Zur aktuellen Darstellungen von Islam und Muslimen in Schulbüchern europäischer Länder

8. Oktober 2011 0

Studie des Georg Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung

Institution: Georg Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung
Titel: Keine Chance auf Zugehörigkeit? Schulbücher europäischer Länder halten Islam und modernes Europa getrennt
Veröffentlicht: 15.09.2011
Download: Zusammenfassung der Studienergebnisse (PDF, 28 Seiten)

In vielen europäischen Schulbüchern wird der Islam vereinfachend als homogene Einheit dargestellt. Muslime erscheinen als religiöses, vormodernes Kollektiv außereuropäischer „Anderer“, dem ein gleichfalls homogenes, modernes Europa gegenübersteht. Aus dieser Perspektive ist die religiöse Differenz unveränderlich. Betont wird die Konfrontation mit Europa, während Gemeinsamkeiten kaum dargestellt werden.

Dieser Befund ist das Ergebnis der ersten systematischen Analyse von Geschichts- und Politiklehrbüchern aus Deutschland, Österreich, Frankreich, Spanien und England, die Wissenschaftler des Georg Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig erarbeitet haben. Die Studie wurde am 15. September im Rahmen einer Pressekonferenz im Auswärtigen Amt vorgestellt. Aufschlussreich sind die Ergebnisse der Wissenschaftler, wenn man bedenkt, dass das in Schulbüchern festgeschriebene, kanonisierte und staatlich approbierte Wissen große Breitenwirkung hat. Schülerinnen und Schüler werden mit diesem besonderen Medium in einer für sie prägenden Lebensphase gezwungenermaßen konfrontiert. Dazu die Direktorin des Georg-Eckert-Instituts, Simone Lässig: „Es liegt uns fern pauschale Schulbuchschelte zu betreiben. Wir finden es aber wichtig, in der Öffentlichkeit für eingefahrene Wahrnehmungsweisen, in diesem Fall von Muslimen und Islam, zu sensibilisieren. Sie werden auch durch Schulbücher, oft über Generationen hinweg, unreflektiert weiter getragen.“

Die Analyse der Braunschweiger Forscher ergibt zudem, dass zwischen dem Islam als Religion und muslimisch geprägtem kulturellen und politischen Alltagsleben ebenso wenig unterschieden wird wie zwischen den vielfältigen Ausprägungen des Islam etwa in der Türkei, der arabischen Welt oder Indonesien. Aktuelle Schulbuchdarstellungen würdigen zwar die zivilisatorischen Beiträge des arabisch-islamischen Mittelalters, bringen aber die grundsätzlich polarisierende Auffassung nicht ins Wanken. Sie suggerieren vielmehr, dass muslimisch geprägte Gesellschaften seit dieser Blütezeit in kulturellem Stillstand verharren.

Für die wegen wichtiger Amtsgeschäfte verhinderte Staatsministerin Cornelia Pieper saß der Sonderbeauftragte für den Dialog zwischen den Kulturen, Botschafter Heinrich Kreft, auf dem Podium. Er erinnerte an den zehnten Jahrestag von 9/11 und wies darauf hin, wie dieses Ereignis die auswärtige Politik Deutschlands hinsichtlich der arabischen Welt geprägt habe.

Eher skeptisch im Hinblick auf einen Dialog zwischen dieser und dem „Westen“ stimmt eine weitere Schlussfolgerung der Braunschweiger Studie: Schulbücher sind nicht geeignet, einen islamophoben politischen Populismus zu entkräften, der Menschen muslimischer Religionszugehörigkeit in Europa zu Außenseitern erklärt und sie zur Zielscheibe mehr oder minder offener Ablehnung macht.

Susanne Kröhnert-Othman, eine der Autorinnen der Studie, plädierte deshalb u.a. für die Revision von Kapiteln zum Thema „Migration“. „Hier sollte vermieden werden“, so Kröhnert-Othman, „Muslime als Sondergruppe außereuropäischer Zuwanderer zu präsentieren, deren mitgebrachte Traditionen per se eine Integration in europäische Einwanderungsgesellschaften verhindern.“ (Quelle: GEI)

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