Kritik am Islam – aber wie?

7. August 2010 6

Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Die Gretchenfrage ist in Bezug auf die Muslime längst zu einem deutschen – ja europäischen – Politikum geworden. Handelt es sich beim Islam ausschließlich um eine Religion, die dann auch nur theologisch kritisiert werden darf? Oder ist er doch vielmehr ein umfassendes soziales und kulturelles System, wie es etwa der amerikanische Journalist Christopher Caldwell definiert? Unter dem Schlagwort Islamophobie hat sich in Deutschland jüngst eine Debatte darüber entsponnen, welche Kritik am Islam legitim ist, und welche rassistische oder fremdenfeindliche Züge trägt. Mit dem Buchprojekt „Islamfeindlichkeit versus Islamverherrlichung“ hat der Islam- und Politikwissenschaftler Thorsten Gerald Schneiders den Versuch unternommen, Klarheit zu schaffen und Sachlichkeit in die Debatte zu bringen. Leider ist er damit voll und ganz gescheitert.

Islamfeindlichkeit

Im ersten, Ende 2009 erschienenen Band „Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen.“ analysieren auf fast 500 Seiten vorwiegend Wissenschaftler verschiedene historische und aktuelle Formen der Islamfeindlichkeit. Ausnahmslos alle Beiträge lehnen dabei die Kritik am Islam – sofern sie nicht ausschließlich theologisch erfolgt – ab. Es handle sich dabei um Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, so der Vorwurf.
Dem Herausgeber scheint es nicht schwergefallen zu sein, hier namhafte Vertreter zu finden, so z.B. Kai Hafez, Siegfried Jäger und Sabine Schiffer mit ihren Studien zum Bild des Islams in den Medien und im Internet, oder Jürgen Leibold vom Forschungsprojekt zur „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ mit seinen Beiträgen zur Islamophobie. Kernargument aller Autoren ist, dass man nicht so allgemein über den Islam und die Muslime sprechen könne, weil es sich um komplexe Systeme handle, die nicht verallgemeinern ließen. Und wer dies doch täte, folge den Mechanismen von Vorurteils- und Stereotypenbildung, Feinbildkonstruktion und letztlich Rassismen. Die Abwertung des Fremden oder Anderen – hier der Muslime – diene letztlich nur der Überhöhung des Eigenen – hier dem Konstrukt einer westlichen bzw. abendländischen Kultur.

Vielen der Autoren unterlaufen dabei drei Fehler, die ihrer eigenen Voreingenommenheit geschuldet sind: Zunächst traut sich keiner auch nur den Gedanken zu wagen, ob z.B. das negative Bild des Islam in den Medien etwas mit der sozialen Realität zu tun haben könnte bzw. ob die Ideologie dieser Religion vielleicht doch die Ursache für die vielen (Integrations-)Probleme der Muslime sein könnte, wenn diese die einzige Migrantengruppe darstellen, die davon betroffen ist. Zahlreiche Integrationsstudien, Migrationsreporte und Kriminalitätsstatistiken beweisen dies mittlerweile. Der oft getätigte Verweis auf vermeintliche sozioökonomische Faktoren greift zu kurz, da diese ihre Ursachen im kulturell-sozialen System haben. Und das ist vom Islam dominiert.

Der zweite Fehler ist eine Folge dessen, was der Sozialwissenschaftler Manfred Kleine-Hartlage treffend als „kulturelle Selbstverständlichkeiten“ beschrieben hat. Durch die kulturelle Hegemonie linken Denkens hat sich eine Haltung etabliert, die es bereits als fragwürdig ansieht, wenn die (deutsche) Aufnahmegesellschaft von muslimischen Migranten fordert, sich in das hiesige soziale System einzugliedern und unsere Rechtsordnung anzuerkennen. Der Gedanke, dass die Einheimischen das Recht haben, Vorschriften zu machen, ist für viele Autoren reiner Rassismus. Eine wertende Unterscheidung zwischen Kulturen darf nicht sein, solange nicht die eigene Kultur niedergemacht wird.

Letztlich schleicht sich oft ein Fehler ein, der wohl durch die ständige Analyse der Vorurteile anderer bedingt wird: Einige Forscher wie z.B. Sabine Schiffer pauschalisieren selbst dergestalt und machen so unwissenschaftliche und belanglose Vergleiche, dass der Leser nur den Kopf schütteln kann. Die kommentarlose und unbegründete Gleichstellung heutiger Moscheebau-Proteste mit den Gegnern des Synagogenbaus vor rund einem Jahrhundert, ist weder wissenschaftlich noch in irgendeiner Weise aufschlussreich.

Das ganze Buch über Islamfeindlichkeit konzentriert sich auf Phänomene wie die Webseite „Politically Incorrect“ (PI-News), die allerdings den ideologisch rechten Rand bzw. die populistische Form der islamkritischen Menschen in Deutschland ausmacht. Diese Verallgemeinerung entspricht aber etwa dem, als würde man die Zeitung „Junge Freiheit“ mit der konservativen Wählerschaft der Unions-Parteien gleichsetzen. Große Teile derjenigen, die sich kritisch zum Islam und der Integration von Muslimen äußern, machen dies sachlich argumentierend und immer besser informiert. Deswegen macht es nur bedingt Sinn, von Islamfeindschaft zu sprechen, geschweige denn von Islamophobie, schließlich handelt es sich bei letzterer um eine unbegründete Angst oder generelle Ablehnung des Islams. Dem Titel wird das Buch zwar gerecht, es handelt aber dadurch nur von einem kleinen Teil der Deutschen.

Islamverherrlichung

Im Frühjahr 2010 folgte der zweite Band „Islamverherrlichung. Wenn die Kritik zum Tabu wird.“ Er erschien nun umso interessanter, da der Titel versprach, dass es nun um die Gegenseite gehen müsste, hier also jene kritisiert würden, die den Islam verherrlichen. Weit gefehlt! Stattdessen losten die Beiträge im Buch aus, was nach dem Herausgeber eine passende Kritik am Islam darstellt. Und die darf nach Schneiders immer nur von theologischen Fachkräften erfolgen. Die ersten zehn Artikel sind dann auch theologische Abhandlungen und Quellenstudien mit durchaus substantiellen Inhalten, etwa zur Glaubwürdigkeit der Hadithen-Überlieferung, zu neueren Mohammed-Biografien im Verhältnis zu klassischen Quellen oder zur Vernunftsfrage im Glauben. Selbst eine theologische Begründung für die Abschaffung des islamischen Kopftuches findet der Leser dort.

Der zweite Teil des Buches nimmt eine sozialwissenschaftliche Perspektive ein und die Qualität nimmt dafür rapide ab. Wie schon im ersten Band wird mit weit hergeholter Argumentation versucht, den einen Fakt zu unterschlagen, der wissenschaftlich offensichtlich ist: Dass es unter den Migranten in Deutschland und Europa überwiegend, ja fast ausschließlich die Muslime sind, die Probleme haben und bereiten. Dieses scheinbare Paradox, das keines wäre, würde man den Islam als Quelle der Probleme akzeptieren, bringt Herausgeber Schneiders in seiner Einleitung selbst am besten zur Sprache. Leider hat er daraus keine Konsequenzen für das Buch gezogen, weder bei der Wahl seiner Autoren, noch bezüglich der Inhalte:

„Die Lage vieler muslimischer Bürger in Deutschland ist nicht rosig. Bildungsdefizite, Arbeitslosigkeit, schlechte Wohnsituationen und so weiter ziehen Erziehungsprobleme, Einschränkungen der persönlichen Individualität […] oder hohe Kriminalitätsraten nach sich. Das hat zwar direkt mit dem Islam erst einmal nichts zu tun, aber laut diversen Studien der vergangenen Jahre sind Menschen mit türkischem oder arabischem Familienhintergrund in Deutschland signifikant davon betroffen oder daran beteiligt. Da sich nun die meisten von ihnen vor allem als Muslime verstehen[…], ist die Situation faktisch doch wieder ein Problem, dem sich die Glaubensanhänger – vor allem die religiösen Würdenträger und Funktionäre – stellen müssen.“

Wie haben wir es nun mit der Religion?

Insgesamt kann man dem Buchprojekt „Islamfeindlichkeit versus Islamverherrlichung“ höchstens seinen dokumentarischen Charakter zu Gute halten. Nur ein kleiner Teil des Spektrums möglicher Islamkritik zwischen kulturrelativistischer Gleichschalterei und populistisch-rassistischer Feindschaft kommt zur Sprache. Die Autorenauswahl ist leider sehr einseitig, wodurch keinerlei Debatte innerhalb der Bände entsteht. Auf allen Seiten gibt es aber eigentlich gute Argumente und interessante Akteure, man erinnere sich etwa an die 2007er-Debatte „Islam in Europa“, vom Perlentaucher-Chef Thierry Chervel und Anja Seelinger als Buch herausgegeben.

Nicht erst seit der Mohammed-Karikaturen Krise 2006 ist die Frage, welche Formen der Kritik an Religionen im Allgemeinen und dem Islam im Besonderen zulässig sind, eine der wichtigsten überhaupt. Die von Thorsten Gerald Schneiders herausgegebenen Bücher leisten dazu leider einen nur sehr geringen Beitrag.

Thorsten Gerald Schneiders: Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2009, 483 Seiten, 49,95 Euro. Kaufen bei: Amazon

Thorsten Gerald Schneiders: Islamverherrlichung. Wenn die Kritik zum Tabu wird. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010, 401 Seiten, 39,95 Euro. Kaufen bei: Amazon

Außerdem erwähnt:

Thierry Chervel, Anja Seelinger (Hg.): Islam in Europa. Eine internationale Debatte, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2007, 227 Seiten, 10 Euro. Kaufen bei: Amazon

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