Orientalische Moderne: Auf der Suche nach den arabischen Cultural Studies

20. September 2011 0

Aletta Diefenbach rezensiert Tarik Sabry: Cultural Encounters in the Arab World

Für die Cultural Studies als Forschungsparadigma der kritischen Geistes- und Sozialwissenschaften gilt Kultur als Alltagspraxis, in welcher sich gesellschaftliche Konfliktlinien und permanente Anerkennungs- und Bedeutungskämpfe wiederspiegeln. Schnöde Graffitis, Unterhaltungsindustrie, quere Identitäten – das alles nehmen sie in den Blick und sehen sie als Ausdruck eines modernen Kulturkampfes. Wie und was sieht man aber in der arabischen Welt?

Erstaunlicherweise hat Hip-Hop in Palästina etwas mit weiblicher Emanzipation zu tun. Während US-amerikanische Gangster vor allem vom coolen Patriarch rappen, zeugen palästinensische Hip-Hop-Texte von der geschlechtlichen Gleichberechtigung. Ziemlich modern könnte man sagen und sympathisch, wie sich die arabische Populärkultur jene Dinge zu Eigen macht, die uns auch im Westen lieb geworden sind.


Tarik Sabry (2010): Cultural Encounters in the Arab World. On Media, the Modern and the Everyday. London/New York: I. B. Tauris. 223 Seiten, 19,99 Euro. Kaufen bei Amazon.

Auch Tarik Sabry würde sich für palästinensischen Hip-Hop interessieren. Mit dem Titel Cultural Encounters in the Arab World reiht er sich in die klassische Auseinandersetzung der kulturellen Begegnungen zwischen Orient und Okzident ein, wagt sich allerdings auf etwa zweihundert Seiten nicht weniger als die Frage nach dem Modern-Sein, dem being modern, in den heutigen arabischen Gesellschaften zu stellen. Da dies ein kompliziertes Unterfangen sein kann, legt Sabry mit seinem Buch auch keine klassische Studie vor. In essayistischem Stil geht es ihm vielmehr um Bewusstseinsbildung des Lesers, um intellektuelles Brückenschlagen und einer Neujustierung eingerosteter Denkmuster. So schlängelt er sich zunächst durch einige Problemaufrisse und Begriffsklärungen zu modernness, die er dann in kurzen, anekdotenhaften Ausführungen zur arabischen Philosophie, Alltagskultur und Identität versucht zu erden. Zum Abschluss gewährt er Einblicke in ein neues Forschungsprogramm, das moderne arabische Kultur analytisch greifbar machen soll: den arabischen Cultural Studies.

Für Sabry hat die Frage nach dem being modern zwar unweigerlich mit westlichen Begegnungen zu tun, aber letztlich müsse sich die arabische Welt erst einmal selbst begegnen – und somit beginnt für ihn das Projekt des geistigen Brückenbaus. Denn um adäquate Antworten auf das heutige soziale und kulturelle Leben Arabiens zu finden, so seine These, fehle im Moment das epistemische Werkzeug. Die zeitgenössische arabische Philosophie gilt ihm dafür als die Schuldige, könne sie bisher die arabische Kultur als wissenschaftliche Kategorie nur in ihrem fortwährend ideologisierenden Diskurs um eine vermeintlich arabische Authentizität entwerfen. Die Auseinandersetzung mit dem being modern im arabischen Kontext braucht aber eine neue Hermeneutik, ein neues epistemologisches Zuhause, das das reale Leben auf der Straße analytisch fassen kann. Sein Buch ist somit als ein Plädoyer der intellektuellen Grenzüberschreitung zwischen dem zeitgenössischen arabischen Denken und der arabischen Lebensrealität zu lesen, aber auch als eine Auseinandersetzung mit dem Westen, die Sabry auf philosophischer und alltagsweltlicher Ebene führt. Um diesen vielfältigen Begegnungen gerecht zu werden, umreißt er zunächst einen Modernitätsbegriff, den er in Abgrenzung zu einer cartesianischen Konzeption à la europäisch-philosophischer Denktradition verstanden wissen will. Brauchbar scheint ihm das Wort modernness als eine neue ontologische Kategorie des being modern für und in der arabischen Welt. Heideggers phänomenologisch orientierter Philosophie folgend definiert er so ein Konzept des Existentiellen, das an die direkte Lebenserfahrung des Einzelnen anschließt. Damit ausgestattet versucht er jeweils in einem Kapitel diese Momente der arabischen modernness auf drei Ebenen auszuloten: in der zeitgenössischen arabischen Philosophie, in der arabischen Alltagskultur und in der, wie er es nennt, Selbst-Referentialität von jungen Menschen im arabischen Raum – letzteres wird unter dem Begriff der Selbstreflexivität als Ausdruck moderner Identität verständlicher.

Zunächst die zeitgenössische arabische Philosophie: Sie habe, so Sabry, in ihrem Diskurs um Tradition, Moderne und Authentizität die Welt an sich und die Belange des alltäglichen Daseins vergessen. Ihr fehle eine Ontologisierung der arabischen Modernität. Aus diesem Grund könne auch die Erforschung der heutigen arabischen Kultur nicht von ihrem Denken profitieren. Modernness manifestiere sich aber bereits auf vielfältige Weise in der Alltagskultur, die der Autor in kurzen Ethnographien aufspürt. Romantische Liebesbotschaften per Graffiti am Stahlträger über dem Nil oder wiederkehrende Gespräche in Warteschlangen vor westlichen Botschaften zeugen ihm von verdichteter Begegnung mit dem Modernen sowie ihrer arabischen Verformung. Zur Frage der Selbst-Referentialität gibt er schließlich Reflexionen von marokkanischen Jugendlichen wider. Sie sollen erkennen lassen, wie durch westlichen Fernsehkonsum die Jugend quer durch alle Schichten mental schon in moderne Zwischenräumen der arabischen und westlichen Welt emigriert sind.

Diese Ausflüge dienen Sabry schließlich der Verknüpfung aller drei Ebenen der modernness im letzten Kapitel. Die Frage nach dem epistemologischen Zuhause für eine arabische Kulturforschung, die er an mancher Stelle auch als die Frage nach Medien, Kultur und Gesellschaft definiert, kann schließlich durch die Etablierung der spezifischen arabischen Cultural Studies erfolgen. Denn die Cultural Studies auf die arabische Welt kontextualisiert kann durch ihre interdisziplinäre Offenheit und ihren Sinn für das Alltägliche der arabischen modernness gerecht werden. Was fehle sei nur mehr eine Entwestlichung der Cultural Studies, um sie für den arabischen Raum fruchtbar zu machen. Die arabische Philosophie wiederum lädt er ein, daran mitzuarbeiten.

Tarik Sabrys durch persönliche Anekdoten verdichtetes Buch zeugt von Beweglichkeit. Denn wie der Leser erfährt, wuchs Sabry in Marokko auf und lebt seit 20 Jahren in England. Nicht nur geographisch, sondern auch intellektuell ist er in beiden Kulturräumen zu Hause und so holt er sich zur Entfaltung seiner Argumentation sowohl Anregungen von europäischen als auch arabischen Denkern unterschiedlicher wissenschaftlicher Couleur. Dies kann durchaus bereichern, so zum Beispiel in seinem Abriss zur arabischen Philosophie oder wenn er in Momente modernen Lebens arabischer Jugend einblicken lässt. Letztlich bleibt aber vieles fragmentarisch und ungriffig, denn Sabry gewährt seinem Leser nur sehr kurze Augenblicke der Begegnung. Mitunter macht es den Anschein, als wolle Sabry mit diesem Buch beweisen, dass er ganz in der Manier der Cultural Studies interdisziplinär beweglich ist. Unerfahrenen Lesern kann der Spagat zwischen Philosophie und Alltag da letztlich zum Verhängnis werden. Dabei hätten gerade auch einige weitere Ausführungen zu den Konzepten des arabischen Kulturtheoretikers Abdelkebir Khatibi oder des Philosophen Abed Mohammed al-Jabri gewinnbringend sein können. Auch Sabrys Überlegungen zu einer arabischen Subkultur hätten weiter gedacht werden können, da sie schließlich dem spezifisch Arabischen ein deutlicheres Gesicht gegeben hätten.

Neben diesen Unzulänglichkeiten wird aber eines deutlich: Sabry erkennt ein großes Defizit der arabischen Wissenschaft per se. Die Erforschung arabischer Lebenswelten anhand einer Tradition der Cultural Studies, die der Bedeutung der Alltagspraxis Raum gibt und sich zugleich interdisziplinär nicht beschränken lässt, kann überaus fruchtbar für arabische Kulturpraktiken in einer sich globalisierenden Welt werden. Die Episteme dazu liefert er dem Leser nicht, kann aber überzeugend darstellen, wie das Repertoire auf einer Dialogbasis zwischen arabischen und westlichen Denkanstößen für eine Kritische Theorie vorhanden ist.

Letztlich wird diese Brücke zu einem neuen Forschungsparadigma erkennbar, doch sie gleicht manchmal eher einem schmalen Steg, auf dem der Leser unsicheren Tritts hinüber balancieren muss. Interessierte können aber gespannt bleiben, ob es nicht am anderen Ende aufregendes Neuland zu entdecken gibt. Sabry legt Ende diesen Jahres als Herausgeber erneut ein Buch vor: Mapping the Field: Arab Cultural Studies. Man möchte hoffen, er kann darin den Leser sicheren Pfades durch seinen neu gesteckten arabischen Garten der Cultural Studies führen. Vielleicht begegnet man dort auch einigen rappenden Palästinenserinnen.

Zuerst veröffentlicht in: 360° – Das studentische Journal für Politik und Gesellschaft, 1/2011: 1001 Orient. Erhältlich unter: www.journal360.de.

Tarik Sabry (2010): Cultural Encounters in the Arab World. On Media, the Modern and the Everyday. London/New York: I. B. Tauris. 223 Seiten, 19,99 Euro. Kaufen bei Amazon.

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