Bevölkerungswachstum in den USA – den Minderheiten sei Dank

28. Oktober 2011 0

Was die ersten Ergebnisse des Zensus 2010 über die Bevölkerung der Vereinigten Staaten aussagen

Seit 1790 führt die amerikanische Regierung alle zehn Jahre einen Zensus durch, letztes Jahr zum 23. Mal in der Geschichte. Obwohl der Zensus nur zehn Fragen umfasste, bringt er zahlreiche Erkenntnisse über die Bevölkerungsdynamik während des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends ans Licht.

Vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

Wie jedes Jahrzehnt ist die amerikanische Bevölkerung gewachsen. Im Jahr 2010 wohnten 308,7 Millionen Menschen in den USA und damit 27,3 Millionen mehr als 2000. Hauptverantwortlich für das Wachstum war die hispanische Bevölkerung. Der Zensus bestätigt damit die zahlenmäßig wachsende Bedeutung der Minderheiten in den USA. In Zukunft könnten alle Minderheiten zusammen mehr Menschen stellen als die weiße, nicht-hispanische Bevölkerungsmehrheit.

Wachstum vor allem im Süden und im Westen

Die amerikanische Bevölkerung wuchs von 281,4 Millionen auf 308,7 Millionen, das ist eine Steigerung von 9,7 Prozent. Obwohl dies das drittgrößte Wachstum in der Geschichte war, lag das Tempo der Bevölkerungszunahme niedriger als in den 1990er Jahren. Dennoch wuchsen die USA im genannten Zeitraum deutlich schneller als etwa Europa, wo die Bevölkerung lediglich um 1,6 Prozent zunahm. Langfristig wird Europas Bevölkerung schrumpfen, wohingegen die US-amerikanische Bevölkerung laut Berechnungen bis 2050 wachsen dürfte.

Die Bevölkerung in den USA wächst schneller als in Europa
Prozentuale Bevölkerungsveränderung in den USA, Frankreich, Großbritannien, Deutschland und Europa, 2000 bis 2010

Die Bevölkerung der USA wuchs zwischen 2000 und 2010 um 9,7 Prozent, jene in Europa dagegen lediglich um 1,6 Prozent. Auch in Zukunft werden sich die transatlantischen Partner demografisch auseinander entwickeln. Denn Europa dürfte die erste Weltregion werden, in der die Bevölkerung im Zusammenhang mit einem Rückgang der Fertilitätsrate abnehmen wird. In Deutschland ist dies bereits heute zu beobachten. (Datengrundlage: US Census Bureau, Population Reference Bureau)

Das Bevölkerungswachstum der USA variiert regional stark. So sind der Süden und der Westen deutlich mehr gewachsen als der Nordosten und der Mittlere Westen. Erstere legten jeweils um etwa 14 Prozent zu, dreimal mehr als der Nordosten und der Mittlere Westen. Der Süden ist immer noch die bevölkerungsreichste Region der USA, den zweiten Platz nimmt inzwischen allerdings der Westen ein, der den Mittleren Westen überholte.

Regionale Verschiebungen entstanden auch durch Wanderungen. Zwar war die Mobilitätsziffer der USA, also die Häufigkeit von inter-regionalen Wohnortswechseln, die kleinste in den letzten sechzig Jahren. Doch wanderten Menschen vor allem aus besonders von der Wirtschaftskrise betroffenen Gegenden ab. Der Bundesstaat Michigan etwa hatte die höchste Arbeitslosenrate des Landes und verlor zwischen 2000 und 2010 dreimal so viele Menschen durch Abwanderung, wie er durch Einwanderung erhielt. Er verzeichnete auch als einziger der 50 US-amerikanischen Bundesstaaten einen Bevölkerungsrückgang im Vergleich zum letzten Zensus – die seit Jahren vom Strukturwandel gebeutelte Stadt Detroit verlor gar ein Viertel ihrer Bewohner.

Regionale Verschiebungen
Prozentuale Bevölkerungsveränderung in den US-Bundesstaaten, 2000 bis 2010

Zwischen 2000 und 2010 verzeichneten 49 der 50 US-Bundestaaten ein Bevölkerungswachstum – einzig das an den Großen Seen gelegene Michigan verlor Einwohner. Das Wachstum lag im Süden und im Westen allerdings deutlich höher als im Mittleren Westen und im Nordosten. Inzwischen wohnen drei von fünf Amerikanern im Süden oder im Westen. (Datengrundlage: Population Reference Bureau 2011)

Trotz des Wachstums altert die Bevölkerung der Vereinigten Staaten. Im Jahr 2010 waren 74,2 Millionen Amerikaner unter 18 Jahre alt, was einem Anteil von 24 Prozent der Bevölkerung entsprach und einen historischen Tiefstand darstellte. Das Medianalter der Bevölkerung kletterte von 35,3 auf 37,2 Jahre – das höchste in der Geschichte. Die Alterung der Gesellschaft zeigt sich auch daran, dass die Gruppe der 45- bis 64-Jährigen zwischen 2000 und 2010 um 31,5 Prozent wuchs, während die18- bis 44-Jährigen lediglich um 0,6 Prozent zulegten. Der Anteil der älteren Menschen wird auch in Zukunft wachsen, weil die sogenannte Babyboomer Generation langsam auf das Rentenalter zusteuert. Diese Situation in den USA ist ähnlich wie in Europa, wenn auch weniger ausgeprägt.

Auf dem Weg zur „majority-minority“

Die USA haben seit jeher eine ethnisch gemischte Bevölkerung. Vor allem die sogenannten Hispanics, Latinos und Spanier stellen einen beträchtlichen Anteil an der der Gesamtbevölkerung. Der Tatsache ob jemand hispanischer oder nicht-hispanischer Herkunft ist, ist im Zensus eine ganze Frage gewidmet. Als Hispanics, Latinos oder Spanier gelten alle Menschen, die kubanischer, puerto-ricanischer, süd- oder zentralamerikanischer oder spanischer Herkunft sind.

Zusätzlich fragt der Zensus auch die „Rasse“ der Personen ab. Jeder Bürger muss sich hierbei selbst mit einer oder mehr als einer von insgesamt 15 verschiedenen Rassen identifizieren. Die möglichen Antworten reichen von „White“ über „Black, African American, or Negro“ und „American Indian and Alaska Native“ bis hin zu verschiedenen asiatischen Auswahlmöglichkeiten und Pazifikinseln sowie schlicht „Some other race“. Das Wort Rasse ist hierbei nicht biologisch, anthropologisch oder genetisch zu verstehen, sondern enthält auch Konzepte wie Herkunft oder sozio-kulturellen Hintergrund enthalten. Die Abgrenzung zur Kategorie „Hispanic oder nicht“ ist daher teilweise undeutlich – Hispanics können theoretisch jeder Rasse angehören.

Im Jahr 2000 gab es 35,3 Millionen Menschen hispanischer Herkunft. 2010 waren es schon über 50 Millionen. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung wuchs dadurch von knapp 13 auf über 16 Prozent. Der Anteil der nicht-hispanischen, weißen Bevölkerungsmehrheit fiel im gleichen Zeitraum von 69 auf 64 Prozent. Nach den Weißen stellen die Afroamerikaner die zweitgrößte Rasse mit einem Anteil von zwölf Prozent. Die asiatische Bevölkerung wuchs von 3,6 Prozent der Gesamtbevölkerung auf 4,8 Prozent. Insgesamt waren die Minderheiten – also alle Nicht-Weißen und Weiße hispanischer Herkunft – für 92 Prozent des Bevölkerungswachstums verantwortlich. Im Nordosten wäre die Bevölkerungszahl ohne das Wachstum der Hispanics gar gesunken.

Laut Zensus kam das Wachstum der unter 18-Jährigen gar ausschließlich von den Minderheiten. Die Zahl der hispanischen Kinder wuchs um 39 Prozent von 12,3 Millionen auf 17,1 Millionen, während die Zahl der nicht-hispanischen Kinder um zehn Prozent fiel. Ein Grund für diese Entwicklung ist, dass hispanische Frauen im Laufe ihres Lebens im Schnitt 2,9 Kinder gebären, während der nationale Durchschnitt bei lediglich 2,1 liegt.

Mit den wachsenden Unterschieden zwischen der Zahl der weißen, nicht-hispanischen Bevölkerung und der hispanischen Bevölkerung wird eine „majority-minority“ immer wahrscheinlicher. Das heißt, dass die Minderheitengruppen, also die nicht-Weißen und hispanische Weiße, mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Der Zensus sagt dies für 2042 voraus. In 342 der insgesamt 3.143 Landkreise gibt es bereits heute eine „majority-minority“, weitere 225 sind am „tipping point“, stehen also kurz davor.

Nach den Projektionen des US Census Bureau von 2008 (die Projektionen vom Zensus 2010 sind nicht verfügbar), wird die Bevölkerung der Vereinigten Staaten von Amerika auf 439 Millionen im Jahre 2050 wachsen. Das wäre ein Zuwachs von über 130 Millionen Menschen. Die hispanische Bevölkerung könnte auf 133 Millionen wachsen und würde damit mehr als ein Viertel der Gesamtbevölkerung stellen. Laut Zensus könnte ihr Anteil gar auf mehr als ein Drittel zur Mitte des Jahrhunderts anschwellen. Mit der Pensionierung der geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge werden ungefähr 20 Prozent der Bevölkerung über 64 Jahre alt sein. Die Statistiker des Zensus erwarten im gleichen Zeitraum einen Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter von sechs Prozent. Ein Großteil dieser Entwicklung wird sich bereits in den nächsten zwei Jahrzehnten vollziehen. Im Vergleich zu Deutschland sind diese Zahlen dennoch niedrig. Denn hierzulande dürfte im Jahr 2050 ein Drittel der Bevölkerung älter als 64 Jahre sein, und die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter wird vermutlich um etwa 28 Prozent schrumpfen.

Die Alterung setzt sich fort
Anteil verschiedener Altersgruppen an der Gesamtbevölkerung der USA, 2010 bis 2050

Der Anteil der über 65-Jährigen an der US-amerikanischen Gesamtbevölkerung wird bis 2050 weiter steigen, während jener der 18- bis 64-Jährigen schrumpfen wird. Der Anteil der unter 18-Jährigen wird sinken, allerdings nur minimal. All diese Veränderungen werden sich zu fast 100 Prozent in den nächsten zwei Jahrzehnten vollziehen. (Datengrundlage: US Census Bureau)

Literatur / Links

Population Reference Bureau (2011): Reports on America: First Results From the 2010 Census. www.prb.org.

US Census Bureau (2011): 2010 Census Briefs: Population Distribution and Change 2000 to 2010. www.census.gov.

US Census Bureau (2011): 2010 Census Briefs: Overview of Race and Hispanic Origin 2010. www.census.gov.

US Census Bureau (2011): 2010 Census Briefs: The Hispanic Population 2010. www.census.gov.

US Census Bureau (2011): 2010 Census Briefs: Age and Sex Composition 2010. www.census.gov.

US Census Bureau (2008): U.S. Population Projections. www.census.gov.

The World Bank (2010): World Development Indicators Database.

Leave A Response »