Konservatives Wissensergänzungsmittel

29. März 2011 0

Rezension Erik Lehnert und Karlheinz Weißmann: Staatspolitisches Handbuch

Gelegentlich ertappt man sich im Gespräch bei dem Gedanken, dass sich die Diskussion um einen allgemeingültigen Begriff oder Begriffe dreht, aber die widerstreitenden Ansichten auf verschiedenen, weltanschaulich bedingten Auslegungen basieren. Oft ist es mühsam, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, um einer grundsätzlichen Verständigung auf den Weg zu helfen. „Dass Sprache ein Machtmittel ist, gehört zu den Allgemeinplätzen: Wer über Begriffe herrscht, der herrscht auch über Menschen und über Verhältnisse“. Es geht in diesem Sinne den (Neo-)Konservativen um deren Vordenker Karlheinz Weißmann darum, ihrer Meinung Geltung zu verschaffen. Denn einen Begriff zu platzieren und zu definieren bedeutet schließlich, ihn gleichfalls inhaltlich im eigenen Sinne in die öffentliche Diskussion zu transportieren. Eine Handreichung besonderer Art bietet das auf vorerst drei Bände konzipierte Staatspolitische Handbuch, dessen Herausgabe vom Institut für Staatspolitik in Schnellroda gefördert wird (Band 3: Vordenker erscheint gegen Ende 2011). Es soll keineswegs ein wissenschaftliches, allgemeingültiges Nachschlagwerk sein, sondern parteilich und zum Gebrauch in gesellschaftlichen mündlichen und schriftlichen Auseinandersetzungen als Basis dienen.

Was verstehen wir unter Kultur? Der Brockhaus definiert sie im Allgemeinen als alles, was der Mensch schuf und nicht naturgegeben ist. Im engeren Sinn, erläutert das Lexikon, sind es

„die Handlungsbereiche, in denen der Mensch auf Dauer angelegte und den kollektiven Sinnzusammenhang gestaltete Produkte, Produktionsformen, Lebensstile, Verhaltensweisen und Leitvorstellungen hervorzubringen vermag (Traditionen, Brauchtum), weswegen dieser Kulturbegriff nicht nur das jeweils Gemachte, Hergestellte und Künstliche betont, sondern auch das jeweils moralisch Gute der Kultur anspricht.“


Staatspolitisches Handbuch, Band 1: Leitbegriffe; herausgegeben von Erik Lehnert und Karlheinz Weißmann, Schnellroda (Edition Antaios) 2009, 176 Seiten, 15 Euro. Kaufen bei: Amazon.

Karlheinz Weißmann, alleiniger Verfasser des ersten Bandes Leitbegriffe, stellt in seinem Beitrag erst einmal grundsätzlich fest, dass Kultur sowohl deskriptiv als auch normativ verwendet wird und „beide Auffassungen durcheinander“ gebraucht und so „die Schärfe von Kulturdebatten erklärt.“ Der beschreibenden Methode reicht es aus, wenn vorgegebene Kriterien erfüllt sind (Kulturrelativismus unter der Annahme eines universalen Wertekanons) und kennt keine prinzipiellen (Wert-)Unterschiede zwischen einzelnen räumlich wie zeitlich verschiedenen Kulturen. Der differenzierten Erläuterung des Kulturbegriffes folgen Literaturhinweise, herausgehobene Zitate von Arnold Gehlen und Thomas Mann: „Zivilisation und Kultur sind nicht nur ein und dasselbe, sondern sie sind Gegensätze, sie bilden eine der vielfältigsten Erscheinungsformen des ewigen Weltgegensatzes und Widerspielens von Geist und Natur.“

Wie eben am Beispiel des Begriffes Kultur beschrieben, sind alle Stichworte strukturiert und bieten in einer intellektuell anspruchsvollen, aber einfachen Sprache jedem konservativ Interessierten die Möglichkeit, sich zu informieren wie anhand der Differenzierungen neue, andere Denkwege, Argumentationshilfen und weiterführende, tiefgründige Literaturhinweise zu entdecken.


Staatspolitisches Handbuch, Band 2: Schlüsselwerke; herausgegeben von Erik Lehnert und Karlheinz Weißmann, Schnellroda (Edition Antaios) 2010, 263 Seiten, 15 Euro. Kaufen bei: Amazon.

Auf der Grundlage konservativer Begriffsbestimmungen bietet der zweite Band Schlüsselwerke weg- und zielführende intellektuelle Orientierung im vielfältigen Geflecht publizierter Meinungsäußerungen. Die Auswahl muss wie bei den aufgeführten Stichworten über die Leitbegriffe willkürlich bleiben, da die Herausgeber ihrer individuellen Konzeption folgen. Manchen Bestseller vergangener Zeiten wird der Kundige vermissen, aber erstaunt anderes, ihm bisher unbekanntes entdecken oder sich der Lektüre früherer Jahre wieder erinnern. Die Schlüsselwerke versammeln Bücher und Texte (Essays), mit dem der Konservative im alltäglichen Kampf der Weltanschauungen bestehen kann. Offensichtliches stellen die beiden Herausgeber fest, wenn sie die Verwahrlosung politischen Denkens (und Handelns) seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts beklagen. Damals tarnte sich die ideologische Auseinandersetzung noch mit einer Fülle an „theoretischen“ Schriften und den „praktischen“ Handlungsanweisungen im Sinn des marxistischen Gedankensystems. Doch heute heißt es leider: „Es gibt kein Maß, nach dem sich gerichtet, keine Idee, an der sich orientiert werden könnte, und keine Tradition, an die sich anknüpfen ließe.“

Obwohl in diesem Band mehrere Autoren ihre Werkinterpretationen beisteuerten, sind grobe Unterschiede in den Bewertungen oder literarischen Qualität nicht festzustellen. Im Gegenteil, die verschiedenen, in Nuancen differierenden Handschriften spiegeln individuelle Vielfalt und Sichtweise wider. Bezeichnenderweise erschien kein allgemeinbildendes Literaturlexikon, welches eine Fortführung (oder Wiederholung) politikwissenschaftlicher Werkverzeichnisse darstellt oder als kommentierendes Schriftenverzeichnis der konservativen Revolution gelesen werden könnte.

Sechs Jahrzehnte sind es her, dass Ernst Jüngers Der Waldgang den Weg zu seinen Lesern fand. Kurze Zeit nach dem Ende seines durch die Besatzer verhängten Publikationsverbotes legte der renommierte Autor das dritte, dieses Mal essayistische Buch vor. Den Auftakt zu den vielbeachteten Essays zu Gegenwartsfragen, welche Jünger in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verfasste, bildete seinen Versuch, im politischen nachkriegsdeutschen Koordinatensystem Positionen zu besetzen. Er setzte sich unter anderem mit dem drohenden Nihilismus, dem Verlust der Freiheit und dem sich immer mehr verhärteten geführten Ost-West-Konflikt auseinander. Das Zentrum der Betrachtung über den Waldgang kreist unablässig um die stete Gefährdung persönlicher Freiheit. Rückblickend und gegenwärtig sieht sich der Autor in einer Tendenz eines Zeitalters, die den einzelnen versklaven. Für heutige Sichtweisen doch ungewöhnlich, ist Jüngers Interpretation in der Freiheitsfrage, wo er keinen Unterschied zwischen den Verhältnissen in Ost und West macht. Denn der Essayist setzt parlamentarische Demokratie und sozialistische Volksdemokratie gleich. Diese Zeiten erfordern – wie auch unsere – widerständige Minderheiten.

Für politische Akteure, welche die bestehende gesellschaftliche, etablierte Parteienordnung hinterfragen, bleiben die Ausführungen Ernst Jüngers von aktueller (bedrohlicher) Bedeutung:

„Der Widerstand des Waldgängers ist absolut, er kennt keine Neutralität, keinen Pardon, keine Festungshaft. Er wartet nicht, dass der Feind Argumente gelten lässt, geschweige denn ritterlich verfährt. Er weiß auch, dass, was ihn betrifft, die Todesstrafe nicht aufgehoben wird.“

Staatspolitisches Handbuch, Band 1: Leitbegriffe; herausgegeben von Erik Lehnert und Karlheinz Weißmann, Schnellroda (Edition Antaios) 2009, 176 Seiten, 15 Euro. Kaufen bei: Amazon.

Staatspolitisches Handbuch, Band 2: Schlüsselwerke; herausgegeben von Erik Lehnert und Karlheinz Weißmann, Schnellroda (Edition Antaios) 2010, 263 Seiten, 15 Euro. Kaufen bei: Amazon.

Leave A Response »