Zusammenhänge erkennen und aus der Geschichte lernen

11. Oktober 2011 0

Kolumne: Ansichten und Einblicke aus Berlin

Citizen Times ist als Bürger-Magazin ja nicht auf den täglichen Nachrichtenfluss ausgerichtet, auch wenn eine aktuelle Studie zum politischen Informationsverhalten im Internet zeigt, dass hier das Hauptinteresse der Leser liegt. Mein Anliegen, als ich Citizen Times 2010 als Weiterentwicklung von www.buchtest.de gründete, war vielmehr Hintergründe und Zusammenhänge deutlich zu machen. Unsere Politik wird allzu oft und viel zu viel von tagesaktuellen Ereignissen und deren scheinbaren Zwängen geprägt. So wiederholen wir aber ständig die Fehler, die durch ein wenig Geschichtsstudium zu verhindern gewesen wären.

Als aktuelles Beispiel für die Notwendigkeit der Herstellung von Zusammenhängen habe ich mal zwei Artikel von Welt Online herausgesucht, die im Abstand von nur fünf Tagen erschienen sind. Beide behandeln das Thema Bildung in Bezug auf Migranten. Genauer gesagt auf türkische respektive muslimische Migranten. Liest man jeweils nur einen der beiden Artikel, bekommt man eben nur die Hälfte der Wahrheit mit.

So zitierte die Welt am Sonntag aus einer aktuellen Umfrage des Allensbach-Institutes, dass knapp 60 Prozent der hier lebenden türkischen Eltern denken, ihre Kinder würden in der Schule gegenüber ihren deutschen Klassenkameraden benachteiligt:

Die Eltern machten dafür in hohem Maße die Pädagogen verantwortlich: 63 Prozent sagten zur Begründung, viele Lehrer hätten Vorurteile gegenüber Migrantenkindern. Dass Schüler aus Zuwandererfamilien zudem von den Pädagogen zu wenig gefördert werden, glauben 54 Prozent.

Bei gleichen Leistungen würden Schüler mit Migrationshintergrund schlechter beurteilt, außerdem halten die befragten Eltern die Lehrer beim Umgang mit ihren Kindern für überfordert (jeweils 51 Prozent).“

Nur in einem Nebensatz wird dem Leser dann noch mitgeteilt, dass eine Mehrheit der türkischen Eltern auch Sprachprobleme als einen Grund für das schlechtere Abschneiden ihrer Kinder sehen. Vorrangig bleibt also beim Leser hängen, dass unser Schulsystem für Muslime benachteiligend, ja diskriminierend ist und das die ach so bösen Lehrer auch noch die armen türkischen Schüler nicht mögen. Die Lösung wären jetzt Bildungsreformen, vor allem Lehrer mit sogenannter interkultureller Kompetenz und am besten ganz wenig Leistungsanforderungen an die Schüler.

Schauen wir nun auf den zweiten Artikel, der einige Tage zuvor erschien: Am 4. Oktober 2011 hatte Rainer Werner in einer Art Essay die simple Frage gestellt, warum die Kinder verschiedener Einwanderergruppen in unseren Schulen so unterschiedlich gut abschneiden. Denn wenn es da deutliche Unterschiede gäbe, so die simple Schlussfolgerung, dürfe man nicht das Schulsystem an sich beschuldigen, sondern müsste anfangen zu fragen, warum manche eben nix kapieren, während andere gut mitkommen.

Würde man z.B. bei den PISA-Studien die Kinder mit Migrationshintergrund vollständig aus der Statistik herausrechnen, so Werner, „würde Deutschland im Ranking der Industriestaaten in die Spitzenränge vorstoßen.“ Um nun zu den Ursachen vorzustoßen, führt der Autor eine Studie des Direktors des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin, Jürgen Baumert, an. 1 Darin werden ganz einfach die schulischen Erfolge von Kindern türkischer Herkunft mit denen von Kindern aus der ehemaligen Sowjetunion verglichen. Der Unterschied wirkt auf den ersten Blick nicht riesig, zeigt aber deutliche Tendenzen: 13,6 Prozent der russischen Schüler schaffen es auf ein Gymnasium, aber nur 9,8 Prozent der türkischen Schüler (bei den deutschen sind es 35,3 Prozent). Die Konsequenz muss also eine ganz andere sein, denn die Ursachen liegen nicht im deutschen Schulsystem, so Werner:

Baumert geht von der vielfach in Studien bestätigten These aus, wonach der schulische Erfolg eines Kindes in erster Linie von seinem Vermögen abhängt, mit der deutschen Sprache umzugehen. Er kommt zu dem Schluss, dass die geringeren Leistungen von Jugendlichen türkischer Herkunft in einem Mangel an Lerngelegenheiten für den Erwerb der deutschen Sprache liegen. Wenn in den Familien kein Deutsch gesprochen wird, sind die Kinder auf außerfamiliäre Kommunikationsanlässe angewiesen. Türkische Familien weisen jedoch im Unterschied zu anderen Einwanderergruppen eine über Generationen gewachsene Tendenz auf, sich in eigenen Wohnquartieren abzuschotten. In deutschen Großstädten gibt es Stadtviertel, in denen man erfolgreich leben kann, ohne ein einziges Wort Deutsch zu sprechen oder zu verstehen. Oft kommt hinzu, dass viele türkische Familien ihre Kinder nicht in Kindertagesstätten schicken, wo sie zwangsläufig Deutsch lernen müssten. Sie werden in wohlmeinend-fürsorglicher Absicht von den oft nicht berufstätigen Müttern und den Großmüttern zu Hause betreut. So kann es geschehen, dass türkische Kinder zum ersten Mal mit der deutschen Sprache konfrontiert sind, wenn sie in die Grundschule kommen.“

Die 2009 erschienene Studie Ungenutzte Potenziale vom Berlin-Institut zeigte sogar noch deutlichere Unterschiede zwischen den zwei Migrantengruppen. Demnach besuchten rund 20 Prozent der zugewanderten Aussiedler (Russlanddeutschen) die gymnasiale Oberstufe, in der zweiten (hier geborenen) Generation waren es dann schon über 30 Prozent. Bei den zugewanderten Türken sind es durchschnittlich nur 20 Prozent, die ein Gymnasium besuchen:

Im Schnitt verbessert sich das Bildungsniveau der türkischstämmigen Migrantengruppe von der ersten zur zweiten Generation. Dennoch schneidet die zweite türkische Generation im Bildungsbereich deutlich schlechter ab als die in Deutschland geborenen Mitglieder aller anderen Herkunftsgruppen.“

Nimmt man nun sogar noch die Asiaten mit in den Vergleich auf, werden die Zahlen noch unterschiedlicher. Weit über 30 Prozent der Zugewanderten besuchen die gymnasiale Oberstufe und schon in der zweiten Generation erreichen 63 Prozent die Hochschulreife (im Gegensatz zu rund 38 Prozent der Deutschen).

Warum also war es mir so wichtig, hier die Zusammenhänge und Hintergründe zweier Artikel zu schildern. Nun, beide fanden zwei unterschiedliche Antworten auf die Frage, warum Türken respektive Muslime in unseren Schulen so oft scheitern. Doch während sich die Allensbach-Umfrage damit zufriedengab, unser Bildungssystem zu verurteilen, suchte der andere Artikel nach anderen Ursachen. Er scheint die besseren Antworten gefunden zu haben, wie der Vergleich mit einer anderen Studie zeigt – und für die mit Sicherheit noch zahlreiche weitere Studien heranziehbar wären. Die Schlussfolgerungen daraus sind aber immens wichtig für die Weiterentwicklung unserer Politik und Gesellschaft. Denn entweder wir reagieren mit immer neuen Partizipationsangeboten und Ausgleichsversuchen für angebliche Benachteiligungen, oder aber wir fordern Integration als eine Bringschuld.

Denn eines ist sicher, wie auch Rainer Werner in seinem Artikel festhält:

Von Kindern aus muslimisch geprägten Ethnien, die nach Deutschland eingewandert sind, hört und liest man Gegenteiliges. Ihre Verhaltensauffälligkeit im öffentlichen Raum korrespondiert mit schlechten Ergebnissen bei der schulischen Bildung. Während die erfolgreichen asiatischen Kinder im Verborgenen blühen, ist den verhaltensauffälligen Jugendlichen aus dem muslimischen Milieu die öffentliche Aufmerksamkeit gewiss.“

Notes:

  1. Leider war es mir bisher nicht möglich, diese Studie im Original aufzutreiben.

Leave A Response »