Von Schuld und Verantwortung – eine semantische Klarstellung zum 27. Januar

29. Januar 2011 1

Heute vor 66 Jahren wurde das KZ Auschwitz befreit. Was dort in den fünf Jahren zuvor geschehen war, ist kaum in Worte zu fassen. “Eine historische Verantwortung, die vollkommen unabhängig ist von individueller Schuld”, konstatiert Bundespräsident Wulff zu Recht. Es gilt für uns alle und auch für ihn, diese Erkenntnis in Handeln umzusetzen.

Diesen Text schrieb ich am 27. Januar, seit 1996 Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, auf der Facebook-Seite der Bürgerrechtspartei DIE FREIHEIT. Dass unter den ca. 3.500 Personen, die das Geschehen auf dieser Seite verfolgen, einige dabei sind, die in jedem Hinweis auf den Holocaust und die zahlreichen anderen Verbrechen der Nazis, in übersteigerter und undifferenzierter Vaterlandsliebe einen Angriff auf Deutschland sehen, war mir klar und so wunderte ich mich auch nicht über einige entsprechende Kommentare.

Zu den von diesen Personen vorgebrachten Argumenten sei folgendes gesagt: Ja, es stimmt, Deutschland hat auch eine Geschichte vor 1933 mit vielen großartigen Persönlichkeiten und bedeutenden Ereignissen und wer das nicht anerkennt, der tut uns Deutschen Unrecht. Genauso Unrecht ist es aber, die Verbrechen, die von Deutschen zwischen 1933 und 1945 verübt wurden, auszublenden oder sie unter Hinweis auf das Leid der deutschen Bevölkerung in den Ostgebieten am Ende des Krieges bzw. danach zu relativieren.

Bei einigen anderen Kommentatoren schienen aber auch die beiden von Wulff verwendeten Begriffe, “Schuld ” und “Verantwortung“, zu etwas Verwirrung zu führen, weshalb ich sie hier noch mal genauer abgrenzen möchte:

Als Patriot identifiziere ich mich mit der gesamten Geschichte meines Volkes, auch wenn es dabei Dinge gibt, die schmerzen. Um Schuld geht es dabei aber nicht, den schuldig werden kann man nur durch eigenes Handeln oder Unterlassen, was mir beides nicht möglich war, da ich erst 34 Jahre nach Kriegsende zur Welt kam. Auch gibt es die Kollektivschuld eines Volkes nur in einem faschistischen Weltbild, wie es etwa Antisemiten oder Antideutsche pflegen.

Um was es geht ist Verantwortung. Auch wenn es umgangssprachlich gerne synonym verwendet wird heißt “für etwas verantwortlich zu sein” nämlich etwas ganz anderes als “an etwas schuld zu sein“. Letzteres beschreibt den direkten Kausalzusammenhang zwischen dem Handeln eines Menschen und einer daraus resultierenden Folge, während “Verantwortung” eine Verbindung auf einer deontologisch-ethischen Ebene meint und damit erst die Grundlage bildet für das mögliche Entstehen von Schuld.

Ich möchte versuchen, das kurz anhand eines Beispiels zu erklären: Angenommen, ich finde einen Schwerverletzen, der ohne medizinische Hilfe sterben würde. Mit dem Moment des Auffindens dieser Person und des Erkennens seines Zustandes erwerbe ich Verantwortung für sein Überleben, obwohl ich ihn weder finden wollte, noch etwas für seinen Zustand kann. Unterlasse ich es, ihm zu helfen, obwohl ich dazu in der Lage wäre, werde ich dieser Verantwortung nicht gerecht und mache mich daher schuldig.

Übertragen auf das Dritte Reich heißt das: Wer verstanden hat, wie es zur Entstehung der nationalsozialistischen Diktatur und damit zu der Ermordung von Millionen Menschen kam, erwirbt damit die Verantwortung, das in seiner Macht stehende zu tun, um eine Wiederholung dessen, auch vor einem anderen ideologischen Hintergrund, in Zukunft auszuschließen.

Das ganz alleine ist unsere Pflicht. Ob die Formen des Gedenkens an die Opfer die richtigen sind oder zum Teil ins Lächerliche abrutschen und ob und in welcher Höhe heute noch Entschädigungszahlungen an Nachkommen von KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern notwendig und angemessen sind, das sind alles Fragen, die mit dieser Verantwortung überhaupt nichts zu tun haben.

Um dieser historischen Verantwortung gerecht zu werden und keine Schuld auf sich zu laden, muss man keine Schweigeminuten einlegen, Kerzen anzünden und sich elend fühlen. Um ihr gerecht zu werden muss man stattdessen aufstehen gegen Ideologien, die so entmenschlichend wirken, dass durch sie so etwas wie damals in den Konzentrationslagern überhaupt erst möglich wird. Und die aktuell gefährlichsten unter diesen Ideologien sind der Kommunismus und der Islamismus.

Und man muss aufstehen gegen die Mechanismen, die es ermöglichen, dass Ideologien in Staatsform gegossen werden, also etwa die Kontrolle der Sprache durch den Staat, die Zerstörung der Familien, Kadavergehorsam beim Militär oder reinen Rechtspositivismus im Richtersessel.

Genau aus diesem Grund schrieb ich, dass auch der Bundespräsident seine richtige Erkenntnis in entsprechendes Handeln umsetzen muss. Das vermeintliche Lob für Wulff war daher eigentlich mehr als Kritik gedacht, denn bisher war bei ihm in dieser Richtung nichts erkennbar.

Man hätte es aber natürlich wie Hendryk M. Broder auch etwas anschaulicher und respektloser ausdrücken können:

Wer über Ahmadinedschad nicht reden will, der sollte über Hitler schweigen. Auch am 27. Januar.

One Comment »

  1. Matthias Wöhlte 4. Februar 2011 at 13:33 - Reply

    Es ist schon erstaunlich mit welcher Wehemenz jedes Jahr wieder in diese ausgeleierte Kerbe gehauen wird. Seit frühester Kindheit an wurden uns diese mahnenden Worte eingehämmert, immer wieder, so auch in der Schule. Ich will das nicht mehr hören! Wir deutschen sind erbärmlich dumm uns ewig dieser Selbstkasteiung hinzugeben. Es wird jede Jahr noch dümmer verpackt, vonwegen ein Individualschuld gäbe es nicht aber …. BITTE: Aufhören, nicht noch weiter machen. Ich bin froh, dass sich nun endlich einmal einige Leute dagegen aussprechen, akzeptiert das bitte.

Leave A Response »