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14. Juni 2007 1

Rezension zu Wilhelm Weischedel: Die philosophische Hintertreppe. Vierunddreißig große Philosophen in Alltag und Denken

Ein Kanon dient dem Erinnern dessen, was wir für wertvoll und sinnvoll erachten, auch unabhängig vom Zeitgeist seiner Entstehungsumgebung. Ein Kanon soll jenes enthalten, was uns trotz – oder gerade wegen – seines vielleicht schon hohen Alters fasziniert, bereichert und nicht zuletzt belehrt. Ein Kanon ist immer Kulturgeschichte jener, die ihn verfassen und zugleich jenseits von Zeit und Personen. Vor allem aber dient ein Kanon dem Verstehen unserer Kultur. Oder wie der Literaturkritiker Fritz J. Raddatz es einmal ausdrückte: „Gibt es in unserem Begreifen von Geschichte eine Tradition, die nicht nur versunkenes Gedankengut bewahrt in Vitrinen, Museen und Bibliotheken? Gibt es im Verhalten der Menschen zueinander Hergebrachtes, das sie – wenn schon nicht als verbindlich, dann doch – als gemeinsame Orientierung begreifen? Gibt es in der Fühlweise der Zeitgenossen einen – nein: nicht Codex, aber – Besinnungseffekt auf das bisher von der Menschheit Geleistete? Wirkt das alles weiter, ins Heute hinein?“

Kritisches Hinterfragen

Wilhelm Weischedels Die philosophische Hintertreppe verfolgt genau dieses Ansinnen. In hoch konzentrierter und zugleich zugänglicher Form nimmt er den Leser mit zu den großen Denkern unserer Kultur. Allerdings nicht den mühseligen Weg über die Vordertreppe und all jene schwerverständlichen Werke der Philosophie. Stattdessen schmuggelt er sich – der Titel ist Programm – über die Hintertreppe direkt in Schlaf- und Wohnzimmer Voltaires, Schlegels und Wittgensteins. Wilhelm Weischedels Ansinnen: Herauszukristallisieren, was von den Denkern und ihren Gedanken bewahrt werden muss. Eine Prozedur, die maßgeblich für sein eigenes Philosophieren war und durch systematisches Destillieren eine haltbare denkerische Position herausbilden sollte. Nach dem Studium der Theologie und Philosophie promovierte Wilhelm Weischedel 1933 bei Heidegger, nahm aber während des Dritten Reiches Abstand zur Position seines Lehrers. Nach dem Zweiten Weltkrieg lehrte der Autor dann an der Universität Tübingen und an der Freien Universität Berlin. Wilhelm Weischedels Denken ist eine eigene existenzphilosophische Position, die dem Skeptizismus verpflichtet ist. In kritischer Distanz zu den kirchlichen Institutionen versuchte er gegen die nihilistischen Positionen seiner Kollegen eine philosophische Theologie zu formulieren. In seinen Werken leistet Wilhelm Weischedel eine kritische Auseinandersetzung mit dem Gottesbegriff. Dabei reicht seine Perspektive von der Ablehnung theologischer Dogmatismen in „Abschied vom Christentum“ bis zur problemgeschichtlichen Erörterung in seinem Hauptwerk „Der Gott der Philosophen“. Allerdings ist ein Großteil von Wilhelm Weischedels Werken unveröffentlicht oder mittlerweile vergriffen, der unedierte Nachlass lagert in der Staatsbibliothek Berlin. Bekannt wurden lediglich das schon erwähnte Hauptwerk und Die philosophische Hintertreppe.

Der gescheiterte Gottesbeweis

Auch dieses Buch beschäftigt sich vor allem mit der philosophischen Suche nach Gott, also der Metaphysik. Andere Bereiche der Philosophie, wie z.B. das politische Denken bei Aristoteles oder Plato werden nahezu ausgeklammert. So könnte man das Buch auch mit dem ironischen Titel: „Der gescheiterte Gottesbeweis“ versehen. Doch Wilhelm Weischedel selbst erklärt dies so: „Wenn die Griechen von ihren Göttern sprechen, dann meinen sie damit vielmehr die hintergründige Tiefe der Wirklichkeit.“ Mit den Griechen beginnt auch „Die philosophische Hintertreppe“, denn als diese ihre Mythen bezweifeln und hinterfragen, fängt für den Autor das philosophische Denken an. Mit Thales im 6. Jahrhundert vor Christus beginnend, eilt er mit Sieben-Meilen-Stiefeln durch die Geschichte der Philosophie: Sokrates, Platon und Aristoteles, weiter zu Augustinus, Thomas von Aquin und Meister Eckhart. Dann ist er schon bei Descartes, Spinoza und Voltaire. Elf Seiten der Taschenbuchausgabe müssen für Kant reichen, der Leser trifft Schopenhauer, Marx und schließlich Heidegger, den Doktorvater des Autors.

Lebens- statt Lehrmeister

Insgesamt kommen 34 Philosophen auf den knapp 300 Seiten zur Sprache. Wilhelm Weischedel ordnet die Denker in ihren jeweiligen Zeitgeist ein, erwähnt biografisches, erzählt Anekdoten. So inszeniert der Autor das Leben der Philosophen als Kontaktmöglichkeit für den Leser, dieser kann die Denker quasi persönlich kennenlernen – eben direkt über die Hintertreppe. Dass Wilhelm Weischedel die Originalwerke der Denker nur auszugsweise konsultiert und stattdessen ihre zentralen Elemente herauskristallisiert, dient einerseits dem verhältnismäßig geringen Umfang des Werkes, andererseits dem Verständnis des Laienlesers. Mit einer klar verständlichen Sprache zeigt er vor allem die Wirkung der Werke auf das Leben jener, die sich damit beschäftigten. Wilhelm Weischedel hält es hier mit Meister Eckhart: Ein Lebensmeister sei noch immer besser, als 1000 Lehrmeister. Der Autor vermittelt eine Art Gefühl von Philosophie, seine Begeisterung ist förmlich lesbar. Er zeigt, dass Philosophie nicht nur für den (universitären) Elfenbeinturm gedacht ist, sondern jedem etwas bieten kann. Schließlich ginge es nicht um die Dinge, sondern um das Wesen der Dinge: „Die alte und bleibende Wahrheit ist, dass alles Wirkliche nicht nur ein vordergründiges Gesicht trägt, sondern hintergründig von einem Tieferen durchwaltet ist.“ Und weiter: „Aber wer es nicht riskiert, den Grund, auf dem er steht, zu verlieren, in der verwegenen Hoffnung, einen tieferen und sichereren Grund zu erlangen, der wird nie wissen, was das Philosophieren seit seinen ersten Anfängen bedeutet.“

Die Konkurrenz

Beurteilungen des Gedachten schwingen eher süffisant im Nebensatz mit oder klingen zwischen den Zeilen an. Ein Deutungskanon wird also nur indirekt mitgeliefert. Wilhelm Weischedel verzichtet ganz auf Fußnoten und eine Bibliografie. Dass dient der Verständlichkeit eines Einführungswerkes in die Philosophie, hat aber den Nachteil, zugleich schnelles Vergessen zu fördern. Als Nachschlagewerk taugt „Die philosophische Hintertreppe“ also wenig, wahrscheinlich soll sie das auch gar nicht. Im universitären Bereich wird das Buch strikt abgelehnt, dennoch hat Wilhelm Weischedels emotionaler Schreibstil Tausende, wenn nicht Hunderttausende fasziniert, das Taschenbuch liegt 2006 bereits in der 35. Auflage vor. 1966 erstmals erschienen und 1973 erweitert, war Die philosophische Hintertreppe das erste Werk seiner Art. Der Blick auf die nachfolgende Konkurrenz zeigt wenig Erfrischendes. Ein willkürlicher Griff in das Regal mit Einführungen in die Philosophie fördert Nachahmer der verschiedensten Klasse zu Tage. So versucht z.B. Jörg Zittlau durch Titelnachahmung auf das Erfolgsmodell aufzuspringen. Die philosophische Rolltreppe erklärt 40 Denker und philosophische Themen im Lexikonstil. Und so wie man eine Rolltreppe nicht selbst hinaufsteigen muss, erhält der Leser alles kurz vorgekaut, ohne eigene Denkarbeit leisten zu müssen. Die Faszination für die Philosophie an sich bleibt dabei auf der Strecke. Stephen Law hingegen baut sein Buch Warum die Kreter lügen, wenn sie die Wahrheit sagen auf philosophischen Fragestellungen auf und verknüpft die Themen sehr gut untereinander. Allerdings ist sein Schreibstil sehr belehrend und von oben herab, ein Gefühl, das Wilhelm Weischedel niemals bei seinen Lesern verursacht. Einen gut verständlichen Zugang liefert Robert Zimmer mit Das Philosophenportal, allerdings thematisiert er nur 16 Themen und Autoren. Umso umfassender ist dafür ein Projekt des Philosophischen Institutes der Universität Graz unter der Federführung von Anton Grabner-Haider. Die wichtigsten Philosophen portraitiert 55 europäische Denker und zuzüglich 15 der jüdischen Kultur. Das Werk weist eine hohe Aktualität auf (bis Jaques Derrida) und stellt die jeweiligen Werke der Philosophen gesondert hervor. Hier liegt wohl das Nachschlagewerk für den Laien vor, das Die philosophische Hintertreppe nicht leistet. Erwähnt werden muss natürlich auch Jostein Gaarders Sofies Welt. Hier funktioniert die Personalisierung der Philosophievermittlung genau wie bei Wilhelm Weischedel, nur das zusätzlich eine literarische Rahmenhandlung geliefert wird.

Ein gutes Beispiel fürs populäre Sachbuch

Mit Die Philosophische Hintertreppe ist es Wilhelm Weischedel gelungen, die Faszination für ein ansonsten schwer zugängliches Thema zu wecken. Sein Werk bleibt ein auf den philosophischen Laien ausgerichtetes Sachbuch und versteigt sich nicht in die Tiefen zu umfangreicher Fachbücher. Eine der kürzesten Geschichten der Philosophie von Franz Schupp umfasst drei Bände und über 1.600 Seiten. Es ist also eine wahre Meisterleistung, wie Wilhelm Weischedel verdichtet und betont, ohne der Philosophie ihre Wirkkraft auf das Denken des Lesers zu nehmen. Die philosophische Hintertreppe ist schon im Titel Programm für das populäre Sachbuch schlechthin. Denn dies ist schließlich die hohe Kunst des Sachbuches: Über die Hintertreppe den Leser in komplexe Sachverhalte einzuführen, gleichzeitig die Sprache der Fachrichtung zu sprechen und doch verständlich zu bleiben. Bleibt nur mit der Widmung des Autors selbst zu schließen: „Eines ist jedoch entscheidend: dass: wer sich auf den 34 Aufstiegen hat führen lassen, den Abstieg nicht vergesse. Soll dieser nicht ein gleichgültiges Hinuntergehen oder gar ein Hinunterfallen sein, dann muss in ihm erhalten bleiben, was im Aufstieg erfahren worden ist. Nur im bewahrenden Abstieg werden die Einsichten, die auf der Etage der Philosophen gewonnen wurden, auch für das Erdgeschoss des alltäglichen Lebens, ja vielleicht sogar für den Keller der Wirklichkeit fruchtbar.“

Wilhelm Weischedel: Die philosophische Hintertreppe. Vierunddreißig große Philosophen in Alltag und Denken, Deutscher Taschenbuch Verlag, 2006 (original: 1966/1973), ISBN-13: 9783423300209, 8,50 Euro.

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