Streifzüge durch die deutsche „Terra Islamica“

17. August 2010 2

In den islamkritischen Blogs ist die promovierte Soziologin Necla Kelek neben Hendrik M. Broder und Ayaan Hirsi Ali inzwischen eine der Ikonen. Auch das neueste Buch der regen Autorin, das sich diesmal mit den oft bizarren Erscheinungsformen der „Religion des Friedens“ in Deutschland befasst, dürfte definitiv zur Festigung ihres Rufes beitragen. Für links-liberale Feuilletons ist die Migrantin und in Istanbul geborene Autorin ebenso wie die beiden Erstgenannten kaum angreifbar und wirkt daher mit ihren deutlich verlautbarten Ansichten über türkische Parallelgesellschaften wie ein rotes Tuch auf das ideologisch komische Bündnis politischer Muslime, traditioneller Linker und sonstigen Vertretern der Political Correctness.

In einem bunten Mix theologischer Betrachtungen und wie üblich erschreckenden Innenansichten aus der türkisch-islamischen Welt inmitten Deutschlands, formt Kelek Seite für Seite ihre rhetorische Geschosse, um sie mit unverhohlener Freude auf ihre üblichen Gegner, die machtbewussten Vertreter der hiesigen Islamverbände, abzuschießen.

Am Beispiel der „Himmelsreise“ des Propheten Mohammed führt die Autorin zunächst vor, welch geschickter Theologe der sagenumwobene Begründer des Islam gewesen sein muss, da man bereits in dieser mythischen Fahrt durch die sieben Himmel alle wichtigen Elemente seiner Religion erkennen kann. Wer immer auch diese Geschichte erfunden haben mag, dem gelang es bereits damit, eine deutliche Abgrenzung zu den so genannten Schwesterreligionen vorzunehmen, die aus der Umma, der islamischen Glaubensgemeinschaft, trotz ihrer weltweiten Verbreitung eine geschlossene Gesellschaft machen sollte. „Abgrenzung“ ist in der Folge auch das zentrale Thema des Buches.

Der Islam, so Keleks These, hat sich nur immer zu den eigenen Bedingungen dem Fremden geöffnet und versucht auch heutzutage in der europäischen Diaspora, sich ausschließlich die ihm genehmen Bruchstücke der westlichen Zivilisation anzueignen. Die damit einhergehenden Gefahren für die offenen und pluralistischen Gesellschaften Europas sind jedoch bisher kaum ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangt.

Geschickt versteht es Kelek dabei, persönliche Erfahrungen in der hiesigen Terra Islamica mit historischen Exkursen etwa über das Verhältnis der Deutschen zum Islam zu vereinen. In Marxloh, einem Duisburger Problem-Stadtteil mit einem Migrantenanteil von mehr als 50 Prozent beschreibt sie das vormittägliche Geschehen in der viel gerühmten neuen Merkez-Moschee, die mit ihrer kitschigen Pracht wie ein türkisches Ufo erscheint, das auf einer grauen Kohlenpotthalde gelandet ist. Als Begegnungsstätte zwischen Muslimen und Einheimischen geplant und auch mit umfangreichen öffentlichen Mitteln subventioniert, ist die Moschee derzeit noch ein gerne angeführtes Vorzeigeprojekt. Es soll eigentlich dabei bewirken, dass die bisherige Abgrenzung zwischen muslimischer Parallelwelt und Mehrheitsgesellschaft durchbrochen wird. Ein mehr als fragwürdiges Projekt, so das Fazit der Autorin, das von den konservativen Vertretern des politischen Islam immer mehr konterminiert wird.

In Berlin-Neukölln wird die Autorin vor der Sehitlik-Moschee wiederum Zeugin einer bedrückenden Trauerfeier für eine 16-jährige Schülerin, die Selbstmord beging. Niemand aus ihrer Klasse mag darüber sprechen, an Herzschlag sei sie wohl gestorben, lautet die verschämte Auskunft ihrer Mitschülerinnen. Die Gründe für das Drama bleiben im Dunkeln, wie so vieles, was vor allem in muslimischen Migrantenfamilien aus Scham und Angst vor Ehrverlust nicht nach außen dringen darf.

Wer Necla Keleks fraglos exzellente Studien „Fremde Braut“ und „Allahs verlorene Söhne“ bereits kennt, wird in diesem Buch leider nur wenig Neues vorfinden. Nicht zum ersten Mal fordert Kelek, dass der Islam endlich eine Aufklärung durchmachen müsse, sieht aber auch immer noch keine wirklichen Ansätze dazu. Gefeierte Reformer wie Tariq Ramadan oder Fethullah Gülan demaskiert sie mühelos als gewiefte Fundamentalisten, die anstelle der erhofften Integration den Islam als paralleles Lebensmodell in Europa etablieren möchten.

Kelek meint, dass der Koran zumindest seinem Inhalt nach nicht allein für die verwunderlichen Erscheinungsformen des türkisch-islamischen Lebens in Deutschland verantwortlich ist. Bedenklich sei allerdings der damit einhergehende absolute Anspruch auf Wahrheit und Unveränderlichkeit, der bei vielen islamisch sozialisierten Menschen die Illusion erzeuge, der westlichen Kultur mit ihrem konsumorientierten Individualismus geistig und sittlich überlegen zu sein. „Die Abgrenzung gegenüber anderen – durch das Kopftuch, das Verheiraten der Söhne und Töchter mit Partnern aus der ‚reinen‘ Heimat, die Verunglimpfung all jener, die Bier trinken und Schweinefleisch essen, die blutigen Traditionen der Beschneidung und des Opferfestes – all dies wird zur Demonstration einer kollektiven Selbstvergewisserung. Es ist die Absage der Muslime an die aufgeklärte Gesellschaft.“

Kelek bestreitet natürlich nicht, dass sich eine Menge der Muslime mit türkischen oder orientalischen Wurzeln längst in unsere freiheitliche Gesellschaft integriert hat und sich nur zu geringen Teilen von den politisch agilen Islamverbänden vertreten oder in ihrer privaten Glaubensausübung bevormunden lassen will. Die vier im so genannten „Koordinierungsrat der Muslime“ (KRM) zusammen geschlossenen Islamverbände stehen tatsächlich für höchstens zehn Prozent der ca. vier Millionen Muslime hier. Die übrigen bilden eine große schweigende Mehrheit, die bisher nicht in den Diskussionsprozess einbezogen werden konnte und das vielleicht auch gar nicht will.

Dass die Regierung daher nur mit den Vertretern des politischen Islam verhandelt hat, kann indes trotz der vorhersehbaren mageren Ergebnisse – Kelek kommentiert dies ironisch als erfolgreiches Scheitern – nicht unbedingt als Fehler bezeichnet werden, vorausgesetzt dieser Prozess führte endlich zu einer größeren Mobilisierung der bisher passiven Mehrheit der Muslime. Als politische Vision schwebt der Autorin ein großer Rat – ein Sanhedrin – vor, in dem sich die Muslime als Individuen und als Staatsbürger dem demokratischen Gemeinwesen verpflichten. Dazu aber müssten sie endlich ihre vom Islam geprägte Gruppenidentität zurückstellen: „Wir Muslime müssen uns von den Wächtern des Islam, von den Vorbetern, den Vätern und Übervätern, Abis und Vormündern befreien. Wir müssen Selbstverantwortung übernehmen, uns als Individuen begreifen und Freiheit lernen und aushalten.“

Die sich stellende, zentrale Frage ist aber, was aus der Religion des Islam wird, wenn dieser quasi revolutionäre Prozess tatsächlich gelänge? Könnten Reformen die Religion tatsächlich gruppendynamisch entschärfen und letztlich einen „spirituellen Kern“ freilegen, der noch eine Religionsausübung privatissime rechtfertigt? Was bleibt von der Theologie des einen Gottes, wenn man ihn der Umma, seiner zentralen Bezugsgröße beraubt? Die von der Autorin als Pseudoreformer gescholtenen Ramadan und Gülan scheinen da tiefer zu blicken. Nur einen Stein aus diesem Gebäude herauszuziehen könnte bereits bedeuten, dass alles zusammenbricht.

Necla Kelek: Himmelsreise. Mein Streit mit den Wächtern des Islam, Köln: KiWi 2010, 266 Seiten, 18,95 Euro.
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