Stellungnahme zur Frage eines Kopftuchverbotes in Schulen und Kindertagesstätten

12. Juli 2011 1

Im Islam gibt es kaum Entweder-Oder, stattdessen viel Sowohl-Als-Auch

Alle Jahre wieder erlebt die Diskussion um ein Kopftuchverbot in Schulen und Kindertagesstätten eine Neuauflage und führt zu einer Diskussion mit jeweiligem alleinigen Wahrheitsanspruch, die zu keinem Ergebnis führt. Wie vieles innerhalb der Gesamtheit „Islām“ stellt die Verhüllung der Frau keine Frage dar, die mit „entweder – oder“ zu beantworten ist, sondern mit „sowohl – als auch“.

Siedelt man die heterogenen islamischen Formen gelebter Religiosität auf einer Skala an, so finden sich auf der einen Seite traditionalistische und islamistische Strömungen. Diese gelangen aufgrund einer „geschlossenen“, ahistorischen und entkontextualisierten Leseart von selektiven Texten aus Koran und Sunna (Prophetentradition) zu einer eingeschränkten Deutung, die als Vorbild für das Leben „der Muslime“ im 21. Jahrhundert dienen soll. Auf der anderen Seite finden sich Vertreter einer historisierten und symbolischen Leseart des Koran, die diesen als einen „offenen“ Text verstehen, der die Möglichkeit lässt, sich dem Wechsel der Zeit anzupassen, wobei diese Gruppe in globaler Perspektive eine Minderheit darstellt.

Bezüglich der Frage der Verschleierung der Frau in allen Stufen, vom Kopftuch bis zur (im Westen kaum existenten) Burka, handelt es sich primär um die Auslegung der wenigen Verse im Koran, die etwas zu dieser Frage aussagen und für Interpretationen offen sind.

Die als „āyat(u) l-ḥiǧāb“ (Schleiervers) bekannte sūrat(u) l-aḥzāb: 53 [33:53] bezieht sich hierbei nur auf die Frauen des Propheten Muḥammad; sūrat(u) l-aḥzāb: 59 [33:59] auf diese und die muslimischen Frauen und sūrat(u) n-nūr 24: 30-31 [24:30-31] auf die muslimischen Männer und Frauen. Diese Verse wurden im Zeitraum 626 n.Chr. – 627 n.Chr., als Muḥammad bereits als religiöses und politisches Oberhaupt der sich bildenden islamischen Glaubens- und Kampfgemeinschaft in Yaṯrib (dem heutigen Madina) lebte, verkündet.

Mehr noch als in der westlichen Welt wird eine innerislamische Diskussion um die Auslegung dieser Textstellen seit den 40er Jahren des 20.Jahrhunderts in der islamischen Welt geführt, die hier nicht einmal im Ansatz dargestellt werden kann.

Während „klassische“ und bis heute wirkende islamistische Theoretiker, wie der Pakistaner und Gründer der „Jamaat-e-Islami“ Sayyid Abul Aʿlā al-Maudūdī (gest. 1979) und der ägyptische Muslimbruder Saiyid Quṭb (1966 hingerichtet), gerade in sūrat(u) n-nūr: 31 [24:31] eine Vollverschleierung der islamischen Frau als wāǧib (religiöse Verpflichtung mit der Bindungskraft einer nicht delegierbaren Individualpflicht wie die „Fünf Pfeiler des Islām“) hineinlasen, sehen andere Gelehrte, wie Ğamāl al-Bannā (ein Bruder des 1949 ermordeten Gründers der Muslimbruderschaft Ḥasan Aḥmad ʿAbd ar-Raḥmān al-Bannā), im Tragen des Kopftuches keine religiöse Pflicht. al-Bannā plädiert vielmehr für eine auf Freiwilligkeit beruhende Entscheidung der Frau, ob diese das Kopftuch tragen will oder nicht.

Auch Ali Bardakoğlu, bis November 2010 Präsident des türkischen „Präsidiums für religiöse Angelegenheiten“ (Diyanet İşleri Başkanlığı/ DIB), sagte wenige Tage vor seinem Rücktritt in der liberalen türkischen Tageszeitung „Radikal“, ob eine Frau ein Kopftuch trage oder nicht, sei nicht dafür entscheidend, ob sie eine gute Muslima sei.

Somit stellt sich bezüglich eines eventuellen Kopftuchverbotes die Frage, ob das Kopftuch als Symbol und Instrument von einer in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Reaktion auf die Abschaffung des Chalifates durch Atatürk entstandenen und heute gegen die freiheitlich-pluralistisch verfasste Grundordnung des „Westens“ – und damit auch gegen Deutschland – gerichteten islamistischen Ideologie benutzt wird.

Diese instrumentalisiert den Koran mittels der angesprochenen geschlossenen Leseart ausgewählter Textstellen, um den Gegenentwurf einer ideologisch überhöhten „rechtgeleiteten“ islamischen Gemeinschaft religiös zu legitimieren, die als Annäherung an die idealisierte Ur-Gemeinde im 7.Jahrhundert in Madina auf Grundlage des gesamten Gesetzes (šarīʿah) errichtet werden soll.

Dieses geschieht unter anderem durch die Einforderung angeblicher „islamspezifischer Rechte“ im Rahmen der „ungestörten Religionsausübung“ nach Art.4(2) GG, obwohl aus den allgemein garantierten Religionsgrundrechten keine politischen Rechte für eine Religionsgruppe abgeleitet werden können, da im säkularen und dem Gebot der Neutralität in religiös-weltanschaulich Belangen verpflichteten Verfassungsstaat jede Religion als Privatangelegenheit in einer Minderheitenposition zu verbleiben hat. Dies umso mehr, als islamistische Gruppen den hier bestehenden Dualismus von religiöser und politischer Sphäre nicht anerkennen, sondern diesen im Rahmen der Etablierung einer Nomokratie überwinden wollen.

Das angestrebte sozio-politische Gemeinwesen soll sich hierbei als Etablierung des von Allāh gewollten Gefüges der Verwirklichung der einzig dem Menschen zugedachten Daseinshaltung in Verbindung mit einer die ganze Existenz überformenden Handlungsanweisung zur Daseinsbewältigung darstellen, dessen Grundlage Islām und šarīʿah bilden.

Während sich die grundlegende inhaltliche Bedeutung von „Islām“ als die einzig dem Menschen zugedachte Daseinshaltung aus dem Koran selbst ergibt [so etwa 30:30], muss man sich vergegenwärtigen, wie sich das Gesetz (šarīʿah) als eine die ganze Existenz überformende Handlungsanweisung definiert. Die šarīʿah  ist das von Allāh den Menschen auferlegte Gesetz, welches diesen in Form des Koran und der nachkoranischen Sunna als Gesamtheit des islamischen Normensystems übergeben wurde, womit dieses Normensystem die Grundlage der ganzheitlichen islamischen Lebensführung (Dīn) bildet. Dieses kann nicht aus dem Koran herausgelesen werden, sondern stellt das Ergebnis historischer Entwicklungen bis ins 11. Jahrhundert dar, als sich die Meinung durchsetzte, jeder Bereich im Leben eines Muslim unterliegt dem Urteil der šarīʿah, da diese ein alles umfassendes und regelndes System darstellt.

Dagegen können sich Islamisten bezüglich der Überlegenheit des Gegenentwurfes der „rechtgeleiteten“ Gemeinschaft auch auf den Koran berufen, der das islamische Gemeinwesen als „beste Gemeinschaft, die das Rechte gebietet, das Verwerfliche verbietet und an Allāh glaubt“ charakterisiert. So sūrat(u) l-ʿim’rān: 110 [3:110]: „kuntum khayra ummatin ukh’rijat lilnnāsi tamurūna bil-maʿrūfi watanhawna ʿani l-munkari watu’minūna bil-lahi“.

Trifft dies alles zu, kann das Kopftuch in Schulen und Kindertagesstätten – nicht nur, aber auch – als islamistisches Symbol der Segregation von der „ungläubigen“ und „glaubensschwachen“ Umgebung und als Zeichen einer angestrebten rigiden Trennung der Geschlechter in allen gesellschaftlichen Lebensbereichen eingeordnet werden.

Ebenso würde sich das Kopftuch – in islamistischer Sichtweise – als ein Instrument der nonverbalen da´wah (Ruf zu einer ganzheitlichen islamischen Lebensführung als Missionierung) in Schulen und Kindertagesstätten darstellen, womit es nicht mehr allein um den Ausdruck einer individuellen religiösen Überzeugung geht. Sondern um eine Aufforderung an muslimische Kinder und Jugendliche, sich bruchlos in die islamistische Gemeinschaft und deren Lebensgestaltung einzufügen. Diese Form der da´wah richtet sich hierbei primär an „glaubensschwache“ Muslima, die sich dem universellen Geltungs- und Regelungsanspruch der šarīʿah  unterwerfen sollen.

Würde das Kopftuch somit in Schulen und Kindertagesstätten von islamistischen Gruppen als ein gegen die offene Gesellschaft gerichtetes offensives und nonverbales Kampfsymbol benutzt, dann würde sich – vor dem Hintergrund der rechtlichen Möglichkeiten zur Einführung und Durchsetzung auf lokaler Ebene – ein Verbot des Kopftuches in diesen Einrichtungen als notwendig und geboten darstellen, um der dauerhaften Entfremdung muslimischer Mädchen und Frauen von der freiheitlich-pluralistisch verfassten Grundordnung wirksam begegnen zu können.

Nun sollte man für eine reale Einschätzung der Situation neben Erzieherinnen und Lehrern diejenigen fragen, die man bisher nicht gehört hat. Die Mehrzahl der muslimischen Eltern, die ihre Kinder ohne Kopftuch in Schulen und Kindertagesstätten gehen lassen und besser wissen, was dort etwa auf den Pausenhöfen vor sich geht.

One Comment »

  1. Marion Link 6. September 2011 at 19:03 - Reply

    Sehr geehrter Herr Dr. Thomas Tartsch!

    Gerne möchte ich mich mit Ihnen über dieses Thema austauschen.

    Aber manche Dinge nur am Telefon.
    Habe so meine Erfahrungen gemacht:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Youssef_Nada
    Mit freundlichen Grüßen
    Marion Link

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