Muslimische Parallelgesellschaften sind nicht Ursache mangelnder Integration, sondern die Folge davon

16. Februar 2011 2

Thilo Sarrazin in Berlin mit seinen Thesen aus „Deutschland schafft sich ab“

Über 300 Menschen haben in dem kreisrunden Raum im Berliner Tempodrom Platz gefunden. Rote Samtvorhänge schließen den Raum ab. Seit Monaten ist die Veranstaltung, die ursprünglich für 100 Teilnehmer angelegt war ausgebucht, erklärt Rudolf Steinke vom ausrichtenden Verein Berliner Wirtschaftsgespräche. Wenn er wollte, könnte Thilo Sarrazin der heute als Gast geladen ist, ganze Zelte füllen. Schon seit Wochen füllt er deutschlandweit eine Halle nach der anderen. Es ist die wohl Dankbarkeit, die Menschen zu Hunderten die zehn oder 20 Euro Eintrittsgeld zahlen lässt.

Rund 50 Polizisten haben das Gebäude an den Eingängen gesichert. Das Bündnis aus Linkspartei, DKP, Jusos usw., das auch sonst gegen Sarrazins Auftritte demonstriert, ist heute nur mit einer Handvoll Menschen aufgetaucht. Hilflos wirkt ihr Aufruf an die Mitglieder des Vereins, sich von den Thesen Thilo Sarrazins zu distanzieren. Sie werden heute in der Eiseskälte stehen bleiben. Die einzigen, die ihnen Aufmerksamkeit schenken, werden die Polizisten sein. Im Laufe des Abends werden sie gegen alle Platzverweise aussprechen, wovon die 300 Teilnehmer im warmen Tempodrom nichts mitbekommen.

Zwei schwarze BMW-Limousinen brausen den Weg in die Tiefgarage des Tempodroms herunter. Insgesamt sechs Personenschützer des Landeskriminalamtes (LKA) begleiten Thilo Sarrazin durch die nackten Betongänge des Tempodrom, bis er hinter der Bühne angekommen ist. Als es 19 Uhr schlägt, wird das Publikum langsam nervös. Ein Fotograf der dpa richtet seine Kameras ein letztes Mal auf die dunklen Lichtverhältnisse ein. Gernot Moegelin, leitendes Mitglied beim Verein Berliner Wirtschaftsgespräche empfängt Sarrazin und begleitet ihn auf die Bühne. Durch einen schmalen Schlitz im Samtvorhang tritt er hervor – die grellen Schweinwerfer blenden den ehemaligen Bundesbanker.

Von dem schwarzen Ledersessel schaut er prüfend blickt in das Publikum, es setzt sich aus Bürgerlich-Liberalen zusammen. Unter ihnen die gesamte Berliner Wirtschaftselite: Einige der in der Hauptstadt ansässigen Banken haben ihre Vertreter gesandt, die größten Krankenhäuser der Stadt sind vertreten, einflussreiche Berliner Großkanzleien haben ihre Anwälte hergeschickt, ein ehemaliger Bundesminister unterhält sich mit seiner Nachbarin – selbst das Erzbistum Berlin ist vertreten.

Rudolf Steinke geht einleitend auf die Debatte ein, die nach der Veröffentlichung von Sarrazins Buch geführt wurde. Sie habe gezeigt, dass die die versuchen, die Debatte zu tabuisieren, Schwierigkeiten bekommen. Das Buch Deutschland schafft sich ab liefert tatsächlich Antworten auf Fragen, auch wenn dies andere abstreiten. Schon deshalb gehöre die Debatte, gehöre das Buch und sein Autor in die Mitte der Gesellschaft. Gernot Moegelin verweist auf die starken Erfolge Sarrazins in der Zeit als Berliner Finanzsenator. Es sei ihm erstmals in der Geschichte des Landes Berlin gelungen, einen Haushaltsüberschuss zu produzieren.

Und dann kommt der Moment auf den alle gewartet haben: Thilo Sarrazin tritt als Rednerpult. Noch immer wirkt er wie der Finanzsenator, der er vor einigen Jahren noch war. Nichts verrät, dass dieser Mann Millionär ist. Er trägt ein einfaches blaues Hemd, blaue Krawatte und Jackett. Er klammert sich an die Seiten des Rednerpultes, beginnt seinen Vortrag.

Im Rückblick ist er stolz auf das Amt als Finanzsenators gewesen und auf seinen Haushaltsüberschuss. Er hat sich während seiner Zeit als Senator viele Fragen gestellt, eine hat ihn dabei immer mehr getrieben: Wie kann er den anderen Kollegen der anderen Senate weniger Geld geben? Also befasste er sich tiefergehend mit sozialen Fragen und Fragen aus der Bildungspolitik. Dabei stellte er fest, dass die strukturellen Probleme der Hauptstadt auf Dauer nicht durch einen Haushaltsüberschuss zu lösen seien. Daraufhin äußerte er sich öffentlich zu seinen Erkenntnissen. Die ersten Verlage traten im Frühjahr 2008 an ihn heran, mit der Bitte, ein Buch über soziale Fragen zu schreiben. Den Vertretern des DVA Verlages erklärte er daraufhin, dass das Schreiben zwar mit seinen Amtspflichten in Einklang zu bringen ist, nicht aber mit seinem Verbleib in dem Amt.


Thilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen. Deutsche Verlags-Anstalt 2010. 464 Seiten, 22,99 Euro. Jetzt kaufen.

Der Titel seines Buches sollte zum Ausdruck bringen, dass auch eine Gesellschaft nachhaltig wirtschaften muss – in allen Fragen. Aus Zeitungen und Zeitschriften sammelte er sich in der Zeit als Finanzsenator alles zusammen, ohne eine feste Struktur für das Buch zu haben. Als er dann zur Bundesbank wechselte, lag das Gerüst zum Buch schon vor, nur noch kein Text. Da er nun im Grunde Dienstagmittags schon mit allen Arbeiten für die Woche fertig war, widmete er sich seinem Projekt. Inhaltlich änderte es sich in dieser Zeit stark. Anfangs spielte Migration und Integration keine Rolle, erst mit der Zeit erkannte Sarrazin die Zusammenhänge und entwickelte daraus ein eigenes Kapitel.

Er steht jetzt schon seit 10 Minuten regungslos am Pult und hat die Hände vor sich verschränkt. Das Publikum hört ihm wie gebannt zu. Auf den Arbeitstitel Wir essen unser Saatgut auf, kam er, als er an seine Spaziergänge über die Felder während seiner Kindheit denken musste. Damals lernte er alle Getreidesorten zu erkennen, was er bis heute nicht verlernt hat. Wer nachhaltig wirtschaften will, darf nicht das Saatgut für das nächste Jahr im Sommer aufbrauchen. Er erinnert sich an den Gründonnerstag des Jahres 2010, als der erste Entwurf für das Cover von Deutschland schafft sich ab kam. „Fürchterlich“ fand er diese Aufmachung in diesen Farben. Doch die Marketingabteilung des Verlages war verzweifelt. Man erhoffte sich keine hohen Verkaufszahlen, also musste wenigstens ein ansprechendes, mitreißendes Cover her. Deutschland schafft sich ab wird dem Inhalt des Buches nicht gerecht, dachte sich damals Sarrazin. Voller Zahlen, Fakten und Tabellen sei das Buch. Heute aber hat er sich mit diesem Titel angefreundet.

Die drei Kernaussagen seines Buches schildert Sarrazin dann sehr auführlich:

Demographie

Seit 1970 beträgt die Nettoreproduktionsrate der deutschen Bevölkerung 0,65. Das bedeutet, dass jede Frau durchschnittlich 0,65 Mädchen auf die Welt bringt. Das wiederum bedeutet, dass jede Generation jeweils um Ein Drittel kleiner wird. Diesen Maßstab legt die UNO zur Messung des Bevölkerungswachstums an. Diese fortdauernde Entwicklung schreite schneller voran, als andere denken. So habe Sarrazins eigener Jahrgang 1945 in beiden deutschen Staaten 1,3 Millionen Menschen hervorgebracht. 1965 seien es hingegen nur noch 660.000 geborene Kinder gewesen. Das Defizit von 400.000 konnte durch Zuwanderung gedämpft werden. Doch die Zahl ist innerhalb von 20 Jahren um Zwei Drittel geschrumpft: „Das ist ein Faktum“, unterstreicht Sarrazin seine These. Er wird diesen Satz heute Abend noch einige Mal sagen, um die Tatsächlichkeit seiner Aussagen zu betonen.

Die Größe von 80 Millionen oder nur 60 Millionen der deutschen Bevölkerung spielt bei diesen Erwägungen für Sarrazin keine vordergründige Rolle. Was ihn vielmehr beunruhigt sind die Strukturwandlungen in der Gesellschaft. So müsste sie sich mehr auf die Altenpflege einrichten und damit abfinden, dass die Innovationsfähigkeit der Jahrgänge nachlassen wird. Als Maßstab zieht er dabei die Erfindungen der Nobelpreisträger ran, für die sie ausgezeichnet wurden. Die Erfindungen hätten sie alle im Alter von 25-35 Jahren gemacht. Die Zahl der Innovationen wird aber sinken, je weniger innovative Menschen die Gesellschaft hervorbringt, betont Sarrazin. Die Jahrgänge, die von Jahr zu Jahr in Rente gehen, werden immer größer werden, warnt er auf der anderen Seite. Auf die 1,3 Millionen seines Jahrgangs kamen im Jahr 1990 noch 850.000 Neugeborene. Deutschland schafft sich bei dieser Entwicklung ab, stellt er fest. Durch eine geregelte Zuwanderung ließe sich dieses Problem nur bedingt lösen, auf alle Fälle ließe sich so aber der Leistungsabfall bremsen.

Zeichen des Verfalls

Nach Zahlen des statistischen Bundesamtes haben Frauen mit niedriger Bildung in den vergangenen Jahren durchschnittlich 1,38 Kinder, Frauen mit mittlerer Bildung 1,4 und mit hoher Bildung 1,2 Kinder zur Welt gebracht. Dabei gilt auch die Friseurin mit dem Meister als hochgebildet. Hochschulprofessoren brachten durchschnittlich 0,5 Kinder zur Welt. Sarrazin hält fest, dass die bildungspolitischen Eindrücke durch das Elternhaus mitbestimmt und geprägt werden. Die geistigen Eigenschaften seien zu gewissen Teilen vererbbar. So sei auch die Intelligenz in vererbbares Faktum, wovon 50 bis 80 Prozent vererbt werden. Attitüde, Einstellungen, Wertevorstellungen werden vom Elternhaus mit übernommen.

Sarrazin steht noch immer wie einer Kerze am Pult. Zuletzt stieß Sarrazin in London auf wenig Gegenliebe. Nach heftigsten Protesten aus dem linksextremen Milieu musste eine Veranstaltung mit dem Publizisten Henryk M. Broder „aus Sicherheitsgründen“ abgesagt werden. Hier in Berlin fühlt er sich heimisch und geborgen, ist er doch stellvertretender Vorsitzender des Vereins Berliner Wirtschaftsgespräche, der zu der Veranstaltung eingeladen hat.

Als er am Morgen aus London zurückkehrte las er im Daily Mirror einen interessanten Artikel über die Prägung junger Kinder durch das Elternhaus. So seien anhand von sozioökonomischen Faktoren bis zum neunten Lebensmonat keine Unterschiede in der Entwicklung zwischen Kindern unterschiedlicher Elternhäuser auszumachen. Mit zwei Jahren bilden sich diese Unterschiede jedoch über den Erbfaktor hinaus aus, wenn die Kinder anregungsarm aufwachsen. Zur Messbarkeit dieser Unterschiede führt Sarrazin eine Langzeitauswertung des deutschen Chemiekonzerns BASF an, dem ein seit Jahren gleichgebliebener Test zugrunde liegt. Für die Auswertung werden nur die Ergebnisse der Schüler herangezogen, die schon immer in Deutschland zur Schule gegangen sind. Nachweislich gehen hier die Leistungen der Schüler hier seit den letzten 35 Jahren zurück.

Sarrazin betont, dass das Abitur alleine noch nichts aussage, sondern erst die Inhalte des Abiturs. So seien nur wenige Abiturienten für ein Studium der MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) geeignet. Aber nur diese Studiengänge treiben den wissenschaftlich-technischen Fortschritt in der Gesellschaft voran. Gerade mit Blick auf Berlin verweist Sarrazin darauf, dass die Frage der sozialen Schieflage mit Geld nicht zu retten sei. Es sei vor allem eine Schicht- und Bildungsfrage.

Migration

Migration kann durch qualifizierte Zuwanderung die geistige Lücke, die in unserer Gesellschaft entsteht füllen, jedoch sei es unbedingt notwendig auf die einzelnen Zuwanderungsgruppen zu schauen. In Deutschland leben rund 16 Millionen Menschen mit einem Migrationshintergrund, „das ist ein Faktum“, ergänzt Sarrazin seine Aussage mal wieder. Migrationshintergrund läge vor, wenn man einen Elternteil habe, der im Ausland geboren wurde. „Wer unter Ihnen einen Partner hat, der in Luxemburg geboren wurde, dessen Kinder haben einen Migrationshintergrund. Wenn jetzt aber die 18-jährige Türkin und der 20-jährige Türke, die aber schon in Berlin geboren wurden, in Neukölln heiraten – deren Kinder haben keinen Migrationshintergrund.“

Gemessen an den Maßstäben der Integration, also Bildungsbeteiligung, Abhängigkeit von Transferleistungen wie Sozialhilfe und Hartz IV und die Beteiligung am Arbeitsmarkt, ergeben sich verglichen zu den einheimischen Deutschen keine Integrationsprobleme für Deutsch-Russen, Polen, Slowenen oder Vietnamesen. „Es lassen sich keine sozial-ökonomischen Unterschiede feststellen“, betont Sarrazin. Teilweise seien sie sogar noch besser als Deutsche. Auch wenn ihre Elternteile noch Sprachprobleme hätten, so ließe sich dies bei der zweiten Generation schon nicht mehr feststellen. Warum Türken und Araber so auffallen, konnte ihm keiner erklären. An den Chancen kann es nicht gelegen haben, sie hatten alle dieselben.

Unter den Migranten findet sich eine Gruppe, die 4 Millionen Menschen trägt, die einen so genannten ungeklärten Migrationshintergrund haben. Dabei handelt es sich größtenteils um Migranten und deren Nachfahren aus muslimisch geprägten Staaten. Alle Integrationsprobleme beziehen sich auf diese Gruppe, stellt Sarrazin fest.

Als im Juni 2009 der Migrationsbericht der Bundesregierung vorgestellt wurde, lud sich Sarrazin diesen runter und war im Nachhinein enttäuscht. In dem Bericht wurden die Migranten nicht unterschieden, sondern er kam zu einer „Kreuzung von Vietnamesen mit Türken in dem Begriff ‚Migranten’.“ Sarrazin rief bei dem Institut an, das den Bericht erstellt hatte, um nach den Gründen zu fragen. Der Professor erklärte ihm, dass die Vorgaben für die Tabellen vom Auftraggeber kamen: Der Bundesregierung.

„Auch wenn das Leben bei der Bundesbank nicht so wahnsinnig interessant war, hatte es doch Vorteile“, erzählt Sarrazin mit einem Lächeln im Gesicht. So habe er immer die Leute ans Telefon bekommen, die er dran haben wollte. Seine Sekretärin verband ihn mit dem Stab der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung. Das Gespräch mit dem Stabsleiter begann erst freundlich, aber mit der Zeit merkte Sarrazin, wie die Distanz wuchs. Auf Nachfrage, warum die einzelnen Migrantengruppen nicht aufgeteilt wurden, teilte man ihm mit, man wollte nicht den Eindruck hinterlassen, dass die geringen Integrationserfolge auf „kulturalistische Ursachen“ zurückzuführen seien. Das Wort kannte er bis dahin gar nicht. Er erinnerte ihn an andere Worte, die mit „istisch“ enden wie etwa „sozialistisch“, „kommunistisch“, „faschistisch“. „Das wird da auch aus der Ecke kommen“, dachte er sich. Vielmehr, so der Mitarbeiter der Bundesregierung, sei es ja ein Schichtenproblem. Sarrazin belehrte ihn, dass auch die jetzt so erfolgreichen Zuwanderer aus Vietnam nicht als ausgebildete Fachärzte in die DDR kamen. Auch die Indonesier sind als einfache Landarbeiter nach Deutschland gekommen. Wer sonst sollte sein Land verlassen, um in einem anderen zu leben. Von Seiten der Bundesregierung wurde das Gespräch beendet. Der gesamte Inhalt des Gesprächs sei vertraulich gewesen, für tiefergehende Fragen müsste sich Sarrazin ans Pressereferat werden. Die Frage nach der unterschiedlichen Integrationsfähigkeit sollte nicht erläutert werden, hatte er den Eindruck.

Für Sarrazin haben in dieser Auseinandersetzung Hinweise auf erfolgreiche Einzelfälle keine Relevanz, sagt er. Es ginge ihm um den Durchschnitt. Tatsache ist, dass 78 Prozent aller Türken in Deutschland kein Abitur machen. Dies schließt ein, dass 22 Prozent eines machen, macht Sarrazin den Zuhörern klar. Es könne eigentlich gar nicht angehen, dass ein Kind eines 1972 zugewanderten Gastarbeiters im Jahr 2011 noch immer Integrationsprobleme hat, oder gar dessen Kinder. Sarrazin stellt fest, dass die Unterschiede in den Kleidungsstilen und die „Distanz zur Gesellschaft“ in weiten Teilen der islamischen Gesellschaft weiter zunimmt. Diese Defizite würden sich keinesfalls automatisch abbauen.

Er stellt sich die Frage, woher dieser Leistungsabfall in der Integration kommt. Mit Verweis auf die Vietnamesen schließt er die Schichtenzugehörigkeit aus. Auch ethnische Gründe kann er ausschließen, Marokkaner seien Semiten, Türken gehörten zu den Turkvölkern und in allen europäischen Staaten zeigen sich ähnliche Entwicklungen. Das zeigt am deutlichsten die Entwicklung in England, wo er morgens noch gewesen war. Die Inder in England sind, wie hier die Vietnamesen, erfolgreicher als die einheimische Bevölkerung. Pakistani seien hingegen durchgängig schlechter als die einheimischen Briten, was für sich genommen schon eine Leistung sei. Den Autor dieser Zeilen weist Sarrazin an dieser Stelle daraufhin, dass er das nicht zu schreiben brauche, das sei bloße Polemik. Dabei liegt der Unterschied zwischen Indern und Pakistani nicht weit auseinander. In Aussehen und Sprache ähneln sie sich stark. „Das sind alles Arier“, betont Sarrazin. Der Unterschied zwischen Pakistani und Indern läge ausschließlich in ihrer Religion. Pakistani sind überwiegend Muslime, während Inder überwiegend Hindus sind.

Ihrer Bildungsabgewandtheit setzen viele Muslime den Stolz auf ihren Glauben entgegen, stellt Sarrazin fest. Allerdings gäbe es starke Unterschiede zwischen den Staaten. So würden ihm alle persischen Taxifahrer, die ihn vom Bahnhof Spandau in sein Zuhause in Westend fahren, zu seinem Buch beglückwünschen und ihm dankbar sein. Unter den ausgewanderten Persern finden sich viele gebildete liberale Muslime oder gar Nichtgläubige, die sich nicht unter das Kopftuch des Mullahregiems zwingen lassen wollten. Neben den Persern seien die Christen aus dem Irak sehr erfolgreich in Deutschland integriert, weil sie offensichtlich keine Muslime sind.

Sarrazin rechnet vor, wie in drei bis vier Generationen die Geburtenrate der muslimischen Bevölkerung über der der Deutschen liegen wird. Zu seinen Berechnungen hat er die Nettoreproduktionsrate von 0,65 für deutsche Frauen angelegt. Die Fruchtbarkeit der islamischen Frauen hat er auf 1 heruntergesetzt. Die Zuwanderung aus muslimischen Kreisen hat er auf die niedrige Zahl von 100.000 festgesetzt. Zum Vergleich: Im letzten Jahr kamen bis zum Oktober 65.000 Menschen durch einen Asylantrag nach Deutschland. Auch wenn viele der Anträge abgelehnt werden, so bleiben doch rund 90 Prozent der Antragssteller in Deutschland. „Körting [Berlins Innensenator, d. A.] findet immer einen Weg, damit die hier bleiben“, sagt er lapidar. So fände er das Verhalten einiger Tunesier merkwürdig, die erst für die Freiheit in ihrem Land kämpfen und die nun auf der italienischen Insel Lampedusa leben wollen. Da sei die Zahl von 100.000 schon sehr niedrig angesetzt. „Es kann auch anderes kommen“, sagt Sarrazin und warnt das Publikum: „Sie werden die Minderheit sein.“ Das sei nicht so schlimm, wenn Deutschlands kulturelle Werte geteilt werden würden. Zustände wie in Neukölln oder im Wedding könnten aber bald in weiten Teilen Berlins herrschen.

Auf die Frage, ob es Integrationsverweigerer gäbe, stellt Sarrazin fest, dass das Wort „Verweigerung“ etwas Aktives habe. Die entstandenen muslimischen Parallelgesellschaften seine keine Ursache mangelnder Integration, sondern die Folge mangelnder Integration. Sarrazin verweist auf Parallelgesellschaften, die es anfangs in New York gab. Ganze Straßenzüge seien jüdisch, deutsch oder italienisch geprägt gewesen. Allerdings seien alle auf gute Schulen gegangen und hätten, abgesehen von den Italienern, gute Bildungserfolge erzielt. Dass es in Deutschland den gemüseverkaufenden Türken gäbe und die kopftuchverhüllte Tochter, die nur gebrochen Deutsch spricht, sei ein Faktum. Im Vergleich könne wohl niemand behaupten, dass in Deutschland alle Zuwanderer diskriminiert werden würden, sonst hätten es die vietnamesischen Zuwanderer nicht so schnell zu ihren Bildungserfolgen gebracht.

Für die Berliner Verwaltung hat Sarrazin nur noch Spott übrig, sie befördere Parallelgesellschaften und treibe sie voran. Wenn es nach ihm ginge, würde er alle arabisch- und türkischsprachigen Formulare in allen Berliner Verwaltungen einziehen. „Wer’s nicht rafft, der kann kein Hartz-IV beziehen“, sagt Sarrazin sichtlich erbost. Der Applaus überdeckt seine Stimme, er muss lauter sprechen, damit er alle Verwaltungen aufzählen kann. Der Berliner Senat macht das Anderssein in dieser Stadt einfach viel zu einfach: „Der Assimilationsdruck muss erhöht werden“, fordert Sarrazin. Ohne Assimilation würde es keine Vermischung der Menschen geben. Das sei auch kein Wunder, wenn der Islam sagt, es sei eine Sünde eine Nichtmuslimin zu heiraten. In Zahlen: 95 Prozent der Türken heiraten türkische Partner. „Das ist ein Faktum“, wiederholt er. Das Heiratsverhalten, das Türken und Araber an den Tag legten, würde die Integration nicht voranbringen.

Ob er der Racheengel der frustrierten Mittelschicht sei, will jemand wissen. Sarrazin erinnert sich an seine Schulzeit zurück. Als er einen Eintrag wegen nicht gemachter Hausaufgaben bekam, war sein Lehrer der Racheengel, weil er ihm seine Verfehlungen aufgezeigt hat. Vor diesem Hintergrund kann er der Racheengel der Bundespolitik sein. Das Buch habe ihm gezeigt, dass viele so denken, wie er geschrieben hat und dass viele diese Befürchtungen teilen. Die intensiven Versuche, ihn zum Spalter der Gesellschaft zu erklären oder gar des Rassismus zu bezichtigen und in die rechte Ecke zu drängen, sind gescheitert. Von den wenigen Gegendemonstranten vor dem Tempodrom hat von den Teilnehmern ohnehin kaum jemand Kenntnis genommen.

Die Politik mahnt er darauf, dass es nicht reichen wird „Multi-Kulti-Reden“ zu halten. Die Grundlagen des Asyls und des Familiennachzuges müssen geändert werden. Sarrazin fordert eine klare Linie von der Politik, alles andere sei bloß heiße Luft. Was Sarrazin beim Islam vermisst, ist eine zentrale Instanz, an die er sich wenden kann. So gäbe es bei den Katholiken den Papst, bei den Protestanten den EKD, nur beim Islam fehlten solche Einrichtungen. Der Koran sei das Zentrum des Islam. Er sei schwer vereinbar mit der modernen Gesellschaft. Eine staatliche Politik wird zu Veränderungen des Islam nicht fähig sein, so dass wir vom Islam abhängig werden würden.

Nötig sei der Blick in die Wirklichkeit, sagt Sarrazin. Der Türke steht morgen nicht in Neukölln auf und denkt sich, er will jetzt ein Gesetz brechen. Es ist sein Lebensstil, der mit unseren Vorstellungen wenig kompatibel ist. Das Unrechtsgefühl fehlt bei diesen Menschen, wenn sie ihre Töchter in Kopftücher hüllen, oder ihre Frauen zum Abwasch zwingen. Sarrazin ist in einer Großfamilie groß geworden, in der er abwaschen musste. Er hätte sich aber auch gefreut, wenn seine Schwestern ab und zu abgewaschen hätten. In den Bereichen in denen der Staat durchgreifen kann, soll er das auch machen. So schließt sich Sarrazin der Forderung seines ehemaligen Parlamentskollegen René Stadtkewitz an, der mit seiner Freiheits-Partei ein Kopftuchverbot an den Schulen fordert, oder die Pflichtteilnahme an Klassenfahrten.

Ein Mitglied des Vereins Berliner Wirtschaftsgespräche weist Sarrazin darauf hin, dass heute im Gespräch mit der Grünen-Kandidatin Renate Künast, diese gesagt haben soll, es gäbe gar keine Integrationsdebatte. In Wirklichkeit wäre das eine Sarrazin-Debatte die geführt wird, die aber möglichst nicht zu führen ist. Sie könnte dazu führen, dass gut ausgebildete Türken Deutschland wieder in Richtung Istanbul verlassen könnten. Sarrazin betont, wer sich von der Diskussion um ein Buch in einem Land eine Lebensentscheidung vorgeben lässt, dem sei nicht mehr zu helfen. Ihm bereite es keine Sorgen, wenn gut ausgebildete Türken wieder zurück in ihre Heimatland gingen, immerhin wäre das ein aktiver Beitrag der Entwicklungshilfe. Künast habe sich zwei dicke Integrationspflaster auf die Augen geklebt, damit sie nichts sieht. Sie solle sich besser mit Inhalten auseinandersetzen, nicht wie man bei den Menschen gut ankommt. Wie für andere Politiker gilt für sie: Sie überlegt sich wie sie nicht negativ auffällt und profilieren will sie sich durch ihre Kritik an seiner Person. Nur in den Sachfragen wird es sie nicht weiterbringen.

Thilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen. Deutsche Verlags-Anstalt 2010. 464 Seiten, 22,99 Euro. Kaufen bei Amazon.

2 Comments »

  1. true smyrna 16. Februar 2011 at 20:50 - Reply

    vielen dank für diesen vorzüglichen artikel.

    besonders gelungen finde ich, daß dr.thilo sarrazin (nach seiner england-reise hat es sich ja angeboten) auf den wichtigen UNTERSCHIED zwischen
    INDERN und PAKISTANI hingewiesen hat.

    PAKISTANI sind die berühmten ASIAN, drug-dealer, gang raper, girl-grooming ASIAN .

    ASIAN ist also in England das, was bei uns die berühmten SÜDLÄNDER sind, d.h. ein SYNONYM für MUSLIME.
    was dr.thilo sarrazin natürlich nicht so genau ausformulieren konnte, wie das hier möglich ist.-
    aufgrund der RASSISMUS/ FASCHO – keule.
    als schreckliches beispiel nochmals der verweis auf den artikel über das schweigen der polizei und politik in england über den sexuellen missbrauch von ca.100 mädchen und „grooming“:

    Asian gangs, schoolgirls and a sinister taboo: As nine men are jailed for grooming up to 100 for sex, the disturbing trend few dare talk about.

    http://www.dailymail.co.uk/news/article-1333537/Nine-men-Derby-jailed-grooming-100-sex.html

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