Das Grundlagenwerk zur wirtschaftlichen Dimension des Islam

10. August 2007 0

Rezension zu Maxime Rodinson: Islam und Kapitalismus

Der Nahe und Mittlere Osten, eigentlich die ganze islamische Welt, liegt heute wirtschaftlich weit hinter Europa, den USA oder Ländern wie China und Indien zurück. Der von der UN herausgegebene Arab Human Development Report dokumentiert dies seit 1999, seit 2002 sogar jährlich: Miserable Bildung, schlechte wirtschaftliche Infrastruktur, kein freier Markt. Schon 1966 hat sich der Orientalist Maxime Rodinson ausführlich mit der Frage beschäftigt, ob der Islam als Religion die Schuld daran trägt. Denn in den islamischen Ländern hatte einst ein blühender Handelsmarkt existiert: „Die mohammedanische Welt hat nicht nur einen kapitalistischen Sektor gekannt, sondern dieser Sektor war wahrscheinlich auch der am weitesten ausgedehnte und der entwickeltste vor der Entstehung des Welthandels, wie ihn die westeuropäische Bourgeoisie schuf, und dieser übertrifft ihn nicht vor Beginn des 16. Jahrhunderts.“

Fragestellung & Antwort

Maxime Rodinson erarbeitet sich mit ausführlichem Stellenkommentar zu Koran und Sunna, Textzeugnissen und Fatwas (islamische Rechtsgutachten) die Verbote und Gebote Allahs. Grundsätzlich sind Privateigentum, Handel, Erben und Lohnarbeit erlaubt, untersagt hingegen der Handel mit unreinen Produkten wie Schweinen oder Alkohol, Versteigerungen und andere Geschäfte, bei denen das Verhältnis von Ware und Gewinn nicht definiert ist. Außerdem ist der riba, also Zins verboten, allerdings streiten sich die Rechtsgelehrten bis heute, welche Art von Zins gemeint ist. Dadurch hat sich eine umfangreiche Literatur zum Umgehen der koranischen Verbote herausgebildet, wie der Autor an zahlreichen Beispielen der islamischen Geschichte zeigt. Zugleich umgehen die meisten muslimischen Unternehmer die Abgabe der Almosensteuer, eigentlich auch von ihrem heiligen Buch vorgeschrieben.

Das vorislamische Mekka war geprägt durch starken Handel und zinstragende Darlehen, so wie auch der Prophet Mohammed Händler war. Durch die Islamisierung der arabischen Stämme erfolgte die Erschließung von bisher unzugänglichen Regionen, außerdem wurden alle Gesellschaftsschichten eingebunden und völlig neue Waren kursierten. Eine bis dahin unerreichte Ökonomisierung der Gesellschaft mit mehr Privateigentum trat ein, sogar umfangreicher als im Römischen Reich. Im Gegensatz zu China und Japan, die Maxime Rodinson aufgrund der ähnlichen soziokulturellen Bedingungen immer wieder zum Vergleich heranzieht, schaffte der Nahe und Mittlere Osten jedoch nicht den Sprung, vom Reichtum im Mittelalter zu einem funktionierenden modernen Kapitalismus. Aus der anfänglich sehr guten wirtschaftlichen Entwicklung der islamischen Gebiete schließt der Autor, dass nicht der Islam jenen Fortschritt verhinderte. Stattdessen seien soziale und politische Faktoren ausschlaggebend gewesen, nicht zuletzt der europäische Kolonialismus: „Die europäische Überlegenheit erzwang das Eindringen europäischen Kapitals, und dieses begann, den mohammedanischen Orient zu industrialisieren. Das einheimische Industriekapital entwickelte sich nur nach dem Vorbild es europäischen Kapitalismus, es ahmte nach und ließ sich in der Regel beherrschen.“ Maxime Rodinson übersieht dabei aber, dass der Kolonialismus nur entstehen konnte, als die islamischen Länder schon wirtschaftlich und militärisch unterlegen waren.

Der Autor und sein Ansatz

Schon der Titel Islam und Kapitalismus verrät den marxistischen Ansatz und die Anspielung auf Max Webers Theorie zur Wechselwirkung des europäischen Kapitalismus mit der protestantischen Arbeitsethik. Maxime Rodinson (1915-2004) ist der breiten Öffentlichkeit kaum ein Begriff, unter Islamwissenschaftlern hat er jedoch eine herausragende Stellung inne. Zwar Jude, war er dem jüdischen Glauben fern und wandte sich aktiv gegen die zionistischen Bestrebungen in Israel. Nach vielen Jahren in der Kommunistischen Partei kehrte er auch dieser den Rücken, um ihren Dogmen zu entgehen, allerdings ohne seine sozialistische Einstellung jemals aufzugeben. Als Marxist erschließt er sich die Gesellschaft über Wirtschaft und Klassenphänomene, Klassenkampf-Vokabular prägt seine Schreibweise. Immer schwingt ein marxistisches Gerechtigkeitsparadigma mit, er will Privilegien abschaffen und strebt den Sozialismus an. Gleichzeitig grenzt er sich immer wieder von sowjetischen Autoren und Islamwissenschaftlern ab. Stattdessen ermöglichen ihm seine Erfahrungen im libanesischen Exil und sehr gute Arabischkenntnisse ausführliche Quellenstudien, durch die er eine Art Introspektive der islamischen Literatur auch für sein Schreiben übernimmt.

Der zeitliche Kontext

Als das Buch 1966 auf Französisch erschien, war die Literatur zum Islam und Nahen und Mittleren Osten geprägt von kolonialer Sichtweise und Vorurteilen. Orientalismus von Edward Said musste noch geschrieben werden, als Maxime Rodinson mit dem Bild des „homo islamicus“ aufräumen wollte. Heute herrscht natürlich ein viel differenziertes Bild vom Islam und seinen regionalen Ausprägungen vor. Zum anderen ist heutzutage der marxistische bzw. sozialistische Ansatz längst überholt. Man darf nicht unterschätzen, dass zum Erscheinungszeitpunkt die UdSSR noch existierte, der Kalte Krieg war in vollem Gange und die islamische Revolution im Iran hatte noch nicht stattgefunden, ganz zu schweigen vom 11. September 2001. Heute setzen die Golfstaaten durch den ständig steigenden Erdölverbrauch Milliarden um und das schariakonforme Islamic Banking gilt als einer der Zukunftsmärkte. Diese Fakten konnte der Autor natürlich noch nicht berücksichtigen und es stellt sich die Frage, ob seine Argumentation heute etwas kritischer wäre.

Auch müsste ein Sachbuch zum diesem Thema derzeit wesentlich konzentrierter gefasst werden. So dreht sich das letzte Kapitel – immerhin 50 Seiten – fast nur um das marxistische Menschen- und Gesellschaftsbild und auch sonst schweift Maxime Rodinson gerne weit ab. An einigen Stellen macht dies auch Sinn, wenn er z.B. religiöse Thematiken, wie das alttestamentarische Verhältnis von Vernunft und Glaube thematisiert, oder den Koran als Wirtschaftsbuch und Allah als den perfekten Kaufmann, der mit den Menschen im Vertrag steht, interpretiert. Viele seiner Erkenntnisse sind auch höchst aktuell, so versuchen bestimmte Organisationen als Konkurrenz zu Dollar und Euro den islamischen Golddinar wieder einzuführen, da dies die einzige von Mohammed erlaubte Währung sei: „Gott hat die beiden Mineralien, das Gold und das Silber, geschaffen, damit sie als Wertmaßstab für jegliche Anhäufung von Reichtümern dienen.“ Mit dem e-Dinar gibt es bereits jetzt ein elektronisches Zahlsystem, dass sich auf diese Gold- und Silberdeckung stützt.

In der Nachfolge von Maxime Rodinson stehen vor allem Autoren wie Gilles Kepel und Oliver Roy. Mit ihrer soziologischen Sichtweise erklären sie islamische Phänomene sehr ähnlich, allerdings ohne das sozialistische Dogma ihres Vorgängers. Auch Dan Diner arbeitet mit diesem Ansatz, wenn er z.B. das Ausbleiben technischer Innovationen in der islamischen Welt am Geldüberfluss durch das Erdöl und der späten Einführung des Buchdruckes festmacht.

Schließlich zeigt Islam und Kapitalismus deutlich die Schwächen des marxistischen Ansatzes, Gesellschaftsphänomene über wirtschaftliche Faktoren und Klassenmodelle zu erklären: Während es laut Maxime Rodinson keine Korrelation von Islam und Wirtschaft gibt, hat der politische Islam und der extremistische Islamismus einen enormen Einfluss auf die Gesellschaft – ob nun im Nahen und Mittleren Osten, oder hier in Europa. Ein Faktor, den der Autor mit seiner Herangehensweise massiv unterschätzt hat.

Maxime Rodinson, Bassam Tibi: Islam und Kapitalismus, Suhrkamp, 1966 franz. Original, 1971 dt., akt. 1986, 10 Euro.

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