“Wir Muslime genießen hier ein Maximum an Religionsfreiheit”

7. Februar 2011 11

Ein Interview mit dem türkischstämmigen Politiker Hüseyin Kocak

Hüseyin Kocak (CDU) ist Integrationsbeauftragter und Abgeordneter des Kreistags Kaiserslautern. Für Citizen Times sprach B. Rösch mit dem Politiker über Türken in Deutschland, Integrationsprobleme und den Einfluss der türkischen Regierung auf “ihre” Bürger in der Bundesrepublik.

Citizen Times: Herr Kocak, als Deutscher mit türkischen Wurzeln und Vorstandsmitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft im Saarland dürfte Sie die aggressive Außenpolitik des türkischen Ministerpräsidenten gegenüber Israel beunruhigen. Vor kurzem sprach Erdogan im Zusammenhang mit der Etablierung einer türkisch-arabischen Union unter Anspielung auf die Zeit der Kreuzzüge von einer “Lösung des Palästina-Problems”. Wohin wird dieser eingeschlagene Weg die Türkei führen?

Hüseyin Kocak: In erster Linie geht es einem National-Islamisten wie Erdogan nicht um angebliche Menschenrechtsverletzungen im Gaza, denn ansonsten müsste er sich auch um Darfur kümmern, wo Millionen Muslime durch Islamisten massakriert oder vertrieben wurden. Auch in der Türkei findet eine blutige Niederschlagung der Kurdenaufstände und eine faschistoide Unterdrückung der Nicht-Muslime statt. Da ist Israel, wo Araber weitestgehend Autonomie genießen, viel weiter als die Türkei. Islamisten wie Erdogan passt es nicht, dass ein demokratischer und nicht-islamischer Staat wie Israel im Nahen Osten existiert, der einfach nicht in ihr Bild passt. Dieser politische Weg wird die Türkei in die Rolle einer Marionette der Arabischen Welt führen – wo Erdogan bereits von Saudis üppig honoriert wird. Und die EU hält schläfrig an den Beitrittsverhandlungen fest.

Citizen Times: Sehen Sie das Erbe Atatürks in der Türkei in Gefahr oder ist es vielleicht sogar schon verloren gegangen?

Hüseyin Kocak: Nach dem Niedergang des Osmanischen Reiches, das als Kalifat mit der Scharia regiert wurde, war dank Atatürks Reformen eine moderne Republik entstanden. Diese Reformen hatten jedoch kein Fundament in Anatolien und haben sich letztlich als ein westliches Make-up entpuppt, das jetzt unter der AKP-Regierung abbröckelt. Das Experiment des Westens, die Türkei als ein musterhaft islamisches Land darzustellen und zum Partner zu nehmen, ist zu Gunsten der Islamisten bereits gescheitert.

Citizen Times: Teilen Sie die Auffassung vieler Türkei-Kritiker, dass die Regierung in Ankara aktiv zu verhindern versucht, dass sich türkische Einwanderer in Europa und insbesondere in Deutschland wirklich integrieren?

Hüseyin Kocak: Ja, sie versucht es zumindest und hat zum Teil auch Erfolg. An dieser Stelle sollten aber auch die Kritiker wissen, dass bereits hunderttausende integrierte Türken in Deutschland leben, bei denen Erdogan und andere Islamisten keinen Einfluss haben. Ich denke da an die ca. 900.000 Aleviten oder an säkulare Sunniten wie Bassam Tibi, Necla Kelek oder Lale Akgün und viele andere.

Der türkische Staat baut aber auch fleißig Moscheen und exportiert den Islamismus über Imame nach Deutschland. Er möchte auch Schulen bauen und später sollen türkische Kindergärten folgen. So etwas zeigt, dass die Regierung in Ankara uns Türken in Deutschland mitregieren möchte. Das, was die Osmanen durch ihre Kriege gegen den Westen nicht geschafft haben, die Islamisierung Europas, möchte Erdogan zweifellos mit solchen Maßnamen, durch die Einwanderung muslimischer Bürger nach Europa, sowie durch einen EU-Beitritt seines Landes schaffen. Länder wie Dänemark, Schweden oder Belgien, die wenig Einwohner haben, aber von einer massiven Einwanderung durch Muslime betroffen sind, sollen die ersten islamischen Länder in Westeuropa werden. Wenn die nicht-muslimische Bevölkerung die Minderheit im eigenen Lande ist, dann soll es ihnen genauso ergehen wie heute den Kopten in Ägypten, den Chaldäern im Irak oder den Armeniern in der Türkei.

Citizen Times: Welche Maßnahmen sollte der deutsche Staat Ihrer Meinung nach ergreifen, um diesem Einfluss entgegen zu wirken?

Hüseyin Kocak: Deutschland ist zweifellos ein Einwanderungsland. Ein Einwanderungsland sollte aber den Anspruch haben, sich seine Einwanderer selbst auszusuchen. Anstelle von Regelungen wie Familienzusammenführung sollte ein Punktesystem eingeführt werden. Denn die Integration von Einwanderern kann nur durch den Arbeitsmarkt und nicht durch den Sozialstaat gelingen. Auch die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei sollten für beendet erklärt werden. Die Türkei gehört zivilisatorisch soviel zu EU wie Israel in die Arabische Liga. Durch die Politik der AKP-Regierung hat der Westen dieses Land bereits verloren.

Citizen Times: Insbesondere von Seiten linker Politiker in Deutschland wird die Integrationsverweigerung vieler muslimischer Einwanderer und ihrer Nachkommen oft alleine auf Diskriminierungserfahrungen zurückgeführt. Bei anderen Migrantengruppen, z.B. Vietnamesen oder Osteuropäern, zeigen sich diese Probleme dagegen aber nicht oder nicht so stark. Wo sehen Sie die Hauptursachen für diese Verweigerungshaltung?

Hüseyin Kocak: Diskriminierung? Na ja! Wir Muslime genießen hier ein Maximum an Religionsfreiheit. Davon können die Christen in den islamischen Ländern nicht einmal träumen. In der Türkei dürfen Kirchen keinen Besitz erwerben und keine Bankkonten führen. Menschen, die zum Christentum konvertieren, werden wie in Malatya nach der Scharia-Regelung geschlachtet oder leben undercover. Und trotz dieser Zustände haben die Christen ein höheres Bildungsniveau als der Durchschnitt der muslimischen Mehrheitsgesellschaft in der Türkei. Die meisten Muslime sehen sich hier gerne diskriminiert, weil sie die Aufklärung im westlichen Sinne, also die liberal-demokratischen Werte Europas, ablehnen und damit auf Unverständnis stoßen.

Citizen Times: Wo sind Ihrer Meinung nach Ansatzpunkte für den Staat und die Gesellschaft, wenn man gläubige Muslime dazu bringen möchte, die dogmatischen Grundsätze und Regeln ihres Glaubens dem weltlichen Werte- und Rechtssystem unterzuordnen?

Hüseyin Kocak: Der Islam hat im Gegensatz zum heutigen Christen- und Judentum ein eigenes Rechtssystem, nämlich die Scharia. Damit ist er keine Religion im Sinne einer privaten Sache sondern bildet eine Staatsreligion. Selbst eine Unterordnung der Scharia, wie vom Schweizer Islamisten Tariq Ramadan vorgeschlagen, würde nichts bringen – sie würde immer noch die Leiche im Keller sein. Die Scharia gehört abgeschafft und nicht untergeordnet. Der Islam sollte sich außerdem säkularisieren und entpolitisieren.

Citizen Times: Sie sprechen in diesem Zusammenhang ja von einem “Euro-Islam” und haben auch ein Buch mit diesem Titel veröffentlicht. Was genau verstehen Sie darunter?

Hüseyin Kocak: Es gibt im Koran Suren, die den Frieden fördern. Dass Islam Frieden und Liebe bedeuten soll, kann ich aber in solchen Suren nicht erkennen:

Sure 4, Vers 89:
Sie wünschen, dass ihr ungläubig werdet, wie sie ungläubig sind, und dass ihr ihnen gleich seid. Nehmet aber keinen von ihnen zum Freund, ehe sie nicht auswanderten in Allahs Weg. Und so sie den Rücken kehren, so ergreifet sie und schlagt sie tot, wo immer ihr sie findet; und nehmet keinen von ihnen zum Freund oder Helfer.

Wer damit gemeint ist wird in diesen Suren verdeutlicht:

Sure 5, Vers 52:
Oh Gläubige, nehmt weder Juden noch Christen zu Freunden.

Sure 3, Vers 118:
Oh ihr, die ihr glaubt, schließet keine Freundschaft außer mit euch.

Wie soll sich ein schrifttreuer Moslem in einem mehheitlich nicht-muslimischen Europa integrieren, wenn er Andersgläubige nicht zu Freunden nehmen darf? Diese Suren fördern den eigentlichen Rassismus und können auch nicht von Gott stammen, da er auch der Schöpfer von Juden und Christen ist. Was wir brauchen, ist eine europäische Auslegung des Korans und damit einen Euro-Islam. Zum inneren Frieden einer Gesellschaft gehört außerdem die Akzeptanz einer Leitkultur, die Orientierung für ein demokratisches Gemeinwesen bietet, dessen Angehörige unabhängig von Ihrer Herkunft und Religion säkulare Normen und Werte als Voraussetzung für den inneren Frieden teilen. Der Euro-Islam ist ohne kulturelle Anpassung nicht möglich.

Citizen Times: Sollten Ihrer Meinung nach Kopftücher in Schulen verboten werden oder ginge das zu weit?

Hüseyin Kocak: Die Verschleierung von Kindern und Frauen ist für einen säkularen Muslim wie mich eine Freiheitsberaubung, die aber in Deutschland von dem Grundrecht auf Glaubensfreiheit profitiert. Die Verschleierung und damit die Sexualisierung der Mädchen sollte in den Schulen verboten werden. Das gilt aber genauso für pornographisches Material. Außerdem sollten wir Muslime unsere Söhne unsexistisch erziehen, dann brauchen wir auch unsere Töchter nicht mehr zu verschleiern.

Citizen Times: Glauben Sie, dass “Euro-Muslime” wie Sie in Deutschland und Europa genug Einfluss erhalten werden, um spürbar etwas zu bewegen?

Hüseyin Kocak: Der Islam verändert Europa aber Europa verändert auch die Muslime. Mittlerweile kann man von einer neuen säkularen Strömung sprechen. Die Gründung von neuen Verbänden wie dem Verband Demokratisch-Europäischer Muslime (VDEM) in Aachen ist ein Beispiel. Weitere sollen folgen. Auch in anderen europäischen Ländern gibt es immer mehr Verbände unter der Überschrift “Reform-Islam”. Ich bin sehr optimistisch, was die Europäisierung des Islam angeht.

Citizen Times: Wie können Politik und engagierte Bürger Sie in Ihrer Arbeit unterstützen?

Hüseyin Kocak: Die Politik ist links von der Mitte nicht mehr zu retten. Die Linken gewähren uns Muslimen sogar wenn es um Antisemitismus oder Faschismus geht einen regelrechten Kulturrabatt. Dass genauso wie Linke auch Neo-Nazis mit den Islamisten kooperieren ist wohl jedem bekannt.

Die bürgerliche Mitte sollte die islamischen Reformisten unterstützend begleiten. Was die Europäisierung und die Reformation unserer Religion angeht, stehen jedoch wir Muslime allein in der Pflicht, uns kritisch mit unserem Glauben auseinander zusetzen. Hier kann weder die Politik noch die Mehrheitsgesellschaft etwas bewegen.

Citizen Times: Glauben Sie, dass es einen positiven Effekt hätte, wenn man in Deutschland wieder mehr Patriotismus einfordern und vorleben würde?

Hüseyin Kocak: Natürlich! Ich persönlich bin glücklich darüber, in einem Land der Dichter und Denker geboren zu sein, von dessen Wissenschaft die ganze Menschheit profitiert. Ich liebe dieses Land – trage aber auch eine Verantwortung für die sonnige und schattige Vergangenheit. Diese Verantwortung ist auch der Grund für meine Mitgliedschaft in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Menschen sollten durch einen demokratischen Patriotismus an Ihrer Identität festhalten. Sonst machen es wieder die Falschen, die diesem Land in der Vergangenheit sehr geschadet haben. Wer die europäischen Werte ablehnt, die Teil eines solchen Patriotismus sind, der hat immer noch die Möglichkeit woanders zu leben. Wir sollten auch wissen, dass Werterelativismus, also das Gegenteil von Patriotismus, das Ende der Aufklärung bringen wird.

Hüseyin Koczak: Projekt Euro-Islam. Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration, Frankfurter Literaturverlag 2010, 263 Seiten, 14,90 Euro. Kaufen bei Amazon.

11 Comments »

  1. Herbert 7. Februar 2011 at 16:29 - Reply

    Dieser Mensch hat mehr Recht in Deutschland zu Leben wie die Politker die dieses Land verraten haben!
    Vielleicht landet er ja bald bei der Partei die FREIHEIT.Die CDU ist von der SPD doch kaum zu unterscheiden und hat massenweise Rechstextreme Türken aufgenommen.

  2. Klaus 8. Februar 2011 at 03:46 - Reply

    Tariq Rammadan hat schon viele Jünger begeistert die die versteckte Islamisierung Europas vorantreiben.
    Wenn nicht dieses oder nächstes Jahr gravierende Änderungen in der Politik stattfinden ist es 2013 zu spät.
    Das ist nicht nur eine Beliebte Strategie der Chinesen . Linke und Rechte Kräfte miteinander aus zu Booten
    um als unschuldige 3. Partei in der Mitte zu stehen.Multikulti ist nur eine Strategiemasche auf die die meist nicht so wachen Menschen hereinfallen.
    Es heißt nicht umsonst traue keinem Über 30.Leider sind die meisten Großen Frauen + Männer Europas schon Tod.
    Und es wachsen so Multikulti verblendet auch keine mehr nach.Ob die letzte Reserve es schaft das Ruder
    noch zu ergreifen ist Ungewiss ….

  3. Süpernänni 8. Februar 2011 at 19:10 - Reply

    allerhöchste Achtung für so viel klaren Verstand und Freiheit beim Denken. Das schafft nicht jeder sich das zu erkämpfen.
    Hier mal ein korrekt platziertes, wohlverdientes: RESPEKT !!!!

  4. mastersystem 10. Februar 2011 at 13:44 - Reply

    “Wir sollten auch wissen, dass Werterelativismus, also das Gegenteil von Patriotismus, das Ende der Aufklärung bringen wird”.

    Weise gesprochen und meines Erachtens auch in Übereinstimmung mit den Überzeugungen von Adorno und Horkheimer (nur, daß die beiden vielleicht nicht den Patriotismus als Gegenteil der Aufklärung begreifen würden)

  5. Grappa 10. Februar 2011 at 21:35 - Reply

    WOW. Hüseyin Kocak, ein Vorbild für viele junge Ausländer! Danke.

  6. Kunibert v. Krötenschreck 19. November 2011 at 14:11 - Reply

    Ich empfinde sehr große Hoachtung für Herrn Kocak!

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