Frühling, Sommer, Herbst

4. November 2011 4

Frank-Furter Schnauze: Arabellion im Namen Allahs

Was wurde alles geschrieben, in deutschen Medien? Über den aufkeimenden Wunsch nach Freiheit und Demokratie in Ägypten, Tunesien und Syrien? Über die Facebook-Generation auf den Straßen von Kairo, Tunis und Damaskus? Über den arabischen Frühling als Siegeszug eines orientalischen Liberalismus über die bösen, vom egoistischen Westen installierten Machthaber und Diktatoren?

Längst ist aus dem arabischen Frühling ein islamistischer Herbst geworden. Und nirgends ist dies deutlicher als in Ägypten. Denn dort gibt es eine ohnehin seit Jahrzehnten unterdrückte Minderheit, deren Lage sich nun noch einmal drastisch verschlechtert hat: die koptischen Christen. Im Grunde sind sie ein Relikt aus einer lange vergessenen Zeit, als Ägypten noch christlich geprägt war. Bevor es von den Anhängern Mohammeds erobert, kolonialisiert und islamisiert wurde.

Die Lage der Kopten taugt hervorragend als Gradmesser dafür, wie stark und wie extremistisch der Islam zu einer jeweiligen Zeit in Ägypten, gar in ganz Nordafrika ausgeprägt war und ist. Noch vor wenigen Jahrzehnten war Ägypten zwar kein freier, demokratischer Rechtsstaat, aber doch eine relativ freie, tolerante Gesellschaft. Menschen, die zu jener Zeit als Touristen das mit Denkmälern der Weltgeschichte überzogene Land besuchten, erzählen von unverhüllten Schönheiten auf den Straßen Kairos und Alexandrias, von Weltoffenheit und Gastfreundschaft und vom überwiegend friedlichen Miteinander der verschiedenen Religionen im Land am Nil. Doch mit der steigenden Anzahl verschleierter Frauen wuchsen die Konflikte, mit dem Erstarken des Islam in allen gesellschaftlichen Bereichen verschlechterte sich die Lage der Kopten im Land. Und mit dem arabischen Frühling brach all das aus, was sich seit Jahren in Ägypten aufgestaut hat und unter Mubarraks Herrschaft zumindest teilweise im Zaum gehalten wurde.

Freilich war auch dem ehemaligen Diktator nie wirklich am Wohl der Kopten gelegen. In einem genauso umfangreichen wie erschütternden Artikel in der Zeit wird gar darauf verwiesen, dass der ägytische Geheimdienst nach neuesten Erkenntnissen für mehrere Anschlägen auf koptische Einrichtungen verantwortlich war. Dies geht aus Unterlagen hervor, die nach dem Sturz des Mubarrak-Regimes öffentlich wurden. Auch das Bauen neuer Kirchen oder das Erlangen höherer Positionen war schon in der Vergangenheit für all jene, die zu den acht Millionen Kopten im Land zählen, schwer bis unmöglich. Doch nun, seit der Militärrat das Sagen hat, dürften sich viele von ihnen gar die schwierigen Verhältnisse unter Mubarrak zurück wünschen.

„Egal ob in der Universität oder auf der Arbeit, ich fühle mich hier als Bürger zweiter Klasse“, wird der 29-jährige Tamer Refaat Salama in dem Zeit-Bericht zitiert. Wie viele andere Kopten will auch er das Land verlassen. 100.000 von ihnen sollen bereits geflüchtet sein. Denn zu der ständigen Diskriminierung kommt längst die Angst ums nackte Überleben. Die Kopten in Ägypten sind, so scheint es, quasi zum Abschuss frei gegeben.

„Vor der Revolution wurden Christen nur indirekt diskriminiert, seit der Revolution greifen Salafisten und Muslimbrüder Christen offen und direkt an“, beschreibt Naguib Gobraiel, Leiter der Egyptian Union for Human Rights die gegenwärtige Situation. Und der Militärrat duldet diese Zustände nicht nur, er fördert sie mutmaßlich gar noch, da die zunehmende Radikalisierung der ägyptischen Bevölkerung seinem Machterhalt zu Gute kommt. Dass die Schuldigen nicht vor Gericht gestellt würden, ermutige gar noch die Angreifer, heißt es in dem Artikel weiter. Und „während Aktivisten und Blogger fast täglich im Schnellverfahren verhört und inhaftiert werden, haben Extremisten freie Hand.“

In naher Zukunft sollen in Ägypten die ersten freien Wahlen stattfinden. Wie in Tunesien ist auch am Nil davon auszugehen, dass sich die Islamisten durchsetzen werden. Schon in wenigen Jahren könnte sich bewahrheiten, was noch vor einigen Monaten in deutschen Medien als islamophobe Schwarzmalerei gebrandmarkt wurde, wenn man es denn überhaupt jemand veröffentlichte: nämlich, dass die Arabellion mitnichten zu mehr Demokratie und Freiheit in Nordafrika führt, sondern im Gegenteil, zu mehr Unterdrückung, zu mehr Konflikten, zu mehr Intolleranz.

Für religiöse Minderheiten wie die ägyptischen Kopten wäre eine solche Entwicklung freilich dem Weg vom Regen in die Traufe gleich. Schlimmer noch, ein Blick in den Iran offenbart, was der Welt im Norden Afrikas mittelfristig blühen könnte, sollten die nun eingeführten demokratischen Strukturen radikal-islamischen Gruppierungen den lang-ersehnten Weg an die Macht ebnen.

Geradezu naiv, mitunter sogar verwerflich ist derweil, wie in deutschen Medien über diese gefährliche Entwicklung berichtet, beziehungsweise überwiegend nicht-berichtet wird. Faktisch wiederholt sich so die Geschichte, und zwar auf tragische Weise: der Westen, heißt es allenthalben (und nur zu geringem Teil wahrheitsgemäß) sei wesentlich daran schuld, dass Machthaber wie Mubarak jahrzehntelang ihre Länder beherrschen und unterdrücken konnten. Denn die Staaten Europas und die USA hätten, so die vielfach verbreitete Sichtweise der hiesigen Linken, in den arabischen Schergen willfährige Diener westlicher Interessen gesehen. Tatsächlich drückt nun gerade die hiesige Linke krampfhaft beide Augen zu, während in Nordafrika neue, islamische Schergen schleichend die Macht übernehmen. Und während die Greueltaten – insbesondere in Ägypten – noch viel schlimmer sind als zuvor, wird hierzulande ein geradezu blumiges Bild von den vermeintlichen Freiheitskämpfern des arabischen Frühlings gezeichnet.

So sind auch diese neuen, islamischen Schergen im Grunde nichts anderes als willfährige Diener des Westens, namentlich seiner Linken, die sich eher in Selbstlüge flüchtet, als auch nur den Hauch einer kritischen Debatte über die Gefahr des politischen Islam zu führen. Genau das wäre aber das Gebot der Stunde. Denn nun, im arabischen Herbst, zeigt sich spätestens, welch geopolitische Brisanz in der dortigen Entwicklung steckt. Es zeigt sich, dass die teils üblen Zustände, die in den Ländern Nordafrikas jahrzehntelang herrschten, längst nicht nur von Diktatoren inszeniert, sondern in weiten Teilen gesellschaftlich implementiert sind. Und es zeigt sich, dass auch die aktuelle, moralisch so unglaublich edle, tolerante und einfühlsame Politik der westlichen Linken realpolitisch zu keinem besseren Ergebnis führt, als das eher auf Eigeninteressen ausgerichtete Verhalten westlicher Politiker vor Jahrzehnten.

Demokratie und Freiheit können in einer Gesellschaft nicht entstehen, wenn extremistische Strömungen (gleich welcher Couleur!) flächendeckend verbreitet sind. Hier ist anzusetzen, will man den Menschen in Nordafrika, Christen wie Muslimen, dauerhaft den Weg in friedliche, freie Gesellschaften eröffnen. Gegenwärtig geschieht jedoch das Gegenteil: der politische Islam, dem ein gehöriges Maß an Extremismus innewohnt, wird geradezu verniedlicht und hofiert.

Gut möglich also, dass hierzulande in einigen Jahren eine neue Generation den heuer Mächtigen rückwirkend dasselbe vorwerfen wird, was die heutige Linke dem gestrigen Westen vorwirft: nämlich aus purem Eigeninteresse wesentlich dazu beigetragen zu haben, dass in nordafrikanischen Ländern auch weiterhin nicht Toleranz und Demokratie, sondern Tyrannei und Unterdrückung herrschen. Nur halt in einem neuen, vielleicht noch schlimmeren Gewande.

 

Weitere Artikel zum Thema:

Ägyptischer Geistlicher verflucht koptische Christen

Die arabische Revolution und der Islamismus

 

4 Comments »

  1. T. Elzer 4. November 2011 at 20:40 - Reply

    Schreibt es sich nicht „Brisanz“ und „Couleur“?
    Ansonsten volle Zustimmung. Danke.

  2. Marco Pino 4. November 2011 at 20:58 - Reply

    Ja, Sie haben Recht! Vielen Dank für den Hinweis, habe es gleich geändert! Grüsse!

  3. Boy 4. November 2011 at 22:08 - Reply

    jo, stimmt: der islam überrennt alles wenn er nur freie Hand hat, auch hier in Europa eines Tages, wenn deren Anhänger durch natürliche Geburtenfolge und politische Infiltranz stärker geworden sind.

  4. Ursula Stern 6. November 2011 at 15:41 - Reply

    Zunächst Danke für den obigen Kommentar.
    Vor diesem Hintergrund wurde in den Kopp Nachrichten mitgeteilt, dass die Brüsseler-EU eine Gesetzesänderung vornimmt:
    Das Gesetz zur Terroismus soll geändert werden.
    Öffentlich geäußerte Kritik an der deutschen Bundesregierung macht Bürger künftig zu Terrorverdächtigen, die jederzeit insgeheim „legal“ überwacht werden dürfen. Wer Menschen gegen die Regierung “ aufstachelt“, der ist künftig in Deutschland ein Terrorverdächtiger.
    Unter dem Briff des „Aufstachelns“ werden im Gegensatz zu bisher künftig auch friedliche Protestaktionen erfasst und in die Nähe des „Terrorismus“ gedrückt; selbst das bloße Befürworten von Aktionen,Sitzblockaden und kritische journalistische Kommentare mit einer unterstellten „einschlägig geistigen Wirkung“ werden von diesem Regierungsentwurf erfasst.
    von dr.sander
    Ich frage mich, wie weit will unsere Polikaste noch gehen, diesem linkslastig gesteuerten Erdrutsch noch mehr zu beschleunigen in dem sämtliche Staaten Europas ihrer Nationallität beraubt, ihre Witschaft, der Finanzhoheit und eigenständiger Gesetzesentscheidungen unter der Lawine der EU- Diktatur begraben wird?

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