Dreimal neues Altes zum Islam in Deutschland

14. Mai 2010 0

Diese Woche gibt es drei neue alte Erkenntnisse über den Islam in Deutschland: Die Zweite Deutsche Islamkonferenz findet nicht nur ohne den Islamrat statt, nun hat der Zentralrat der Muslime seine Teilnahme verweigert – was aber eigentlich kein Problem darstellt. Eine Studie zeigt erneut, dass Türken konservativer und schlechter integriert sind, als andere Migrantengruppen. Und der Zentralrat der Juden sieht im Antisemitismus bei muslimischen Jugendlichen eine wachsende Gefahr.

DIK II ohne ZMD

Der Zentralrat der Muslime (ZMD) ließ am 12. Mai 2010 verlauten, dass er nicht an der Zweiten Deutschen Islamkonferenz (DIK II) teilnehmen werde. Als Grund wird vor allem angeführt:

Die DIK ist und bleibt eine von der Bundesregierung verordnete Konferenz. Der Staat versucht sich über die Selbstorganisation der faktischen islamischen Religionsgemeinschaften hinwegzusetzen. Ein staatlich organisierter muslimischer Ansprechpartner kann aber von den Muslimen in Deutschland nicht akzeptiert werden. (ZMD)

Zuvor hatte Bundesinnenminister Thoms de Maizère bei der Neuauflage der Konferenz den Islamrat von der Teilnahme ausgeschlossen, da gegen dessen Mitgliedsorganisation Milli Görüs Ermittlungen laufen und diese vom Verfassungsschutz überwacht werden muss. Dies wurde von den islamischen Verbänden und Organisationen als Eingriff in ihre propagierte Vertretung aller Muslime in Deutschland reklamiert. Außerdem nannte der ZMD als Grund für seine Absage, dass die Bundesregierung nicht das Ziel verfolge, den Islam als Religionsgemeinschaft anzuerkennen, was in den Augen der Verbände der einzige Weg ist, eine Einigung über zentrale Konfliktpunkte zwischen deutscher Aufnahmegesellschaft und Muslimen zu erzielen. Schließlich verfolgen die islamischen Organisationen und insbesondere der ZMD ihre alte Strategie, mit dem Islamophobie-Vorwurf jegliche Kritik an sich abzuwenden:

Das Thema Islamfeindlichkeit als eine ausgeprägte Form des Rassismus mit Demütigungen, Verleumdungen und Gewalt gegen Muslime sowie die Diskriminierungen findet leider weiterhin keine angemessene Beachtung. Die Ängste der Bevölkerung dem Islam gegenüber und die Ängste der Muslime werden nicht ernst genommen. (ZMD)

Der aufmerksame Leser mag sich nun wundern, wie eine solch Behauptung begründet werden kann, messen doch sogar die bekanntesten Islamophobie-Studien im Rahmen des Forschungsprojektes zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit an der Uni Bielefeld von Leibold und Kühnel seit 2006 abnehmende islamophobe Werte in der Bevölkerung, so denn überhaupt von einem „Feindbild Moslem“ gesprochen werden kann, wie es neben den islamischen Organisationen auch deutsche Antisemitismusforscher bemühen.

Günther Lachmann sieht in der Entscheidung des ZMD ein großes Problem, da nun ein Großteil der hier lebenden Muslime sich nicht vertreten fühlen werde. Außerdem werde durch die Ausgrenzung von Milli Görüs deren religiös orthodoxe bis fundamentalistische Anhängerschaft noch mehr isoliert. Dem muss man jedoch in zweierlei Hinsicht widersprechen. Denn 1) vertreten die islamischen Verbände sowieso nur einen sehr geringen Teil der Muslime in Deutschland. Und 2) ist auch die Islamkonferenz bisher wenig erfolgreich – geschweige denn hilfreich – gewesen. Das etwas ironische Fazit vom Spiegel-Journalisten Jan Fleischhauer zur ersten Runde ist durch und durch ernüchternd:

Man muss sich die Islamkonferenz wie eine lange Therapiesitzung vorstellen, bei der jeder ausführlich das Unrecht beschreibt, das ihm als Angehöriger einer ethnischen Minderheit in Deutschland widerfährt oder widerfahren kann. Der Dialog besteht darin, sich gegenseitig zu versichern, wie sehr Ausländer in Deutschland benachteiligt werden. („Unter Linken“)

Laut FAZ wird die Islamkonferenz wie geplant am Montag (17. Mai 2010) ihre Arbeit aufnehmen. Die Vorwürfe des ZMD seien indes absurd, eine Einigung sei aufgrund der Verweigerungshaltung des Verbandes nicht möglich gewesen.

Studie: Türken sind schlecht integriert

Nichts Neues aus dem Osten: Nur 60 Prozent der hier lebenden Türken wollen „ohne Abstriche zur deutschen Gesellschaft dazugehören“, während andere Migrantengruppen diesbezüglich Werte um die 90 Prozent erreichen. Gut 40 Prozent der Türken fühlen sich in Deutschland unwillkommen. Türken sind außerdem am konservativsten und am schlechtesten gebildet: Nur jeder zehnte von ihnen hat Abitur, während es über alle Migrantengruppen hinweg gesehen durchschnittlich ein Viertel Abiturienten sind. Auch in der Gruppe derjenigen, die niemals eine Schule besucht haben, führen die Türken mit neun Prozent. Barbara John, ehemalige Ausländerbeauftragte in Berlin, sieht dafür in der Welt mal wieder die Aufnahmegesellschaft in der Verantwortung. Die (Bildungs-)Verweigerungsrolle vieler Türken resultiere aus dem Gefühl, von der deutschen Gesellschaft nicht gewollt zu werden. Fadenscheinige Begründung für diese angeblichen Vorurteile in der Aufnahmegesellschaft ist für John, dass 40 Prozent der Deutschen die Integration für gescheitert erklären. Hier kann man ein typisches Phänomen beobachten, dass kritische oder auch feindselige Haltungen als Vorurteile eingeschätzt werden, ohne zu schauen, ob es vielleicht Ursachen und berechtigte Gründe für diese Ablehnung in der sozialen Realität gibt.

Insgesamt bestätigt die neue Studie des Institutes Info GmbH erneut die Ergebnisse vieler anderer Studien, wie zuletzt in Hinblick auf Bildung oder 2009 die aufsehenerregende Studie des Berlin Institutes.

Muslimischer Antisemitismus ist eine große Gefahr

Nicht nur der Antisemitismus der Linken sei in Deutschland jahrelang unterschätzt worden, sagte die Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch im Interview. Auf die Frage, ob der Antisemitismus unter hiesigen muslimischen Jugendlichen eine Gefahr darstelle, sagte Knobloch:

Ich würde sagen, diese Gefahr hatte lange keine Aktualität. Ich selbst bin erst durch persönliche Gespräche mit Lehrern darauf aufmerksam geworden, wie schwierig es ist, die Vergangenheit Deutschlands und die Existenz des Staates Israels im Unterricht mit muslimischen Jugendlichen zu diskutieren. Da wurde mir erst die ganze Problematik bewusst, die damit auf uns zukommt. Insofern haben wir das Thema vielleicht tatsächlich unterschätzt. (Welt)

Desweiteren wehrte sich Knobloch wehemment gegen den Vergleich von Antisemitismus und Islamophobie, wie ihn beispielsweise der Rassismus-Forscher Wolfgang Benz zieht:

Der Antisemitismus hat eine ganz andere Grundlage als die Islamophobie. Beide Erscheinungen bauen auf ganz anderen Voraussetzungen auf, die beide Gruppen haben. Denken Sie etwa daran, dass sich der Antisemitismus gegen Menschen gerichtet hat, die perfekt in der deutschen Gesellschaft aufgegangen waren, bis an den Rand der Aufgabe ihrer eigenen Identität. Deshalb muss man dieser Gleichsetzung entgegentreten. […] Die Juden haben sich ihre Grundrechte damals ja überhaupt erst erkämpfen müssen. Die Muslime heute haben aber alle Rechte. Das ist ja der Riesenunterschied. (Welt)

Ansichten & Einblicke aus Berlin

…ist die Kolumne des Citizen Times Chefredakteurs Felix Struening. Er kommentiert regelmäßig das politische Geschehen und Entwicklungen der Bürgergesellschaft. Schwerpunkte sind dabei die Themen Islam und Integration in Deutschland sowie das Spannungsverhältnis zwischen Islamophobie, Islamkritik und Kulturrelativismus.

Als Bundesvorstand der Bürgerrechtspartei DIE FREIHEIT gilt sein Augenmerk natürlich in besonderem Maße der Hauptstadtpolitik.

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