Warum wir Europäer den Islam nicht verstehen

12. August 2010 1

Rezension zu Manfred Kleine-Hartlage: Das Dschihadsystem. Wie der Islam funktioniert

Der Islam ist an sich ein Dschihadsystem, dessen wesentliches theologisches Merkmal die eigene Verbreitung ist, kombiniert mit der Selbsterhaltung durch Segregation der Anhänger von den Ungläubigen. Diese Feststellung stammt nicht etwa aus dem Munde eines Geert Wilders, Jörg Haiders oder eines anderen Politikers, den man versuchen könnte, in die rechts-populistische Ecke abzudrängen. Nein, sie ist das Fazit des Berliner Sozialwissenschaftlers Manfred Kleine-Hartlage nach langjähriger Beschäftigung mit dem Islam. Dass dies im Westen viele so nicht sehen können, liegt an der Begriffsbrille, die unser europäisches Verständnis von Politik, Kultur und Religion auch auf alle anderen Gesellschaften ausdehnt. Dies ist aber ein fataler Fehler.

Zum Islam erscheinen seit dem 11. September 2001 nahezu wöchentlich neue Bücher unterschiedlichster Qualität und Couleur. Umso erfreulicher ist es, wenn plötzlich ein Werk auftaucht, das auch den Kenner des Themas durch stringente Argumentation überrascht und mit Wissenschaftlichkeit überzeugt. „Das Dschihadsystem. Wie der Islam funktioniert“ von Manfred Kleine-Hartlage ist so eine Überraschung. Vor allem deswegen, weil er nicht versucht, den Islam nur als Religion zu erfassen, sondern ähnlich wie Christopher Caldwell als soziales System begreift, das das ganze Leben von Muslimen nicht nur regeln will, sondern auf unterschiedliche Weise auch tut. Man könnte dem Autor dabei durchaus vorwerfen, dass er eigentlich keine neuen Fakten nennt. Doch die eingenommene soziologische Perspektive und die konsequente Verdeutlichung kausaler Zusammenhänge – ohne Scheu vor politisch unkorrekten Aussagen – sind in dieser Art bisher einzigartig. Es lohnt sich also, die Denkschritte des Autors einzeln nachzuvollziehen.

Kulturelle Selbstverständlichkeiten – die eigene Brille

Alles beginnt damit, dass wir als Gesellschaft bestimmte „kulturelle Selbstverständlichkeiten“ haben, wie es Kleine-Hartlage nennt. Diese sind unbewusste und vorbegriffliche Denkweisen, die unsere komplette Wahrnehmung der Umwelt bestimmen. In Europa bedeutet dies unter anderem, dass wir es für selbstverständlich halten, dass Religion und Politik verschiedene gesellschaftliche Funktionslogiken sind, selbst wenn sie immer wieder versuchen, aufeinander Einfluss zu nehmen.

Auch Kultur wollen wir immer wieder gerne aus dem Einflussgebiet der Religion heraus-definieren, vor allem wenn es darum geht, ob lokale bzw. nationale Entwicklungen oder der Islam Menschen mehr beeinflussen. Selbst unsere europäische kulturelle Entwicklung versuchen wir oft schon in ihren Ursprüngen als zu säkularisiert zu denken: „Es ist lediglich die Säkularisierung dieser Ethik, also ihre (nachträgliche) Einbettung in einen nichtreligiösen Begründungszusammenhang, die die Illusion vermittelt, unsere Kultur (also unter anderem diese Werte) habe nichts mit Religion zu tun, und es deshalb als plausibel erscheinen lässt, ein solches Auseinanderfallen von ‚Kultur‘ und ‚Religion‘ auch für solche Kulturkreise zu unterstellen, in denen die Säkularisierung gar nicht stattgefunden hat.“

Die kulturelle Hegemonie linken Denkens

Die kulturellen Selbstverständlichkeiten sind in Deutschland seit den 1968er Jahren sehr stark von linker Ideologie dominiert, was zu einigen Problemen führt. Der Autor erklärt, wie es dadurch zu häufigen Vermischungen bzw. Verwechslungen von Tatsachen und Normen kommt, weil das Selbstbild bestimmten Normen entsprechen soll, die aber unter Umständen nicht mit der Realität zu vereinen sind. „Die Norm, nicht fremdenfeindlich zu sein, ist also als Grundsatz durchaus rational begründbar. Wird aber eine Tatsachenbehauptung abgelehnt, weil sie ‚fremdenfeindlich‘ sei, also unter Berufung auf eine Norm, so haben wir es mit [einem] Verstoß gegen die elementare Logik zu tun“, schreibt Kleine-Hartlage und meint damit die gängige Argumentationsweise vieler Linker, alles Kritische gegenüber anderen Kulturen, Völkern etc. als rassistisch abzutun – kurz: die Nazi-Keule zu schwingen. Mit dem linken Denker Antonio Gramsci führt der Autor aus, was diese Denkweise bewirkt: „Eine solche kulturell hegemoniale Ideologie erkennt man als solche daran, dass ihren Kritikern eine Beweislast aufgebürdet ist, von der ihre Verfechter sich ohne weiteres freizeichnen können.“

Der Islam ist ein Dschihadsystem

Nach dieser Erläuterung und Dekonstruktion gesellschaftlich tief verankerter Denkmuster, geht Kleine-Hartlage zu seiner Koran-Analyse über. Hierbei richtet sich sein Vorgehen nicht nach der häufig angewandten Zitation einzelner Verse und Suren, mit denen sich bekannter Weise Alles und Nichts belegen lässt. Stattdessen wählt er einen quantitativen Zugang: Was häufiger im Koran vorkommt, dürfte im Islam auch eine größere Bedeutung haben. Dabei stellt er fest, dass die zuerst (in Mekka) offenbarten Suren die politischen und gesellschaftlichen Grundgedanken des Islams bereits enthalten, d.h. dass die wesentlich gewalttätigeren Suren aus der späteren Zeit in Medina keine Reaktion auf die verschärften politischen Bedingungen sein können, wie es von Islam-Verteidigern oft behauptet wird.

Der grundlegendste Gedanke im Islam, der im Gegensatz zum Christentum theologisch eher armselig erschient, ist dabei die Unterscheidung in Gläubige und Ungläubige sowie die Abwertung letzterer. Nicht umsonst heißen muslimisch dominierte bzw. beherrschte Gebiete im Islam „Dar al-Islam“, also Haus des Islams. Noch nicht eroberte Länder sind hingegen das „Dar al-Harb“, das Haus des Krieges. Die zentrale These des Autors muss in der Folge sein, „dass die militante Feindseligkeit gegen Andersgläubige in der theologischen Tiefenstruktur des Islams verankert ist, ja dass man den Islam am besten versteht, wenn man ihn als ein Dschihadsystem interpretiert; dass wir es hier also nicht mit einem religiösen Kern zu tun haben, der sich von ‚zufällig‘ hineingeratenen politischen Postulaten trennen ließe.“

Die Geschichte beweist es: Der Islam ist resistent gegen Modernisierung und äußere Einflüsse

Auf die ausführliche Koran-Analyse folgt ein historischer Abriss der Verbreitung des Islams bis hin zur heutigen Situation in Europa und Deutschland. Alles in allem folgt diese Entwicklung den in der Religion angelegten Grundzügen. Ob dies die Unterdrückung der Frauen in muslimischen Gesellschaften ist, die hohe Kriminalitätsrate unter hiesigen muslimischen Migranten oder die Abhängigkeit von Transferleistungen europäischer Sozialstaaten durch geringe Bildung – alle Studien zeigen, dass Muslime, auch in der Diaspora, in ihrem Verhalten viel mehr vom Islam beeinflusst sind, als sie unter Umständen denken. „Wer also die in der Tat vorhandene kulturelle Vielfalt innerhalb der islamischen Welt als Beleg dafür anführt, dass es den Islam gar nicht gebe, verkennt, dass es sich bei dieser Vielfalt um Varianten desselben Grundmodells handelt. Sie können in concreto sehr weit voneinander abweichen, aber sie können nicht der impliziten Logik des Islam zuwiderlaufen.“

Überraschend ist das für den Sozialwissenschaftler Kleine-Hartlage keineswegs, verfügt doch der Islam nicht über solch reflexive Normen, wie der Freie Westen. Soll heißen, es gibt im Islam z.B. keine Abwählbarkeit der oder des Herrschenden, also keine Normen, wie Normen verändert werden können. Da aber nach Ansicht des Autors Gesellschaften auf einem System gegenseitiger Erwartung der Normerfüllung beruhen, werden sich auch einzelne Muslime nur sehr schwer ändern, wenn sie Teile des Systems für falsch erachten. Dies macht den Islam sehr resistent gegenüber anderen Normensystemen, wie etwa unserer freiheitlich-demokratischen Werteordnung.

Manfred Kleine-Hartlage (2010): Das Dschihadsystem. Wie der Islam funktioniert, Deutscher Taschenbuch Verlag, 19.90 €

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