Buchauszug: Mythos Islamophobie

25. September 2010 9

Wie stehen die Deutschen wirklich zum Islam?

…Fortsetzung vom ersten Teil über geringe Verbreitung von Islamophobie, den Unterschied zur Fremdenfeindlichkeit und darüber, warum die ABlehnung des Islams nicht die von Muslimen ist.

Vierte Erkenntnis: Islamophobie ist ein typisches Vorurteil

Die Korrelationsanalysen der Islamophobie-Items mit den sozioökonomischen Merkmalen bestätigen sonstige Forschungen zu Vorurteilen. Vereinfachend kann man sagen, dass je älter, weniger gebildet, autoritär-aggressiver und ideologisch rechter eine Person ist, desto islamophober wird sie eingeschätzt. 1

Keinen Einfluss hat, wie bereits erwähnt, der wahrgenommene Anteil von Ausländern in der persönlichen Umgebung. Ebenso wenig spielt die eigene Religiosität eine Rolle: „Befürchtungen, daß islamophobe Einstellungen vor allem bei (christlich-)religiösen Befragten auftreten, haben sich als unbegründet herausgestellt.“ 2
Um islamophobe Tendenzen erklären zu können, wurde im GMF-Survey 2005 untersucht, wie viele die Befragten über den Islam wissen und inwieweit sie Ansichten über Muslime verallgemeinern. Es stellte sich heraus, dass je weniger die verschiedenen islamischen Glaubensrichtungen unterschieden werden konnten, also je geringer die „subjektive Differenzierungskompetenz“ war, desto islamophober antworteten die Befragten. Dieses Ergebnis ist aber wenig überraschend und kaum ein Beweis für Vorurteile gegenüber nicht einschätzbaren Gruppen. Denn die medial wahrgenommen Probleme mit Muslimen bzw. dem Islam scheinen bei nahezu allen islamischen Glaubensrichtungen in Deutschland aufzutreten. Je mehr der Islam also über seine Probleme wahrgenommen wird, desto monolithischer muss er also auch erscheinen. Tatsächlich taten dies rund 72 Prozent der Befragten und über 80 Prozent der Befragten gaben an, kaum zwischen den Strömungen im Islam unterscheiden zu können.

Fünfte Erkenntnis: Islamophobe Vorurteile haben keinen Einfluss auf islamkritische Positionen

Um zwischen islamophoben Vorurteilen und sachlicher Islamkritik unterscheiden bzw. um Wechselwirkungen feststellen zu können, wurden im GMF-Survey 2007 drei Items zu „islamkritischen Positionen“ mit aufgenommen. Sie bezogen sich auf das Verhältnis des Islams zur Säkularität, zu anderen Religionen und zu Minderheiten. Wie zu erwarten lag „[d]as Ausmaß der kritischen Einstellungen […] im Vergleich zur Islamophobie erheblich höher.“ 3 Nur 15 bis 25 Prozent der Befragten bescheinigten dem Islam hier tolerante Werte.
Anschließend wurden zur Strukturierung der Daten die Islamophobie-Untersuchungsdimensionen „generelle Abwertung“, „wahrgenommene kulturelle Distanz“ und „islamkritische Positionen“ einer Clusteranalyse unterzogen. Es ergaben sich vier Gruppen zwischen den Polen Islamophobie und Kulturrelativismus (vgl. Abb. 3, Tabelle 2).


(Abbildung 3: Verteilung der in der Clusteranalyse ermittelten Gruppen, Daten: Leibold, Kühnel (2008: 104), Prozentwerte gerundet, eigene Darstellung)

Die kulturrelativistische Gruppe erzielt dabei die niedrigsten Werte in allen drei Dimensionen. Die optimistisch-islamkritische Gruppe weist ähnlich niedrige Werte bei der generellen Ablehnung und kulturellen Distanz auf, bezieht aber deutlich kritischere Positionen. Leibold und Kühnel sprechen hier von einer kulturell „optimistischen, in Sachfragen jedoch kritischen Position ohne Vorurteile.“ 4 Die weitaus größte Gruppe ist die der Pessimistisch-Islamkritischen. Sie unterscheidet sich von der optimistisch-islamkritischen insofern, als dass die kulturelle Distanz sehr viel stärker wahrgenommen wird. Die als islamophob bezeichnete Gruppe weist schließlich zusätzlich eine sehr hohe generelle Ablehnung von Muslimen auf.

Untersuchungsdimension Islamophob

N = 402

Pessimistisch-islamkritisch

N = 515

Optimistisch-islamkritisch

N = 283

Kultur-relativistisch

N = 278

Generelle Ablehnung 3,31 1,92 1,90 1,45
Wahrgenommene kulturelle Distanz 3,31 3,08 1,81 1,93
Islamkritische Positionen 1,63 1,77 1,89 2,92

Tabelle 2: Mittelwerte der in der Clusteranalyse ermittelten Gruppen, augenscheinliche Gemeinsamkeiten sind farblich markiert, eigene Darstellung. 5

Besonders spannend ist dabei, dass die Zustimmung zu islamkritischen Positionen nur bei der kulturrelativistischen Gruppe besonders niedrig ausfällt, die anderen drei Gruppen unterschieden sich diesbezüglich nicht nennenswert. Andersherum verhält es sich bei der generellen Ablehnung: Hier weist nur die islamophobe Gruppe einen starken Ausschlag auf, während die drei anderen Gruppen relativ gleich liegen. Bei der wahrgenommenen kulturellen Differenz teilt sich das Lager hingegen mittig zwischen den vier Gruppen (siehe Tabelle 2). Was man also aus diesen gemittelten Werten augenscheinlich ablesen kann, ist eine in Sachfragen etwa gleiche islamkritische Haltung von rund 80 Prozent der Befragten. Und dies unabhängig von den islamophoben Haltungen. Vorurteile gegenüber Muslimen scheinen also keinen nennenswerten Einfluss auf eine kritische Haltung gegenüber dem Islam zu haben. Oder andersherum formuliert: Ein Großteil der islamkritischen Menschen in Deutschland hat keine oder wenige Vorurteile gegenüber Muslimen. 6

Sechste Erkenntnis: Selbst Vorurteile führen selten zu islamfeindlichen Verhaltensabsichten

Sehr ablehnenden Aussagen zu Muslimen stimmen nur wenige Befragte zu. So bestätigt nur knapp ein Viertel die Aussage: „Die hier lebenden Muslime bedrohen unsere Freiheiten und Rechte.“ 7 Und gut 20 Prozent der Deutschen wäre es lieber, wenn es hier gar keine Muslime gäbe. Noch weniger leiten daraus aber Handlungsforderungen ab. Nur 15 Prozent stimmten der Aussage, „Muslimen sollte jede Form der Religionsausübung in Deutschland untersagt werden“ zu. 8

Eine der Bedingungen für das Vorliegen von Islamophobie sind ausgrenzende oder diskriminierende Handlungen. Im GMF-Survey wurde deswegen in einigen Jahren explizit nach Verhaltensabsichten gegenüber Muslimen gefragt. 2003 erfasste man, ob die befragten Personen bereit wären, in eine Wohngegend mit vielen Muslimen zu ziehen. Diese Entscheidung wird aber auch von vielen anderen sozialen und ästhetischen Gründen beeinflusst und ist deswegen wenig aussagekräftig. Im Jahr 2005 fragten die Forscher deshalb zusätzlich danach, wie viele Deutsche eine Partei nur dann wählen würden, wenn sie gegen Zuzug von Muslimen ist. Gut elf Prozent bestätigten dies „voll und ganz“ und weitere knappe zehn Prozent „eher“. Dies entspricht mengenmäßig dem Fünftel der Befragten, die offen-islamfeindlichen Aussagen wie den o.g. zustimmt.

Siebte Erkenntnis: Islamophobie und Kritik an der ideologischen Dimension sind kein deutsches Phänomen sondern in ganz Europa verbreitet

In der Debatte Anfang 2010 über den Vergleich von Rassismus und Islamkritik bzw. Islamfeindschaft wurde oft auf eine besondere deutsche Verantwortung gegenüber ethnischen und religiösen Minderheiten hingewiesen. Diese überzogene Selbstkritik führt aber oft zu unreflektierten und kulturrelativistischen Haltungen, hielt die andere Seite entgegen. Handelt sich also bei der Islamophobie um ein typisches deutsches Phänomen?

Eine europäische GMF-Vergleichsstudie widerlegt dies. Bei aller Verschiedenheit der Herkunft und der sozialen Lage muslimischer Migranten in den europäischen Ländern ähneln sich die Meinungen der jeweiligen Aufnahmegesellschaften stark. Der einzige maßgebliche Unterschied: Nur 17 Prozent der deutschen Befragten stimmten der Aussage zu, dass die muslimische Kultur in die unsere passe. In Frankreich und Portugal denkt dies immerhin die Hälfte der Befragten und in Großbritannien sowie den Niederlanden stimmen fast 40 Prozent zu. In allen anderen Fragen zum Islam sahen es die Deutschen aber wie die meisten Europäer. Ging es z.B. um die Meinung, dass zu viele Muslime im Land leben, lagen die Deutschen mit 46 Prozent nur zwei Prozentpunkte über dem europäischen Durchschnitt. 9

Über dieses vergleichbare Ausmaß islamkritischer Haltungen in den Nachbarländern Deutschlands hinaus, zeigen Studien, dass ähnliche Argumente gegen den Islam oder Muslime angeführt werden. So dachten bei dem Schweizer Volksentscheid über ein Minarett-Bau-Verbot am 29. November 2009 viele Beobachter, dass fremdenfeindliche Gruppen für den Urnengang mobilisiert worden waren. Mit einer deutlichen Mehrheit von 57,5 Prozent hatten die Schweizer sich für das Minarett-Bau-Verbot entschieden. Doch diese Spekulationen lösten sich bald in Luft auf, denn laut einer Umfrage „beteiligten sich z.B. die Ausländern gegenüber kritisch eingestellten Personen […] nicht häufiger als andere. Die einzige Ausnahme bildeten konservative junge Frauen.“ 10. Dies dürfte auch zu der relativ hohen Wahlbeteiligung von 53,4 Prozent beigetragen haben.

Ausschlaggebend für die Meinung zum Minarett-Bauverbot war die ideologische Selbstverortung, je rechter eine Person war, desto eher lehnte sie Minarette ab. Entscheidend für das Abstimmungsergebnis war deswegen die politische Mitte, die zu ca. zwei Dritteln dem Verbot zustimmte und sich somit anders als in bisherigen Abstimmungen zu Ausländerthemen verhielt.

„Bei den Entscheidungsmotiven der Befürworter [eines Bauverbotes, d.A.] wurde am häufigsten die Absicht genannt, ein Zeichen gegen die Ausbreitung des Islam und des von ihm propagierten Gesellschaftssystems zu setzen.“ 11 Nur 15 Prozent der Befragten gaben eine konkrete Kritik an in der Schweiz lebenden Muslimen als Entscheidungsgrund an und 64 Prozent waren voll oder ziemlich der Überzeugung, dass die islamische Lebensweise gut in die Schweiz passt. Diese Einstellungen wirkten sich jedoch nicht auf das Stimmverhalten aus, selbst von denjenigen, die diesem Punkt voll zustimmten, stimmte knapp die Hälfte für ein Minarett-Bauverbot.

Von einer islamophoben Schweiz zu reden, wie es viele Kommentatoren und Politiker nach der Abstimmung taten, entbehrt also jeglicher Logik. Den meisten Schweizern ging es nicht um eine Einschränkung der Glaubensausübung oder Religionsfreiheit, stattdessen wurde die politisch-ideologische Dimension des Islams abgelehnt. Die Schweizer haben also bei ihrer Entscheidung über das Minarett-Bau-Verbot letztlich die gleichen Gründe für die Ablehnung der islamischen Symbole genannt, wie die Deutschen es in den GMF-Umfragen äußerten.

In Österreich ergab eine Studie Anfang 2010, dass noch stärkere Vorbehalte gegen die ideologische Dimension des Islam als in Deutschland vorliegen. Die Werte zu unterstellten Segregationsneigungen von Muslimen entsprechen etwa den in Deutschland gemessenen in Höhe von 70 bis 80 Prozent (vgl. Tabelle 3).

Frage Ja/Richtig Nein/Falsch Weiß nicht
Glauben Sie, dass der Islam mit den westlichen Vorstellungen von Demokratie, Freiheit und Toleranz vereinbar ist? 11 71 18
Manchmal wird gesagt, der Islam stellt eine Bedrohung für den Westen und unsere gewohnte Lebensweise dar. Halten Sie eine solche Behauptung für richtig oder falsch? 54 19 27
Wenn jemand sagt, die in Österreich lebenden Moslems passen sich zu wenig an unsere Lebensweise und die Spielregeln des Zusammenlebens an. Hätte der Ihrer Meinung nach recht? 72 10 18

Tabelle 3: Österreich, Antwortverhalten in Prozent, eigene Darstellung. 12

Signifikante Unterschiede in der geäußerten Meinung finden sich hier ebenso wie in Deutschland vor allem in Bezug auf Bildung. Je höher der formale Abschluss ist, desto weniger stimmen die Befragten den Islam ablehnenden Haltungen zu. Interessant ist jedoch, dass Österreicher mit mittlerer Bildung am kritischsten gegenüber dem Islam sind, während die unteren Bildungsschichten gemäßigte Werte belegen. Ein weiterer deutlicher Unterschied ist bei der regionalen Aufteilung sichtbar: Menschen, die auf dem Land leben, lehnen den Islam erheblich stärker ab, was ebenfalls das für Deutschland festgestellte Phänomen bestätigt, dass weniger der direkte Kontakt mit Muslimen zu Kritik führt, als ein vermitteltes Bild. 13

Lesen Sie auf der letzten Seite das Fazit, ob also Islamophobie nach den GMF-Studien existiert oder nicht…

Notes:

  1. Leibold, Jürgen; Kühnel, Steffen (2008): Islamophobie oder Kritik am Islam? In: Heitmeyer, Wilhelm (Hg.): Deutsche Zustände. Folge 6. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 107.
  2. Leibold, Jürgen; Kühnel, Steffen (2006): Islamophobie. Differenzierung tut not. In: Heitmeyer, Wilhelm (Hg.): Deutsche Zustände. Folge 4. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 151
  3. Leibold, Jürgen; Kühnel, Steffen (2008): Islamophobie oder Kritik am Islam? In: Heitmeyer, Wilhelm (Hg.): Deutsche Zustände. Folge 6. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 101
  4. Leibold, Jürgen; Kühnel, Steffen (2008): Islamophobie oder Kritik am Islam? In: Heitmeyer, Wilhelm (Hg.): Deutsche Zustände. Folge 6. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 104
  5. Daten: Leibold, Jürgen; Kühnel, Steffen (2008): Islamophobie oder Kritik am Islam? In: Heitmeyer, Wilhelm (Hg.): Deutsche Zustände. Folge 6. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 104.
  6. Dies kann hier freilich nicht statistisch überprüft werden, da die einzelnen Daten nicht vorliegen, lässt sich aber aus den Mittelwerten ablesen.
  7. Leibold, Jürgen (2009): Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie. Fakten zum gegenwärtigen Verhältnis genereller und spezifischer Vorurteile. In: Schneiders, Thorsten Gerald (Hg.): Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 150
  8. Leibold, Jürgen; Kühnel, Steffen (2006): Islamophobie. Differenzierung tut not. In: Heitmeyer, Wilhelm (Hg.): Deutsche Zustände. Folge 4. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 135–155.
  9. Zick, Andreas; Küpper, Beate (04.12.2009): Meinungen zum Islam und Muslimen in Deutschland und Europa. Ausgewählte Ergebnisse der Umfrage Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Europe (GFE-Europe). Bielefeld. Online verfügbar unter http://www.uni-bielefeld.de/ikg/zick/Islam_GFE_zick.pdf, zuletzt geprüft am 19.04.2010.
  10. Hirter, Hans; Vatter, Adrian (2009): Analyse der eidgenössischen Abstimmungen vom 29. November 2009. Bern. Online verfügbar unter http://www.polittrends.ch/abstimmungen/abstimmungsanalysen/vox-analysen/2009-11-29_VoxD.pdf, zuletzt geprüft am 01.05.2010. S. 2
  11. ebd.
  12. Daten IMAS International (2010): Der Islam in den Augen der Bevölkerung. Report Nr. 6. Linz. Online verfügbar unter http://www.imas.at/content/download/563/2241/version/1/file/06-2010.pdf, zuletzt geprüft am 08.04.2010.
  13. IMAS International (2010): Der Islam in den Augen der Bevölkerung. Report Nr. 6. Linz. Online verfügbar unter http://www.imas.at/content/download/563/2241/version/1/file/06-2010.pdf, zuletzt geprüft am 08.04.2010.

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