Warum Deutschland so ist oder die fatalen Folgen der 1968er

26. Juli 2009 1

Rezension zu Jan Fleischhauer: Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde

Wer links ist, lebt in dem schönen Bewusstsein, im Recht zu sein, ja, einfach immer recht zu haben. Linke müssen sich in Deutschland für ihre Ansichten nicht wirklich rechtfertigen.“ Diese generelle Absolution jeglichen (Fehl-)Verhaltens liegt daran, „dass die Konservativen überall dort, wo darüber befunden wird, wie die Dinge zu sehen und zu bewerten sind, praktisch nicht vorkommen. Gehen Sie in irgendein Schauspielhaus, in ein Museum oder ein Freiluftkonzert: Sie werden schnell feststellen, dass Ideen, die außerhalb der linken Vorstellungswelt siedeln, dort nichts verloren haben. […] Die Linke hat gesiegt, auf ganzer Linie, sie ist zum Juste Milieu derer geworden, die über unsere Kultur bestimmen.“

So könnte man die Kernaussage des aktuellen Bestsellers „Unter Linken“ vom Spiegel-Journalisten Jan Fleischhauer zusammenfassen. Selbst in einer durch und durch linken Familie aufgewachsen, wurde er „aus Versehen konservativ“, wie der Untertitel des Buches verkündet. Auf 350 dichtbedruckten Seiten schildert der Autor auf polemisch-unterhaltsame Art, warum er der Linken genau diesen Machtstatus zurechnet und warum dadurch in der deutschen Politik so viel schiefgegangen ist.

Dabei steht der Linken natürlich nicht nur die Konservativen gegenüber, sondern der Kapitalismus gleich mit. Scheint die jetzige Finanzkrise der Linken auf den ersten Blick Recht zu geben, sieht man auf den zweiten jedoch, dass der „Kapitalismus […] sich zu Recht rühmen [kann], seine Versprechen geradezu beispielhaft einzulösen. Mit dem Sozialismus verhält es sich regelmäßig umgekehrt. Er vermag nicht eines seiner Versprechen zu halten, tatsächlich ist es noch jedes Mal gründlich schiefgegangen, wenn seine Befürworter sich anschickten, die kühnen Ideen in die Tat umzusetzen.“ Während nach den sozialistischen Experimenten in der Regel alles in Schutt und Asche liegt, folgen dem Kapitalismus regelmäßig Demokratie, Wohlstand und Freiheit. Krisen, wie die derzeitige, gehören einfach dazu, wie Jan Fleischhauer etwas lakonisch festhält.

„Am Anfang aller linken Politik steht das Opfer.“

Es ist das Opfer, das quasi die ideelle Nahrung der Linken ist, an ihm kann sie sich immer neu entzünden und erfinden, um auf wirkliche und vermeintliche Benachteiligungen hinzuweisen. Der Opferdiskurs unterliegt dabei aber einem massiven Problem, dem sich auch die Linke nicht entziehen kann. Sind Opferstatus oder revolutionäre Anti-Haltung erst einmal aufgehoben, weil die Gleichstellung des Opfers erreicht wird oder die Linke an die Macht kommt, müssen neue Legitimationen für das eigene Denken und Handeln gefunden werden.

Doch so schnell gehen der Linken die zu vertretenden Opfer nicht aus, wie der Autor ausführlich aufzeigt. So können der Sozialstaat („zur Wirklichkeit geronnene Utopie der gerechten Gesellschaft, […] Nationenersatz, Versorgungsinstanz, und ideeller Fluchtpunkt zugleich“) und das Bildungssystem reformiert und gerettet werden oder am besten gleich das ganze Volk. Doch hier tut sich ein erneutes Problem der Linken auf, denn das Volk macht leider nie, was die linke Intelligenz sich für es – nie aber sich selbst – ausdenkt. Geradezu beschämend ruft Jan Fleischhauer in Erinnerung, wie die linken Intellektuellen – allen voran der ewige Gutmensch Günter Grass – die Wiedervereinigung ablehnten, war doch die DDR ein so nettes sozialistisches Experiment im sicheren Glaskasten hinter der Mauer.

Dass die Bürger der DDR auch kapitalistische und politische Freiheiten wollten, war so gar nicht nach dem Geschmack der westdeutschen Linken. Dass die Bürger der DDR sich diese Freiheiten auch noch einfach nahmen und von der Kohlregierung mit offenen Armen empfangen wurden, ging dann gar nicht mehr: „Das ist jedes Mal wieder eine bittere Erfahrung für eine Bewegung, die sich als Anwalt derer da unten gegen die da oben versteht.“

Antisemitismus und Türken

Antisemitismus, der Holocaust und die Schuld der Deutschen sind die andere argumentative Keule der Linken. Besonders gerne wird sie eingesetzt, wenn es um Fragen der Integration von Ausländern geht, insbesondere der Muslime, respektive Türken. Jan Fleischhauer, Teilnehmer der Deutschen Islamkonferenz (DIK), zeigt exemplarisch an dieser, wie der vermeintliche Dialog mit den Muslimen erfolgt: „Man muss sich die Islamkonferenz wie eine lange Therapiesitzung vorstellen, bei der jeder ausführlich das Unrecht beschreibt, das ihm als Angehöriger einer ethnischen Minderheit in Deutschland widerfährt oder widerfahren kann. Der Dialog besteht darin, sich gegenseitig zu versichern, wie sehr Ausländer in Deutschland benachteiligt werden.“ Die Vertreter der deutschen Mehrheitsgesellschaft verhielten sich hingegen besser still.

Beachtet wird dabei allerdings nicht, dass weltweit kaum ein Staat so viel für seine Zuwanderer tut, wie Deutschland, dessen Sozialsystem schon ab der Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis im vollen Maße greift, ohne dass im Gegenzug irgendwelche Verhaltensregeln eingefordert würden.

Die folgende Aufzählung ist das volle Grauen der gescheiterten Integration: miserable Schulbildung, noch weniger berufliche Qualifizierung und eine entsprechend hohe Belastung des Sozialsystems durch hohe Arbeitslosigkeit unter den muslimischen Migranten sind nur einer der Fakten. Gescheitert ist die Integration vor allem deshalb, weil das Gutmenschentum und der Multikulturalismus der deutschen Linken von Zuwanderern niemals verlangen würden, unsere Werte zu akzeptieren oder gar anzunehmen. Die hierbei immer wieder gebrauchte Instrumentalisierung des Holocausts nennt der Autor treffend eine „besonders aggressive Variante des Opferdiskurses“.

Links vs. rechts?

Julia Encke hat dem Autor in einer FAZ-Rezension vorgeworfen, ein „Achtziger-Jahre-Buch“ geschrieben zu haben, das sich auf überholte rechts-links-Schemata berufe und postideologische Generationen – sie meint wohl die nach der 1968er – außen vor lasse. Nun mag die Links-Rechts-Konfliktlinie die derzeitige Gesellschaft nicht mehr adäquat abbilden, aber das behauptet Jan Fleischhauer auch gar nicht. Ihm geht es vielmehr darum, wie eine Generation unser politisch-gesellschaftliches Bild geprägt hat – und das eben mit linker Ideologie. Der Blick auf die „postideologischen“ Generationen, so es sie denn überhaupt geben kann, birgt übrigens nicht viel Neues: Wer heute die politische Meinung von Studenten abfragt, findet selbst an den sozialwissenschaftlichen Instituten der Hochschulen vorwiegend blauäugige „Linksmalerei“. Dies liegt aber wohl auch an dem vom Autor geschilderten Umstand, dass ein Großteil des universitären Personals eben jener Generation der 1968er angehört. Liberal-konservative Lehrkräfte finden sich bei den Politikwissenschaftlern leider selten.

Die begriffliche Unschärfe, über DIE Linke zu schreiben, kann man Jan Fleischhauer natürlich vorwerfen. Doch er selbst erklärt einleitend, sich dieser Unschärfe und Verallgemeinerung bewusst zu sein, sie aber im Zuge einer verständlichen Argumentation beizubehalten. Links sei „eine Weltanschauung, auch eine Welterklärung, […] vor allem ein Gefühl“ und könne auf ein „beeindruckendes Theoriegebäude zurückgreifen.“ Zugleich sei DIE Linke eine „Fiktion“.

Es geht aber gar nicht so genau darum, ob die Beschriebenen nun deutlich links sind oder eher kommunistisch oder doch nur sozialistisch. Stattdessen beschreibt der Autor ein Lebensgefühl in verschiedensten Facetten, das enorme gesellschaftliche Auswirkungen hat. Links zu sein, ist für Jan Fleischhauer ein Dogma, das den Gutmenschen charakterisiert, den Appeasement-Politiker, den Multikulturalisten, der nicht bereit ist, seine Werte über die anderer zu stellen. Gleichzeitig sind die beschriebenen Linken zum Teil zutiefst fundamentalistisch und von ihrer Sache so überzeugt, dass andere Meinungen gar nicht erst angehört werden. Links ist dabei weniger von rechts zu unterscheiden, denn beide Seiten folgen oft gleichen Mechanismen. Links ist vielleicht eher das Gegenteil von konservativ, eine Unterscheidung, die sich freilich in der deutschen Parteienlandschaft kaum noch ziehen lässt.

Ein großer Wurf

Sich also an dem Titel „Unter Linken“ aufzuhängen beweist nur, dass einzelne Argumente oder Bezeichnungen auf bestimmte Bereiche oder Personengruppen nicht zutreffen. Das Buch ist aber in seiner Gesamtheit ein großer geschichts-politischer Wurf, der polemisch bis analytisch die Lage der Nation wiedergibt. Jan Fleischhauer betrachtet dabei nicht nur die derzeitige Situation, wie es viele politische Bücher des Superwahljahres 2009 tun, so etwa der Essayband „Wohin steuert Deutschland?“. Er konzentriert sich auch nicht auf ein zu vereinfachendes „die da oben sind schuld“ oder nur die deutsche Parteienlandschaft, wie sein Kollege beim Spiegel, Gabor Steingart („Die Machtfrage“). Vielmehr zeichnet er ein umfassenderes Bild, das sich vom französischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau über Marx bis zu den 1968ern und deren heutigen Machtpositionen zieht.

Jan Fleischhauer entwickelt dabei nicht den satirischen Ton eines Henryk M. Broder („Hurra, wir kapitulieren!“ und „Kritik der reinen Toleranz“). Auch wirkt das vorletzte, dem Verleger geschuldete Kapitel über die Linke und Humor etwas unpassend im Buch. Die Stärke des Autors liegt aber in seiner philosophischen Belesenheit, in seiner langjährigen journalistischen Erfahrung und nicht zuletzt in seinem politischen Weitblick. Vielleicht ist nicht jedes Argument stimmig und vielleicht ist manches etwas weit hergeholt. In seiner Gesamtheit ist „Unter Linken“ aber ein treffendes Bild unserer politischen Situation. Der Linken wird das freilich nicht schmecken.

Jan Fleischhauer: Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde, Rowohlt Verlag, 2009, 16,90 €

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