Osama ist tot – lang lebe al-Qaida?

2. Mai 2011 0

Kolumne: Ansichten und Einblicke aus Berlin

Osama bin Laden, meistgesuchter Terrorist und Gründer des islamischen Terror-Netzwerkes al-Qaida, soll in Pakistan durch US-Spezialkräfte getötet worden sein. Einen guten Überblick zur noch recht dürftigen Nachrichtenlage gibt beispielsweise Spiegel Online, die Rede Obamas dazu gibt es bei der FAZ. Hoffen wir, dass dies nicht nur ein rein symbolischer Akt gewesen ist. Denn so stellt er sich aus Sicht des Jihadismus-Experten Dr. Thomas Tartsch dar. Die Gefährdungslage in den USA, aber auch Europa habe sich durch die Tötung bin Ladens keineswegs verbessert:

Alle europäischen Länder unterliegen seit gut 10 Jahren einer abstrakten Gefährdungslage, die jederzeit in einen konkreten Anschlag umschlagen kann, was die Anschläge von Madrid und London verdeutlicht haben. Insbesondere Deutschland befindet sich weiterhin im unmittelbaren Zielspektrum des gewaltsamen Dschihadismus, was der erste erfolgreiche dschihadistische Anschlag im März 2011 auf deutschem Boden und der Festnahme dreier mutmaßlicher Mitglieder des heute hybriden und dezentralistisch organisierten Dschihadnetzwerkes Qaidah al Dschihad Ende April 2011 vor Augen geführt hat.

Diese inzwischen vierte Generation des indigenen „Homegrown Terrorism“ und der sich bildenden fünften Generation der „Self Made Dschihadists“ besitzen kaum noch nennenswerte Kontakte zur ersten Generation der „Araber Afghanen“, die den Grundstock der damals militärisch organisierten und hierarchisch aufgebauten Qaidah al Dschihad bildeten. Diese wurde als Nachfolge der Ereignisse des Afghanistankrieges 1979-1989 von Usama Ibn Ladin und seinem Stellvertreter Aiman az-Zawahiri primär zur Absetzung der Regime in Ägypten und Saudi-Arabien, zur Führung des „inneren Dschihad“, gegründet. Erst der zweite Golfkrieg 1990/1991 führte 1998 zu einer Internationalisierung des Zielspektrums als „äußerer Dschihad“, der in die Anschläge des 11.09.2001 mündete.

Tartsch (Autor der Bücher Islamischer Fundamentalismus und Jihadismus und Da’wa und Jihad) weist weiter auf die Gefahr junger Muslime und Konvertiten in Deutschland hin, bei denen vor allem ein steigender Anteil junger türkischstämmiger Muslime zu erkennen ist, die früher überwiegend immun gegenüber den Ideen des gewaltsamen Dschihadismus waren. Ähnliches hatten bereits vor einigen Jahren die Journalisten Souad Mekhennet, Claudia Sautter und Michael Hanfeld in ihrem Buch Die Kinder des Dschihad festgestellt.

Dennoch muss ich an dieser Stelle wieder einmal zu bedenken geben, dass der islamistische/jihadistische Terror nicht das primäre Problem mit dem Islam im Westen ist. Der Gang durch die Institutionen, wie der US-Wissenschaftler Daniel Pipes es einmal im Interview mit mir ausdrückte, also der politische Islam, der sich Sonder- und Vorrechte in der Gesellschaft erkämpft, ist das größte Problem. Terror wird im Verhältnis immer nur wenige Menschen treffen, selbst wenn Tausende bei einem Anschlag sterben. Die Veränderung einer ganzen Gesellschaft aus ihrem Inneren heraus ist hingegen schleichender, dafür aber umso effektiver, nachhaltiger und auch umso schwieriger zu bekämpfen.

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