Türkische Wertewelten in Deutschland

22. März 2011 4

Kolumne: Ansichten und Einblicke aus Berlin

Unter dem Titel die Abwertung der Anderen wird gerade wieder eine große Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in den Medien ausgebreitet. Darin werden die Ergebnisse zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, so das Forschungskonstrukt der Bielefelder Forscher rund um Wilhelm Heitmeyer, im europäischen Kontext erprobt. Mindestens genauso interessant ist jedoch der Blick in eine Studie zu türkischen Wertewelten bzw. zum Integrationsverhalten von Türken in Deutschland. Schon Ende 2009 hatte das Meinungsforschungsinstitut INFO GmbH eine solche Umfrage durchgeführt, nun liegt eine Fortsetzung vor.

Demnach leben derzeit 2,8 Millionen Menschen mit einem türkischen Migrationshintergrund (Türken in Deutschland – TiD) hier. Rund ein Viertel davon hat die deutsche Staatsangehörigkeit. Knapp die Hälfte aller TiD gibt an, voll oder teilweise berufstätig zu sein. Unterscheidet man jedoch nach Geschlecht, so üben 66 Prozent der Männer einen Beruf aus und zehn Prozent sind arbeitslos, bei den Frauen arbeiten hingegen nur 32 Prozent und 45 Prozent sind nicht erwerbstätig (jeweiliger Rest: noch in Ausbildung oder bereits in Rente). Kein besonders gutes Bild der Geschlechtergerechtigkeit, würde ich mal meinen. Zum Vergleich: Im Jahr 2009 waren 56,2 Prozent der männlichen und 45,7 der weiblichen Deutschen erwerbstätig. Die hier lebenden Ausländer insgesamt, also Personen sind sogar zu 62,7 Prozent (Männer) bzw. 45,9 Prozent (Frauen) erwerbstätig. 1

Ewig zwischen zwei Nationen?

Nur 18 Prozent der hier lebenden Türken empfinden Deutschland als Heimat. 40 Prozent sehen Deutschland und die Türkei etwa gleichwertig und 39 Prozent halten die Türkei für ihre Heimat. Mehr als die Hälfte aller Befragten fühlt sich in beiden Ländern eher fremd, also in Deutschland als Türke und andersherum. Knapp die Hälfte fühlt sich in Deutschland unerwünscht. Da wundert es dann wenig, wenn der türkische Ministerpräsident Erdogan es schafft, mit nationalistischer Folklore – um es mal vorsichtig zu bezeichnen – auch die hier lebenden Türken zu begeistern. Deutsche Politik interessiert hingegen nur ein Drittel der hier lebenden Türken.

Immerhin 47 Prozent der TiD wollen auch irgendwann wieder in die Türkei ziehen, das sind 5 Prozent mehr, als noch vor anderthalb Jahren. Wenig überraschend: vor allem die besser gebildeten Türken wollen hier weg. Besonders delikat dabei: 31 Prozent bleiben nur, weil der deutsche Sozialstaat sie im Falle von Arbeitslosigkeit durchfüttert.

Paradoxe Integrationshaltung

83 Prozent der TiD meinen, die Deutschen müssten mehr „auf die Gewohnheiten und Besonderheiten der türkischen Einwanderer Rücksicht nehmen“ und 40 Prozent sind am liebsten nur unter Ihresgleichen. Gleichzeitig sagen 70 Prozent, dass sie sich „unbedingt und ohne Abstriche in die deutsche Gesellschaft integrieren“ und 59 Prozent „ohne Abstriche zur deutschen Gesellschaft dazugehören“ wollen. Für mich ist das ein glatter Widerspruch. ‚Ohne Abstriche dazuzugehören‘ bedeutet eben, die eigenen Denkweisen erst einmal hinten an zu stellen.

Ebenfalls nicht gerade ein Indiz für gute Integration: 46 Prozent der TiD geben an über sehr gute oder eher gute Deutschkenntnisse zu verfügen, aber nur acht Prozent sprechen zu Hause überwiegend Deutsch. Das wäre ja noch akzeptabel. Aber: Die Interviewer des Umfrageinstitutes sahen sich bei mehr als zwei Dritteln der Interviews gezwungen, diese mindestens teilweise in türkischer Sprache durchzuführen. Wer jedoch eine solch verschobene Selbstwahrnehmung hat, dem glaubt man ungern die häufig behaupteten Beleidigungen durch Deutsche aufgrund des türkischen Äußeren. Auch dass 30 Prozent bei Bewerbungen „wegen ihres türkischen Namens oder ihres türkischen Aussehens“ abgelehnt wurden, erscheint zweifelhaft. Erstens verbietet das Antidiskriminierungsgesetz (gerne auch Gleichschaltungsgesetz genannt) eine solche Ablehnung, womit sie einklagbar wäre. Zweitens wissen genau das die Arbeitgeber am besten und werden sich hüten, überhaupt einen Grund für die Ablehnung bei einem Job anzugeben.

Immerhin stimmen fast 90 Prozent der Befragten darin überein, dass sie ohne ausreichende Deutschkenntnisse hier auch nicht erfolgreich sein können. Fast alle TiD wollen, dass ihre Kinder schon früh, z.B. in der Kindertagesstätte Deutsch lernen. 88 Prozent wünschen sich aber auch, dass ihre Kinder die türkische Sprache erlernen, damit sie irgendwann in die Türkei zurückkehren können. Damit das alles unter einen Hut passt, fordert fast die Hälfte von ihnen Grundschullehrer mit türkischen Sprachkenntnissen. Das erinnert mich daran, wie die Föderation Türkischer Elternvereine in Deutschland e.V (FÖTED) nach dem Bekanntwerden der letzten PISA-Ergebnisse lautstark einforderten, ihre Kinder müssten gegenüber den deutschen besonders sprachlich gefördert werden. Von Elterninitiative war da allerdings wenig zu hören.

An einem Integrationskurs haben insgesamt nur 15 Prozent der TiD teilgenommen, bei denen, die weniger als zehn Jahre in Deutschland leben, sind es immerhin 60 Prozent. Allerdings bestehen 38 Prozent der Teilnehmer die Abschlussprüfung des Integrationskurses nicht. Dass sich dies bei den Männern nur auf 16 Prozent und bei den Frauen auf tragische 51 Prozent verteilt, weist wieder einmal auf die katastrophalen Folgen von Heiratsmigration hin.

Islam und Sarrazin

95 Prozent der Türken in Deutschland bezeichnen sich als Muslime. Ein Drittel definiert sich dabei als streng oder sehr religiös, 58 Prozent praktizieren ihre Religion überhaupt. Ein Großteil (86 Prozent) ist davon überzeugt, dass ihr Muslim-Sein und der Integration in die deutsche Gesellschaft nicht im Weg steht. Mehr als zwei Drittel sind davon überzeugt, dass der Islam die einzige wahre Religion ist und jeder zweite fordert mehr Moscheen in Deutschland.

Auf wenig Gegenliebe stoßen da freilich die Thesen Sarrazins – wobei ich doch stark vermuten würde, dass kaum einer der TiD das Buch Deutschland schafft sich ab gelesen hat. 47 Prozent widersprechen ihm ganz und gar, 22 Prozent teilweise. Immerhin 17 Prozent geben ihm mehrheitlich Recht – und ganze zwei Prozent ohne Einschränkungen. 14 Prozent haben von der ganzen Debatte gar nichts mitbekommen. Das ist immerhin jeder siebente TiD. Schon vor knapp einem Jahr zeigte eine Umfrage des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration dass 43 Prozent der hier lebenden Muslime überhaupt nichts von der Deutschen Islamkonferenz (DIK) wissen (vgl. Abb. 2).


Abbildung 2: Kenntnis von DIK, SVR Migration (2010)

Was bleibt?

Das allzu optimistische Fazit der Forscher kann ich keinesfalls teilen. An vielen Stellen zeigen sich widersprüchliche Aussagen und insgesamt ergibt sich eine eher geringe Integrationswilligkeit. Auch sagen Selbstbekundungen zu Deutschkenntnissen, vor allem aber zur Teilnahme am Erwerbsleben wenig, wenn ich sie nicht überprüfen kann. So ergab etwa die auf dem Mikrozensus 2005 beruhende Studie Ungenutzte Potenziale des Berlins Institutes für Bevölkerung und Entwicklung eine Erwerbslosenquote von 23 Prozent bei hier lebenden Türken – die zweithöchste nach Personen mit einem Migrationshintergrund aus dem Nahen Osten.

Und um noch einmal auf die eingangs erwähnten Studie und die darin angeblich bewiesene Islamophobie zu sprechen kommen: Umfragen wie diese zeigen, dass vieles eben keine Vorurteile sind, sondern aus der tagtäglichen Beobachtung abgeleitet werden können.

Notes:

  1. Statistisches Bundesamt (2010): Mikrozensus. Bevölkerung und Erwerbstätigkeit. Stand und Entwicklung der Erwerbstätigkeit Deutschland. 2009 (Fachserie 1 Reihe 4.1.1), S. 38f. Online verfügbar unter https://www-ec.destatis.de/csp/shop/sfg/bpm.html.cms.cBroker.cls?cmspath=struktur,vollanzeige.csp&ID=1026118.

4 Comments »

  1. MAD 23. März 2011 at 15:21 - Reply

    Genauso widerspricht sich die Aussage, daß Muslim-Sein der Integration in Deutschland nicht im Weg steht. Denn dazu müßten nicht nur 58% ihre Religion praktizieren, sondern mindestens 86%, um ein objektives Urteil fällen zu können! Ebenfalls das eingebildete Überlegenheitsgefühl, der Islam sei die einzig wahre Religion, ist der Integration nicht sonderlich dienlich.
    Wie sonst auch, stufen viele Türken die Situation völlig falsch ein.

  2. MAD 23. März 2011 at 15:32 - Reply

    Sorry, meinte nicht 86 sondern 100%

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