FAZ-Relaunch: Konservative, die das Internet verstanden haben

8. Oktober 2011 0

Kolumne: Ansichten und Einblicke aus Berlin

Man kann ja von den sogenannten Mainstream-Medien (MSM) halten was man will, aber die neue Online-Ausgabe der FAZ macht wirklich etwas her. Gekonnt schafft sie den Spagat zwischen einer etwas älteren und konservativer ausgerichteten Leserschaft und dem Web 2.0. Aufgeräumt und erfrischend luftig ähnelt das neue Layout mit der dreispaltigen Aufmachung der Titelseite der gedruckten Ausgabe. Der Zeitungskopf mit dem unverwechselbaren Schriftzug ist mit dem auf Papier nahezu identisch – ein guter Schachzug der Marketingstrategen, hier wieder mehr auf die etablierte Marke zu setzen. Einziges, dafür wirklich störendes, Manko der Startseite: die zumindest für Laptopbildschirme übergroße Video-Anzeige direkt unter dem Menü lässt sich nicht verbergen bzw. wegklicken. Das führt zu lästigem Scrollen, bis die eigentlich interessanten Inhalte sichtbar werden.


Bildschirmfoto der FAZ-Online am Samstag, 8. Oktober 2011 nach dem Relaunch.

 

Die Artikel sind dann klassisch zweispaltig sortiert. Auf der rechten Seite gibt es nicht nur thematische Querverweise, sondern auch Autoren- bzw. Redakteurs-Portraits mit weiteren Artikeln. Mit dieser Personalisierung trägt die FAZ heutigen Leserbedürfnissen (Stichwort Lieblingsautor) gut Rechnung. Über dem Artikel kann der Leser mit einfachem Klicke zwischen Text, Bildern, Videos und Kommentaren bequem hin und her schalten. Übliche Rankings wie meist gelesen oder meist kommentiert finden sich ebenso wie Social-Media-Anbindung und die Möglichkeit, Kommentare zu bewerten.

Einen weiteren Web-Vorteil spielt FAZ-Online ebenso aus: Zahlreiche Themenseiten geben einen guten und schnellen Überblick, was alles zu bestimmten Ereignissen oder gesellschaftlichen Diskussionen geschrieben wurde. Kuriositäten gibt es bei diesen sicherlich automatisch generierten Seiten natürlich auch: So kann man auf der Themenseite Deutschland in den Suchergebnissen über 14.000-mal blättern (mit je 10 Suchergebnissen). Das macht die Orientierung dann auch nicht leichter.

Und wie immer mehr Online-Angebote von Tageszeitungen verfügt auch die FAZ (freilich nicht erst seit dem Relaunch) über das gesonderte Ressort Blogs. Was hier der Unterschied zu den Kommentaren bzw. Kolumnen sein soll, ist nicht wirklich klar. Es scheint aber regelrecht zwingend für Nachrichten-Portale wie die FAZ zu sein, dieses Web 2.0-Wort zu verwenden.

Aus web-technischer Sicht hat die FAZ mit dem Relaunch endlich die Umstellung auf Suchmaschinenfreundliche URLs geschafft – Google wird es danken. Generell hapert es mit den Serverkapazitäten selbst an einem Samstagnachmittag noch etwas, bei manchen Seiten lädt der Browser einfach zu lange, manchmal bleibt auch alles weiß. Verwunderlich ist auch, dass eine Übersicht der RSS-Feeds fehlt. Überhaupt können die RSS-Feeds nur über Browser-Funktionen angesteuert werden, ein entsprechend verlinktes Symbol findet sich leider gar nicht. Da wird es wenig Abonnenten geben.

Fazit: Auch wenn es mit der Technik noch ein wenig hapert und die Usability nicht an jeder Stelle perfekt sitzt, überzeugt die neue FAZ mit einer gekonnten Strukturierung und Verknüpfung der Inhalte. Vor allem aber durch das luftige, aufgeräumte, ja geradezu klassische Aussehen: Zumindest in Schwarz-Weiß kann sonst keiner so gut im Netz. Gratulation!

Leave A Response »