Liberaler Islam als verschleiernde Mischung – keineswegs überzeugend

23. August 2010 2

Muslimisch, weiblich, deutsch! Sollte es tatsächlich möglich sein, diese Attribute glaubwürdig zu vereinen? Lamya Kaddor hat in ihrem gleichnamigen Buch den ambitionierten Versuch unternommen, anhand ihres eigenen Lebens die gesellschaftlichen und ideologischen Voraussetzungen dieses Vorhabens abzuwägen. Was jedoch im Untertitel als autobiographische Skizze angekündigt wird, erweist sich bei der Lektüre rasch als unstrukturierte Melange aus programmatischen Aussagen, persönlichen Bekenntnissen und einem politischen Rundum-Schlag, bei dem kaum eine gesellschaftliche Gruppierung ausspart wird:  Parteien, Islamverbände, die Mehrheitsgesellschaft und selbst den (ehemaligen) Bundespräsidenten Köhler, dem es offenbar nicht in den Sinn gekommen war, anlässlich des 60-jährigen Jubiläums der Bundesrepublik auch die hiesigen Muslime in seine Würdigung einzubeziehen.

Die in Deutschland geborene Autorin und angesehene Religionspädagogin versucht mit fraglos großem Engagement auf der Grundlage einer scheinbar kritischen Analyse der überlieferten Texte das Bild eines zeitgemäßen, ja liberalen Islam zu entwerfen, der auch gläubigen Muslimen, vor allem aber den Frauen ein religiöses und zugleich erfolgreiches Leben in Deutschland ermöglichen soll. Dabei könnte man ihr zunächst in zweifacher Weise zustimmen: Tatsächlich ist das gegenwärtige Bild des Islams in Europa, wie ein schon flüchtiger Blick in Presse und Buchhandel es rasch verdeutlicht, mehr als beklagenswert, was vor allem, so die Autorin, eher den traditionell geprägten Lebensstil vieler Zuwanderer, nicht jedoch dem Islam direkt angelastet werden müsse. Deswegen müsse sich ihrer Meinung nach auch endlich die bisher schweigende Mehrheit der deutschen Muslime organisieren, um nicht den religiösen Hardlinern der DITIB oder Milli Görüs allein den öffentlichen Diskurs zu überlassen. Ein Punkt, in dem sie mit der Islamkritikerin Necla Kelek ausnahmsweise übereinstimmt.

Handelt es sich aber wirklich um kritische Auseinandersetzung mit dem Islam, wenn die Kaddor sämtliche gewaltverherrlichenden und die Unterdrückung der Frau legitimierenden Passagen des Koran und der Sunna entweder unterschlägt oder als historisch bedingt relativiert? Zweifellos betreibt sie eine Exkulpierung ihrer Religion, indem sie die offenkundigen Missstände im religiös geprägten Migrantenmilieu lediglich als Folge von Bildungsferne, Traditionalismus und Ausgrenzung abtut und einschlägige Kriminalstatistiken als islamophobe Propaganda bezeichnet. Den empirischen Gegenbeweis bleibt sie allerdings schuldig.

Womit wir auch schon beim Verhalten der so genannten Mehrheitsgesellschaft angekommen wären, deren spürbar wachsendes Misstrauen gegenüber dem Islam und den Muslimen Kaddor als ungerecht und sogar als rassistisch empfindet. Islamkritikern wirft sie pauschal mangelnde Sachkenntnis vor, um aber nur wenige Seiten später versteckt einzuräumen, dass auf ihren Veranstaltungen regelmäßig Zuhörer oft auch unter Bezug auf einschlägige Suren des Korans kritische Fragen stellen. Die Autorin vermag nicht einzusehen, dass eben noch lange nicht ihr Wunschbild eines weichgespülten und frauenfreundlichen Islam die mediale Debatte hierzulande prägt. Denn immer noch gilt der absolute Machtanspruch des politischen Islam, der nicht nur den so genannten Gläubigen vorschreiben will, wie sie ihren Glauben zu leben haben, sondern auch der Mehrheitsgesellschaft, wie sie sich gegenüber dem Islam zu verhalten hat. Dass dies mehr und mehr Unmut und massive Kritik besorgter Bürger – eine Bezeichnung, die sie hämisch in Anführungszeichen setzt – auslöst, sollte die Autorin nicht verwundern.

Gleichwohl ist auch ihre scheinbar harmlose Version des Islam, die sie am Beispiel der leidigen K-Frage ausführlich erläutert, nicht ohne politischen Anspruch. Zwar lehnt die gebürtige Westfälin aus Ahlen persönlich das Kopftuch als nicht mehr zeitgemäß ab, begrüßt jedoch zugleich die wachsende öffentliche Präsenz der inzwischen über vier Millionen Muslime hierzulande und sieht den Bau von repräsentativen Moscheen einschließlich der umstrittenen Minarette als geeignetes Mittel, dieses Ziel zu erreichen. Konsequenterweise will sie keinen so genannten europäischen oder deutschen Islam, der sich den hiesigen privatistischen Vorstellungen von Religionsausübung anpassen müsste und beharrt vielmehr auf der demonstrativen internationalen Gemeinschaft der Muslime. Ihr wiederholtes Bekenntnis zu Deutschland und ihrer deutschen Staatsbürgerschaft wirkt denn auch wenig glaubhaft, wenn sie sich etwa auf einer Amerikareise ausgerechnet mit immigrierten Glaubensbrüdern aus Pakistan trifft und von der herzlichen Atmosphäre schwärmt, wie sie offenbar nur unter Muslimen möglich ist.

Man fragt sich schließlich, ob nicht auch bei Kaddor die staatsbürgerliche Prägung erst weit hinter der religiösen Identität kommt? Welcher deutsche Protestant oder Katholik würde sich unter vergleichbaren Umständen anstatt mit Auslandsdeutschen bevorzugt nur mit Angehörigen der eigenen Konfession treffen wollen?

Eigenartig unkritisch gegenüber den Forderungen des politischen Islam ist die Autorin auch im privaten Bereich: Offenbar musste sich selbst ihr deutschstämmiger Ehemann – vermutlich auf sanften Druck der syrischen Familie – den islamischen Vorschriften unterwerfen und Muslim werden. Da die Religionszugehörigkeit der Kinder im Islam grundsätzlich durch den Vater definiert ist, bildet dieser Übertritt aus muslimischer Sicht nach wie vor eine notwendige Bedingung. Leider geht die Autorin auf diese persönliche Angelegenheit nicht näher ein, obwohl es in ihrem Buch an anderen privaten Beschreibungen und religiösen Bekundungen durchaus nicht mangelt. Dass hierbei der bekenntnisorientierten Religionspädagogin zuweilen die Pferde durchgegangen sein dürften, wird vielleicht an jener Stelle recht deutlich, an der sie überschwänglich von ihrer frühesten Koranlektüre berichtet: „Es ging mir weniger darum, alles zu verstehen, was Gott uns offenbart. Viel wichtiger war es, überhaupt das Wort Gottes zu rezitieren und ergriffen zu spüren, wie dabei die Vibration der Stimmbänder meinen Körper durchdrang.“

Für einen säkularisierten Europäer mag das schon beinahe wie Realsatire klingen. Letztlich muss sich die Autorin aber die Frage gefallen lassen, wieweit sie denn in ihrer angeblichen Kritik an einer orthodoxen Interpretation des Islam zu gehen bereit ist. So erklärt Kaddor nirgendwo, ob sie auch Leben und Lehre des Propheten darin einbeziehen will. Überhaupt scheint sie viele der angeblichen Offenbarungen des Korans und selbst die Existenz eines allein Sinn stiftenden Gottes ohne hypothetischen Vorbehalt für bare Münze zu nehmen. In einer Publikation mit Anspruch auf Seriosität ist das problematisch, wenn nicht sogar naiv. Unklar ist aber auch, was denn nun überhaupt noch von Kaddors Islam übrig bleibt, wenn sie ihn um seine politische Dimension verkürzt und auf den allgemeinen Glauben an einen monotheistischen Gott reduziert. „Ich lebe also islamisch, christlich, jüdisch, bahaisch, alevitisch oder wie auch immer, aber die Suche aller gläubigen Menschen ist die Gleiche“, schreibt sie eingangs. Also doch ein deistischer Schulterschluss der Weltreligionen?

Insgesamt hat Lamya Kaddor ein verwirrendes, zum Teil auch verwirrtes Buch vorgelegt, das von allem etwas enthält, jedoch wenig konsequent zu Ende Gedachtes und dort, wo sie im religiösen Überschwang die Problemstellen des Koran verharmlost, auch noch unredlich wirkt. Muslimisch, weiblich und deutsch passen so jedenfalls noch nicht zueinander.

Lamya Kaddor: Muslimisch, weiblich, deutsch. Mein Weg zu einem zeitgemäßen Islam, München 2010, 208 Seiten, 17,90 Euro. Kaufen bei: Amazon.

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