Wie engagiert und politisch sind Deutschlands Jugendliche?

18. September 2010 0
  • Hg.: Prof. Dr. Mathias Albert
  • Titel: 16. Shell Jugendstudie 2010
  • Veröffentlicht: 14.09.2010
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Politik- und Parteienverdrossen? Von sozialem Engagement keine Spur? Dafür Facebook und Fernsehen den ganzen Tag? Wie steht es um die deutsche Jugend? Die Shell Jugendstudie ist seit langem ein Barometer für die Stimmung unter den zwölf- bis 25-Jährigen. Diese Woche wurde sie zum 16. Mal veröffentlicht. Und die Ergebnisse klingen gar nicht so schlecht.

Politik und soziales Engagement

Denn immerhin steigt das Interesse der Jugendlichen an der Politik seit 2002 langsam wieder an, auch wenn es weiterhin deutlich unter dem Niveau der 1970er und 1980er Jahre und vor allem dem Zeitpunkt der deutschen Wiedervereinigung liegt. Dieser leichte Anstieg ist zum einen auf die mittleren und gehobenen Schichten und zum anderen auf die Jüngeren zurückzuführen. Bei den 12- bis 14-Jährigen ist das Interesse von 11 Prozent in 2002 auf mittlerweile 21 Prozent gestiegen, bei den 15- bis 17- Jährigen im gleichen Zeitraum von 20 auf 33 Prozent. Die Jugendlichen im Alter von 18 bis 25 Jahren blieben diesbezüglich gleich.

Stabil bleibt die politische Selbsteinschätzung der Jugendlichen: Die Mehrheit ordnet sich etwas links von der Mitte ein. Auch beim Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen hat sich wenig geändert: Hohe Bewertungen gab es für Polizei, Gerichte, Bundeswehr sowie Menschenrechts- und Umweltschutzgruppen, niedrige für die Bundesregierung, die Kirche, große Unternehmen und Parteien. Trotz der allgemeinen Politik- und Parteienverdrossenheit sind Jugendliche durchaus bereit, sich an politischen Aktivitäten zu beteiligen, insbesondere dann, wenn ihnen eine Sache persönlich wichtig ist. So würden 77 Prozent aller jungen Leute bei einer Unterschriftenaktion und immerhin 44 Prozent bei einer Demonstration mitmachen.

Im Vergleich zu den Vorjahren engagieren sind auch immer mehr Jugendliche sozial: 39 Prozent tun dies häufig. Auch hier zeigen sich soziale Unterschiede. Aktivität und Engagement sind bildungs- und schichtabhängig. Je gebildeter und privilegierter die Jugendlichen sind, desto häufiger sind sie im Alltag aktiv für den guten Zweck. Was übrigens nicht überrascht, da dies auch auf die Erwachsenenbevölkerung zutrifft. 1 Damit einher geht gegenüber 2006 deutlich gestiegener Optimismus der Jugendlichen: 59 Prozent blicken ihrer Zukunft zuversichtlich entgegen, 35 Prozent äußern sich unentschieden und nur 6 Prozent sehen ihre Zukunft eher düster. Einzig bei Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien zeigt sich ein anderes Bild: Hier ist nur noch ein Drittel (33 Prozent) optimistisch. Diese soziale Kluft wird auch bei der Frage nach der Zufriedenheit im Leben deutlich. Während fast drei Viertel aller Jugendlichen im Allgemeinen zufrieden mit ihrem Leben sind, äußern sich Jugendliche aus sozial schwierigen Verhältnissen nur zu 40 Prozent positiv.

Werte, Familie und Religion

Der persönliche Erfolg in einer Leistungs- und Konsumgesellschaft ist für Jugendliche nach wie vor von großer Wichtigkeit. Aber auch die vom umstrittenen Thilo Sarrazin geforderten Tugenden Fleiß und Ehrgeiz stehen für 60 Prozent der Jugendlichen hoch im Kurs. Gleichzeitig wollen 57 Prozent ihr Leben intensiv genießen. Vielen Jugendlichen geht es nicht nur um das persönliche Vorankommen, sondern auch darum, ihr soziales Umfeld aus Familie, Freunden und Bekannten zu pflegen. Viele interessieren sich dafür, was in der Gesellschaft vor sich geht. Die jungen Leute fordern gerade heute sozialmoralische Regeln ein, die für alle verbindlich sind und an die sich alle halten. Eine funktionierende gesellschaftliche Moral ist für sie auch eine Voraussetzung, ihr Leben eigenverantwortlich und unabhängig gestalten zu können. 70 Prozent finden, man müsse sich gegen Missstände in Arbeitswelt und Gesellschaft zur Wehr setzen.

Der Wert der eigenen Familie ist für die Jugendliche dabei ein weiteres Mal angestiegen. Mehr als drei Viertel der Befragten (76 Prozent) stellen für sich fest, dass man eine Familie braucht, um wirklich glücklich leben zu können. Das bezieht sich nicht nur auf die Gründung einer eigenen Familie, sondern auch auf die Herkunftsfamilie. Fast drei Viertel aller Jugendlichen würden ihre eigenen Kinder so erziehen, wie sie selber erzogen wurden. Wieder zugenommen hat auch der Wunsch nach eigenen Kindern. 69 Prozent der Jugendlichen wünschen sich Nachwuchs.

Religion spielt hingegen für die Mehrheit der deutschen Jugendlichen nur eine mäßige Rolle. Ganz anders sieht es hingegen bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund aus: Hier glauben 44 Prozent an einen persönlichen Gott und weitere 22 Prozent an eine überirdische Macht. Dieser starke Bezug zur Religion hat im letzten Jahrzehnt zugenommen und dürfte wohl vor allem auf die hohen Geburtenraten unter muslimischen Zuwanderern zurückzuführen sein. 2

Bildung

Auch weiterhin bleibt der Schulabschluss der Schlüssel zum Erfolg. In Deutschland hängt er so stark wie in keinem anderen Land von der jeweiligen sozialen Herkunft der Jugendlichen ab. Junge Leute ohne Schulabschluss finden seltener eine qualifizierte Arbeit oder eine Ausbildung. Entsprechend pessimistisch blicken Jugendliche, die sich unsicher sind, ihren Schulabschluss zu erreichen, auch in die Zukunft. Mehr Optimismus zeigt sich mittlerweile bei den Auszubildenden. Sie sind sehr viel hoffnungsvoller als in den letzten Jahren, nach der Ausbildung übernommen zu werden. Auch in puncto Zuversicht beim Berufswunsch gibt es eine positive Trendwende: 71 Prozent der Jugendlichen sind überzeugt, sich ihre beruflichen Wünsche erfüllen zu können. Jedoch verläuft die Entwicklung bei Jugendlichen aus sozial schwierigen Verhältnissen auch hier wieder gegenläufig: Nur 41 Prozent sind sich diesbezüglich sicher.


Ungebrochen ist der geschlechtsspezifische Trend beim Thema Bildung: Wie sich bereits zu Beginn dieses Jahrzehnts gezeigt hatte, haben junge Frauen ihre männlichen Altersgenossen bei der Schulbildung überholt. Auch in Zukunft streben sie häufiger bessere Bildungsabschlüsse an. 3

Notes:

  1. Vgl. Klein, Anna; Heitmeyer, Wilhelm (2010): Wenn die Wut kein politisches Ventil findet. Politische Kapitulation und die Folgen für schwache Gruppen. In: Heitmeyer, Wilhelm (Hg.): Deutsche Zustände. Folge 8. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 164–185.
  2. Vgl. Berlin Institut (2009): Ungenutzte Potenziale, KFN (2010): Kinder und Jugendliche in Deutschland.
  3. Die 16. Shell Jugendstudie 2010 stützt sich auf eine repräsentativ zusammengesetzte Stichprobe von 2.604 Jugendlichen im Alter von 12 bis 25 Jahren aus den alten und neuen Bundesländern, die von geschulten Infratest-Interviewern zu ihrer Lebenssituation und zu ihren Einstellungen und Orientierungen persönlich befragt wurden. Die Erhebung fand auf Grundlage eines standardisierten Fragebogens im Zeitraum von Mitte Januar bis Ende Februar 2010 statt. Im Rahmen der qualitativen Vertiefungsstudie wurden 20 Fallstudien auf der Basis von explorativen Interviews mit Jugendlichen im Alter von 15 bis 24 Jahren durchgeführt. Quelle: Shell Jugendstudie 2010.

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