Islamfeinde, Islamkritiker, Vorurteilsforscher und die Mitte der Gesellschaft

20. Januar 2011 2

Vor Kurzem kommentierte ich die empirischen Ergebnisse des aktuellen GMF-Surveys zur Islamophobie. Dabei wurde von den Forschern um Wilhelm Heitmeyer 2010 eine im Vergleich zum Vorjahr signifikant höhere Verbreitung angeblich islamophober Einstellungen in der deutschen Bevölkerung gemessen, vor allem bei den Besserverdienern. Neben den empirischen Ergebnissen aus der Umfrage werden in der Buchreihe Deutsche Zustände aber auch immer Essays zu den jeweiligen Schwerpunkten veröffentlicht. Dieses Jahr fällt dabei der Text von Carolin Emcke, einer Berliner Publizistin so negativ auf, dass es sich lohnt, ihn gesondert zu diskutieren.

Unter dem Titel Der verdoppelte Hass der modernen Islamfeindlichkeit unterstellt sie den islamkritischen Menschen in Deutschland, über ein selbst konstruiertes Bild von Muslimen zu sprechen, und eben nicht über die reale Situation, ebenso, wie es die Nazis bei den Juden getan hätten:

Auch bei der modernen Islamfeindlichkeit fällt auf, daß Ablehnung und Diskriminierung sich von dem Objekt ihrer Ablehnung entkoppeln lassen. Auch hier arbeiten die islamfeindlichen Diskurse mit Projektionen auf Muslime, denen Eigenschaften und Überzeugungen zugeschrieben werden, die sich durch reale empirische Studien über muslimische Lebensweisen und Überzeugungen nicht beirren lassen. 1

Dabei sieht Emcke strukturelle Ähnlichkeiten der Konstruktion des Feindbildes bei Antisemitismus und Islamfeindlichkeit, ohne diese jedoch gleichsetzen zu wollen. Das Feindbild konstruiere immer ein Kollektiv, wechselnd mal „Islam als Religion“, Muslime als „Gläubige einer als moralisch minderwertig begriffenen Religion“, „Kulturelles Milleu“, „ethnisch abgrenzbare Gruppierung“ und „soziale Klasse“. Deswegen seien alle häufig verwendeten Begriffe für diese Formen angeblicher Diskriminierung zulässig: Islamfeindlichkeit, Islamophobie, Moslemfeindlichkeit. Lediglich Antiislamismus sei auszuklammern, da dieser „sich gegen einen radikalisierten Islam als politisch extremistische Ideologie“ richte.

Doch Emcke übersieht dabei drei wichtige Punkte:

  1. Zum einen richtet sich die Ablehnung meist gegen den Islam und eben nicht gegen die Muslime als Menschen. Dies wird gerade aus den Umfragen des GMF-Surveys, aber auch aus älteren Studien deutlich, wie ich bereits ausführlich aufgezeigt habe.
  2. Zum anderen ist der Islam ein umfassendes Gesellschafts-Regulation-System, ist Religion und politische Ideologie zugleich. Die im Westen verbreitete Trennung von Politik und Religion muss ja keinesfalls überall gelten oder Norm sein. Die Unterscheidung in Anti-Islamismus und Anti-Islam macht daher nicht so viel Sinn. Manfred Kleine-Hartlage hat diesen systematischen Denkfehler unter dem Begriff der „kulturellen Selbstverständlichkeit“ in seinem Buch Das Dschihadsystem hervorragend analysiert.
  3. Und schließlich ist Emckes Prämisse der Entkopplung von sozialer Realität muslimischen Lebens und des Bildes der Deutschen darüber zumindest teilweise falsch. Man braucht gar kein Feindbild zu konstruieren, man braucht auch nicht im Koran und anderen islamischen Quellen nach Ursachen zu suchen. Denn was statistischen Erhebungen zufolge die muslimischen Migranten und ihre Nachkommen in Europa leider größtenteils gemeinsam haben, sind geringe Bildung, dadurch geringe Teilnahme am Erwerbsleben und hohe Kriminalitätsraten. Studien belegen ferner, dass je gläubiger männliche muslimische Jugendliche sind, desto mehr neigen sie auch zu Gewalttätigkeit.

Emcke versucht diesen Fakt zu umschiffen, indem sie einfach Ursache und Wirkung verdreht:

Für Muslime ist die Wahrnehmung anderer, das verzerrte, negativ selektive Fremdbild von Muslimen und dem Islam, das medial verbreitet wird, so sehr zur alltäglichen Erfahrung geworden, daß es heute einen Teil ihrer Identität ausmacht.

Dieser Clou erscheint auf den ersten Blick genial, stellt sich aber auf den zweiten als blanker Rassismus heraus: Emcke charakterisiert Muslime als hilflose Wesen, die nicht anders handeln können, als wir Deutschen es ihnen angeblich in den Medien vorschreiben. Dieses Phänomen des „Rassismus der Antirassisten“, wie Ayaan Hirsi Ali es treffend genannt hat, entblößt deutlich die Sichtweise linker Ideologie: Der Mensch ist eine formbare Masse und nicht ein freies, selbstbestimmtes Individuum. Politischen Ausdruck findet dies etwa aktuell im neuen Berliner Integrationsgesetz, das Bewerber mit Migrationshintergrund bei gleicher Qualifikation bevorzugt.

Selbst wenn eine geteilte Verantwortungszuschreibung klingt da noch plausibler. Etwa so, wie der amerikanische Islamwissenschaftler Daniel Pipes sie im Interview mit mir vertrat:

Und ja, die Muslime sind teilweise verantwortlich für diese vielfältigen Probleme, aber, offen gesagt sind die Europäer auch daran schuld. Europäer sind oft nicht bereit, Muslime anzustellen und diese als gleichberechtigt zu behandeln.

Emcke erkennt richtig, dass die moderne Islamkritik – oder Islamfeindlichkeit, wie sie es nennt – nicht mehr primär aus einem christlichen Blickwinkel auf eine andere Religion argumentiert. Stattdessen beanspruchen die Kritiker heute, „Verteidiger der Aufklärung […], Schützer und Wahrer liberaler Rechte und Werte“ zu sein und lehnen die Ideologie des Islam ab, weil sie genau dies negiert. Emcke sieht darin jedoch ein Problem:

Das Paradoxon dieser Form moderner Islamfeindlichkeit besteht darin, daß sie ihre Intoleranz immer mir ihrer Toleranz begründet, daß die eigene Ablehnung der kulturellen oder religiösen Vielfalt immer damit begründet wird, Muslime lehnten angeblich qua Zugehörigkeit zum Islam kulturelle oder religiöse Vielfalt ab. 2

Und wieder macht Emcke in ihrer Argumentation gleich mehrere Fehler:

  1. Die Deutschen lehnen weder kulturelle noch religiöse Vielfalt ab, sonst müssten sie andere Religionen wie Judentum, Hinduismus oder Buddhismus ähnlich verurteilen wie den Islam. Dies tun sie aber nicht, glaubt man z.B. der aktuellen Studie von Pollack et al. (2010).
  2. Wer einen Blick in vom Islam dominierte Länder wirft, wird dort alles andere als religiöse Vielfalt finden. Selbst historisch angesiedelte christliche Kulturen wie etwa in Ägypten oder dem Sudan werden systematisch unterdrückt. D.h. zwar nicht, dass hier lebende Muslime religiöse Vielfalt grundsätzlich ablehnen, aber es zeigt den Umgang mit Minderheiten, wenn der Islam zur Mehrheitskultur wird.
  3. Der vielleicht wichtigste Aspekt, den Emcke übersieht, ist aber, dass Toleranz nur gegenüber Toleranten ausgeübt werden kann, sonst wirkt sie selbstzerstörerisch. Der schwedische Schriftsteller Lars Gustafsson hat in dem von Thierry Chervel und Anja Seelinger herausgegebenen Buch Islam in Europa eine treffende Logik der Toleranz formuliert: „1. Die Toleranz gegenüber der Intoleranz führt zur Intoleranz. 2. Die Intoleranz gegenüber der Intoleranz führt zur Toleranz.“ Günter Lachmann wiederum hat dies für das Beispiel der muslimischen Migranten in Deutschland aufschlussreich durchbuchstabiert.

Dass die Ablehnung des Islams längst kein Phänomen des rechten Randes mehr ist (war es eigentlich nie, extreme Rechte mögen den Islam ebenso wie extreme Linke und instrumentalisieren das Thema nur, etwa im Falle PROKöln), sondern aus der Mitte der Gesellschaft kommt, kann für Emcke freilich nur die soziale Akzeptanz von Vorurteilen sein, keineswegs aber ein Zeichen dafür, dass die Kritik angebracht, angemessen und daher mehrheitsfähig ist. Insofern hat Emcke wenigstens in einem weiteren Punkt Recht: Die Selbststilisierung einiger Islamkritiker als „einsame Streiter“ wird mehr und mehr hinfällig, nüchterne und wissenschaftlich fundierte Islamkritik wird mehr und mehr Mainstream.

Dadurch wird wiederum überfällig, was Emcke als „verdoppelten Hass“ der Islamfeinde schon im Titel ihres Beitrags erwähnt, nämlich die Doppelabgrenzung der Islamgegner gegen den Islam und gegen eine über-tolerante, „mehrheitlich verblendete islamophile Gesellschaft.“ Die Islamfeinde weisen, so meint zumindest Emcke, „jede Kritik an ihrem diskriminierenden und diffamierenden Pauschalisierungen und Vorurteilen [… als] positive Pauschalisierung, als Islamophilie, als Gutmenschentum, als Multi-Kulti-Phantasien zurück.“ Doch diese Behauptung kann man mit umgedrehten Vorzeichen ebenso über die Vorurteilsforschung machen, die jede Kritik an sich und an Muslimen als islamophob, rassistisch oder gar antisemitisch zurückweist.

Schließlich liefert Emcke selbst eine Definition von zulässiger Islamkritik, die ich problemlos unterschreiben kann und von der ich glaube, dass sich ein Großteil der Islamkritiker ihr gemäß verhält:

Der Unterschied zwischen berechtigter und unberechtigter Kritik, zwischen Aufklärung und Islamfeindlichkeit läßt sich daran erkennen, ob diskriminierende Praktiken und kriminelle Handlungen kritisiert und angeklagt werden – oder ob ganze Bevölkerungsgruppen.

Notes:

  1. S. 215
  2. S. 217

2 Comments »

  1. Zivilisationscourage 21. Januar 2011 at 14:56 - Reply

    Die Pollack Studie ist interessant:

    Er sagt selbst: „Man möchte fair sein, Respekt haben, andere Überzeugungen achten, aber kann es nicht.“

    Das kann zwei Gründe haben. Entweder ist man unfähig dazu, was ein Fehler der Deutschen wäre – oder es geht bei gesundem Menschenverstand schlicht und einfach nicht, was ein Fehler des Islams wäre.

    Leider scheint Pollack nicht das wissenschaftliche Format zu haben, bei scheinbaren Widersprüchen in Messergebnissen seine Grundannahmen zu hinterfragen:

    * Vielleicht spricht es ja für die Deutschen, dass sie -vielleicht aufgrund ihrer eigenen Geschichte- inakzeptable Tendenzen besonders klar erkennen. Zum Beispiel (laut Pollacks Untersuchung): Frauendiskriminierung (über 80%), Fanatismus (über 70%) und Gewalbereitschaft (über 60%). Nur etwa 8% der Westdeutschen, 5% der Ostdeutschen halten den Islam für friedfertig.

    * Vielleicht haben die Deutschen einfach mehr gelernt über das Verderben, dass Terror und totalitäre Ideologien mit sich bringen. Das wäre doch ein gutes Zeichen. Insbesondere die ehemaligen DDR-Bürger haben oft ein gutes Gespür, wenn sie in den Medien angelogen werden, wenn sie durch die staatlichen Medien an die “aktuelle Kamera” der DDR erinnert werden.

    http://zivilisationscourage.net/2010/12/%E2%80%9Eman-moechte-fair-sein-respekt-haben-andere-ueberzeugungen-achten-aber-kann-es-nicht-%E2%80%9C/
    mehr:

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