Auf der Suche nach Sarrazins Spuren

8. November 2011 0

Ein Abend mit Hamed Abdel-Samad, Lale Akgün, Haci-Halil Uslucan und Heinz Buschkowsky

Thilo Sarrazin bei der Veröffentlichung seines Buches vor einem Jahr (Bild: Richard Hebstreit, Quelle: Wikipedia)

Um den Ex-Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin ist es ein Jahr nach seiner Buchveröffentlichung ruhiger geworden. Der ehemalige Berliner Finanzsenator hatte mit seinem Buch Deutschland schafft sich ab eine teils sehr emotional geführte Debatte angestoßen. Und auch heute beschäftigt sie Journalisten, Wissenschaftler und die übrige Gesellschaft weiter. So zuletzt bei der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) mit der Veranstaltung We love to integrate you – Wo stehen wir nach Sarrazin?

Der Wissenschaftler und Buchautor Hamed Abdel-Samad hat es sich auf dem Podium gemütlich gemacht. Seine Blicke wandern durch das Publikum, in dem junge Schüler einer Spandauer Gesamtschule sitzen. Das Thema passte gerade in den Geschichtsunterricht, wo sich die Klasse mit den unterschiedlichen historischen Migrationswellen beschäftigt. Eine Reihe hinter Ihnen sitzt Heinz Buschkowsky, Bezirksbürgermeister in Berlin-Neukölln. Er wird die Debatte die erste Stunde begleiten. Neben Hamed Abdel-Samad sitzen Lale Akgün, Buchautorin und sozialdemokratische Politikerin sowie der Psychologe Haci-Halil Uslucan, der seit 2010 das nicht ganz unumstrittene Zentrum für Türkeistudien leitet.

Stefan Rupp, seines Zeichens Moderator bei Radio Eins, stellt den drei Wissenschaftlern die Frage, ob Thilo Sarrazin gedankt werden sollte. Anfangs dachte er sich das schon, gibt Hamed Abdel-Samad zu. Später aber habe er erkannt, dass sich die unterschiedlichen Lager in der Debatte immer weiter anfeindeten. Er habe gehofft, dass die Debatte nicht so emotional geführt werden würde. Auf der einen Seite standen beleidigte und gekränkte Migranten, auf der anderen Seite eine Gesellschaft, die mit dem Gedanken „endlich sagt es mal einer“ identifizierte. Beide Lager stünden sich in dieser Debatte isoliert gegenüber, ein Austausch würde kaum stattfinden. Muslime sollten sich aber nicht in eine Opferrolle drängen oder gar drängen lassen, fordert der junge Politikwissenschaftler. Sein Gefühl sage ihm aber glücklicher Weise, dass die meisten Muslime sich auch nicht als Opfer dieser Debatte sehen.

Lale Akgün hat zuletzt ein Buch mit dem Titel Aufstand der Kopftuchmädchen: Deutsche Musliminnen wehren sich gegen Islamismus. Sie verwundert der Erfolg von Deutschland schafft sich ab nicht. Es sei bekannt, dass 15 Prozent der Deutschen rassistische Vorurteile pflegten. Und genau diese Gruppe hätte sich das Buch gekauft – nicht etwa um es zu lesen, sondern aus Solidarität mit Sarrazins Gedanken. Dem messe sie aber keine weitere Bedeutung zu, wie sie sagt.

Haci-Halil Uslucan will keine wesentlichen Veränderungen in der Debatte festgestellt haben. Thilo Sarrazins Buch sei zwar auf einem guten akademischen Niveau geschrieben, es würde allerdings nicht weiter helfen. Uslucan wirf Sarrazin vor, er habe in seinem Buch Probleme individualisiert, aber nicht die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen untersucht.

Im Raum wir das Licht gedimmt. Die Veranstalter blenden einen Film der „Junge DT“ ein, einer Gruppe junger Menschen, die sich über Kunst und Theater austauschen. Sie bezeichnen sich selbst als interkulturell. 16 junge Menschen haben die Debatte um Thilo Sarrazin und seine Feststellungen in einem Theater-Stück verarbeitet. Man wolle zeigen, „wie widersprüchlich Sarrazin“ sei, sagt das Mädchen in dem Film. Das Theater-Stück setzt sich mit der „Sarrazin-Problematik“ auseinander, sagt ein anderer junger Mann.

Dass die Integration eine Bringschuld ist, wie es Sarrazin formuliert, möchte Lale Akgün anschließend so nicht verstanden wissen. Vielmehr sei für sie Integration ein auf Wechselwirkungen aufgebauter Prozess, der niemals enden wird. Der Psychologe Haci-Halil Uslucan verweist auf eine differenzierende Betrachtungsweise, die er für geboten hält: Viele Türken mögen in Deutschland selbstständig sein, beruflich also gut integriert; sozial haben sie jedoch kaum Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft.

Der viel herumgekommene Hamed Abdel-Samad wiederum macht unterschiedliche gesellschaftliche Vorstellungen verantwortlich: In Amerika hätte die Gesellschaft vielmehr die Zukunft im Blick, statt sich an der Vergangenheit festzuhalten. Ein Beispiel dafür seien in Deutschland Altbau-Wohnungen, jeder würde sich darum reißen. Er selber hasse Altbau-Wohnungen, dort würde es überall nach Schimmel riechen. In Amerika sei der Mut zu gesellschaftlichen Experimenten weiter ausgeprägt, als in Deutschland. Dennoch, schränkt er seine Aussagen ein, würde ein Vergleich zwischen den in Europa lebenden Migranten und jenen in Amerika nicht zielführend sein. In Amerika setzten sich die Migranten meist aus dem heimischen Bildungsbürgertum zusammen, wohingegen die hier lebenden muslimischen Zuwanderer stark unter Bildungsarmut leiden würden. Auch macht Abdel-Samad das hiesige Schulsystem für das Scheitern junger Migranten mitverantwortlich. Es sei auf ein Zusammenspiel von Schule und Elternhaus ausgerichtet. Bildungsferne Eltern könnten aber nachmittags nicht bei den Hausaufgaben helfen. Die Gesellschaft müsste sich entscheiden, ob sie den Weg in eine moderne Gesellschaft findet oder an den Ängsten vor der Globalisierung scheitert, schließt Abdel-Samad seine Ausführungen ab.

Lale Akgün widerspricht und sorgt für den ersten Lacher des Abends: Aufgrund der demografischen Entwicklung werde es in Zukunft immer mehr Altbauwohnungen geben. Sie kritisiert, dass es kein ausgeprägtes „Wir-Gefühl“ in der Gesellschaft gäbe, das alle Gruppen miteinander verbände und woran man sich orientieren könne. Schon dass in Deutschland geborene Kinder kein Deutsch können, könne nicht angehen. Das „Deutsch-Sein“ sei lediglich auf die Zeit der Fußball-Weltmeisterschaft beschränkt.

Dass die große Masse zwischen den Extrempunkten der Gesellschaft vergessen wird, beklagt daraufhin Hamed Abdel-Samad. Der 39-jährige Buchautor vertraut auf die Entwicklung der Gesellschaft und darauf, dass sich Teile der Gesellschaft nicht gegeneinander ausspielen lassen. Er verweist auf Eltern der Migranten-Unterschicht, die nicht Teil dieser Gesellschaft werden wollen, sondern „geistige Mauern um ihre Kinder“ bauen würden, um ihnen die Integration zu erschweren oder sie gar zu verhindern. Andererseits erinnert er auch an elitäre deutsche Eltern, die ihre Kinder auf evangelischen oder katholischen Schulen anmelden würden, damit diese nicht mit den Problemen dieser Gesellschaft in Kontakt kämen. Dazwischen befände sich die schweigende Mitte, die „lebt und leben lässt“.

Währenddessen hat sich der 46-jährige Haci-Halil Uslucan einige Notizen gemacht. Fehlentwicklungen müssten in den Griff bekommen werden, fordert er nachdrücklich. Darüber hinaus würde Thilo Sarrazin in seinen Betrachtungen die neuesten Entwicklungen nicht wahrnehmen. So würde die Geburtenrate der hier lebenden muslimischen Bevölkerung weiter zurückgehen. Dass sie trotzdem fast doppelt so hoch ist, wie die der einheimischen Bevölkerung, sagt er nicht. Auch die tatsächliche Zahl von wirklichen Integrationsverweigerern sei gerade einmal mit nur zwei Prozent zu bezeichnen, behauptet Uslucan.

Der Moderator unterbricht die Diskussion, die mittlerweile fast eine Stunde anhält, um Heinz Buschkowsky um eine Einschätzung zu bitten. Er sei zwar nur Zuschauer heute Abend, sagt der, aber die Podiumsdiskussion empfinde er als „Verniedlichung der Realitäten.“ Zumindest würden sich die Zahlen und Erfahrungen nicht mit den Erlebnisberichten Neuköllner Lehrer decken. „Die Realitäten sehen doch anders aus“, sagt Heinz Buschkowsky und bittet den Moderator freundlich darum, wieder an Podium zu gehen.

Die Theatergruppe führt ein Stück vor, in dem ein familiärer Konflikt zwischen einer türkischstämmigen Mutter und ihrer Tochter dargestellt wird, die unbedingt mit einem deutschen Jungen zusammen sein möchte, aber nicht darf. Ein junger Mann der Gruppe nimmt die Rolle der elitären deutschen Gesellschaft ein, die „das Buch gelesen haben, in dem all ihr Wissen steckt“, das sie nun dazu treibt von den anderen Integration zu fordern. Die Migranten bezeichnet er dabei als „die Affen“, die aus ihren Bezirken ausziehen und in die Wälder vor der Stadt ziehen sollen. Ja, das Theaterstück erinnert schon ein wenig an den Film Planet der Affen. Immer wieder spielen auch Originalzitate von Thilo Sarrazin eine wesentliche Rolle, die in polemischer Weise fortgeführt werden. Was würde es noch interessieren, wie stark der Spiegel der Nordsee steigt, oder der Klimawandel, wenn sich Deutschland demografisch gesehen ohnehin abschafft? Ein junger Mann erzählt daraufhin in einem Ein-Mann-Stück von Gewalterfahrungen, die er in der U-Bahn gemacht hat. Hamed Abdel-Samad kommentiert nach der kurzen Einlage, er habe jetzt vieles besser verstanden.

Auf der Friedrichstraße steht jetzt Heinz Buschkowsky, wartet auf seinen Fahrer. Die Realitäten würden sich doch anders darstellen, als es die drei Wissenschaftler dort oben widergeben, sagt er gegenüber Citizen Times. Es könne nicht angehen, dass die Parallelgesellschaften geleugnet werden. Die drei würden doch auch Problembezirke kennen. Das Theaterstück sei viel realistischer gewesen, als das was die drei Wissenschaftler sagten. Diese hätten sich längst aus dem Alltag verabschiedet, meint Buschkowsky. Dann steigt er in die schwere BMW-Limousine ein und rauscht in Richtung Buckow.

Später verteidigt Hamed Abdel-Samad im Gespräch mit dem Citizen Times Reporter seine Aussage: Es würde zwar keine Parallelgesellschaften geben, aber asymmetrische Gesellschaften:

„Parallelgesellschaften laufen in dieselbe Richtung. Sie wollen am Ende auch dasselbe Ziel. Es gibt überall auf der Welt Parallelgesellschaften, wie in Kanada und Amerika. Sie leben aber wunderbar nebeneinander. Sie laufen in die gleiche Richtung und treffen sich vielleicht irgendwo. Asymmetrische Gesellschaften leben für sich, sie wollen woanders hin. Sie treffen sich gar nicht. Das sind aber Minderheiten.“

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