Update: GMF-Survey 2010 zur Islamophobie/Islamfeindlichkeit

9. Dezember 2010 4

Vor wenigen Tagen erschien die 9. Folge der Deutschen Zustände, der Dokumentation des Syndroms der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF-Survey). Die Forscher um Wilhelm Heitmeyer erfassen seit 2002 in jährlichen Umfragen die Zustimmung zu (abwertenden) Aussagen gegenüber anderen Gruppen. Dabei geht es vor allem um Rassismus, Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit und Etabliertenvorrechte. 2010 stand die Umfrage ganz im Zeichen der Wirtschaftskrise und sich daraus ergebenden Entsozialisierungen der Gesellschaft.

Wie schon 2009 wurden auch dieses Jahr nur zwei Fragen zur Islamfeindlichkeit gestellt. Das verwundert insofern, als doch schon im Januar dieses Jahres eine heftige Debatte über die zulässigen Formen von Islamkritik ausgebrochen war, nachdem der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz seinen umstrittenen Vergleich zwischen Islamfeindschaft und Antisemitismus gezogen hatte.

Verwunderlich ist auch, dass in der Pressemitteilung zur Studie plötzlich nicht mehr von Islamophobie sondern von Islamfeindlichkeit gesprochen wird, während im mir mittlerweile vorliegenden Buch (Rezension folgt) noch der alte Begriff verwendet wird. Haben die Forscher mittlerweile etwa eingesehen, dass Islamophobie nur als gezielter Kampfbegriff gewertet werden kann? Denn von Islamophobie zu sprechen bedeutet, dass entweder die Ablehnung des Islams generell vorliegen oder die Angst vor dem Islam unbegründet sein müsste. So eine Haltung ließ sich aber bisher in den GMF-Surveys nicht beweisen, zumal eine solche Behauptung dem komplexen gesellschaftlichen Phänomenen einer Religion nicht gerecht würde, wie ich es bereits ausführlich dargelegt habe.

Wenig verwunderlich ist der Anstieg gemessener islamfeindlicher Haltungen, auch wenn die Erhebung im Mai und Juni 2010 stattfand, also vor der Sarrazin-Debatte. Diese Kritik an mangelnder Integration von Muslimen und an dem ideologischen Systems des Islams wurde ja wie oben gezeigt schon länger in erhitzten Debatten deutlich. Eine breit angelegte wissenschaftliche Untersuchung des Spektrums der Islamkritiker steht unterdessen noch aus.

Die einzigen beiden Islamophobie-Aussagen, zu denen die Befragten seit 2003 jedes Jahr ihre Zustimmung im GMF-Survey äußern sollten, hatten 2010 im Vergleich zum vorherigen Jahr folgende Werte:

voll und ganz eher eher nicht überhaupt nicht
2009 2010 2009 2010 2009 2010 2009 2010
Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden. 9,2 11,2 12,2 14,9 43,5 42,9 35,1 30,9
Durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land. 16,6 20,4 15,6 18,5 33,2 29,8 34,6 31,3

Tabelle 1: Zustimmung in Prozent, Daten: GMF-Survey 2009-2010. 1

Anhand des Mittelwertes der Zustimmung (Antwort „eher“ oder „voll und ganz“) zu diesen beiden Aussagen wird der generelle Trend festgeschrieben. Da ich im Vergleich dazu aber auch die Entwicklung der Ablehnung islamophober Aussagen wichtig finde, hier die differenzierte Darstellung aus meinem Essay zu den GMF-Studien, ergänzt um die aktuellen Daten diesen Jahres:


Abbildung 1: Zustimmung in Prozent, Daten: GMF-Survey 2003-2010.


Abbildung 2: Zustimmung in Prozent, Daten: GMF-Survey 2003-2010.

Laut Pressemitteilung zum GMF-Survey 2010 tendieren dieses Jahr diejenigen, die sich stärker von der Krise bedroht fühlen, auch signifikant zu mehr Islamfeindlichkeit (und anderen Abwertungen). Interessanter Weise sind es aber vor allem die Einkommensstarken, bei denen die Werte am meisten zugenommen haben. Und während diejenigen, die sich politisch selbst rechts einordnen 2010 sogar weniger Islamfeindlichkeit aufwiesen, hat die Ablehnung des Islams in der Mitte, vor allem aber im politisch linken Spektrum zugenommen. Gleichzeitig halten die Forscher fest, dass Menschen, die rechtspopulistische Einstellungen (was auch immer das genau sein mag) vertreten, deutlich islamfeindlicher sind und seit Jahren eine stärker steigende Tendenz dazu aufweisen.

Diese Tatsachen sprechen insgesamt eine sehr undeutliche Sprache. Heitmeyer und Konsortien helfen sich damit, dass sie von einer „rohen Bürgerlichkeit“ bzw. einer „entkultivierten Bürgerlichkeit“ sprechen, die von „gesellschaftlichen Vergiftungen“, einer „deutlichen[n] Vereisung des sozialen Klimas“ und „unzivilisierte[n], intolerante[n]“ Einstellungen geprägt ist:

Dieses rechtspopulistische Potential ist in allen gesellschaftlichen Gruppen vorrätig, aber die Zunahme in höheren Einkommensgruppen ist auffällig und gefährlich, weil die rohe Bürgerlichkeit und ihre Mobilisierungsexperten in Medien die angebliche Dekadenz dieser Gesellschaft […], das angebliche Schweigen über die Integrationsprobleme von Eingewanderten und fehlende Leistungsbereitschaft ‚unten in der Gesellschaft‘ etc. aggressiv beklagen. Zur Bekämpfung dieser Dekadenz bedarf es nach ihrer Ansicht innergesellschaftlicher Feindbilder. Muslime gehören ebenso dazu wie wirtschaftlich Nutzlose. Die Botschaft dieser Akteure lautet: Wenn die „Bürgerlichkeit“ semantisch neu aufgerüstet würde, assistiert von regierender Politik, würde die Dekadenz in uns – und damit in dieser Gesellschaft bekämpft. Der Aufruf zur Gründung einer Partei rechts von der CDU ist bereits gestartet, das Potential dazu ist ebenso vorhanden wie die schon markierten Opfer von Abwertung und Diskriminierung aus ökonomischen wie kulturell entwickelten Gründen. Eine solche Partei scheint eher unwahrscheinlich, aber eine verdeckte Bewegung, die sich nicht auf der Straße zeigt, aber in den Mentalitäten aufschaukelt, existiert längst.

Notes:

  1. Genaures zur Quelle/Veröffentlichungen: Mythos Islamophobie, Fn. 12.

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