Zahlenspiel mit Migranten

11. Juli 2011 0

Jens Thole über die Studie „Zuwanderung und Integration in Hessen“

Am 22. Juni präsentierte der hessische Integrationsminister Jörg Uwe Hahn die Studie „Meinungsbilder – Zur Wahrnehmung von Zuwanderung und Integration in Hessen 2011“. Man sollte nun meinen, diese Studie diene dem besseren Verständnis der Integrationsproblematik in Hessen zum Zwecke neuen Erkenntnisgewinns – jedoch Fehlanzeige.

Wieder einmal wurde Wissenschaft oder doch eher nur Mathematik in Form der leidigen Statistik bemüht, im Dienste der Vernebelung wahrer Probleme. Denn wenn eines deutlich wurde, dann dies: Wir haben gar keine – bestenfalls einige Problemchen und wenn, dann eher in Befindlichkeiten angesiedelt als im wahren Leben.

So ist das erstaunlichste Resultat der Studie: Menschen mit Migrationshintergrund geben nahezu gleiche Antworten auf die gestellten Fragen, wie diejneigen ohne einen solchen. Potz-Blitz aber auch: Beide Gruppen fühlen sich also ungefähr gleich wohl in Hessen, sind ungefähr gleich gebildet, mögen ungefähr gleich stark den leistungsstarken ausländischen Ingenieur als Nachbarn, wie sie ungebildete Transferempfänger als solche ablehnen. Sie glauben in ungefähr gleichem Maße, das Deutschland nur noch Hochgebildete zuwandern lassen sollte, wie sie meinen, dass Zuwanderung in Hessen das Leben bereichere. Nicht-Migranten meinen sogar prozentual etwas häufiger, die hessische Gesellschaft tue zu wenig für die Integration als die Migranten selbst. Ja denn – dann sind wohl unsere Migranten in Hessen offensichtlich schon längst echte Hessen geworden. Sie fühlen und denken wie solche – also alles in Butter oder?

Nun, was uns schon immer klar war: Franz M. mit Papa aus der Steiermark und Mama aus Graubünden denkt halt nicht viel anders als Erwin G. mit Mama und Papa aus dem Hochtaunus. Ganz ähnlich wie übrigens auch Francois D. und Javier R., die beiden Mitarbeiter in der Europäischen Zentralbank mit… – ach nein, jetzt höre ich auf.

Wenn eines wirklich deutlich wurde: Hier wurde eine Studie erstellt, die ganz offensichtlich sagen wollte – oder vielleicht besser „sollte“, dass Integration bereits in hohem, wenn nicht höchstem Maße erfolgreich vollzogen wurde. Die wenigen Restprobleme werden nun in Angriff genommen… Doch spätestens hier sollte man hellhörig werden: Kann wirklich wahr sein, was nicht wahr sein kann?

Die Studie befragte 1001 Menschen. TNS emnid war für die Panelauswahl zuständig. Wenn Repräsentanz gewahrt wurde – und davon ist auszugehen – sind die hier gewonnenen Aussagewerte durchaus signifikant für die jeweilige Gruppe. Doch hier liegt der Hund begraben. Unter den 1001 Befragten waren gerade einmal 187 mit Migrationshintergund geraten (davon 115 mit direkter Migrationserfahrung) – anteilsmäßig ganz folgerichtig – jedoch absolut gesehen recht klein für statistische Untersuchungen. Diese durchaus geringe Zahl lässt zum einen den Aussagewert der für diese Gruppe gewonnenen Antworten deutlich sinken – das Vertrauensintervall wird breiter und damit steigt die Fehlerhaftigkeit. Zum anderen aber ist die Homogenität der betrachteten Migranten-Gruppe im Gegensatz zur Nichtmigrantengruppe in keiner Weise gewahrt, was die Ergebnisaussagen quantitativ nahe an Nullaussagen heranreichen lässt – ganz ähnlich einer Aussage wie, dass der Durchschnittsgegenstand eines Haushaltes in Deutschland 100 Gramm wiege und im Mittel eine beige-hellbraune Farbe aufweise.

Ein wesentlicher systematischer Fehler wurde gemacht durch das Herausstreichen aller Befragten mit Migrationshintergrund, deren Deutschkenntnisse nicht ausreichte, um die Fragen zu verstehen und beantworten zu können. Das Problem hierbei: Die Grundgesamtheit wird verfälscht: Der herausgestrichene Teil bildet selbst keinen repräsentativen Ausschnitt der Migrantengruppe, sondern wohl eher deren schlechtest integrierten Teil ab – der somit in der Untersuchung fehlt und das Bild positiver erscheinen lässt als es in Wahrheit ist.

Betrachtete man die Zahl der Befragten durch die Brille der (wohl absichtlich) „vergessenen“ Aufschlüsselung der direkten oder indirekten Migrationserfahrung nach Herkunftsländern und ersetzt dieses Fehlen durch die Annahme, Hessen habe im Mittel eine vergleichbare Verteilung wie der Rest der Republik, so muss gefolgert werden: Mehr als die Hälfte der Migranten haben einen genuin westlich-europäisch-abendländischen Migrationshintergrund, deren Aussageverhalten mit hoher Wahrscheinlichkeit identisch oder nahezu identisch zu dem der autochthonen Bevölkerung ist. Zusammen mit den Einwanderern aus Fernost und deren Nachkommen eint diese nachweislich Leistungswillen und Streben nach selbst erarbeitetem Wohlstand. Integrationsprobleme sind hier zumindest bei der zweiten Generation nahezu unbekannt.

Laut Mikrozensus 2007 1 besteht die Migrationsherkunftsbevölkerung in Deutschland nach grober eigenhändiger Zusammenfassung der Herkunftsstaaten in Kulturräume zu etwa 36 Prozent aus dem moslemischen Herkunftsbereich, zu etwa 60 Prozent aus dem Herkunftsraum der ehemaligen ersten und zweiten Welt (jüdisch-abendländisch bis orthodox christlicher Raum) und zu etwa 4 Prozent aus dem fernöstlichem Raum – hier vermutlich vorrangig Vietnam.

Nimmt man diese Verteilung auch für die migrantische Panelgruppe (187 Personen total) an, so wird deutlich, dass die über diverse andere Studien bereits identifizierte Problem-Untergruppe mit moslemischer Herkunft hier bei ca. 66 Personen liegen sollte, gegenüber etwa 113 aus kulturähnlicher Herkunft und 7 aus Fernost. Diese Untergruppe ist viel zu klein, um noch sinnvolle Statistik betreiben zu können und wird zudem durch das Antwortverhalten der in Summe doppelt so großen anderen Gruppen überdeckt.

Es ist somit offenbar, dass die von den Machern bzw. Auftraggebern der Studie offensichtlich schon vermuteten Problemerkenntnisse mittels Verschmierung der Herkunftsmerkmale undeutlich bis unsichtbar gehalten werden sollten. Dies allerdings ist dann aber doch in der Studie auf hervorragende, wenn auch etwas banale Weise gelungen.

Notes:

  1. Quelle: Integrationsreport „Grunddaten der Zuwandererbevölkerung in Deutschland“ Working Paper 27 der Forschungsgruppe des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge

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