SVR-Jahresgutachten: Einwanderungsgesellschaft 2010

20. Mai 2010 0

Der 2009 neu gegründete Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) hat Mai sein erstes Jahresgutachten unter dem Titel „Einwanderungsgesellschaft 2010“ vorgelegt. Die Ergebnisse zeigen eine deutlich positive Stimmung sowohl in der deutschen Aufnahmegesellschaft als auch bei den Migranten, was den Status der Integration angeht. Damit wiederspricht die Studie nahezu allen bisherigen Erkenntnissen.

Die Studie kann samt dem erstellten Integrationsbarometer beim SVR als PDF heruntergeladen werden.

Eine ausführliche Kritik am SVR-Jahresgutachten gibt es beim Berlin-Institut, das mit seiner Studie „Ungenutzte Potenziale“ zu ganz anderen Daten kam.

Hier ein Auszug aus der Kritik:
Bei aller Euphorie sind die Ergebnisse des Integrationsbarometers jedoch mit Vorsicht zu genießen. So fand die Erhebung ausschließlich in den Gebieten Rhein-Ruhr, Rhein-Main und Stuttgart statt. Die Autoren begründen diese Entscheidung damit, dass diese Ballungsräume stark von Zuwanderung geprägt und somit repräsentativ für Deutschland sind. Berlin bleibt unter Hinweis auf die besonderen Rahmenbedingungen der Zuwanderung und des Arbeitsmarkts ausgeklammert. Aber gerade Berlin mit seinen fast 900.000 Personen mit Migrationshintergrund und Stadtteilen, in denen Migranten nicht nur die Mehrheit bilden, sondern in denen erhebliche Integrationsprobleme bestehen und sich zum Teil parallelgesellschaftliche Strukturen herausbilden, prägt ganz maßgeblich die Debatte über Zuwanderung in Deutschland. Integrationserfolge wie -misserfolge der Hauptstadt sind somit entscheidend für die gesamtdeutsche Entwicklung. In diesem Zusammenhang verwundert es, dass die zur Auflockerung der Studie eingestreuten Bildergeschichten aus dem Alltag von Migranten in Deutschland ausgerechnet aus Berlin stammen. Unklar bleibt auch, ob Problembezirke wie Duisburg-Marxloh genauso berücksichtigt wurden wie besser gestellte Bezirke etwa in Frankfurt am Main. Informationen gibt es nur darüber, dass die Befragung sowohl in innerstädtischen Räumen als auch in Stadtrandgebieten und in ländlichen Räumen stattgefunden hat.

Darüber hinaus ist die Bewertungsskala des Integrationsbarometers von null bis vier sehr kurz gewählt. Die Ergebnisse des Klimaindexes schwanken daher nur um wenige Nachkommastellen und lassen eine differenzierte Deutung kaum zu. Zusätzlich werden die Werte des Integrationsbarometers in der Analyse zum Teil in Schulnoten übersetzt. Wer die Studie liest, muss somit an manchen Stellen sehr genau darauf achten, was denn nun mit welchem Wert gemeint ist.

Insgesamt muss man sich fragen, welchen Stellenwert der Integrationsklima-Index für politische Entscheidungen haben kann. So setzen sich die Ergebnisse des Integrationsbarometers nur aus subjektiven Einschätzungen aus der Bevölkerung zusammen. Diese sind zwar wichtig und fehlten bisher bei der Beurteilung der Integrationssituation in Deutschland. Sie können aber nicht über die harten Fakten der Integration wie die Unterschiede im Bildungsbereich und auf dem Arbeitsmarkt hinwegtäuschen. Deshalb erlauben die Ergebnisse des Integrationsbarometers auch keineswegs, wie die Studie behauptet, „Maßnahmen der Integrationspolitik eindeutig zu bewerten“, sondern nur, deren Akzeptanz in der Bevölkerung zu messen.

Die harten Fakten der Integration werden in dem eigentlichen Jahresgutachten des Sachverständigenrats umfassend dargestellt und analysiert. Grundlage hierfür bilden Sekundäranalysen und eigene Berechnungen aus statistischen Datenbanken. Dieser Teil der Studie benennt dann auch deutlich die vielen Fehlentwicklungen der Vergangenheit und Gegenwart – wie zum Beispiel die Mängel des Optionsmodells zur Annahme der deutschen Staatsbürgerschaft – und beschreibt Ansatzpunkte für eine erfolgreiche Politik. Letztere bleiben jedoch sehr schwammig und werden nicht mit den Ergebnissen des Integrationsbarometers verknüpft.

Die Studie bietet insgesamt einen guten Überblick über das weite Feld der Migrations- und Integrationspolitik in Deutschland. Der Versuch, die öffentliche Diskussion von den Defiziten zu den Erfolgen und Potenzialen zu lenken, ist auf jeden Fall ehrenwert. De facto beruht Integration – wie auch deren Einschätzung – jedoch auf konkreten Ergebnissen. Damit sie sich verbessern kann, bedarf es einer pointierteren Argumentation, als das Gutachten sie bietet. Auch der Handlungsbedarf bei konkreten Problemen sollte in Zukunft deutlicher herausgearbeitet werden.

Das Ziel, durch Leserfreundlichkeit insbesondere die Politik und die Öffentlichkeit zu erreichen, verfehlt die Studie. Den Text kennzeichnen in weiten Teilen lange Satzstrukturen und Fachsprache. Auch ist das Gutachten lang und sehr kleingliedrig aufgebaut. Vor allem fehlen knappe und informative Zusammenfassungen der Ergebnisse sowie Übersichten. Selbst die Kernbotschaften sind wenig eingängig formuliert und bleiben mehrheitlich abstrakt. Es bleibt den Leserinnen und Lesern überlassen, Ergebnisse, Stellungnahmen und Empfehlungen voneinander zu trennen und mit bereits Bekanntem zu einem Gesamtbild zur Lage der Integration zusammenzufügen. Das war allerdings auch schon vor dem Bericht des Sachverständigenrates der Fall.

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