating werden sie sicher auch bald einbüßen.

Frankreich und die anderen Südländer sind etatistischer als wir. Und sie haben einiges gemeinsam, was nicht unwichtig ist: Erstens wollen sie keine unabhängige Zentralbank. Zweitens ist ihnen die Inflation nicht so wichtig, wie uns. Drittens sind sie seit Jahrzehnten regelmäßige Abwertungen gewöhnt. Sie brauchten diese auch, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Das galt über Jahrzehnete auch für Frankreich. Die haben sich zwar in den letzten Jahren vor Einführung des Euro nochmal sehr angestrengt, aber in dem Augenblick, in dem sie im Euro drin waren, ging die Schulden-Orgie wieder von vorn los. Übrigens besonders unter Sarkozy. Frankreich wird in diesem Jahr eine Neuverschuldung von fast sechs Prozent haben. Das dürfte fast vier Mal so viel sein wie in Deutschland. Und Frankreich will die Schuldenbremse nicht. Das haben die Sozialisten gerade bekannt gegeben. Das heißt, eine wichtige Voraussetzung, die Frau Merkel und Herr Westerwelle da immer versprechen, „keine Sorge, das wird jetzt eine Stabilitätsunion, jeder kriegt eine Schuldenbremse“, ist schon mal gar nicht gegeben.

Alle Südländer wollen auch den Euro-Bond. Damit könnten Sie mehr oder weniger unbegrenzt Schulden machen und ihren Euro retten. Hätten wir den jetzt schon im gesamten Euroraum, wäre Ruhe im Karton. Dann hätten wir zwar andere Probleme, aber der Euro wäre gerettet. Nur Europa wäre langsam kaputt.

Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch politische Gründe, die für zwei getrennte Währungsunionen sprechen: Sarkozy und Chirac haben immer mit einer Mittelmeer-Union, mit Frankreich innerhalb oder assoziiert, geliebäugelt. Die beiden haben etliche Veranstaltungen mit Mittelmeerländern geleitet und wollten den Rest der EU immer mit hinein ziehen. Be my guest. Da jetzt auch einige nordafrikanische und arabische Staaten am Mittelmeer demokratisch werden, wäre Frankreich die ideale Führungsnation, um diese Länder näher an die EU heranzuführen.

Und noch etwas: Wir hätten zwei Zentralbanken, die den Wechselkurs kontrollieren könnten. Genauso wie das die Schweiz jetzt mit dem Euro macht. Einen Übergang von der einen in die andere Zone sollte dann auch möglich sein, eine flexible membership. Das erste Land, das aus dem Südeuro in den Nordeuro einsteigen könnte, wäre Irland. Paradoxerweise würde der Vorschlag also nicht dazu führen, dass wir mehr, sondern weniger Währungen in der EU hätten. Denn sofort wären Schweden, Dänemark, Polen und Tschechien beim Nordeuro dabei, Länder, die heute auf gar keinen Fall in den Euro einsteigen würden. Ich will auch ganz langfristig gar nicht ausschließen, dass irgendwann mal diese beiden Zonen wieder zusammenwachsen können.

Citizen Times: Worin soll dann aus langfristiger Sicht der Vorteil eines doppelten Währungsunionskonstrukts liegen gegenüber einer Wechselkursunion, wie sie im Prinzip vor der Einführung des Euro mit dem ECU bestanden hat?

Hans-Olaf Henkel: Gute Frage. Man könnte natürlich auch sagen, Plan D: Jeder geht zu seiner eigenen Währung zurück. Das habe ich mich nicht getraut. Das hat auch mehr taktische Gründe, um ganz offen zu sein. Außerdem glaube ich tatsächlich, dass es eigentlich keinen Grund gibt, die vier Nordstaaten voneinander zu lösen, weil sie auch vorher schon zusammen waren. Es hat sich also nicht viel verändert.

Ich weiß, es ist jetzt noch politisch inkorrekt, dies zu fordern. Aber ich habe meine Prognose, Diagnose und Therapie für den Euro-Patienten schon vor 15 Monaten verschrieben. Am Anfang wurde mit aller Macht versucht, diese Idee zu ignorieren. Aber mit zunehmender Verstetigung der Eurokrise stieß mein Vorschlag auf immer mehr Interesse, vor allem im Ausland. Vor allem deutsche Wirtschaftsjournalisten haben versucht, ihn erst lächterlich zu machen und dann zu bekämpfen mit Totschlagargumenten wie: „Deutschland profitiert am meisten vom Euro.“ Dabei ist unsere Abhängigkeit von den Exporten in die Eurozone seit der Einführung des Euro gesunken ist. Und dann kam das Totschlagargument mit dem Krieg, der droht, wenn der Einheitseuro aufgegeben wird. Das kommt, weil auf alle ökonomischen Argumente, die ich vorgebracht habe, nichts mehr entgegnet werden kann. Wir sind auch mit den Nichteuroländern Polen und England nicht im Krieg.

Was ich also sagen will, die politische Korrektheit erlaubt immer noch nicht, über Alternativen zum Einheits-Euro zu reden. Zum ersten Mal rührt sich jetzt was, seitdem Papandreou Sarkozy und Merkel eine lange Nase gemacht hat. Jetzt darf auch mal ein Politiker sagen, „die müssen raus.“ Als es der gute Herr Rösler kürzlich wagte, von einer geordneten Insolvenz Griechenlands zu sprechen, wurde er zur Sau gemacht, und das ist keine acht Wochen her. Jetzt darf man endlich mal über den Austritt Griechenlands reden. Ich sage trotzdem, das ist zu gefährlich. Man darf aber immer noch nicht über meinen Vorschlag reden. Sonst kommt Jürgen Trittin und nennt Sie einen „D-Mark-Chauvinisten“. Das hat er ja zu mir gesagt, obwohl ich gar nicht für die Wiedereinführung der D-Mark, sondern für eine Änderung des Eurosystems bin.

Citizen Times: Liegt das daran, dass der Euro letztendlich der Hebel zur politischen Union Europas sein sollte?

Hans-Olaf Henkel: Das ist richtig. Ich habe heute einen offenen Brief an die FDP-Mitglieder geschrieben, um sie im Sinne von Frank Schäfflers Initiative aufzuklären. Und ich rechne in diesem Brief auch mal mit der Euro-Rhetorik ab. Denn es liegt doch auf der Hand: Der Euro entwickelt sich zu einem Spaltpilz. Ich war jetzt sechs Tage in Griechenland, um mir das mal anzusehen. Ich kann Ihnen nur sagen: Die Europäische Union misst ja immer die Beliebtheit der jeweiligen 27 Mitgliedsländer. Wir waren vor der Eurokrise das beliebteste Land in Griechenland. Heute sind wir das am meisten verhasste. Und diese Entwicklungen können sie überall sehen. Es tut sich ein Spalt auf innerhalb der Mitgliedsländer, zwischen den Geber- und Nehmerländern. Das ist offensichtlich.

Frau Merkel und Frau Sarkozy versuchen das immer anders darzustellen, indem sie öffentlich zusammenrücken. Aber im Gegensatz zu dem, was die deutsche Presse berichtet, hat Frau Merkel Herrn Sarkozy nur nachgegeben. Das wird zwar noch unter der Decke gehalten. Aber jetzt schon über die Wiedereinführung der Mark zu reden, das wäre mir dann doch zu riskant gewesen…

Lesen Sie Teil 2 des CT-Interviews mit Hans-Olaf Henkel zur FDP-Mitgliederbefragung durch den Eurorebellen Frank Schäffler und die Chancen für die Gründung einer „Henkel-Partei“.

Leider etwas verschwommen: Hans-Olaf Henkel mit den Citizen Times Autoren Ehssan Khazaeli (links) und Felix Strüning (rechts) im Berliner Büro des Ex-BDI-Chefs

8 Comments »

  1. ähem 8. November 2011 at 12:30 - Reply

    Die Rechtschreibung, der Satzbau und einzelne fehl platzierte Worte machen diesen Artikel zu einen zweifelhaften Genuss.

  2. the_critical 8. November 2011 at 16:58 - Reply

    Klasse! Ich bin gespannt auf Teil 2. Kann man den offenen Brief noch verlinken?

  3. T. Elzer 8. November 2011 at 17:01 - Reply

    Klasse Interview! Jungs, lest noch einaml den Text auf Fehler durch!

  4. Thomas D. 8. November 2011 at 20:50 - Reply

    Ein gelungenes Interview zu einem wichtigen Zeitpunkt.
    Bitte mehr bewerben, damit noch mehr Menschen davon erfahren.
    Hoffentlich bemerken die Menschen die mediale Manipulation bald, damit auch wir endlich frei unserem gemeinschaftlichen Willen Ausdruck verschaffen koennen. Wir wollen alle volkswirtschaftlichen wichtigen Entscheidungen mit entscheiden! Raus aus dem Euro, oder raus mit den Laendern die sich die Euro-Mitgliedschaft mit gefaelschten Bilanzen erschlichen haben. Herzliche Gruesse, Thomas D. Aus Berlin

  5. Thomas Jung 10. November 2011 at 01:41 - Reply

    Ein gutes Interview!

    Es kommt Bewegung in die von Henkel vorgeschlagene Aufteilung der Eurozonen. Deutschland und Frankreich diskutieren auf vertraulicher Ebene eine radikale Reform der Europäischen Union. Die Euro-Zone soll verkleinert werden und sich auf Länder beschränken, die besser angeglichen sind. „Eine
    oder mehrere Länder müssen die Euro-Zone verlassen“.

    Van Rompuy unser Orwellscher Big brother plädiert im Unterschied dazu natürlich für den Erhalt der Euro-Zone.

    http://www.reuters.com/article/2011/11/09/us-eurozone-future-sarkozy-idUSTRE7A85VV20111109

  6. R.E. Lee 10. November 2011 at 22:55 - Reply

    Die Aussagen von Herrn Henkel überzeugen mich nicht. Er propagiert die Aufteilung der Euro-Zone in einen Nord- und in einen Südeuro, was ökonomisch wenig sinnvoll ist. Gleichzeitig räumt er ein, dass er sich nicht getraut habe, die Rückkehr zur D-Mark zu fordern, weil er nicht als „böser Rechter“ gescholten werden wollte. In Teil 2 des Interviews gibt er sich dann plötzlich mutig und meint, dass er eine neue „Henkel-Partei“, sollte die denn kommen, von Grünen und Linken nicht in die rechte Ecke drängen lassen werde. Das klingt wenig schlüssig. Aber die Henkel-Partei dürfte ohnehin eine Schimäre bleiben.

  7. KingBalance 12. März 2012 at 20:52 - Reply

    Wenn der Wind der Veränderung weht, setzen die Mutigen Segel, die Ängstlichen aber verankern ihre Häuser. -Chinesisches Sprichwort

    Es ist die Angst die dieses irrationale Handeln der Politiker zu höchster Blüte treibt. Wer soll den den ungeBILDeten deutschen Michel sagen das seine Ersparnisse längst weg sind?

    “Sonderbar, dass es den Wölfen immer wieder gelingt, die Welt von der Gefährlichkeit der Schafe zu überzeugen. ” – Austin O’Malley

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