"Es gibt keinen typischen Extremisten"

22. Juni 2011 1

Kolumne: Ordnung muss sein

Schnell tippt er durch die PowerPoint-Präsentation. Zahlen und Fakten rauschen über die Leinwand. Der Kriminalkommissar des Bundeskriminalamtes hält vor Studenten der Universität Potsdam einen Vortrag über „religiös motivierten internationalen Terrorismus“ – kurz „Islamismus“. Das dürfe er nur nicht sagen, das komme gerade in der Türkei, wohin das BKA auch Verbindungen hat, schlecht an. Also gibt man sich mit dieser schwierigen Formulierung ab. Später wird einer der Studenten fragen, ob es denn noch anderen religiös motivierten Terrorismus in Deutschland gibt – „Nein“, wird der Kriminalkommissar darauf antworten.

Draußen rauscht der Wind über den nahmen Griebnitzsee. Fünf Stunden lang ist er im Auto von Wiesbaden nach Potsdam unterwegs gewesen, um jetzt vor 25 Studenten zu sprechen. Eine halbe Stunde könnte er fahren, dann wäre er an der Neuköllner Al-Nur-Moschee.

Sein Aufgabenbereich liegt in der präventiven Verhinderung von extremistischen Taten, seien sie links, rechts, oder islamisch motiviert. Seit 2005 ist er in einer Abteilung des BKA, die die Kooperation mit den einzelnen Stellen der Landeskriminalämter verwaltet. Selbst zur Ergreifung der Sauerland-Gruppe hat er beigetragen.

Insgesamt, zählt er auf, gab es nachweislich sieben geplante und teilweise auch umgesetzte Terroranschläge in Deutschland. Keines davon bisher erfolgreich, „zum Glück“, sagt er. Glück habe bei der Aufklärung einiger Taten eine große Rolle gespielt, aber auch die Vorarbeit der Polizei der Länder und des Bundes. Die in Wien festgenommenen Attentäter waren wieder einmal Einzeltäter und weisen starke Parallelen zu Amokläufern auf. Überhaupt sind Einzeltäter die gefährlichsten Täter. Viele von Ihnen radikalisieren sich am Computer, finden im Internet genug Material. Von Bombenbauanleitungen bis zu Programmen zur körperlichen Ertüchtigung, „die Radikalisierung im Internet kann den Besuch eines ‚Terrorcamps’ unnötig machen“, fasst der BKA’ler zusammen.

Das zeigt sich auch an den abnehmenden Reisebewegungen aus Deutschland in das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet. Der Staatsschützer achtet genau auf seine Sprachwahl, differenziert stark: Der Islam hat verschiedene Ausprägungen. Niemand soll stigmatisiert, Ängste in der Bevölkerung nicht weiter geschürt werden.

Das BKA hat eigens eine Präventionssystematik entwickelt. Etwas mutet das Konzept an der Wand wie eine medizinische Analyse an. In diesem System ist es wichtig, dass nicht nur die Polizei mitarbeitet, sondern alle Akteure, die mit Jugendlichen in Berührung kommen. Lehrer sollen Beispielsweise melden, wenn sie den Verdacht einer Radikalisierung bei einem Schüler feststellen. Hier kann das BKA nur unterstützend wirken.

Bisher hat das BKA 37 Lebensläufe von Radikalisierten miteinander abgeglichen. In allen Fällen fehlte es an einer klaren familiären Struktur. Außerdem seien die lokalen Strukturen wichtig, in welche Richtung man sich radikalisiert. Eine Radikalisierung in das Islamistische Milieu ist in Finsterwalde (Brandenburg) kaum möglich, eher ins rechtsextreme Milieu. In Großstädten treffen viele aber bereits auf vorhandene extremistisch-islamische Strukturen, in deren Sog sie geraten können. Derzeit prüft das BKA die Wirkung von Internetpropaganda auf Jugendliche.

Seit den islamischen Terroranschlägen in London von 2005 arbeiten in Deutschland die Behörden eng vernetzt an einer Islamismus-Prävention. Um dem Ganzen nicht nur einen negativen Hauch zu geben, wurden neben der Polizei auch die Moscheen und örtliche Migrantenverbände mit einbezogen. Seit 2007 vertreibt das BKA eine Image-DVD auf Arabisch und Türkisch, in der das Bild des Polizisten „als dein Freund und Helfer“ vermittelt wird. Vermehrt suchen auch Polizisten in fast freundschaftlicher Weise die Moscheen und Imame auf. Allerdings, gibt der Kriminalkommissar zu, seien das nicht die Moscheen, von denen eine Gefährdung für die freiheitlich-demokratische Grundordnung der Bundesrepublik ausgeht. Der Kontakt zu den radikalen Moscheen fehlt der Polizei offenbar. Die Moscheen wünschen den Kontakt nicht. Aber auch in der Öffentlichkeit trifft die Polizei auf viel Widerspruch: Mit Radikalen solle man sich besser nicht an einen Tisch setzen. Berlins Innensenator Körting musste für seine Besuche in der Al-Nur-Moschee harsche Kritik einstecken.

Die Zusammenarbeit mit Imamen ist aber hilfreich: Als sich in einer Großstadt regelmäßig Jugendgangs duellierten, saßen die Gangvertreter, die Polizei und ein Imam an einem Tisch zusammen. Es wurde ein Waffenstillstand vor den Augen des Imam vereinbart. – Das sei kein Zurückweichen des Rechtsstaats, betont der Polizist. Es sei aber effektiver, sich einmal an den Tisch zu setzen, statt fast jeden Abend mit einer Hundertschaft rauszufahren. – Für ihre Taten haben sich die Gangs dennoch vor einem Jugendrichter zu verantworten.

One Comment »

  1. J. Peters 25. Juni 2011 at 20:26 - Reply

    1. “Es gibt keinen typischen Extremisten” – sehe nicht den Zusammenhang mit dem Text.
     
    Dort steht: “37 Lebensläufe von Radikalisierten miteinander abgeglichen. In allen Fällen fehlte es an einer klaren familiären Struktur.” – für mich klingt das nach einem typischen Faktor!
     
    2. “Vortrag über „religiös motivierten internationalen Terrorismus“ – kurz „Islamismus“. Das dürfe er nur nicht sagen, das komme gerade in der Türkei, wohin das BKA auch Verbindungen hat, schlecht an. ”
     
    Erdogan (2007): “Diese Bezeichnungen sind sehr hässlich, es ist anstößig und eine Beleidigung unserer Religion. Es gibt keinen moderaten oder nicht-moderaten Islam. Islam ist Islam und damit hat es sich.”

Leave A Response »