Schimpansen im Supermarkt. Über Menschliches und Tierisches

20. September 2011 0

Cora Theobalt bespricht Michael Tomasello: Warum wir kooperieren

Gegen Liebe auf den ersten Blick hilft ein kritischer zweiter. Mit diesen und ähnlichen Sprüchen versuchen so genannte Beziehungsratgeber beim Publikum zu punkten. Das Schöne dabei ist: zur Zielgruppe gehört eigentlich jeder. Denn der Homo socialis ist auf Zwischenmenschliches ausgerichtet und steckt in Unmengen von Beziehungen. So komplex das zwischenmenschliche oder zwischentierische Miteinander, so zahlreich auch die Forschungsansätze dazu: Psychologie, Spieltheorie, Verhaltensforschung, Anthropologie, Volkswirtschaft – viele Ansätze versuchen sich an der Analyse des vielschichtigen Forschungsgegenstands. Der amerikanische Entwicklungspsychologe Michael Tomasello will dagegen einfach nur wissen, warum wir einander helfen.


Michael Tomasello (2010): Warum wir kooperieren. Berlin: Suhrkamp. 141 Seiten, 12 Euro. Kaufen bei Amazon.

Der Titel seines Buches Warum wir kooperieren impliziert in seiner entschlossenen Formulierung als Aussage, dass Tomasello auf der Suche nach Antworten durchaus fündig geworden ist. Anhand von Studien mit Kindern und Menschenaffen hat er untersucht, wie Altruismus und Kooperation zustande kommen. Eine seiner wichtigsten Erkenntnisse ist nicht zuletzt, dass Menschenkinder von sich aus hilfsbereiter sind als Primatenkinder. Diese kooperieren mit ihren Artgenossen meist nur, wenn sie einen persönlichen Nutzen daraus ziehen können. Für Tomasello, der als Kodirektor des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie forscht, war also die entscheidende Frage, ob Altruismus bei Kindern auf natürliche Weise auftritt, oder ob er vielmehr durch die Umwelt des Kindes – also durch seine direkte Umgebung, wie etwa seine Eltern – kulturell vermittelt wird.

Kinder sind bereit, so Tomasello, soziale Regeln zu befolgen und sogar auch durchzusetzen, während sich ihre eigene Identität und Persönlichkeit entwickelt. Gesellschaftliche Spielregeln akzeptieren sie nicht etwa aus Angst vor drohenden Strafen, vielmehr sind sie sich schon früh bewusst, dass sie bei kooperativen Handlungen stets von anderen abhängig sind. Die Gruppenidentität – also verschiedene Formen des Wir-Gefühls – spielt dabei eine wichtige Rolle, wie Tomasello erklärt.

Ein weiteres spannendes Ergebnis der Forschungen Tomasellos: Strafen sind kontraproduktiv. Durch Repressalien lässt sich kein Kind zu Hilfsbereitschaft und Gehorsam erziehen. Vielmehr vermeiden sie, dass Kinder soziale Normen verinnerlichen:

Viele Studien haben gezeigt, dass die so genannte induktive Erziehung – bei der Eltern mit ihren Kindern über die Auswirkungen ihrer Handlungen auf andere und den Sinn kooperativen Verhaltens sprechen – am besten zur Internalisierung sozialer Normen und Werte beiträgt.“

Die Methode eigne sich deshalb so gut, weil sie auf der richtigen Annahme basiert, dass Kinder ohnehin bereit sind zu kooperieren, wenn ihnen „die Auswirkungen ihres Handelns auf andere und das Funktionieren der Gruppe erklärt werden“.

Tomasello führt zahlreiche empirische Studien an – auch viele eigene –, um seine Thesen zu untermauern. Das leuchtet ein und stärkt seine Glaubwürdigkeit. Beim interessierten Leser, der die Gewohnheit hat, Bücher möglichst in einem Stück zu lesen, entsteht an manchen Stellen allerdings der Eindruck einer Aneinanderreihung von Studien und Untersuchungen, um immer neue Thesen neu zu untermauern. Bei Warum wir kooperieren ist es deshalb sinnvoll, die Lektüre in mehreren Schritten zu vollziehen. Streckenweise gelingt es dem Autor sehr gut, die komplexen wissenschaftlichen Befunde auf den Alltag anzuwenden und anhand einfacher Beispiele zu erläutern.

Bei anderen Textabschnitten wiederum erfordern komplexe Sätze und eine Vielzahl von Fachbegriffen ebenso ein zweites Lesen. Und auch erziehungswissenschaftliche Grundkenntnisse können hilfreich sein beziehungsweise den Erfahrungsschatz von Eltern sinnvoll ergänzen. Zumindest dürften sich während der Lektüre bei vielen von ihnen Wiedererkennungseffekte einstellen.

Die Lektüre des Buches mündet in der Erkenntnis: Zwischenmenschliches und zwischentierisches Verhalten offenbart einen gewissen Humor des Schöpfers. Und wer hätte geahnt, welch reichen Fundus an Mechanismen der Entwicklungspsychologe an scheinbar harmlosen Orten erkennen kann – etwa, wenn er einen Supermarkt betritt? In dem wir Menschen uns vom theoretisch dort ebenfalls einkaufenden Schimpansen unterscheiden! Gut nachvollziehbar, und doch auf wissenschaftlich hohem Niveau, schildert Tomasello, was im Supermarkt entwicklungspsychologisch passiert und warum die komplexe, soziale Institution Supermarkt überhaupt funktioniert. Denn: „Das Betreten eines Ladens bringt eine ganze Reihe von Rechten und Pflichten mich sich“, – nicht nur im Laden und an der Supermarktkasse, nein, auch seinen potentiellen Miteinkäufern gegenüber. Solche Passagen bereiten auch Nicht-Psychologen Lesevergnügen. Sie lassen einen schmunzeln – wenn nicht schon bei der Lektüre, dann doch spätestens beim nächsten Einkauf im Supermarkt!

Michael Tomasello (2010): Warum wir kooperieren. Berlin: Suhrkamp. 141 Seiten, 12 Euro. Kaufen bei Amazon

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