Die im Lichte stehen – Sozialwissenschaftler haben Vermögende als Forschungsobjekt entdeckt!

6. Juli 2010 0

Cora Theobalt rezensiert Thomas Druyen, Wolfgang Lauterbach, Matthias Grundmann (Hg.): Reichtum und Vermögen. Zur gesellschaftlichen Bedeutung der Reichtums- und Vermögensforschung

Ab wann ist jemand reich? Wenn er eine Millionen Euro hat, oder zehn oder hundert Millionen? Wer sind die Reichen und was zeichnet sie aus? Lässt sich diese Gruppe nicht genauer unter die Lupe nehmen und weiter differenzieren – aber nach welchen Kriterien? Die begrifflichen Unterscheidungsversuche wie wohlhabend, reich, superreich und vermögend sind Thomas Druyen, Wolfgang Lauterbach und Matthias Grundmann jedenfalls zu vage. Die Herausgeber des kürzlich erschienenen Bandes „Reichtum und Vermögen – Zur gesellschaftlichen Bedeutung der Reichtums- und Vermögensforschung“ wollen Antworten geben und den Mythos Reichtum enträtseln. Sie sind Pioniere auf diesem Gebiet.

Der Sammelband ist im Anschluss an eine Fachtagung zum Thema „Reichtum und Vermögen in Deutschland“ entstanden, die 2007 in Münster stattfand. Alles ist eine Frage der Definition. Die Schwelle zum Reichtum ist aber schwer zu bestimmen. Was einen Reichen auszeichnet, lässt sich nicht nur an Einkommensgrenzen festmachen. Auch ererbter Besitz und Vermögen spielen eine Rolle.

Die Wissenschaft verfügt bisher über wenig statistisches Material zur Reichtums- und Vermögensforschung. Lauterbach, der Leiter der Studie „Vermögen in Deutschland“, Druyen, Grundmann und ihre Kollegen versuchen mit Analysen und selbst erhobenem statistischen Material die Wissenslücken zu schließen. Ein Versuch, der gelingt. So wird das komplexe Feld wissenschaftlich erschlossen und gleichzeitig allgemeinverständlich erklärt. Die Autoren arbeiten mit unterschiedlichen Definitionen des Reichtumsbegriffs. Jede davon ist in ihrem Analysekontext nachvollziehbar und gewinnbringend. So lassen die Aufsätze ein Bild des Reichen entstehen, das weit komplexer ist als vor der Lektüre vermutet.

Zwei Beispiele: Eva Schulze, wissenschaftliche Leiterin des Berliner Instituts für Sozialforschung, hat deutsche Stifter unter die Forscherlupe genommen. Ihr Befund: Das deutsche Stifterwesen ist immer noch eine Männerdomäne. Nur knapp ein Drittel aller deutschen Stifter sind Frauen. Schulzes Untersuchung bestätigt die allgemeine Annahme, dass die Stifterinnen ihr Geld eher für soziale Zwecke als in kulturelle, künstlerische oder in Bildungsprojekte geben.

Unter dem Titel „Freiheit, Gleichheit, Machbarkeit – Die öffentliche Debatte um die Vermögensbesteuerung“ haben Roelf Bleecker-Dohmen und Hermann Strasser anhand von Zeitungsartikeln untersucht, wie polarisierend die Öffentlichkeit mit Reichtum umgeht. In Zeiten der Finanzkrise werden Ereignisse wie die Zumwinkel-Affäre oder die Höhe von Managergehältern hochemotional diskutiert. Die gegenwärtige Debatte um Steuerhinterziehung in der Schweiz ist dann nur ein weiteres Beispiel dafür, dass die Themen, die in dem Band analysiert werden, aktueller denn je sind. Erbschaft, Vermögensbesteuerung, Lebensstil und elitärer Reichtum.

Druyen und seine Autorenkollegen sehen die Vermögenden in der Verantwortung. Vermögenskultur bedeutet für die Forscher, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. So fragt Grundmann in seinem Beitrag „Was leisten Vermögende für die gesellschaftliche Wohlfahrt?“. Er verweist auf Stephan Lessenich, nach dessen Auffassung der moderne Sozialstaat nur dann eine Zukunft hat, wenn er auf einer demokratischen Sozialordnung aufbaut, die durch den politischen Willen und die intellektuelle Anstrengung gerade auch derjenigen Bevölkerungsgruppe gestützt wird, die nicht auf Sozialleistungen angewiesen ist. Ergo, die Reichen und Vermögenden müssen bereit sein, ihre materiellen Interessen hinten anzustellen und das Prinzip Solidarität anerkennen. Dass dies nicht immer der Fall ist zeigt Druyen. Der Inhaber des Lehrstuhls für vergleichende Vermögenskultur an der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien hat soziopsychologische Tiefeninterviews mit Reichen durchgeführt und festgestellt, dass diesen oftmals nicht bewusst ist, dass ihr sozialer Status Ergebnis gesellschaftlicher Prozesse ist.

Es geht also um grundlegende Fragen, auf denen unsere Gesellschaft aufbaut. Soziale, politische und ökonomische Konflikte werden in dem Band verständlich erklärt – meistens unterfüttert mit empirischen Belegen. Grafische Elemente wie Tabellen oder die Reichtumspyramide von Wolfgang Lauterbach, Melanie Kramer und Miriam Ströing veranschaulichen die komplexe Thematik. In Form einer Pyramide werden die Wohlhabenden und überdurchschnittlich Verdienenden gemessen an ihrem relativem Einkommen sowie die Reichen und Superreichen gemessen an ihrem absoluten Vermögen angeordnet. Die Basis der Pyramide gibt den durchschnittlichen Verdienst an, und an der Spitze der Pyramide tummeln sich die Superreichen und Milliardäre.

Diese graphischen Darstellungen sind besonders hilfreich für wissenschaftliche Neulinge auf dem Gebiet der Vermögensforschung. Diese sind gut beraten, sich den Band chronologisch zu erarbeiten. In den späteren Kapiteln kann man auf das Basiswissen und die Definitionsangebote zurückgreifen, welche die Autoren im Eingangskapitel des Buches mit großer Sorgfalt entwickeln. Mit diesem Grundwissen lässt sich mühelos dem gut gegliederten Aufbau der Beiträge folgen, die übergeordneten Kapiteln zugeteilt sind: So folgt einer Analyse der Sozialstruktur ein Kapitel zur „Genese von Reichtum“ mit der Titelfrage ob Reichtum Zufall oder Strategie ist. Das dritte Kapitel befasst sich mit dem Lebensstil Reicher und Vermögender sowie ihrem gesellschaftlichen Engagement, bevor Lauterbach und Kramer mit ihrer quantitativen Studie „Vermögen in Deutschland“ einen abschließenden Ausblick wagen.

Doch auch für Experten auf dem Gebiet der Vermögensforschung ist der Band ein wissenschaftlicher Glücksgriff, weil er durch die Gesamtheit der Beiträge einen differenzierten Blick auf den aktuellen Stand der Vermögensforschung wirft. Er gleicht einem ersten Fundus, dessen wissenschaftliches Feld empirisch unbedingt weiterentwickelt werden muss – nicht zuletzt wegen seiner gesellschaftspolitischen Relevanz.

Zuerst veröffentlicht in: 360° – das studentische Journal für Politik und Gesellschaft, 1/2010: Wovon leben wir? Erhältlich unter: www.journal360.de

Thomas Druyen, Wolfgang Lauterbach, Matthias Grundmann (Hg.) (2009): Reichtum und Vermögen. Zur gesellschaftlichen Bedeutung der Reichtums- und Vermögensforschung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 298 Seiten, 29,90 Euro.

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