Und wie halten Sie es mit der Individualität? Auf Spurensuche in der Literatur des Nahen und Mittleren Ostens

20. September 2011 0

Philip Kovce rezensiert Ralf Elger, Yavuz Köse (Hg.): Many Ways of Speaking About the Self.

Was haben die Notizen Leonardo da Vincis, die Reiseberichte Goethes, die Liebesbriefe Napoleons, die Tagebücher Kafkas und die Prosa von Antoine de Saint-Exupéry gemeinsam? Zum einen sind sie alle in der Zeit zwischen dem vierzehnten und zwanzigsten Jahrhundert in Europa entstanden. Zum anderen lassen sie sich literaturwissenschaftlich dem Genre der Ego-Dokumente zuordnen: als Texte, deren Autor als schreibendes und beschreibendes Subjekt nicht nur tätig, sondern auch sichtbar ist.

In Many Ways of Speaking About the Self haben der Literatur- und Islamwissenschaftler Ralf Elger und der Turkologe Yavuz Köse Beiträge versammelt, die anhand von Ego-Dokumenten des genannten Zeitraums untersuchen, ob bestimmte Selbstkonzeptionen europäischer Verfasser so auch in arabischer, persischer oder türkischer Literatur wiederzufinden sind. Dafür werden unterschiedlichste Quellen analysiert: autobiographische Memoiren persischer Reisender, Tagebucheinträge arabischer Politiker, Novellen und Lexikonartikel aus dem Osmanischen Reich sowie diplomatische Depeschen und Zeitungsberichte.


Ralf Elger, Yavuz Köse (Hg.) (2010): Many Ways of Speaking About the Self. Middle Eastern Ego-Documents in Arabic, Persian, and Turkish (14th –20th century). Wiesbaden: Harrassowitz. 223 Seiten, 56,00 Euro. Kaufen bei: Amazon.

Einleitend greifen Elger und Köse die Frage nach der menschlichen Individualität auf, indem sie zuerst deren Begriff diskutieren. Sich bloß von Anderen abgrenzen zu können, erscheint ihnen als Individualitätsmerkmal ebenso banal wie ungenügend, stützt sich doch der Individualitätsbegriff zumindest in europäischer Tradition auf ein weitaus spezifischeres Phänomen: den begnadeten Künstler, den kritischen Intellektuellen, den aufgeklärten Geist. Das untermauern die Herausgeber mit einem Hinweis auf die bedeutende Studie des Historikers Jakob Burckhardt, der 1860 die italienische Renaissance als von Künstlergenies – um nur Michelangelo, Raffael und Brunelleschi zu nennen – maßgeblich geprägte Epoche beschrieb.

Diese typische Individualität, so eine sich Mitte des letzten Jahrhunderts etablierende Vermutung des amerikanischen Orientalisten Gustav von Grunebaums, finde in muslimisch geprägten Kulturen keine Entsprechung; auch, weil der Islam eher das Ideal einer im Kollektiven aufgehobenen Person vertrete. Elger und Köse teilen diese Einschätzung zwar nicht ohne Weiteres, das Gegenteil behaupten sie jedoch auch nicht. Vielmehr verweisen sie gegen Ende des Vorworts auf umfangreiche kulturgeschichtliche Forschungen, die in diesem Bereich noch zu leisten seien, ehe womöglich ganz eigene Individualitätsmerkmale des Nahen und Mittleren Ostens historisch auszumachen sind.

Was trägt nun der Sammelband zu den von Elger und Köse geforderten kulturgeschichtlichen Forschungen bei? Einiges – aber leider lässt er auch einiges vermissen. Letzteres liegt vor allem daran, dass die angesprochenen mentalitätsgeschichtlichen Fragen in den einzelnen Beiträgen kaum mitgeführt werden. Nur wenige Artikel verknüpfen die Textanalysen der Ego-Dokumente, die die Lebensumstände der historischen Subjekte herausarbeiten, mit weiterreichenden Fragen nach bestimmten Individualitätsmerkmalen. Das ist schade, fühlt sich doch der an der Individualitätsproblematik interessierte Leser mit vielen detaillierten Einzelerkenntnissen oftmals alleingelassen.

Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive bietet der Sammelband hingegen eine profunde stichprobenartige Untersuchung verschiedenster Ego-Dokumente. Dass Rückbezüge zur Individualitätsproblematik dabei durchaus herzustellen sind, belegen die Beiträge von Juliette Honvault und Stephan Guth.

Honvault, eine französische Arabistin, zeigt anhand des Tagebuchs des syrisch-libanesischen Nationalisten ͑Ādil Arslān (1887-1954), dass seine Schilderungen ein transitorisches Moment zwischen der klassischen, auf exemplarischen Verlauf hin angelegten orientalischen Biographie, und moderner, die individuellen Momente fokussierende Lebensbeschreibung bilden.

Guth, Professor für Literatur des Nahen und Mittleren Ostens in Oslo, analysiert das 1855 publizierte autobiographische Werk des Journalisten Fāris al-Shidyāq in einem Close Reading. Dabei beschreibt er, wie das noch vor dem im zwanzigsten Jahrhundert zunehmenden westlichen Einfluss geschriebene Opus über einen spielerischen Umgang mit klassischen orientalischen Formprinzipien Individualitätsmomente zeigt, die ebenfalls in der europäischen Romantik und im Realismus zu finden sind. Selbst ohne eine breitere Kultur des Individualismus nachzuweisen, zeigen sich hier im Spiel mit traditionellen Formen konkrete Spuren orientalischer Individualität – Erkenntnisse, die auch kulturgeschichtlich von Belang sind.

Der Sammelband, so lässt sich resümieren, ist für Liebhaber oder zumindest anfängliche Kenner orientalischer Literatur durchaus ein Gewinn – ein orientierendes Einführungswerk ist er nicht. Neben den spannenden Einblicken in ausgewählte Schriften des Nahen und Mittleren Ostens bleibt zudem die Hoffnung, dass weitere literaturwissenschaftliche Projekte den angedeuteten mentalitätsgeschichtlichen Horizont konsequenter bedenken als dies hier geschehen ist; vor allem, weil die Frage nach bestimmten Individualitätsmerkmalen und Selbstkonzeptionen keine solche ist, die sich ausschließlich anhand von literaturwissenschaftlich aufbereiteten Ego-Dokumenten beantworten lässt – sie wird nur interdisziplinär umfassend zu klären sein.

Zuerst veröffentlicht in: 360° – Das studentische Journal für Politik und Gesellschaft, 1/2011: 1001 Orient. Erhältlich unter: www.journal360.de.

Ralf Elger, Yavuz Köse (Hg.) (2010): Many Ways of Speaking About the Self. Middle Eastern Ego-Documents in Arabic, Persian, and Turkish (14th –20th century). Wiesbaden: Harrassowitz. 223 Seiten, 56,00 Euro. Kaufen bei: Amazon.

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