"Verbandsfunktionäre sollten nicht über den praktizierten Islam bestimmen"

4. November 2008 0

Alev Inan hat ein wichtiges Buch über Arbeit und Selbstdarstellung der islamischen Verbände in Deutschland geschrieben. In Islam goes Internet deckt sie die ideologisch-orthodoxen Ausrichtungen der Organisationen auf. Citizen Times sprach mit ihr über das Buch, Ihre Beweggründe und Perspektiven.

Citizen Times: Frau Inan, Ihr Name lässt auf eine türkische Herkunft schließen. Sind Sie ein „Insider“?

Inan: Ja, ganz richtig. Ich kenne beide Kulturkreise aus eigener Erfahrung und habe mir darüber hinaus in den letzten Jahren Wissen über den Islam – besonders im Hinblick auf den gesellschaftspolitischen Bereich – angeeignet.

Sie haben im Bereich Pädagogik promoviert. Was hat das mit islamischen Organisationen jenseits ihres Bildungsanspruches zu tun?

Inan: Sehr viel! Ich hatte mir für meine Doktorarbeit bewusst islamische Organisationen ausgesucht, die Erziehungs- und Bildungsprogramme anbieten. Die Angebote für muslimische Kinder und Jugendliche sind vielfältig: Korankurse, Hausaufgabenbe-treuung, Freizeitaktivitäten (Sport, Zeltlager etc.). Aber auch die politische Bildungs-arbeit in Form von Diskussionsrunden und Vorträgen gehört zum Tätigkeitsfeld der islamischen Organisationen. Die Kinder und Jugendlichen werden natürlich von den Werten und Normen, die ihnen dort vermittelt werden, beeinflusst. Da macht es Sinn genauer hinzusehen, was der heranwachsenden Generation von Muslimen an Wertvorstellungen vorgelebt und beigebracht wird.

Citizen Times: Sie üben in Ihrer Analyse scharfe Kritik an den islamischen Organisationen in Deutschland. Was sollte sich Ihrer Meinung nach ändern? 1) bei den Muslimen, 2) bei den Organisationen, 3) bei der deutschen Politik gegenüber den Organisationen.

Inan: 1) Die Muslime, die sich nicht von den islamischen Organisationen vertreten fühlen, sollten sich öfter zu Wort melden. Immer dann, wenn wieder eine übertriebene Forderung wie z.B. Geschlechtertrennung in verschiedenen Lebensbereichen (öffentlichen Schwimmbädern, Unterrichtsfächern) seitens islamischer Verbände geäußert wird. Letztendlich sind es auch gerade liberale Muslime, die unter dem Gebaren religiös-konservativer Kräfte zu leiden haben. Die Konservativen sind in den Schlagzeilen und die liberalen Muslime müssen sich im Alltag ständig rechtfertigen.

2) Die Forderungen und Aktivitäten islamischer Organisationen, die einer strengen Koranauslegung folgen, führen letztendlich dazu, dass es zu einer Segregation der muslimischen Bevölkerung in Deutschland kommt. Muslimische Schüler werden von Unterrichtsfächern (Sport, Sexualkunde, Kunst) befreit und können auch an schulischen Aktivitäten wie Klassenfahrten nicht teilnehmen, weil dies nicht einer islamischen Lebensweise entspricht. Islamische Organisationen leisten dieser Entwicklung Vorschub, indem sie z.B. Vordrucke für die Befreiung vom Sportunterricht als Download auf ihren Websites stellen.

3) Deutsche Politiker sollten hartnäckig auf unserem Grundgesetz bestehen – und zwar in Wort und Tat. Reine Lippenbekenntnisse von Verbandsfunktionären reichen da nicht aus. Die deutsche Justiz sollte auch mutig genug sein, Urteile zu sprechen, die die freiheitlichen Werte schützen. So kann man als positive Entwicklung sehen, dass es Entscheidungen gibt, die die Befreiung vom Schwimmunterricht ablehnen. Das Düsseldorfer Verwaltungsgericht hatte im Jahre 2005 über den Fall zu entscheiden, ob ein elfjähriger Junge vom Schwimmunterricht zu befreien sei. Die Eltern beriefen sich auf religiöse Gründe, wie z.B. dass der Anblick leicht bekleideter Mädchen nicht gestattet sei. Die Klage wurde mit der Begründung abgelehnt, dass der Junge auch im Sommer an öffentlichen Plätzen, durch Werbeplakate etc. dem Anblick „locker bekleideter Leute ausgesetzt“ sei.

Citizen Times: Ein nur sehr geringer Prozentsatz der hier lebenden Muslime ist in den Organisationen vertreten. Desweiteren zeigen Sie in Ihrer Arbeit, dass die islamischen Organisationen stark ideologisch orientiert sind. Sollte es eine Interessenver-tretung für ‚säkulare‘ Muslime geben?

Inan: Sie haben völlig Recht. Nur ein geringer Prozentsatz der Muslime ist in Vereinen und Verbänden organisiert. Aber ich halte ehrlich gesagt nichts davon, dass Organisationen eine „Quasi-Autorität“ in der Islamdebatte erhalten – egal von welcher ideologischen Richtung. Gilt eine wahre Aussage nur, wenn sie von einem „eingetragenen Verein“ vorgetragen wird? Die Kraft der Argumente sollte zählen. Da sollten auch Individuen, die sich zu Wort melden, in die Debatte einbezogen werden. Selbstverständlich wäre es wünschenswert, wenn es eine Interessenvertretung für ‚säkulare‘ Muslime geben würde. Aber was tun Sie, wenn sie keinen Verein gründen?

Citizen Times: Der „Zentralrat der Ex-Muslime“ ist ein Gegenbeispiel. Sollte diese Organisation ebenso in Regierungstätigkeiten wie die Islamkonferenz eingebunden werden?

Inan: Es wäre wünschenswert, wenn an der Islamkonferenz die verschiedensten Personen und Organisationen teilnehmen, die ein Gegengewicht zu den orthodoxen Forderungen islamischer Organisationen bilden. Wie schon gesagt… lediglich ein geringer Prozentsatz der Muslime ist Mitglied in einem Vereinen. Warum sollten ausgerechnet die Verbandsfunktionäre über die Form des praktizierten Islam in Deutschland bestimmen dürfen? Das macht überhaupt keinen Sinn.

Citizen Times: Von wem würden Sie sich wünschen, dass er oder sie Ihr Buch liest?

Inan: Von Integrationsministerin Maria Böhmer, die sich durchaus gegen unzeitgemäße Forderungen seitens islamischer Organisationen durchzusetzen weiß. Zur Veran-schaulichung dient die erste Amtshandlung von Ayyub Axel Köhler, früherer Spre-cher des im April 2007 gegründeten Koordinationsrates der Muslime (KRM). Von muslimischer Seite aus wollte man endlich den Ansprechpartner anbieten, den deutsche Politiker forderten. Eine heftige Auseinandersetzung erfolgte jedoch in den ersten Wochen darüber, inwieweit der neu gegründete Koordinationsrat die in Deutschland lebenden Muslime repräsentieren könne. Einerseits wurden Vorbehal-te laut wegen der tatsächlichen geringen Zahl der durch den KRM vertretenen Muslime, andererseits gab es Bedenken in Bezug auf inhaltliche Punkte. Der damalige KRM-Sprecher Ayyub Axel Köhler forderte nämlich, dass es einen getrennten Sportunterricht für Jungen und Mädchen geben solle. Die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer konterte, man werde nicht zulassen, „dass eine kleine Minderheit von Rückwärtsgewandten hier die Regeln ihrer Großväter zu installieren versucht“.

Citizen Times: Werden Sie sich weiter mit dem Thema beschäftigen? Was sind Ihre aktuellen Forschungstätigkeiten in dem Bereich?

Inan: Ja, ich möchte gern mein Wissen auch weitergeben. Es gibt immer wieder Anfragen, ob ich Vorträge über den „Islam in Deutschland“ halten kann. Mein nächstes Forschungsprojekt widmet sich der Sprachförderung an Schulen. Für die Migrationsdebatte ebenfalls ein nützliches Themengebiet.

Alev Inan ist als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Islam und Medien“ an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und am Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik an der Universität Passau tätig.

Leave A Response »