PKS Berlin 2010

12. Mai 2011 0

Wie brutal ist unsere Jugend wirklich?

U-Bahn-Gewalt, Gruppenvergewaltigungen und eine überproportionale hohe Quote von Migranten in Berliner Gefängnissen. 1 Nicht erst seit dem Buch der ehemaligen Jugendrichterin Kirsten Heisig (Das Ende der Geduld. Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter) und der 2010er Studie Kinder und Jugendliche in Deutschland. Gewalterfahrungen, Integration, Medienkonsum des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen (KFN) wissen wir, dass Jugendliche und Heranwachsende besonders häufig Gewalt ausüben und auch besonders oft Opfer dessen werden.

Doch wie steht es wirklich um die Kriminalität und insbesondere Gewalttätigkeit von jungen Menschen? Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) ist eine der Erhebungen, die hier Aufschluss geben kann. In der folgenden Analyse werden dabei nur männliche Tatverdächtige betrachtet und der Fokus der Auswertung der PKS liegt auf Jugendlichen und Heranwachsenden mit Migrationshintergrund.

Theoretische Vorbemerkung

Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) führt alle Fälle von der Polizei bekannt gewordenen Rechtsverstößen im Beobachtungszeitraum, hier für das Kalenderjahr 2010 in Berlin, auf. Dadurch können Erkenntnisse über die Kriminalität und ihre Entwicklung im Allgemeinen aber auch bezüglich spezifischer Merkmale, wie Deliktart oder Tatverdächtigeneigenschaften, gewonnen werden.

Die Repräsentativität dieser Statistik wird dadurch eingeschränkt, dass nur ein Teil aller rechtswidrigen Taten überhaupt durch die Polizei erfasst werden. Dies hängt über die verschiedenen Deliktarten und Tätergruppen unterschiedlich mit der Anzeigebereitschaft der Bevölkerung, der Intensität der Verbrechensverfolgung sowie den jeweils vorhandenen Sicherheits- und Kontrollmaßnahmen zusammen. Diese Einflussfaktoren sind aber nicht stabil, daher kann man im Folgenden auch nicht von einem realistischen Abbild der Verteilung der Kriminalität in der Bevölkerung sprechen.

Es sollte weiterhin bedacht werden, dass im Sinne dieser Statistik nur von Verdächtigen gesprochen werden kann und demnach Verfälschungen auftauchen können. Für die Übersicht rechtskräftig verurteilter Straftäter gibt es hingegen die Strafverfolgungsstatistik des jeweiligen Statistischen Landesamtes.

Zusätzlich werden im Rahmen des Konzepts der Täterorientierten Ermittlungen (TOE) besonders auffällige Täter von einer speziellen Abteilung der Polizei erfasst. Es gibt in diesem Rahmen Sonderbeauftragte, die sich mit folgenden speziellen Tätergruppen befassen:

  1. sogenannten Kiezorientierten Mehrfachtätern (KoMT), also Kriminellen, die gehäuft nur mäßige Delikte begangen haben, das Sicherheitsgefühl der Kiezbewohner aber stark beeinträchtigen;
  2. Schwellentätern (ST), die binnen einen Jahres mehr als fünf schwere Gewaltdelikte begangen haben;
  3. sowie Intensivtätern (IT), welche mehr als zehn schwere Delikte zu verantworten haben.

Die folgenden Angaben werden teils in absoluten und meist in relativen Häufigkeiten sowie mit Hilfe der Tatverdächtigenbelastungszahl (TVBZ) gemacht. Letztere bezieht sich auf die „Zahl der ermittelten Tatverdächtigen, errechnet auf 100.000 Einwohner des entsprechenden Bevölkerungsanteils“ (jeweils ab 8 Jahre). Diese Maß erlaubt eine vergleichende Einschätzung besonderer Tätergruppen. Je höher dieser Wert ausfällt, desto mehr Mitglieder dieser Gruppe werden tatverdächtig.

Anteil Jugendlicher und Heranwachsender an allen Straftaten

Anhand der TVBZ lässt sich ermitteln, dass sowohl der Anteil von jugendlichen Tatverdächtigen (14-18-Jährige), als auch der Anteil von heranwachsenden (18-21-Jährige) mehr als dreimal so hoch ist, wie der von erwachsenen, immer gemäß ihrer Verteilung innerhalb der Bevölkerung. Der Anteil von Jugendlichen und Heranwachsenden innerhalb der im TOE-Programm registrierten Rechtsbrecher, d.h. besonders auffälliger Tatverdächtiger, beträgt insgesamt 60,7 Prozent.

Vorhandensein eines Migrationshintergrundes über alle Altersstufen hinweg

Der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger lag dabei im letzten Jahr bei 33,3 Prozent und war demnach der höchste in den letzten zehn Jahren ermittelte. Rechnet man illegale Einwanderer und Touristen bzw. Durchreisende heraus, dann sind immer noch 28,9 Prozent aller Tatverdächtigen Ausländer. Und das bei einem registrierten Ausländeranteil von lediglich 13,5 Prozent in Berlin.

Setzt man diese Tatverdächtigenzahlen nun ins Verhältnis zu dem jeweiligen Bevölkerungsanteil, ergibt sich bei allen Altersgruppen eine mehr als doppelt so hohe Belastung für nichtdeutsche Tatverdächtige. Die der Berechnung der TVBZ zu Grunde liegende Voraussetzung (mehr als 100.000 Einwohner) macht es nicht möglich, für alle Nationen eine detaillierte Aufschlüsselung nach Altersgruppen zu machen. Nur für Staatsbürger aus der Türkei war eine solche Betrachtung möglich, die etwas geringe Belastungszahlen für Türken im Vergleich zu allen nichtdeutschen Tatverdächtigen zeigen. Jedoch ist auch hier die Kriminalitätsbelastung deutlich höher, für Heranwachsende fast doppelt so hoch wie bei deutschen Tatverdächtigen. Über alle Altersgruppen hinweg werden Türken 2,5-mal häufiger tatverdächtig als Deutsche.

Für alle anderen Länder lässt sich die TVBZ nur über alle Altersstufen hinweg bestimmen. Spitzenreiter sind Tatverdächtige aus dem Libanon, die 5,3-mal häufiger straffällig werden als Deutsche. Diese besonders auffallende Kriminalität der Libanesen wird allerdings in der PKS 2010 möglichst unauffällig aufgeführt: Sie werden nur im Bezug auf alle nichtdeutschen Tatverdächtigen dargestellt, nicht aber im Bezug auf die deutsche Bevölkerung. Auch sonst wird mit diesen Zahlen in klar verständlichen Texten eher sparsam umgegangen und die großen Zahlen (fünfstellig) eher in Tabellen gepackt, wo dann der interessierte Leser nochmals seinen Taschenrechner zücken muss, um überhaupt Klarheit zu erlangen.

Der Anteil an staatenlosen (oder solchen wo keine oder eine ungeklärte Angabe vorliegt) Tatverdächtigen an allen registrierten Tatverdächtigen liegt bei 6,6 Prozent und damit genauso hoch wie bei den türkischen Staatsbürgern. Leider finden sind in der PKS keine Angaben zur Menge der hier offiziell anwesenden Staatenlosen und deren Verhältnis zur Bevölkerung.

Der Migrationshintergrund wird in der PKS 2010 fast nur über die nichtdeutsche Staatsbürgerschaft erfasst, da die Prüfung und Erfassung des Migrationshintergrundes „erst im Frühjahr 2011 eine Pflichteingabe“ wurde. Angaben zum Migrationshintergrund bei deutschen Staatsbürgern liegen also nur vereinzelt vor. Hier bleibt abzuwarten, wie sich die TVBZ für einzelne Migrantengruppen im nächsten Jahr darstellen.

Migrationshintergrund bei Jugendlichen und Heranwachsenden

Bei jugendlichen Tatverdächtigen die wegen Rohheitsdelikten, also Verbrechen gegen die Freiheit der Person oder die körperliche Unversehrtheit sowie Raubüberfälle, auffällig geworden sind, wurde bereits für 2010 der Migrationshintergrund miterfasst. Von allen Jugendlichen dieser Deliktgruppe sind 54,7 Prozent nichtdeutscher Herkunft, während sie nur 42,5 Prozent der Jugendlichen in der Bevölkerung stellen. 31,6 Prozent der Tatverdächtigen (vgl. 15,5 Prozent der Jugendlichen in der Bevölkerung) haben zudem keine deutsche Staatsbürgerschaft. Deutsche mit Migrationshintergrund werden im Vergleich zu Nichtdeutschen etwas weniger tatverdächtig. Gegenüber den einheimischen Jugendlichen werden Deutsche mit Migrationshintergrund ungefähr genauso häufiger tatverdächtig, Nichtdeutsche aber 2,6-mal häufiger. Vergleicht man alle Jugendlichen mit Migrationshintergrund mit den einheimischen, so findet man eine 1,7-mal so hohe Belastung für diese spezifische Tätergruppe.

Intensivtäter und Migrationshintergrund

Im gesamten TOE-Programm befanden sich der PKS Berlin 2010 zufolge 1.418 Personen, davon waren 34,3 Prozent nichtdeutscher Staatsangehörigkeit. Der Anteil von Jugendlichen und Heranwachsenden beträgt insgesamt 60,7 Prozent, wobei davon 31,9 Prozent Nichtdeutsche und 27,8 Prozent Deutsche mit Migrationshintergrund sind. Insgesamt liegt der Anteil von jugendlichen und heranwachsenden Tatverdächtigen mit Migrationshintergrund bei 59,7 Prozent, wobei mit 62,2 Prozent diese Tätergruppe besonders bei Jugendlichen vertreten ist.

Wirft man einen genaueren Blick auf die drei Tätergruppen, welche im TOE zusammengefasst werden, dann finden sich wesentliche Unterscheide zwischen der Zusammensetzung der Intensiv- und Schwellentäter im Vergleich zu den Kiezorientierten Mehrfachtätern. Letztere begehen definitionsgemäß eher mäßige Delikte, welche allerdings das Sicherheitsgefühl in der Gesellschaft sehr beeinträchtigen.

Besonders hoch wird der Anteil von Tatverdächtigen mit Migrationshintergrund jedoch, wenn man genauer auf die Täter die zehn oder mehr schwere Delikte innerhalb eines Jahres begangen haben (Intensivtäter) oder fünf oder mehr solcher verübten (Schwellentäter): 76,6 Prozent der jugendlichen Intensivtäter und 78,3 Prozent der jugendlichen Schwellentäter haben einen Migrationshintergrund. Bei den Heranwachsenden sind es etwas weniger (66,8 Prozent bzw. 62,6 Prozent). 2

Bei dieser Betrachtung stellt sich der zuvor beobachtete Unterschied zwischen Migranten mit und ohne deutsche Staatsbürgerschaft auch erheblich kleiner dar.

Jugendgruppengewalt

Letztlich lohnt sich noch der Blick auf die sogenannte Jugendgruppengewalt, da sich auch hier die obigen Phänomene bestätigen. Bei den im Rahmen von Jugendgruppengewalt ermittelten Tatverdächtigen hatte nur ein Viertel keine deutsche Staatsbürgerschaft. Schaut man allerdings wieder in den besonders prekären Bereich der Rohheitsdelikte bei Jugendgruppengewalt – und die machen immerhin mehr als die Hälfte aller in dieser Kategorie erfassten Delikte aus –, haben 54,7 Prozent der Tatverdächtigen einen Migrationshintergrund, 31,6 Prozent der Jugendlichen haben zudem keine deutsche Staatsbürgerschaft.

Fazit

Fasst man nochmals zusammen, so zeigt sich tatsächlich bei Jugendlichen und Heranwachsenden eine erhöhte Kriminalitätsrate. Dabei fallen insbesondere bei Rohheitsdelikten und Intensivtätern Jugendliche und Heranwachsende mit Migrationshintergrund negativ auf. Am auffälligsten ist dabei die Gruppe der libanesischen Tatverdächtigen, die sogar über alle Deliktarten und Altersgruppen hinweg am häufigsten straffällig wird.

Die PKS 2010 kann beim Land Berlin heruntergeladen werden.

Notes:

  1. Vgl. Drucksache 16/15295 Berliner Abgeordnetenhaus, online verfügbar unter: http://www.parlament-berlin.de:8080/starweb/adis/citat/VT/16/KlAnfr/ka16-15295.pdf, 12.05.2011.
  2. Aufgrund von Erfassungsmängeln sind derartige Aussagen für erwachsene Täter leider nicht möglich.

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