Auf der Flucht vor den Widersprüchen der eigenen Kultur

12. Juli 2010 0

Rezension zu Hamed Abdel-Samad: Mein Abschied vom Himmel. Aus dem Leben eines Muslims in Deutschland

Es ist eine eigenartige und teilweise faszinierende mentale Tour d’Horizon, die der Ägypter Abdel Samad mit seiner Autobiographie präsentiert. Hochbegabt und von seinem Vater, dem Iman einer ägyptischen Siedlung am Nil als dessen Nachfolger bestimmt, oszilliert das Leben des Autoren zunächst zwischen der geräuschvollen Moderne einer orientalischen Großstadt und dem traditionsbestimmten dörflichen Leben, ehe der stets zweifelnde Muslim vollends zum Wanderer zwischen den Welten wird, zunächst nach Deutschland kommt und schließlich sogar einige Zeit in Japan verbringt.

Leider hat der Verlag nicht der Versuchung widerstehen können, den Untertitel „Aus dem Leben eines Muslims in Deutschland“ zu wählen, der allzu offensichtlich den Verkauf hierzulande befördern soll. Dabei enthält Abdel-Samads vorläufige Lebensbilanz viel mehr als nur den üblichen orientalischen Spiegel auf die deutsche Mehrheitsgesellschaft. Aus der inzwischen die Buchhandlungen füllenden literarischen Melange muslimischer Befindlichkeiten ragt sein ungewöhnlich offenes, ja brutales Bekenntnis turmhoch heraus. Abdel Samad bricht darin nicht nur mit den drei großen Tabus der islamischen Welt, wenn er in bester Prosa über Religion, Sexualität und Politik schreibt. Der schockierende Passus über seine eigene Vergewaltigung als Vierjähriger in einer Kairoer Autowerkstatt und seine später – vermutlich aufgrund dieses traumatischen Erlebnisses – immer wieder ausbrechende Pädophilie findet sich in dieser Offenheit gewiss auch nicht oft in westlichen Autobiographien.

Wären alle seine Erlebnisse nur literarische Fiktion, müsste man es geradezu als Schundliteratur abtun, denn Abdel-Samad spart wirklich nichts aus. Sein Buch ist vor allem auch ein selbsttherapeutischer Versuch. Der Blowjob einer amerikanischen Touristin in einer ägyptischen Grabkammer ist für den 20-Jährigen das erste Mal. Während seines Militärdienstes landet er für Wochen im Gefängnis, da er als Angehöriger des ägyptischen Nachrichtendienstes keine Auslandskontakte haben darf. Zum Glück erfahren seine inkompetenten Vorgesetzten nichts von seinen engen Kontakten zur damals verbotenen Muslimbruderschaft.

Gewalt, Frustration, Schuldgefühle und Heimatlosigkeit sowie handfeste Katastrophen sind seine ständigen Begleiter. Wie von bösen Geistern getrieben durcheilt der Ägypter sämtliche Anlaufstationen eines wurzellosen Muslims in der gar nicht so modernen westlichen Welt. Ein Suizidversuch mit verschluckten Glasscherben endet schließlich in der Psychiatrie, aus der er eines Nachts ausbricht und für einige Stunden den Münchener Verkehr aus dem Takt bringt.

Von den autochthonen Deutschen zwar nicht abgelehnt, aber mit jener Gleichgültigkeit bedacht, die Orientalen grundsätzlich irritiert, ist er abwechselnd islamischer Religionstutor für arabische Studenten, Malocher in einer Autowaschstraße, Student und schließlich sogar in Japan der Mann für gewisse Stunden, der vereinsamten Managerfrauen in einer Nobelbar gegen Honorar Gesellschaft leistet – im Land der roten Sonne jedoch durchaus kein unehrenhafter Job.

Gegen Ende wirkt seine Lebensbeichte zunehmend wie ein selbstverschuldeter Alptraum. Abdel Samad scheint stets zu übertreiben, steigert seine Reaktionen unmittelbar in Extreme, aus denen er sich nur noch durch rasche Fluchten retten kann. Seine notorische Bindungslosigkeit überwindet er schließlich erst, als er in Japan eine junge Frau kennen lernt, halb Dänin, halb Japanerin und somit heimatlos wie er selbst. Scheinbar ist sie die beglückende und lange gesuchte Erfüllung, doch als sie ihn wegen einer Bagatelle kritisiert, schlägt er sie – da ist er schon Universitätsdozent in Erfurt – krankenhausreif. Es kommt trotzdem nicht zu einer Trennung, nach der Notoperation versöhnt man sich wieder, der Wille zum Weitermachen geht tatsächlich von seiner Frau aus.

Nun könnte alles gut sein, doch Abdel-Samad, inzwischen ein sehr gefragter Redner und Gast in zahlreichen Talkshows, steht unter deutschem Polizeischutz. Er gilt als muslimischer Apostat und viele Aussagen in seinem Buch scheinen dies auch zu belegen. So spricht er in einem Nachtrag deutlich von seinem Abschied von einem erhabenen, wütenden Gott, der nicht nach seinem Handeln gefragt werden darf und dennoch die Menschen für ihre Fehltritte unerbittlich bestraft. Doch dieser himmlische „Patriarch, der nur diktiert, aber nie verhandelt, und die Menschen bis in die intimsten Lebenssituationen mit Geboten und Verboten verfolgt“, ist eben genau der Gott des Propheten, der Gott seines Vaters und das Idol von weltweit mehr als 1 Milliarde Muslimen. Wenn Abdel Samad ihn also tatsächlich ablehnt, wäre zu fragen, weshalb er denn immer noch in der neuen Islamkonferenz des Bundesinnenministeriums als Muslim auftritt.

Auch wenn Abdel-Samads apokalyptische Reise in ihrer Gesamtheit keineswegs typisch für das Leben eines Muslims in Deutschland oder sonst wo im Westen sein dürfte, so wird doch ziemlich klar, dass die erste kulturelle Prägung, sei es der Islam, der angeblich seelenlose Materialismus des Westens oder der japanische Shintoismus, jedem Menschen letztlich die Freiheit nehmen, etwas grundsätzlich anderes zu werden. Die Verheißungen der Migration erscheinen somit als gefährliche Lügen.

Auswandernde Menschen und ihre Nachkommen kommen niemals wirklich in anderen Gesellschaften an und sind in ihrer Masse auch nicht völlig integrierbar. Überschreitet Migration ein bestimmtes Maß, sind Parallelgesellschaften, exterritoriale Enklaven und schließlich Bürgerkriege die unausweichliche Folge. Trotz ihrer materiellen Vorteile ist Migration auch für den Einzelnen ein nie mehr gut zu machendes Unglück, eine Sackgasse ständig gefühlter Exklusion, die Abdel Samad bis ins Extrem ausgelebt hat.

Immerhin: Nicht jeder Migrant in der westlichen Welt dürfte es auf zwei Psychiatrieaufenthalte gebracht haben. Tatsächlich ist Migration, das zeigt die Autobiographie des Ägypters geradezu paradigmatisch, eine Flucht vor den Widersprüchen der eigenen Kultur und damit vor sich selbst. Jede Kultur ist aber darauf angewiesen, dass ihre Querdenker und Außenseiter kritische Fragen stellen und damit, auch wenn es Mut und Geduld kostet, den beschämenden Stillstand überwinden, in den fraglos die islamischen Gesellschaften längst geraten sind, der aber auch dem angeblich aufgeklärten Westen droht, von der japanischen Suizidgesellschaft ganz zu schweigen. Das hemmungslose Fest weltweiter Migration, von einer gewissen politischen Richtung unermüdlich propagiert, wird hingegen nicht zu stetigem Fortschritt oder allgemeiner Menschheitsbeglückung führen, sondern – in großem Stil betrieben – eher zum viel gefürchteten „Clash of Civilisations“.

Hamed Abdel-Samad (2009): Mein Abschied vom Himmel. Aus dem Leben eines Muslims in Deutschland. Köln: Fackelträger-Verlag, 312 Seiten, 19,90 Euro (Taschenbuch bei Knaur 9,99 Euro).

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