Auf dem Weg zur Integration sollte die Religion eigentlich kein Hindernis sein

8. Oktober 2008 0

„Die getürkte Republik“ heißt ein soeben erschienenes Buch, in dem Ismail Boro über die Missstände der Integration in Deutschland berichtet und Möglichkeiten aufzeigt, wie die Situation durch deutsche Politiker und die zugewanderten Türken verbessert werden kann. Citizen Times traf den Autor gestern in Berlin.

Citizen Times: Herr Boro, Sie sind ja vor allem durch die Fernsehserie „Das Schwarzwaldhaus“ bekannt geworden, in der sie mit ihrer Familie unter den Bedingungen des Jahres 1902 auf einem Bauernhof lebten. Wie kommt es, dass Sie sich nun eines so brisanten und aktuellen politischen Themas angenommen haben?

Boro: Ich war natürlich schon vor dieser Reise in die Vergangenheit politisch interessiert. Dennoch ist das Buch ein Produkt dieser Zeitreise. Wenn sie sich zurückversetzen, wenn sie sich reduzieren, wenn sie auf vieles verzichten, dann werden sie auf einmal so reich an Erfahrung, dass sie tatsächlich erkennen, worauf es im Leben ankommt. Und das habe ich wahrscheinlich gebraucht. Ich bezweifle, dass ich dieses Buch hätte schreiben können, wenn ich diese Reise nicht gemacht hätte. Dann hätte ich jetzt andere Ziele im Kopf, wie Karriere zu machen, noch ein größeres Auto zu kaufen, noch tollere Reisen zu unternehmen. Bis vor den Dreharbeiten war ich beruflich selbstständig und da können sie natürlich ihre Meinung nicht so klar äußern bzw. wenn sie es tun, werden sie keine Aufträge mehr erhalten.

Citizen Times: Nun war das ja sicher eine sehr stark familiär geprägte Erfahrung. Auch in Ihrem Buch sprechen Sie immer wieder vom Zusammenhalt der Familie. Was bedeutet das im gesellschaftlich-politischen Kontext?

Boro: Ich bin fest davon überzeugt, dass wer die Gesellschaft ändern will, sich zuerst einmal seine eigene Familie anschauen muss. Kurz nachdem ich nach Deutschland kam, begann mein fünf Jahre jüngerer Bruder in Istanbul sein Studium und wollte die Türkei retten. Das war die Zeit Ende der Siebziger. Er verwarf sich jedoch mit seiner Familie. Ich fragte ihn, wie willst du denn die Türkei retten, wenn du noch nicht einmal in der Lage bist, dich mit deiner Familie zu verstehen. Ich denke, die Familie als kleinste Einheit der Gesellschaft ist sehr, sehr wichtig.

Citizen Times: Ihr Buch lebt ja auffallend von persönlichen Eindrücken und Erlebnissen. Wie lässt sich dies verallgemeinern? Was wollen Sie mit Ihrem Buch den Deutschen und den hier lebenden Türken sagen?

Boro: Ich sage das, was ich sehe und ich bin der Überzeugung, dass dies der Gesellschaft hilft. Ob der Einzelne das nun eins zu eins übernehmen kann, dass muss er für sich entscheiden. So radikale Vorstellungen habe ich ja auch nicht. Ich sage: Ich sehe ein Problem. Dieses Problem sehen viele. Und ich frage mich, wie kann man dieses Problem lösen? Und dann entwickle ich einige Vorschläge, wie man das Problem angehen könnte. Vielleicht ist meine Wortwahl etwas klarer, mehr aber auch nicht.

Citizen Times: Schauen wir direkt auf eines dieser Probleme und ihren Vorschlag. Sie schreiben, dass der Staat seiner selbstgewählten Pflicht, der gleichberechtigten Grundausbildung der Kinder und Jugendlichen nicht genügend nachkommt. Als Beispiel nennen Sie die mangelnde Lesefähigkeit bei bis zu 20 Prozent der 15 Jährigen, vor allem in Schulen mit einem hohen Anteil von Migranten.

Boro: Es ist zu einfach, wenn wir sagen, die Lehrer sind daran schuld. Es ist zu einfach, wenn wir sagen, dass sind bildungsferne Schichten, mein Lieblingswort. Ich glaube, es sind weder nur die Lehrer noch nur die Eltern. Das Hauptproblem liegt in erster Linie darin, dass der Staat die Schulpflicht als Blankoscheck sieht, der nicht eingelöst werden muss. Eine Kontrolle findet nicht statt. Eine Überprüfung, ob am Ende auch tatsächlich etwas dabei rauskommt, gibt es nicht. Wenn wir verstanden haben, dass wir da etwas ändern müssen, wird es noch sehr lange dauern, bis wir Instrumente dafür finden. Aber am Anfang steht das Verständnis.

Citizen Times: Haben Sie konkrete Vorschläge für bildungsferne Schichten?

Boro: Für mich persönlich gibt es bildungsferne Schichten nicht. Es gibt lediglich Menschen, die der Bildung aus welchen Gründen auch immer ferngeblieben sind. Schicksale, das Elternhaus… Sehr viele Menschen in Deutschland und erst recht in der ganzen Welt haben nicht das Glück zu studieren. Wenn sie diese Menschen nun nehmen und ihnen noch einmal einen Stoß versetzen, indem sie sagen, ihr gehört zu einer bildungsfernen Schicht, dann ist das einfach ungerecht. Natürlich wird es immer Menschen geben, die wir für unsere Gesellschaft, für unsere Demokratie nicht begeistern können. Mit denen muss man natürlich anders umgehen. Aber ich glaube zuerst einmal an das Gute im Menschen und gehe davon aus, dass wenn wir den Menschen die Möglichkeit bieten, sich tatsächlich einzubringen, dass sie das auch tun werden.

Citizen Times: Sie sprechen im Buch immer von sich als Deutschem und sagen: Wir Deutsche. Was bedeutet es für Sie – jenseits Ihrer Staatsangehörigkeit – Deutscher zu sein?

Boro: Für mich ist die Staatsbürgerschaft nun ein Stück Papier, das ich bei mir trage. Wenn wir ein Einwanderungsland geworden sind, und das sind wir, dann müssen wir darauf reagieren. Doch wie? Ich muss die Menschen, die in einem Einwanderungsland leben, irgendwie als Staatsform zusammenfassen. Womit sollen sich diese Menschen identifizieren? Mit Religion? Das geht, aber wir haben hier verschiedene Religionen, so dass es immer zu Konflikten kommen wird. Über das Blut, die Abstammung, geht es auch nicht. Das einzige was übrig bleibt, ist das Land. Und das ist Deutschland. Also identifiziere ich mich über das Land als Deutscher. Ich bin beispielsweise sehr stolz auf unser Grundgesetz. Das ist mein Deutschsein.

Citizen Times: Sie sind also Deutscher, weil Sie sich mit den hiesigen Gesetzen und Wertevorstellungen identifizieren?

Boro: Mit der Wertvorstellung und mit der Vergangenheit dieses Landes. In meinem Buch schreibe ich, dass ich nur Deutscher sein oder werden kann, wenn ich bereit bin, die Vergangenheit, die Last der Vergangenheit zu schultern. Ich kann nicht sagen, dass die deutschstämmigen Deutschen diese Last tragen und ich als Hinzugekommener habe damit nichts zu tun. Dass geht nicht, dass ist selbstverständlich auch meine Verantwortung, dass dies lebendig bleibt und hoffentlich für immer der Vergangenheit angehört.

Citizen Times: Warum sprechen Sie immer explizit von Deutschland und nicht von Europa?

Boro: Wenn wir die Probleme in Deutschland gelöst haben, dann schreibe ich noch ein Buch und beschäftige mich mit Europa. Eben haben wir gesagt: Ich schaue mir zuerst meine Familie an. Dort ist alles in Ordnung, also gehe ich einen Schritt weiter. Mein Haus, dann meine Straße, mein Freundeskreis usw. Irgendwann komme ich dann zu Deutschland. Ist da alles in Ordnung? Natürlich nicht. Also beschäftige ich mich damit. Wenn wir in Deutschland irgendwann mal all diese Probleme gelöst haben und Europa dann diese Probleme hat und ich dann noch leben, werde ich mich selbstverständlich auch für Europa einsetzen.

Citizen Times: Kann man also nur anderen helfen, wenn man selbst stark ist?

Boro: Ja und nein. Meine Tochter kam einmal als 17-jährige nachts in eine bedrohliche Situation am Potsdamer Platz. Auf dem Bahnsteig waren ein Ehepaar, ein paar betrunkene Jugendliche, wahrscheinlich türkischer Herkunft, und ein Obdachloser. Die türkischen Jugendlichen haben meine Tochter angemacht und sie hat bei dem Ehepaar Hilfe gesucht. Das Ehepaar aber ist aus der Situation geflohen. Und wer hat ihr geholfen? Der Obdachlose. Er setzte sich zu ihr, verjagte die Jugendlichen und blieb bei ihr, bis ihre Bahn kam. Äußerlich war der Obdachlose sicher schwach. Aber innen muss er ein sehr starker Mensch gewesen sein. Wenn sie diese Stärke meinen, haben sie vollkommen recht.

Citizen Times: Was können wir denn von den Einwanderern konkret lernen?

Boro: Wenn ich im Buch von Türken spreche, dann meine ich das als Synonym für alle Hinzugekommenen. Was wir von denen lernen können, wird verschieden sein. Als ich meine (deutsche) Frau kennenlernte, war sie wahrscheinlich türkischer als ich, und ich deutscher als sie. Wir haben uns zusammengefunden und gewisse Abstriche gemacht. Wir haben versucht, von meiner Sozialisierung das zu übernehmen, was wir für richtig hielten und bei ihrer ebenso. Daraus entstand unsere Familie. Und so geht das überall. Man kann nicht sagen, die Deutschen lernen von den Migranten das und das. Die Menschen müssen das jeweils untereinander ausmachen. Wenn wir soweit sind, dass wir sagen, von anderen Kulturen können wir etwas lernen, dass wir keine Übermenschen sind die alles besser können, dann werden die Elemente der anderen eine Bereicherung für uns.

Citizen Times: In Ihrem Buch sprechen Sie immer von den Türken. Nun hat eine Studie des Bundesministeriums des Inneren Ende 2007 gezeigt, dass rund 85 Prozent der hier lebenden Türken sich als gläubig bis sehr gläubig bezeichnet. Kommen die Integrationsprobleme in Deutschland also eher vom türkischen Nationalismus oder von Islam?

Boro: Bevor wir von Integrationsunfähigkeit sprechen, sollten wir sagen, was Integration ist. In meinem Buch versuche ich den Begriff im Sinne des ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau zu definieren. Sollte diese Definition angenommen werden, indem z.B. mein Buch gut gelesen wird, dann können wir weiter sehen.

Um dann dieses Wir – von dem Johannes Rau spricht – zu suchen bzw. woran es scheitert, müssen wir wahrscheinlich den Nationalismus und die Religion betrachten. Der Nationalismus, der Nationalstolz wird den Türken ja schon mit der Muttermilch eingeimpft. Auch ich musste mich in der Grundschule jeden Montag hinstellen und rufen: Ich bin Türke und ich bin glücklich darüber und ich bin fleißig. Das kommt noch von Atatürk. Dieser Nationalismus hat natürlich mit dem, was hier in Deutschland bei uns passiert ist, wenig zu tun. Dazu muss man die Geschichte der Türkei kennen, um zu verstehen, warum Atatürk dieses Türkentum eingeführt hat. Bis dahin waren die dortigen Menschen die Osmanen. Atatürk hat also das Osmanische Reich abgeschafft und wollte das Türke-Sein installieren.

Auf der anderen Seite steht die Religion. Ich persönlich habe bisher nur einen einzigen Türken kennengelernt, der wirklich fundamentalistisch religiös war. Das war ein junger Student vor vielen Jahren. Ich schätze also die religiösen Gefühle bei den Türken nicht sehr hoch ein, auch wenn die Studie von Herrn Schäuble etwas anderes sagt. Auf dem Weg zur Integration sollte die Religion eigentlich kein Hindernis sein. Im Gegenteil sollte sie eher diejenigen unterstützen, die wirklich gläubig sind. Ich gehöre zwar keiner Religionsgemeinschaft an, aber es ist meine feste Überzeugung, dass jemand der wirklich glaubt, kein schlechter Mensch sein kann. Alle Religionen predigen, seid gut zueinander. Diese goldene Regel, tu anderen nicht an, was sie dir nicht tun sollen, ist im Großen und Ganzen in allen Weltreligionen enthalten. Daneben gibt es natürlich auch Menschen, die diese Identifikation mit der Religion suchen, radikalisiert werden und sich sogar in die Luft sprengen.

Citizen Times: Warum sind davon auch sehr gebildete Schichten betroffen?

Boro: Wenn sie sich die Protestbewegungen anschauen, dann sind das meist die gebildeten Schichten. Eine Revolution von unten, von den armen Schichten, wird sich nie in Kommunen treffen und nächtelang diskutieren. Deswegen ist vielleicht auch verständlich, warum z.B. die Todespiloten vom 11. September 2001 Studenten waren, die z.T. hier in Deutschland lebten. Was mir aber am meisten wehtut, ist, dass einige dieser Männer zwei, drei Jahre hier lebten und wir es als Gesellschaft nicht geschafft haben, sie davon zu überzeugen, dass der Weg den sie gehen wollten, falsch ist. Wir konnten ihnen mit unserem Handeln, wie wir zu ihnen waren, nicht zeigen, dass diese westliche Gesellschaft gar nicht so schlecht ist. Vielleicht waren sie aber auch schon soweit radikalisiert, dass man da nichts mehr machen konnte.

Citizen Times: In der politischen Debatte um die Integration wird immer wieder deutlich, dass wir in Deutschland aufgrund unserer Vergangenheit nicht genug Selbstvertrauen besitzen, um aus einer bürgerlichen Mitte heraus Kritik an denen üben zu können, die unsere Gesetze und Werte nicht annehmen wollen, ohne in die rechte Ecke abgedrängt zu werden.

Boro: Das ist einer der Gründe, aus denen ich bewusst als Hinzugekommener gewisse Themen klarer und offener ansprechen kann. Deswegen sage ich das ja stellvertretend für alle, die so denken. Aber wenn sie das als Deutschstämmiger äußern, dann wird das zumindest derzeit etwas kompliziert sein. Aber davon müssen wir natürlich weg. Das, was gesagt werden muss, muss natürlich auch gesagt werden können. Wir müssen uns klar werden, was unsere Werte sind. Dass wir diese Werte akzeptieren, dass wir auf sie stolz sind, ist das eine. Das andere aber ist, dass wir ein Interesse aneinander haben. Wenn kein gegenseitiges Interesse da ist, wie sollen wir dann ein Wir finden? Dieses Interesse fehlt aber auf beiden Seiten. Wenn ich beispielsweise nach über 40 Jahren in seriösen Zeitungen wie der FAZ oder der Süddeutschen gängige türkische Namen falsch geschrieben sehe oder in den Tagesthemen diese Namen falsch ausgesprochen höre, dann ist das für mich Interessenlosigkeit. Für viele wahrscheinlich sogar eine Respektlosigkeit. Das muss nicht sein und kann wirklich sehr schnell geändert werden.

Neulich war ein halbstarker türkischer Jugendlicher im Fernsehen zu sehen der sagte, selbstverständlich habe er Respekt vor seinen Eltern und vor den Türken. Aber er habe keinen Respekt vor den Deutschen. Irgendjemand muss doch diesen Jungen fragen, was machst du eigentlich hier? Wenn du das Land nicht magst, wenn du die Menschen, die hier leben, nicht magst, wenn du die Gesellschaftsordnung des Landes nicht magst, was machst du hier? Warum gehst du nicht lieber dahin, wo du dich wohler fühlst? Wenn du das alleine nicht kannst, können wir dir dabei gerne helfen. Aber wird dir endlich bewusst, wenn du hier bleiben willst, warum? Wenn nicht, dann bitte, mach dich auf den Weg!

Citizen Times: Sie wenden sich mit Ihrem Buch sowohl an die hier lebenden Türken, als auch an die deutschen Politiker. Von wem würden Sie sich denn besonders wünschen, dass er Ihr Buch liest?

Boro: Nun, es gibt viele gute Bücher zu diesem Thema, die kann man nicht alle lesen. Aber z.B. unser Innenminister, Herr Wolfgang Schäuble. Oder Frau Böhmer, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung. Die Arbeit, die sie macht, macht sie aus meiner Sicht falsch. Wenn ich z.B. die türkischen Verbände nehme, DITIB, die religiösen, und die Türkische Gemeinde (TGD) und schaue, was die machen. Führt das in eine Richtung, die hier her passt? DITIB wird weitere Moscheen bauen, missionieren, ihren Glauben ausbreiten. Wie es läuft, passt denen bestens. Ebenso die TGD. Das, was sie anstreben, hilft ihnen, ihre Ziele zu erreichen.

Und auf der anderen Seite? Welche Ziele haben wir eigentlich? Da ist nichts! Es kann sein, dass irgendwelche Leute da hinter ihren Schreibtischen sitzen und warten, dass das Problem sich irgendwann auflösen wird. Das die Türken alle zum Christentum konvertieren, dass sie kein Türkisch mehr sprechen, dass sie die deutschesten aller Deutschen werden. Aber wie groß ist diese Wahrscheinlichkeit? Null! Auch wir müssen irgendeine Strategie entwickeln, was wir eigentlich wollen. Wie sollen wir dieses Problem lösen? Das wäre die Aufgabe einer Integrationsbeauftragten.

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