Neulich in der Moschee: Tanzen und Trommeln statt Lesen und Lernen

26. Januar 2011 9

Die Häuserfassade bröckelt schon. Die Eingangstür ist heruntergekommen, der Lack platzt von der Tür ab. Durch das enge Treppenhaus macht sich eine Gruppe junger Männer auf den Weg in den zweiten Stock. Überwiegend ältere Herren lehnen an den Wänden; halten in der einen Hand ihre Gebetskette, in der anderen eine Zigarette. Der blaue Dunst brennt in den Augen.

Die jungen Männer ziehen ihre Turnschuhe aus, stellen sie in ein großes braunes Regal. Auf Socken geht es weiter über einen flauschigen Teppich in den großen Gebetsraum. Durch eine spanische Wand sind Frauen und Männer von einander getrennt. Im Schneidersitz nehmen alle Männer Platz, die Frauen auf Gartenstühlen. Sie alle sind an diesem Samstagabend in eine der über 20 Neuköllner Moscheen gekommen, um den Tod von Imam Hussein zu gedenken.

Sie führen Gespräche, ihr Deutsch klingt gebrochen. Fast jeder Satz beginnt oder endet mit „Vallah“ (Arabisch, wörtlich: bei Gott, Bedeutung: ich schwöre) – um die Ernsthaftigkeit einer Aussage zu unterstreichen und endet mit einem Fragezeichen, das soll eine gewisse Skepsis ausdrücken. Es sind junge Moslems, syrischer oder libanesischer Herkunft. Viele tragen Picaldi-Jeans, Pullover mit Rundkragen und einer Kette, die oft auf dem Pulli liegt. Die Cordon-Jacken hängen an der Garderobe. Einige von ihnen sind vielleicht erst zehn Jahre alt. Die Jüngeren tollen herum, während ein rund 17-jähriger den Teppich saugt. Einer von ihnen stolpert über den Sauger, dessen Heulen den Raum erfüllt. Er bekommt eine Backpfeife und wird ermahnt: „Nicht spielen, hier ist Moschee!“

„Allahumme salli ala seyyidina Muhammedin ve ala al’i seyyidina Muhammed.“ (auf Deutsch: „Oh Allah! Segne Muhammad und die Familie von Muhammad.“) klingt durch den Saal. Alle Anwesenden wiederholen im Chor den Spruch. Mindestens fünfzigmal wird dieser Satz heute fallen. Das gehört zur Zeremonie. Damit werden „Brüder“ und verstorbene Imame und Propheten gegrüßt. An Stellen, an denen christlich-abendländisch geprägte Menschen klatschen würden, durchdringt dieser Spruch den Raum. Er animiert zum Mitmachen und vermittelt das Gefühl, zur Gruppe dazu zu gehören.

Der Sheikh erzählt zu den verstorbenen Imamen und Propheten allen eine kleine Geschichte, die mit vielen grausamen Einzelheiten ausgeschmückt sind. Einer von ihnen sei „wie ein Hund in einen Käfig gesperrt worden“, ein anderer „musste wie ein Tier verbluten“, andere wiederum wurden bei Kämpfen „niedergemetzelt und geschlachtet.“ Von geköpften Menschen, deren Blut den Boden getränkt habe, ist die Rede. Sie alle seien für den Islam gestorben. Die Sprache weckt in den Anwesenden direkt Gefühle des Abscheus, des Hasses gegen jeden, die den Gegrüßten das angetan haben. Vor jeder Kontrollstelle der FSK würde ein solcher Vortrag abgelehnt werden, oder zumindest keine Jugendfreigabe erhalten. Hier in Nord-Neukölln kann sich jedermann einen solchen Vortag anhören.

Welchen Beitrag leistet diese Arbeit in den Integrationsbemühungen des Bezirks? Türkische Jugendliche sind mehr als doppelt so oft Mehrfachtäter wie Deutsche. Dies geht aus einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen hervor. Hauptgrund für die Gewaltbereitschaft sei die „Machokultur“, das traditionelle Männlichkeitskonzept mit der Vorherrschaft des Vaters, der den Gehorsam notfalls mit Schlägen einfordern darf. Die Integration in die deutsche Gesellschaft gelinge besser, je weniger die Jugendlichen in diesen traditionellen Rollenmustern verhaftet seien, je weniger sie aus dem Bildungssystem ausgegrenzt würden und je weniger sie in Moscheen gingen. Denn von den Jugendlichen, die sich in der Studie als sehr gläubig bezeichneten, hätten sich lediglich elf Prozent mit Deutschland identifiziert. Dagegen hätten sich die türkischen Jugendlichen, die sich selbst als nicht gläubig einstuften, zu mehr als 50 Prozent als Deutsche bezeichnet.

In gebrochenem Deutsch hält jemand einen Vortrag über das Ashura-Fest. Auch wenn er Deutsch spricht, es zumindest versucht, klingt es sehr angestrengt. Sein Deutsch ist durchsetzt von arabischen Koranversen, die er nur kurz übersetzt.

Als ein junger Sheikh übernimmt, laufen junge Männer durch die Reihen. Jeder erhält ein Blatt von einer Rolle Küchenpapier. Etwas ratlos, was ich damit machen soll, putze ich meine Brillengläser mit ihm. Der „Bruder“ neben mir schaut mich entsetzt an. Die Töne des Sheikh klingen durch die vier Lautsprecher im Saal. Jeder Ton schallt drei bis fünfmal nach. Die Vokale zieht er bei seinem Gebet in die Länge. Um mich herum senken sich die Köpfe der jungen Männer zum roten Teppichboden. Immer wieder fällt der Name von Imam Hussein. Jetzt fangen die Gläubigen hier im Saal an zu weinen. Mit jedem Erklingen des Namens wird das Geheul stärker. Hier gilt offensichtlich: Je lauter geweint wird, desto gläubiger ist man. Nach einer Weile halten sich viele das Taschentuch vors Gesicht.

Nach einigen Minuten geht das Licht wieder an. Viele haben Tränen in den Augen, auch ich. Das Taschentuch habe ich mir wie alle anderen vor das Gesicht gehalten, um mein Grinsen zu verbergen. Ich konnte nicht glauben, was ich gesehen hatte. Rund fünfzig junge Männer, viele von ihnen sicherlich noch Schüler, saßen in einer Reihe und weinten. Mir sind auch die Tränen über die Wangen gelaufen – vor lauter Lachen.

Hussein wurde am 10. Oktober 680 in der Schlacht von Kerbela von den Truppen des Kalifen Yazid I. gestellt und im Verlauf des Gefechtes getötet. Sein Grabmal befindet sich nach schiitischer Tradition in einer Moschee in Kerbela, im Imam-Husain-Schrein. Hussein wird aufgrund seines Todes in der Schlacht von Kerbela von den Imamiten als Märtyrer verehrt. Einen Höhepunkt dieser Verehrung stellen die jährlichen Aschura-Trauerzeremonien dar.

Als der nächste Redner übernimmt, stellen sich die Männer in einem Kreis auf. Zwei von Ihnen animieren die Anwesenden und dirigieren offensichtlich die Versammlung. Auch ich stelle mich mit in den Kreis der Gläubigen. Innen bilden sich weitere zwei kleine Kreise, wohl für die etwas Mutigeren, denke ich mir. Als der Gesang beginnt, fangen alle an sich in rhythmischen Bewegungen auf die Brust zu schlagen. Die Latmiye. Auch hier scheint zu gelten, wer am stärksten zuschlägt, bei wem es am meisten klatscht, ist am gläubigsten. Ich stehe im äußersten Kreis und beobachte die Bewegungen, bis ich selber mitmachen kann. Die beiden inneren Kreise scheinen sich in eine Art Trance zu tanzen. Die jungen Männer strecken ekstatisch ihre Arme weit in Richtung Himmel aus, führen sie zur Brust, dann ruckartig ein Stück vor, um sie dann mit einem Schlag wieder auf die Brust klatschen zu lassen. Der dumpfe Ton ihrer Körper durchdringt den ganzen Raum. Immer mehr Gläubige sammeln sich in der Mitte, darunter kleine Kinder von vielleicht zwölf Jahren. In einem Chor wird immer wieder Hussein und der heiligen Stadt Kerbela gehuldigt. „Hussein, Hussein, Kerbela!“

Mir wird es zu unheimlich. Kerle, die gerade wie Mädchen geweint haben, geißeln sich eine halbe Stunde später symbolisch. Noch einmal laufe ich in Strümpfen über den weichen Teppichboden. Nach zwei Stunden in der Moschee mache ich mich auf den Weg: In eine Nacht in Nord-Neukölln.

Labile Menschen sind stark anfällig für solche Gruppendynamiken. Hier bekommen die Jungen, die sonst erfolglos in ihrem Leben sind, das Gefühl, Teil einer Gesellschaft zu sein. Oft treffen sie auf dieselben Leute, bekommen hier Anerkennung. Die wird ihnen auf Grund schlechter Schulleistungen in der Schule verwehrt. Ihr damit verbundenes Gefühl des Nicht-Gebrauchtwerdens können sie hier kompensieren. Viele Jungen helfen den größeren bei der Erledigung ihrer Aufgaben; sie verteilen Taschentücher, Getränke und Backwaren. Vielleicht sind sie stolz darauf, mit zu dieser zweifelhaften Gemeinschaft zu gehören. Vielleicht. Sicherlich ist das eine gute Psychotherapie. Oft ist von der wichtigen Rolle der Berliner Moscheen in der Integrationsdebatte die Rede. Welchen praktischen Beitrag zu einer gelungenen Integration das Ganze bringt, habe ich nach meinem Besuch nicht verstanden. Was nach diesem Besuch bleibt, sind Fragen, nur einige mehr.

In der U-Bahn sehe ich einen Jungen neben seiner kopftuchverhüllten Mama sitzen. Er schaut fleißig in ein Buch voller arabischer Absätze, die kunstvoll umrahmt sind. Wohl der Koran. Die Mutter scheint zufrieden zu sein. Ich wäre zufrieden, wenn es ein Schulbuch gewesen wäre.

9 Comments »

  1. JD 26. Januar 2011 at 15:32 - Reply

    Die Beschreibung das der Autor sich vor Lachen kaum halten kann finde ich respektlos!
    Ich würde es auch nicht schön finden wenn eine Kultur sich über meine Gebräuche lustig macht und sie ins lächerliche zieht wenn ich z.B zu Weihnachten mir eine Tanne ins Wohnzimmer stelle und sie schmücke.

    Es gibt falsche und richtige Rücksichtsnahme.
    Hier wäre sie in diesem Punkt richtig!

  2. Isley Constantine 26. Januar 2011 at 17:56 - Reply

    Ich denke, nach dem Lesen werden sich einige Fragen, ob man sich denn so über den Glauben anderer lustig machen dürfen (von wegen ins Taschentuch lachen). Persönlich muss ich hier sagen, klar darf man das. Warum sollten die religiösen Gefühle eine besonders schützenswerte Position erhalten? Es gibt so viele Glaubensrichtungen auf der Welt und man kann ja wohl nicht annehmen, dass die für Aussenstehende alle unkomisch und logisch sind. Vielfach sind sie einfach nur lächerlich – ich denke zumindest Voltaire hätte über die meisten davon gelacht und an ihm will ich mir doch mal ein gutes Vorbild nehmen.

  3. wolle2002 26. Januar 2011 at 21:38 - Reply

    Für mich klingt das alles eher nach einer religiösen Sekte aus dem Mittelalter.
    Merkwürdig finde ich die zu erkennende Verehrung des Todes und die genauen Berichte und Beschreibungen. Ich gewinne den Eindruck, daß diese Religion nicht mit den moralischen Werten des heutigen Europas vereinbar ist. So lange es nur bei einigen „wenigen“ Anhängern bleibt, kann man darüber nur schmunzeln und sie weiter machen lassen.

    Wichtig ist nur, daß dieses keinen Einfluß auf die Mehrheit der Bürger unseres Landes haben darf. Politik und Bürger müssen wachsam sein!

  4. Julius 27. Januar 2011 at 11:31 - Reply

    Dieser Artikel wirkt in der Tat ein wenig zu borniert und überheblich. Dabei beinhaltet der Text recht abgedroschene Allgemeinplätze: „Wenn religiöse Riten berühren, dann muss das Heuchelei sein. Religiöse Gruppendynamik ist gefährlich. Wer seine Identität aus seinem Glauben gewinnt, der hat ja sonst nichts vorzuweisen. Religion und Bildung stehen in einem Widerspruch zueinander. Islam ist soooo doof!“ Der Erkenntniswert? Leider nicht vorhanden. Vielmehr offenbaren diese Zeilen einen antiklerikalen Snobbismus.

  5. Bruno 29. Januar 2011 at 14:00 - Reply

    Zitat Herr E. Khazaeli „Mir sind auch die Tränen über die Wangen gelaufen – vor lauter Lachen.“
    Ich weiß nicht so recht was mir der junge Beobachter mit diesem Satz mitteilen will.
    Besser ist es zu solchen „Beklopptenveranstaltungen“ gar nicht hinzugehen, man weiß doch längst was die da hier in Deutschland veranstalten dürfen!
    Sich als deutscher politisch Andersdenkender sich überhaupt einzulassen die gleiche Luft im Raum zu atmen kann ich nicht nachvollziehen.
    Ist eigentlich die Aufgabe der Verfassungsschutzbeamten, die wohl mehr damit beschäftigt gewesen sind den Fremdling von der Partei „Die Freiheit“ beim beobachten zu beobachten!

  6. L. Lindbergh 29. Januar 2011 at 16:03 - Reply

    Ein ziemlich laeppischer Artikel. „Picaldi-Jeans, Pulli mit Kette darauf“ — geht es hier um Modebekenntnisse? Wohl kaum. Seltsame Rituale, mit weinenden Erwachsenen und Selbstgeisselung — da kann der Autor sich auch bei den Katholiken umschauen. Wenn schon, dann echte Religionskritik — religioese Volksverdummung ist kein Privileg des „Morgenlandes“, man hoere sich nur den geistigen Duennpfiff der selbsernannten Verteidiger des „christlichen“ Abendlandes an…

  7. pjotr 29. Januar 2011 at 22:58 - Reply

    Wenn man etwas lustig findet muss man eben Lachen-da kann man nichts machen!
    Über Christen wird sich andauernd Lustig gemacht.
    Aber um Objektiv zu bleiben auf den Philipinnen gibts ähnlich blutige Prozessionen wie im Iran,bei den Hindus auch.

    Aber schön das es Iraner wie Ehssan gibt.Ein bekannet erzählte mir letztens von einem Iraner der(und seine Eltern)Israel hasst wie die Pest.Da frag ich mich wie blöd sind diese Leute eigentlich?Vor wem sind sie nach Deutschland geflohen?Vor dem Islam oder vor Israel?

  8. Hans Georg 10. März 2012 at 16:03 - Reply

    Das ist alles andere als objektive berichtserstattung

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