Loyalität, Ehre, Eltern – zwischen Tradition und Aufnahmegesellschaft

14. Oktober 2011 0

Rezension zu Aladin El-Mafaalani und Ahmet Toprak: Muslimische Kinder und Jugendliche in Deutschland

Aladin El-Mafaalani und Ahmet Toprak erlauben in der neuen Broschüre Muslimische Kinder und Jugendliche in Deutschland der Konrad-Adenauer-Stiftung einen tiefen Einblick in die Lebensweisen und in die konservativ-traditionellen Lebenswirklichkeiten der türkischen und arabischen Familien in Deutschland. Sie zeigen die starken Erwartungen der Elternhäuser an das deutsche Bildungssystem einerseits und die Erwartungen von Lehrern und Pädagogen an muslimische Elternhäuser andererseits. Beides trifft oft auf kaum lösbare Widersprüche. Dabei verharren El-Mafaalani und Toprak nicht bei den hinlänglich bekannten Integrationsproblemen. Sie steigen tiefer ein und fragen nach den Ursachen, weshalb muslimischen Jugendlichen die Integration in eine westlich orientierte Mehrheitsgesellschaft nicht gelingt und welche Forderungen die Mehrheitsgesellschaft aufstellen sollte. Fünf Thesen sind für die beiden Autoren ausschlaggebend:

  1. Das Zusammentreffen von schwierigen Lebensumständen und traditionsorientierter Lebensweisen erschwert dem Integrationsprozess.
  2. Eltern und Schule konkurrieren – es fehlt an der notwendigen Kooperation.
  3. Anerkennung führt zu Integration. Gute Sprachkenntnisse und erfolgreiche Bildungskarrieren sind Ausdruck von erfahrener Anerkennung – nicht umgekehrt.
  4. In einem Anerkennungsvakuum ist abweichendes Verhalten rational. Fehlende Anerkennung kann zum Abrutschen in Jugendgangs führen, in denen man sich gegenseitig versteht, gemeinsame Erfahrungen teilt, Stärke und Macht demonstriert werden können.
  5. Interkulturelle Kompetenz ist ein Schlüsselkompetenz für pädagogische Berufe. Dabei kommt es nicht darauf an, dass Pädagogen fremde Kulturen und Religionen verstehen, sondern lediglich kennen und die Unterschiede zu westlichen Erwartungen kennen und diese in ihrer Berufspraxis immer wieder darlegen und durchsetzen können.

El-Mafaalani und Toprak zeigen das Zusammenspiel und die Differenzen zwischen den entscheidenden Integrationsinstitutionen (scheinbar) benachteiligter muslimischer Jugendlicher auf, zwischen Familie, Schule, Peers und Medienlandschaft. Daran schließt sich die Unterscheidung der Ebenen der sozialen Integration an, wie die kulturelle, strukturelle, soziale und emotionale Integration und deren Wechselbeziehungen.

Darauf folgt ein Überblick über das Familienleben: Meist aus der Sicht türkischer Familien reflektieren die Autoren die gefährliche Mischung aus religiöser Erziehung mit dem Ziel einer starken Identifikation, den spezifischen Rollenverständnis von Mann und Frau in einer muslimischen Gesellschaft und den Erziehungsmethoden, vor allem mittels Gewalt gegenüber den Frauen und Kindern. Das Erziehungsmuster sei charakterisiert durch Strenge und Autorität, so die Autoren. Letztlich sollen die Kinder auf ein Leben „in der Fremde“ vorbereitet werden, in dem (fast) nur noch die Ehre zählt.

Anhand von Fallbeispielen beleuchten El-Mafaalani und Toprak im darauffolgenden Kapitel die spezifischen Denk- und Handlungsmuster muslimischer Jugendlicher. Es beginnt mit Ümit, der aus seinem heimischen Elternhaus ausziehen will und in eine pädagogisch betreute Wohngruppe wechseln möchte. In Vorgesprächen hat er diesen Wunsch immer wieder betont und bekräftig, dass er ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben führen anstrebt. Auch die zuständige Sozialarbeiterin ist zu dem Schluss gekommen, es sei besser den Jungen aus dem Elternhaus zu nehmen, wo er unter der Arbeitslosigkeit der Eltern, dem engen Wohnraum, dem Alkoholproblem und der Gewalt des Vaters leidet. Doch im abschließenden Gespräch mit den Eltern betont der Vater immer wieder gegenüber der Sozialarbeiterin, es gäbe gar keine Probleme zu Hause, der Sohn würde doch alles bekommen was er wolle. Das Verhalten des Sohns kann er sich gar nicht erklären. Dieser schweigt die gesamte Zeit, schaut die Eltern kaum an. Abschließend wird er erneut gefragt, ob er in eine betreute Wohngruppe möchte. Er verneint dies in Anwesenheit seiner Eltern und der Sozialarbeiterin. In einer Gratwanderung zwischen einem Selbstbestimmten Leben und der Loyalität zur Familie hat er sich für die Loyalität zur Familie entschieden. Die Sozialarbeiterin kann sich diesen Meinungswandelt nicht erklären – soweit reicht ihre akademische Ausbildung nicht aus.

Das zweite Fallbeispiel handelt von den Berufswünschen der jungen Havva. Sie ist eine ruhige und disziplinierte junge Frau, die die mittlere Reife abgeschlossen hat und nun eine Berufsausbildung im Einzelhandel anstrebt. Dieser Wunsch bleibt ihr wegen ihres Kopftuchs zunächst verwehrt. Als sie sich für ein anderes Kopftuch entscheidet erhält sie auch zwei Ausbildungsangebote. Zunächst nimmt Havva eine Stelle an, teilt ihrer Lehrerin jedoch kurz darauf überraschend mit, dass sie keines der beiden Angebote annehmen möchte. In einem Gespräch mit der Lehrerin äußert sich Havva deutlich: Zwar wolle sie die Ausbildung, ihre Familie jedoch nicht – allen voran ihr Vater. Die Lehrerin lädt Tochter und Eltern zu einem Gespräch. Havva schaut die Lehrerin und die Eltern nur selten an, sitzt mit gesenktem Kopf am Tisch. Die Lehrerin klärt die Eltern darüber auf, dass Havva bei beiden Ausbildungsplätzen das Kopftuch tragen könne und ihr auch in mehreren Gesprächen eine kaufmännische Tätigkeit empfohlen wurde. Die Eltern lehnen ab; man habe bereits selber eine Ausbildungsstelle gefunden. Als die Lehrerin nicht mehr weiter weiß, wendet sie sich an das junge Mädchen, fragt, ob sie die Ausbildung will. Nach langem Nachdenken antwortet auch sie dem Kreis mit „Nein“ und entscheidet sich so gegen ein selbstbestimmtes Leben und damit für die Loyalität zur Familie.

Die beiden Fälle zeigen, dass muslimische Jugendliche, wenn sie denn so erzogen worden sind, in letzter Konsequenz und in Anwesenheit ihrer Eltern immer deren Erwartungen entsprechen werden. Dabei war z.B. Ümit zuvor schon durch eine beachtliche kriminelle Karriere aufgefallen, die wohl kaum im Interesse der Eltern lag.

Für junge Muslime haben „Ehre“ und „wahrhafte Freundschaft“ einen hohen Stellenwert. Loyalität gegenüber ihrem Freundeskreis ist ein hohes Gut, das auch mit Gewalt durchgesetzt wird. Bei einer Massenschlägerei in München bekämpften sich zwei rivalisierende Gruppen, eine albanische und eine türkische. Letztlich ging es um einen Wetteinsatz, der von einem der Jungen nicht erfüllt worden war. Im anschließenden Kampf, der dazu diente die Sache „wie Männer zu regeln“ starb einer der Jugendlichen. Der Fall ist nur eines von vielen Beispielen, die für El-Mafaalani und Toprak belegen, dass junge Muslime wegen eines falsch oder sehr weit ausgelegten Ehrbegriffs zu Gewalttaten neigen. Dies ist insoweit erstaunlich, als dass es sich um Jugendliche handelt, die in der dritten oder vierten Generation in Deutschland leben.

Sehr ausführlich setzen sich die Autoren anschließend mit Diskriminierungserfahrungen der Jugendlichen auseinander, aber auch mit Rassismus, der überwiegend bei türkischen Jugendlichen auftritt, mit Antisemitismus, der sich vor allem durch den Nahostkonflikt ergibt und als einfache Lösung aller gesellschaftlichen Probleme erscheint (An Bankenkrise und Afghanistankrieg werden wohl irgendwie „die Juden“ schuld sein) und mit fundamentalistischen Strömungen. Auch werden die verschiedenen Gründe, ein Kopftuch zu tragen angerissen, um abschließend von den verschiedenen Formen der islamischen Eheschließungen zu referieren.

El-Mafaalani und Toprak begründen ihre Aussagen dabei immer wieder mit ausgewählten Interviews mit jugendlichen Muslimen. Das Werk erscheint über ein Jahr nach der Veröffentlichung von Thilo Sarrazins Deutschland schafft sich ab und der darauf folgenden Debatte um den Islam. Die Autoren erklären, das Buch sei aber schon lange vor Sarrazins Buchveröffentlichung geplant und auch bereits in Arbeit gewesen. Ihnen sei klar, dass ihr Werk nun anders wahrgenommen werde, als ursprünglich gedacht.

In jedem Fall bieten die beiden Autoren tiefe Einblicke in die Denkweise „benachteiligter Muslime“ und deren Wahrnehmung der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Diese außergewöhnliche Perspektive macht das Buch gerade für Lehrer, Sozialpädagogen, Kommunalpolitiker und Integrationsbeauftragte interessant, die in den deutschlandweiten sozialen Brennpunkten von Marxloh bis in die Tiefen des Berliner Weddings immer wieder mit jungen Muslimen und ihren Problemen konfrontiert werden.

Aladin El-Mafaalani, Ahmet Toprak (2011): Muslimische Kinder und Jugendliche in Deutschland. Lebenswelten – Denkmuster – Herausforderungen. Sankt Augustin: KAS. Download als PDF.

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