FES-Rechtsextremismus-Studie 2010: tendenziös, suggestiv und diffus

8. Dezember 2010 1

Die Mitte in der Krise heißt provokant die neue Studie zum Rechtsextremismus in Deutschland, die die SPD-nahe Friedrich Ebert Stiftung (FES) Mitte Oktober veröffentlichte. Die Forscher um Elmar Brähler, Professor für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie an der Universität Leipzig, untersuchen seit acht Jahren, wie sich menschenfeindliche Haltungen in der Gesellschaft ausdrücken und wo sie gelagert sind. Die 2006 erschienene Vorgängerstudie war bereits mit Vom Rand in die Mitte betitelt und beschrieb den Prozess der Übernahme rechtsextremer Ressentiments in breiten Bevölkerungsschichten.

Die aktuellen, von den Forschern selbst als zentrale Ergebnisse markierten Aussagen lassen sich in etwa so zusammenfassen:

  • Rechtsextremismus ist kein Phänomen am „Rand“ der Gesellschaft, ganz im Gegenteil finden sich rechtsextreme Einstellungen in besorgniserregendem Maße in der Mitte der Gesellschaft und bei Wählern aller Parteien, auch von der Linkspartei.
  • 2010 ist eine signifikante Zunahme antidemokratischer und rassistischer Einstellungen zu verzeichnen. Damit zeichnet sich eine Trendwende bezüglich der bisher leicht rückläufigen Entwicklung an.
  • Die mit der Wirtschafts- und Finanzkrise einhergehenden gestiegenen Zustimmungswerte zu rechtsextremen Aussagen deuten darauf hin, dass die Unterstützung der Demokratie im Falle einer (wahrgenommenen) Bedrohung des wirtschaftlichen Wohlstands gefährdet ist.
  • Über 90 Prozent der Bevölkerung geben an, weder einen Sinn darin erkennen zu können, sich politisch zu engagieren, noch das Gefühl zu haben, Einfluss auf die Regierung nehmen zu können.

Natürlich sind diese Ergebnisse auf den ersten Blick beängstigend. In den Medien fand die Studie ein schnelles, empörtes und vor allem unreflektiertes Echo, wie etwa bei der Tagesschau. Doch der genaue Blick auf Methodik und Präsentation entlarvt die Studie in großen Teilen als aufgebläht und unwissenschaftlich. Warum so etwas mit Steuergeldern finanziert wird und vor allem, was die FES damit bezweckt, bleibt unklar.

Tendenziöse Fragestellung

Nach einer ausführlichen Einleitung in das Konstrukt des Rechtsextremismus und Ergebnissen aus Vorgängerstudien folgen endlich ab Seite 68 die Daten der Umfrage von 2010. 1 Mit lediglich 18 Aussagen (Items) versucht man Rechtsextremismus in den sechs Dimensionen Befürwortung einer Diktatur, Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus zu erfassen. Es werden also je Dimension nur drei Aussagen präsentiert, bezüglich derer die Befragten ihre Zustimmung bzw. Ablehnung auf einer fünfstufigen Skala artikulieren sollen.

Es fällt sofort auf, dass die Aussagen immer nur so formuliert sind, dass Zustimmung rechtsextreme Tendenzen bedeutet. Keine besonders einfallsreiche Fragebogenkonstruktion, wenn nicht einmal versucht wird, mit Gegenfragen bzw. gegenteiligen Aussagen das tatsächliche Spannungsverhältnis in der Meinung der Befragten aufzugreifen, zumindest aber Antworttendenzen herauszufiltern.

Diffuse Aussagen

Dass ein Großteil der Befragten mit „Teils/Teils“, also dem mittleren Wert auf der fünfstufigen Skala, antwortete, deuten die Autoren „als ein Antwortverhalten im Sinne der sozialen Erwünschtheit“, und als „verdeckte Zustimmung“. Eine sehr gewagte Auslegung, da dies nirgends belegt wird und eine neutrale Entscheidung nun mal bleibt, was sie ist: eine Enthaltung. Es stellt sich also die Frage, warum hier nicht auf eine vierstufige Skala zurückgegriffen wurde, um genau so etwas zu verhindern? Zumal, wenn man wie im vorliegenden Fall die gleichen Befragungen schon seit einigen Jahren immer wieder durchführt und das Problem also schon etwas länger kennt.

Hinzu kommt, dass die Items, also die Aussagen zu denen der Befragte seine Zustimmung bzw. Ablehnung ausdrücken soll, auch noch diffus und verallgemeinernd formuliert sind. Wer beispielsweise der Aussage „Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß.“ zustimmt, könnte damit jüdische Lobbyorganisationen in den USA meinen, die zionistischen Siedler in Israel bzw. den palästinensischen Autonomiegebieten oder aber eine weltweite Verschwörung. Aussagen wie „Es gibt wertes und unwertes Leben“ sind so (emotional) mit anderen Diskursen wie der Debatte über Abtreibung oder der Geschichte des Dritten Reiches verknüpft, dass sie ohne Kontextualisierung äußerst fragwürdig erscheinen. Und dann gibt es da noch die Aussagen, die nicht nur suggestiv, sondern faktisch auch noch falsch sind: „Wie in der Natur sollte sich in der Gesellschaft immer der Stärkere durchsetzen.“ Alexander Wendt hat im Focus zu Recht darauf verwiesen, dass in der Natur nicht der Stärkere, sondern der am besten Angepasste gewinnt.

Einseitige Präsentation

Regelrecht dreist wird die Studie jedoch bei der Präsentation der Ergebnisse. Die einzelnen Prozentwerte der Zustimmung zu den Items werden zwar einmal vollständig in einer Tabelle aufgeführt. Aber in der Ergebnisdiskussion sieht der Leser nur noch Balkendiagramme mit den zusammengefassten Zustimmungswerten, also die Menge derjenigen, die „überwiegend“ oder „voll und ganz“ den Aussagen, die auf Rechtsextremismus hinweisen, zugestimmt haben. Da Balkendiagramme nun einmal dafür da sind, Sachverhalte übersichtlich und anschaulich abzubilden, sollten sie auch die Studienergebnisse im vollen Bedeutungsumfang wiedergeben. Wird wie im vorliegenden Fall nur die negative, also rechtsextreme Seite dargestellt, entsteht beim Leser der Eindruck, dass diese viel mehr bedeutet. Die Zustimmung zu den Dimensionen rechtsextremer Tendenzen erreicht in der Umfrage aber niemals die 50-Prozent-Marke, liegt sogar meist „nur“ bei einem Viertel bis Drittel. Würde man die Balken, die die Ablehnung eines rechtsextremen Weltbildes ausdrücken mit abbilden, verlören die Balken, die Rechtsextremismus verdeutlichen nahezu alles Bedrohliche, da dann die Relationen deutlich würden.

Besonders unangenehm wird diese Verzerrung in der Darstellung der Ergebnisse bei den Werten zum Antisemitismus. Die Balken sind hier künstlich größer dargestellt, da die Werte so gering ausfallen, dass sie sonst fast nicht mehr wahrgenommen würden (siehe Abbildung 1).

Modethema Islamfeindlichkeit

Auch das aktuelle Thema Islamfeindlichkeit greifen die Autoren auf, allerdings vom Konstrukt her so wenig eingebunden, dass es wirkt, als wolle man damit der Studie ein wenig Aufmerksamkeit verschaffen, während alle über Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab diskutiert. „Eine hohe Zustimmung zu islamfeindlichen Aussagen unterstreicht den gesellschaftspolitischen Handlungsbedarf“, heißt es hervorgehoben in der Pressemitteilung der FES. Insgesamt widmen sich aber nur zwei Seiten der Studie konkret der angeblichen Islamfeindlichkeit, ebenso wurden nur zwei Fragen gestellt, um die unbelegte Behauptung einer „deutliche[n] Zunahme islamfeindlicher Äußerungen“ und der „Ethnisierung sozialer Konflikte“ zu stützen:

Gesamt Zustimmung bei Befragten
2003 2010 die rechtsextr. Aussagen überwiegend ablehnen mit geschlossenem rechtsextr. Weltbild
Ich kann es gut verstehen, dass manchen Leuten Araber unangenehm sind. 44,2 55,4 53,7 73,8
Für Muslime in Deutsch-land sollte die Religions-ausübung erheblich eingeschränkt werden. -* 58,4 55,5 89,5

Tab. 1: Zustimmung zu islamfeindlichen Aussagen, Angaben in Prozent, Daten: S. 134, eigene Darstellung, * = nicht erhoben.

Auch diese Fragen bestechen vor allem durch Suggestion und Vermischung von Themen. Araber und Muslime gleichzusetzen, formuliert (scheinbare) Vorurteile geradezu vor, zumal die meisten Muslime in Deutschland türkischer Herkunft sind. Dass Menschen mit geschlossenem rechtsextremen Weltbild mehr zustimmen, überrascht indes nicht, weisen doch ausländerfeindliche und islamfeindliche Menschen ähnliche Eigenschaften auf. Dennoch haben die Studien von Heitmeyer zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit längst gezeigt, dass Islamophobie und Rassismus zwei verschiedene und unabhängige Feindbilder darstellen. 2

Fazit

Wer solch diffuse Fragen stellt wie die Forscher der FES, erfährt zwar tatsächlich, wie verbreitet Vorurteile sind, weiß aber weder woher sie kommen, noch wie konkrete Feindbilder entstehen und sich gegenseitig bedingen. Die Studie hat abgesehen von der ausführlichen Begriffsdiskussion eher den Stil von Blitz-Medien-Umfragen, wie sie etwa im Rahmen der Vorstellung dieser Studie durch Report Mainz (SWR) unter dem Titel Islam in Deutschland durchgeführt wurden. Wissenschaftlicher Mehrwert wird bedingt durch die Verknüpfung mit sozioökonomischen Faktoren hergestellt, bleibt aber angesichts der zweifelhaften Fragebogenkonstruktion insgesamt schwach.

Die Sozialwissenschaften haben allgemein im Gegensatz zum Großteil der Naturwissenschaften das Problem, nicht genau sagen zu können, ab welcher Menge von Zustimmung in einer Umfrage, man davon sprechen kann, dass z.B. Rechtsextremismus verbreitet ist. Wir können also nicht einfach sagen, wenn mehr als ein Fünftel zustimmt, dann sind wir als Volk rechtsextrem. Stattdessen können wir immer nur relative Aussagen machen und darauf hinweisen, dass soundso viel Prozent der Befragten bzw. Deutschen entsprechende Tendenzen aufweisen. Verallgemeinernde Aussagen, wie die, dass die Mitte in der Krise ist, sind eigentlich illegitim und dienen vor allem der Vermarktung. Formulierungen wie „[d]ie antidemokratische Einstellung ist in Deutschland nicht gering ausgeprägt“, fehlt hingegen jede klare Aussagekraft.

Notes:

  1. Eine etwas ungewöhnliche Gliederung,werden doch normalerweise zuerst die aktuellen Ergebnisse einleitend dargestellt, dann die Methodik dargestellt und schließlich die Ergebnisse ausführlich diskutiert.
  2. Siehe dazu die Kritik an Islamophobiestudien.

One Comment »

Leave A Response »